Unendliche Geschichte

Im Internet unterhalten Historiker zahllose "discussion lists" / Deutsche Kollegen tun sich schwer

Annette Vorpahl, Sueddeutsche Zeitung, 6./7.5.95

Hat im Mittelalter einmal ein weiblicher Papst das Zepter gefuehrt? Eine Frau, die das Amt als Mann verkleidet wahrnahm? Der Fragesteller ist ratlos: "Kennst sonst jemand diese Story oder ist sie erfunden?" Die Anfrage kommt von der Universitaet in Manitoba, USA. Der Fragesteller ist Historiker; er schickt sein Begehren ueber das "Internet" auf unzaehlige Bildschirme. In den Windungen des weltweit groessten Computernetzes haben Historiker ein neues Feld der Kommunikation entdeckt: Sie tauschen sich weltweit ueber sogenannte "discussion lists" aus - ganz unbemerkt von den deutschen Kollegen.

"Von deutschen Historikern kommt kein Feedback, wenn Amerikaner anfragen", sagt Matthias Melcher vom Universitaetsrechenzentrum in Heidelberg. Als Betreuer des "World Wide Web" (WWW), einem multimedialen Informationssystem im Internet, verfolgt er die Dialoge im Fach Geschichte mit. Besonders angetan haben es ihm Debatten der rund 1300 Teilnehmer ueber das Mittelalter auf der sogenannten "Mediev-L"-Liste. Der Mathematiker, der sich in seiner Freizeit zum Hobby-Historiker wandelte, schuettelt den Kopf: "Was koennen wir bloss tun, damit die deutschen Historiker aufwachen?" An der Bedienung des Systems koenne es nicht liegen. Dies sei vergleichbar mit dem Autofahren. "Keine Kupplung mehr, alles Automatik."

Mit Begriffen aus dem Bibliothekswesen beschrieben, handelt es sich laut Melcher beim WWW um ein Fernleihe-System als Freihand-Lesesaal mit systematischer Aufstellung. Auf Tastendruck holt man sich aus einem Menue von Rubriken und Titeln die gewuenschten Informationen auf den Bildschirm, zum Beispiel einen Titel aus dem Buecherturm der Harvard-Bibliothek. In der weltweiten Hauptsammlung fuer Geschichte, den "History Resources" aus Kansas, sind neben Publikationsanzeigen und historischen Dokumenten die Beitraege der aktuellen wissenschaftlichen "Online"-Diskussionen gespeichert.

Wie einen "immerwaehrenden Historikertag" habe sich der Fachmann das vorzustellen: Ein Wissenschaftler schickt einen kurzen Beitrag oder eine Frage mit "elektronischer Post" an eine solche Liste und diese verteilt ihn ebenfalls per E-mail in die "Briefkaesten" der Teilnehmer in aller Welt. Jeder Empfaenger kann die Nachricht mit eigenen Kommentaren versehen. Neben der "Mediev-L"-Liste gibt es Verzeichnisse zur Geschichte der Philosophie und Wissenschaft, zum Islam, Frauen, menschlicher Kommunikation, Wirtschaft und Militaer, insgesamt ein paar hundert. Saemliche virtuellen Debattierclubs werden von Freiwilligen betrieben.

Alles, was der moderne Historiker braucht, um auf dem internationalen Forum praesent zu sein, sind eine E-mail-Adresse und ein Terminal, das ihn mit dem Rest der Welt verbindet. Gerade daran hapert's aber in vielen universitaeren Instituten. So haben die Heidelberger Historiker erst vor kurzem einen Antrag auf Vernetzung gestellt. Im rund drei Kilometer entfernten Universitaetsrechenzentrum dagegen tun sich dem Benutzer ungeahnte Dimensionen auf: ein Zwei-Megabit-Anschluss nach draussen, 100 Megabit oder 10 Millionen Zeichen pro Sekunde auf der Datenautobahn innerhalb der Stadt. Die Bibel mit rund fuenf Millionen Zeichen kann theoretisch zweimal pro Sekunde ueber das 80 Kilometer lange Glasfasernetz der Universitaet Heidelberg gejagt werden.

"Eine abenteuerliche Vorstellung", waere es fuer Professor Eike Wolgast, einer der Direktoren des Historischen Instituts in Heidelberg, sich an den "discussion lists" zu beteiligen. Fuer die "weniger Fleissigen und weniger Begabten" sei dies vielleicht eine Moeglichkeit, die weltweite Produktion von geschichtlichen Themen auszunutzen.

Eike Wolgast sieht in der Bereitschaft, sich im medialen "Spinnennetz" zu bewegen, auch eine Generationenfrage. Die "kommunikative Art von Wissenschaft", wie sie die Amerikaner betrieben, sei eher bei juengeren Wissenschaftlern zu beobachten. Viele seiner Kollegen lernten den Umgang mit dem Computer erst nach der Emeritierung, und das auch nur, weil dann keine Sekretaerin mehr da sei. Ausserdem muesse das Institut die Anschaffung der notwendigen Terminals bezahlen. "Und das geht von unserem Buecheretat ab." Das Argument der Zeitersparnis laesst er nicht gelten. "Wenn ich mich daran beteilige, bin ich auch moralisch genoetigt, zu antworten. Dabei geht viel Zeit verloren." Der Geisteswissenschaftler - ein Kommunikationsmuffel? "Ich bin Einzelgaenger und Individualist beim Arbeiten", gibt Wolgast zu.

Die allgemeine Zurueckhaltung der Historiker auf dem Kontinent war schon selbst Thema einer "discussion list": "How international is Mediev-L?", zerbrachen sich die Wissenschaftler - vorwiegend Amerikaner - den Kopf. Die Statements reichten von Verstaendnis: "Ich weiss, dass E-mail in Frankreich existiert, aber viele Kollegen haben keinen Zugang dazu. Was kann getan werden, um sie zu ermutigen, sich zu beteiligen? Es waere ein grosser Gewinn fuer uns", bis hin zu Zweifeln, ob es an der englischen Sprache liege. Anyway, ob Mode im Mittelalter, die Schlacht an der Unstrut, Barbarossas aeltester Sohn oder weibliche Paepste: Die Botschaften amerikanischer Historiker werden wohl noch laengere Zeit unbeantwortet im Aether verhallen.