"EIN AUGEN- UND OHRENFLUG ZUM LETZTEN HIMMEL" –
DIE DEUTSCHE ROCKSZENE UM 1969

Ein Essay von Marco Neumaier

 

Die Stunde Null. Drängende, kaum swingende Spielweise. Metallische, in mystische Tiefe hinabreichende Sounds. Eine eigenartige Synthese aus progressivem Rock, elektronischer E-Musik und Jazz.

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So beschreibt Hermann Haring das Repertoire einer neuen Generation von deutschen Rockgruppen, deren musikalische Kreativität in den Jahren 1968 bis 1970 aus dem Untergrund emporstieg. Katalysator für diese Entwicklung waren sicherlich die IEST 68 (Internationalen Essener Song Tage 1968), die vom 25. bis 29. September 1968 stattfanden. Dort bekamen Interpreten der einheimischen Rockszene die Gelegenheit, erstmals einem breiten Publikum gegenüberzutreten. Rolf-Ulrich Kaiser, der Hauptveranstalter und spätere Gründer des Labels "Ohr", verweist in dem Song-Magazin IEST 68 auf das Ziel der Song-Tage. Es solle ein "Musikhappening, das bewußtseinserweiternd und bewußtseinserweitert, psychedelisch, andere Erlebnisweisen erschließt und somit eher emotional das Erworbene und Gewohnte in Frage stellt" geboten werden. Diese Charakterisierung versinnbildlicht den ganz speziellen Sound und Anspruch der deutschen Avantgarde.

Tatsächlich musste sich Eigenständigkeit und Innovation in der populären Musik erst entwickeln. Zunächst war es der kulturelle Einfluss aus Amerika, der die Nachkriegszeit in Deutschland wesentlich geprägt hatte. Die Jugend begann, das Lebensgefühl ihrer Altersgenossen jenseits des Atlantiks selbst zu erfahren und dazu gehörte selbstverständlich der Rock 'n' Roll. Diese Situation wiederholte sich ab 1962 mit dem Siegeszug des britischen Beat in ähnlicher Weise. Peter Kraus und Ted Herold beziehungsweise die Rattles und Lords versuchten, die angloamerikanische Musik für ein deutsches Publikum aufzubereiten. Sie präsentierten geradlinige Interpretationen damaliger Standards, manchmal Eigenkompositionen im Stil der Vorbilder. Letztendlich blieb es bei einer Imitation, worauf nicht selten die Vermarktungspolitik der Plattenfirmen ohnehin baute.

Die Beatles zeigten 1967 mit Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band, wie die Zukunft der populären Musik aussehen konnte. Komplexe Aufnahmetechniken, exotische Instrumentierung und grenzenlose Kreativität ließen dieses Album wegweisend werden. Procol Harum kokettierten in "A Whiter Shade of Pale" mit klassischen Kantaten, Pink Floyd inszenierten ihre legendären Auftritte im Londoner Club UFO als eine Verbindung von experimentellem Sound und psychedelischen Diaprojektionen, Ian Anderson, der Kopf von Jethro Tull, brachte die Querflöte in die Rockmusik und der von Robert Moog entwickelte Synthesizer wurde immer häufiger verwendet. Es schien alles möglich und dementsprechend bildeten sich auch in Deutschland Bands, die dieser Philosophie folgten.

Eine deutsche Avantgarde war geboren. Musiker, die sich von den Konventionen der kommerziellen Produktion lösen und die bisherigen Strukturen des Rock erweitern beziehungsweise umgestalten wollten, fanden sich zusammen. Die britische Musikpresse schuf noch verächtlich den Begriff "Kraut Rock" ohne zu wissen, was letztendlich daraus werden würde. Der Neubeginn wurde nicht nur von einer künstlerischen, sondern im Zuge der politischen Orientierungssuche der Zeit auch gesellschaftskritischen Komponente getragen.

Beide Phänomene verkörperte besonders eindringlich Amon Düül. Die Formation erwuchs 1967 aus einer Münchner Kommune, zu deren Lebenserfahrung auch die Musik zählte. In ihrer Bewerbung für die Essener Song-Tage schrieben sie: "Wir sind elf Erwachsene und zwei Kinder und haben uns entschlossen, alles gemeinsam zu machen, auch die Musik!". Sie bauten voll und ganz auf Improvisation und sprengten damit die gängige Vorstellung von musikalischer Gesetzmäßigkeit. Hinzu kam, dass die meisten Mitglieder erst Anfänger auf ihren Instrumenten waren. Dennoch wurde ihnen ein Plattenvertrag angeboten.

