Die Kultinstrumente  
     
     
  Ausschnitte aus der Ausstellung der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften
"Sprache, Schrift, Bild - Wege zu unserem kulturellen Gedächtnis"


in den Staatlichen Museen zu Berlin im Sommer 2007
 
     
     
     
  Leseproben  
   
     
 

Religiöse Rituale und Kulthandlungen erhalten ihre Stabilität durch ihre materiellen Grundlagen: zum einen durch sakrale Orte und deren Einrichtungen, wie Altäre oder Tempel mit Kultbildern, zum anderen durch Instrumente, wie Opfergeräte und -gefäße, mit denen sie vollzogen werden.
Kultinstrumente sind grundsätzlich alle Gefäße und Geräte, die im Kult verwendet wurden: Wasserbecken, Schüsseln und spezielle Wassertransportgefäße zur kul-tischen Reinigung, Messer und Beile zur Tötung der Opfertiere und Spieße zum anschließenden Braten des Fleisches, Weinkannen und Phialen zum Ausgießen von Trankopfern, Gefäße für Räucheropfer, aber auch Körbe, die zum Transport von Opfergeräten benutzt wurden, ferner Kult-

 

stäbe wie der Lituus der römischen Auguren, der Vorläufer des Bischofsstabes, und der efeubekrönte Thyrsos der Dionysos-An-hänger. Sie geben den sakralen Handlungen ihre Würde, die sie aus dem profanen Leben heraushebt. Meist sind es Geräte oder Gefäße zum konkreten Gebrauch, die im religiösen Kontext z. T. den Charakter symbolischer Zeichen erhalten, oder es werden aus alltäglichen Geräten spezielle Formen für den Kult entwickelt. Dabei lassen sich oft Traditionen zwischen verschiedenen Kulturen erkennen, die einerseits eine Kontinuität über Jahrtausende bezeugen, andererseits in den verschiedenen Gesellschaften unterschiedli-che Bedeutungen erhalten.

 
     
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  1. Der Krummstab: Hirten, Priester, Herrscher und Bischöfe  
     
     
 

Spanischer Schäfer mit Hirtenstab (Foto: Uli Franke). In vielen Kulturen dienten Stäbe mit einer Krüm-mung am oberen Ende den Hirten zum Festhalten von Herden-tieren an Hörnern oder Beinen; so werden sie auch heute noch ver-wendet. In Ägypten und im Vorderen Orient wurden daraus reicher verzierte Typen entwickelt, in Ägypten das Hekat-Szepter, ein Herrschaftszeichen, und das Was-Szepter, das zusätzlich einen aus-geprägten religiösen Aspekt besitzt. Im Vorderen Orient hatten Krummstäbe eine primär kultische Funktion: Ein einfach gekrümmter Stab (gamlum) wurde bei Beschwörungen benutzt und ist wohl auch in der Hand von Göttern und Herrschern so zu verstehen. Ein stärker eingerollter Stab (kalmus) weist bei hethitischen Herrschern ebenfalls auf kultische Funktionen hin. Aus dem Osten haben die Etrusker wohl die meis-

 

ten ihrer zahlreichen Krummstab-Typen übernommen. Sie scheinen primär Herr-schaftszeichen gewesen zu sein; daß dabei wie im Orient priesterliche Funktionen in-begriffen waren, läßt sich vermuten. Eine Spitze am oberen Ende könnte als Visierhilfe beim Einteilen des Himmelsraumes oder der Erde gedient haben. Zu diesem Zwecke verwendeten in Rom die Auguren (alt-römisches Priesterkollegium) einen in der Form sehr ähnlichen Stab, den Lituus: er diente bei der Weissagung aus dem Vogelflug der Abgrenzung der einzelnen Himmels-regionen.Etruskischer Krummstab. Ehemals Antikensammlung, Berlin. Kriegsverlust (?)


Etruskischer Krummstab
Ehemals Antikensammlung, Berlin
Kriegsverlust (?)



 
  Stäbe  
  Zeichnung: K. Petrovszky  
     
     
     
 

Obwohl der Lituus als Zeichen der Auguren galt, schrieb man seine Einführung den ersten mythischen Königen Roms, Romulus und Numa Pompilius, zu. Indirekt zu einem Herrschaftszeichen wird der Augurstab auf einer Münze des Feldherrn Sulla: Er zeigt, daß Sulla das imperium die Befehlsgewalt über das Heer besaß und daher die Prüfung der Vorzeichen (auspicia) beim Beginn eines Feldzuges selbst vornehmen durfte. Kaiser Augustus weist dagegen auf Münzen mit den Emblemen der vier höchsten Priester-schaften auf seine Mitgliedschaft in diesen Kollegien hin, die ihn zur obersten Instanz auch im religiösen Bereich machte. Darin folgten ihm spätere Kaiser: Der Priesterstab der Auguren blieb mit den Emblemen der Herrschaft verbunden. So übernahmen ihn die Christen. Zusammen mit Mitra und Ring bildet er in der katholischen Kirche die Amtsinsignien der Bischöfe und Äbte, verbindet also eine Führungs- mit einer priesterlichen Funktion und wird im über-tragenen Sinn wieder zu einem Hirtenstab.