Kurz vor den Song-Tagen hatte sich der professionellere Teil der Kommune um den Multiinstrumentalisten Chris Karrer und Gitarristen John Weinzierl abgespalten und Amon Düül II ins Leben gerufen. Während die Urformation hauptsächlich wegen politischer Unstimmigkeiten bereits 1971 zerbrach, wurden Amon Düül II nach der Veröffentlichung ihres ersten Albums Phallus Dei zum Sinnbild des progressiven deutschen Rock. Ihre Experimentierfreudigkeit entglitt nie in die Bedeutungslosigkeit, sondern fügte sich zu substanziellen Ergebnissen zusammen. Die Songtexte schweben thematisch zwischen Science Fiction, Religion und Drogenerfahrung, wodurch sie in Einklang mit der Musik, die einen dunklen, orientalischen und psychedelischen Charakter ausstrahlt, standen.

Schon allein wegen der unterschiedlichen musikalischen Prägungen ihrer Kernbesetzung zählt CAN zu den interessantesten Gruppen des avantgardistischen Rock. Holger Czukay (Bass und Klangtechnik) und Irmin Schmidt (Orgel) absolvierten beide ein Hochschulstudium in klassischer Musik und waren Schüler von Karlheinz Stockhausen, Michael Karoli (Gitarre) kam vom Blues und Beat, Jaki Liebezeit (Schlagzeug) vom Free Jazz. Der Amerikaner Malcolm Mooney wurde 1968 zum ersten Sänger, ohne jegliche Erfahrung in anderen Bands. 1969 entstand mit dem Album Monster Movie das erste Dokument einer Mischung aus verschiedenen Einflüssen, die sich jedoch zu einem sinnvollen Ganzen entwickelten. Passagen elektronischer Verfremdung wechselten mit elektrischem Blues und komplexen Rhythmusstrukturen, roh und ursprünglich. Die Gruppe legte auch Wert darauf, den kompletten Produktionsablauf selbst in die Hand zu nehmen. In der Folgezeit wurden sie zur einflussreichsten Erscheinung der deutschen Musikszene.

Bei Guru Guru stand der Überraschungseffekt im Vordergrund. Die Musik der Formation um den Schlagzeuger Mani Neumeier, im August 1968 gegründet, lebte von ihrer Unvorhersagbarkeit, die vor allem bei den Konzerten voll zum Ausdruck kam. Der Kontakt zum Publikum war Guru Guru sehr wichtig und Material für Alben musste immer erst den Live-Test bestehen. Ihre Musik in den frühen Jahren ist schwer zu beschreiben, denn sie bewegt sich losgelöst von jeglichen Strukturvorgaben und ist getragen von Gitarrenfeedbacks und treibendem Rhythmus: deutscher Spacerock.

Agitation Free – bereits im Sommer 1967 gegründet – griffen das musikalisch-visuelle Konzept von Pink Floyd auf, schufen durch ihre Fähigkeit zur Improvisation jedoch einen eigenen Sound. Sie spielten ab 1968 in dem angesagten Berliner Underground-Club Zodiac. Ein Höhepunkt ihrer frühen Jahre war sicherlich der Auftritt bei dem multimedialen Festival Intermedia an der Berliner Waldschule im Winter 1969, das trotz des gleichen Namens nichts mit der Heidelberger Veranstaltung gemein hatte. Dort wurde ihre Musik durch ein Arsenal an optischen Effekten ergänzt und die Gesamtwirkung dadurch verstärkt. Sie existierten für lange Zeit nur als Live-Band, das erste Album mit dem Titel Malesch erschien 1972.

Die Verbindung von Jazz und Rock, wie sie Miles Davies ab 1969 realisierte, fand auch bei deutschen Musikern Anklang und Gruppen wie Embryo, Xhol Caravan und Missus Beastly widmeten sich dieser Stilfusion. Ein besonderes Merkmal waren nicht nur die vom Jazz kommenden Improvisationen, die ja auch bei der Avantgarde vorherrschten, sondern vor allem dessen typische Instrumentierung wie Saxophon oder Vibraphon. Bei Embryo kamen später noch ethnische Einflüsse dazu. Die Musiker, die Jazzrock in Deutschland etablierten, bildeten eine eingeschworene Gemeinde und zwischen den Bands herrschte ein reger Besetzungsaustausch.