 

Denar des Pomponius Molo. König Numa mit Lituus und Schale an einem Altar, ca. 97 v.Chr.Denar des Pomponius Molo. König Numa mit Lituus und Schale an einem Altar opfernd, ca. 97 v.Chr. (Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin, Objektnr. 18201509, Foto R. Saczewski,Bearbeitung K. Dahmen).

Denar des Sulla. Lituus und Kanne zwischen zwei Siegesmalen, 84/3 v.Chr. Denar des Sulla. Lituus und Kanne zwischen zwei Sieges-malen, 84/3 v.Chr. (Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin, Objektnr. 18206086, Foto R. Saczewski, Bearbeitung K. Dahmen).

Embleme der vier höchsten Priesterschaften auf der Rückseite einer Münze des Augustus, darunter auch der Augurstab.Denar des Augustus. Die Em-bleme der vier Priesterkolle-gien: Schöpfkelle, Lituus, Dreifuß, Schale, 13 v.Chr. (Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin, Objektnr. 18206090, Foto
R. Saczewski, Bearbeitung K. Dahmen).

Zum interaktiven Katalog des Berliner Münzkabinetts kommen Sie hier.


 
 


Mainzer Bischofsstab von 1763, Silber vergoldet; angefertigt von Johannes Reichert (Domschatzkammer im Historischen Museum der Pfalz zu Speyer: http://museum.speyer.de/de/histmus/. Foto E. Lissel).

 
     
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  2. Der Thyrsos, Kultstab der Dionysos-Verehrer  
     
 
 

Anders als der Krummstab läßt sich der Thyrsos von keinem real verwendbaren Gerät herleiten, und sein Gebrauch blieb durch die gesamte Antike hindurch auf den Kult des Dionysos/Bacchus beschränkt. Seine klassi-sche Form, ein Stab des Riesenfenchels (griechisch narthex, lateinisch ferula) mit einer Bekrönung aus kleinen Efeuzweigen, war an die kultischen Bedürfnisse ideal angepaßt: Sowohl Narthex wie Efeu sind fast überall zu finden, der Stengel ist stabil, aber auch leicht und relativ weich. Der Stab konnte also beim Lauf durch die Berge mitgetragen und in ekstatischen Tänzen geschwungen werden ohne die Trägerinnen allzusehr zu ermüden. Dagegen eignet er sich nicht als "Schlag-stock" in der Hand trunkener Anhänger: Mit ihm konnte man niemand ernsthafte Verletzungen zufügen. Der Narthex-Efeu-Thyrsos wurde in der Bildkunst sehr verschieden dargestellt: Manchmal sind seine Bestandteile sehr deutlich (1), manchmal kaum (2) zu erkennen, und in einigen Fällen sieht er sogar wie ein Pinienzapfen aus (3). Dennoch ist immer dasselbe gemeint, was besonders deutlich wird, wenn echte Pinienzapfen und pinienzapfen-ähnliche Thyrsosknäufe neben-einander zu sehen sind.

 

Mänade mit Thyrsos-Stab(1) Attisch rot-figurige Vase, um 490 v.Chr.












Satyr mit pinienzapfenförmigem Stab(2) Westgriechische Vase, 1. Drittel 4. Jh. v.Chr.







Mänade mit Thyrsos-Stab(3) West-griechi-sches Relief aus Tarent, Kalkstein, 4. Jh. v.Chr.

 
 
  Silberbecher aus Hildesheim
Pinienzapfen und Thyrsos nebeneinander, Silberbecher aus Hildesheim, Berlin, Staatl. Mus. Antikensammlung. Nach H. Holzer, Der Hildesheimer antike Silberfund (Hildesheim 1870) Taf. VIII.
 
     
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  In Arbeit : Kapitel in den Abschlussbänden des ThesCRA

 
 

3. Vom privaten zum öffentlichen Bereich
d. Staatliche Einrichtungen (incl. Armee) (T. Hölscher und J. Scheid, römischer Teil und Koordination des gesamten Abschnitts)
f. Politik und Diplomatie (T. Hölscher und J. Scheid, römischer Teil und Koordination des gesamten Abschnitts)

4. Feste und Spiele
Griechischer Teil: Perception and representation of festivals in art (I. Krauskopf)

5. Polaritäten des religiösen Lebens
a. Männlich / Weiblich: etruskischer Teil (I. Krauskopf)

 
     
     
 
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