Die deutsche Sprache in den Rock zu bringen, war das Anliegen von Ihre Kinder, die Jonas Porst und Sonny Hennig Ende 1968 gründeten. "Wir können von der Umwelt kein Verständnis für uns und unsere Probleme erwarten, wenn wir sie in einer fremden Sprache anreden", kommentierte Porst. Im Unterschied zum deutschsprachigen Rock 'n' Roll und Beat sowie dem Schlager, setzten sich Ihre Kinder das Ziel, gesellschaftskritische Texte mit progressiver Musik zu verbinden, was in dieser Form etwas Neues darstellte. Das Bewusstsein der politischen Unruhe in ihrem Land äußerten Gruppen wie Checkpoint Charlie und Floh de Cologne. Sie entsprangen der studentischen Protestbewegung und folglich präsentierten sie aggressiven Rock mit agitatorischen Texten in Deutsch, wobei die Musik oft nur Vehikel für die Aussage blieb.

Der Synthesizer wurde am Ende des Jahrzehnts zum festen Instrument in der deutschen Musikszene. Tangerine Dream, die anfänglich psychedelischen Rock spielten, und Popol Vuh entdeckten die klangtechnische Vielfalt, die mit Hilfe der Elektronik erzeugt werden konnte. Die ersten Experimente in diese Richtung wiesen noch eine Verwandtschaft zum Rock auf, aber im weiteren Prozess entfernten sich die Gruppen immer mehr in ihre sphärischen Konstrukte. Edgar Froese, der Gründer von Tangerine Dream, prägte schließlich den Genrebegriff "Kosmische Musik", ein deutsches Phänomen.

Die deutsche Rockszene um 1969 besticht durch ihre Vielfältigkeit und ihren Mut zur Innovation. Tatsächlich sammelte sich ein kreatives Potential, das im Verlauf der siebziger Jahre noch ansteigen sollte. Rock aus Deutschland konnte ohne weiteres der übermächtigen britischen und amerikanischen Konkurrenz das Wasser reichen. Selbst nach 35 Jahren gibt es noch Bands wie The Electric Family oder Zeitloop, die an die Pionierleistungen der ersten Stunde anknüpfen.

Auswahldiskographie

Hörbeispiele sind gekennzeichnet mit (MP3 und RealAudio)

1968      
VIETNAM Floh de Cologne Pläne S 33101 (LP)
Pläne 88779 (CD)
     
1969      
PSYCHEDELIC UNDERGROUND Amon Düül Metronome MLP 15.322 (LP)
Repertoire REP 4616 (CD)
  PHALLUS DEI MP3
[Quelle: http://cheap-cds.com/surf/home]
Amon Düül II Liberty LBS 83279 (LP)
Repertoire REP 4274 WY (CD)
  MONSTER MOVIE MP3
[Quelle: http://cheap-cds.com/surf/home]
CAN Music Factory SRS 001 (LP)
Spoon 9057 (CD)
...IHRE KINDER MP3
[Quelle: http://www.ihrekinder.com
/ik/Besetzung-1-1969.htm
]
Ihre Kinder Philips 844 393 PY (LP)
Ohrwaschl CD OW041 (CD)
  ELECTRIP Xhol Caravan Hansa 80099 IU (LP)
Garden of Delights CD 045 (CD)
     
1970
     
  YETI Amon Düül II Liberty LBS 83359/60 (2 LP)
Repertoire REP 4275 WY (CD)
  GRÜSS GOTT MIT HELLEM KLANG! Checkpoint Charlie CPM LP-S003 (LP)
  OPAL RealAudio
[Quelle: http://www.indigo.de/
unser_programm/titel/3064/
]
Embryo Ohr OMM 56003 (LP)
Materiali Sonori CD 30642 (CD)
  UFO Guru Guru Ohr OMM 56005 (LP)
Spalax SPA 14296 (CD)
  MISSUS BEASTLY Missus Beastly CPM LP-S 002 (LP)
  AFFENSTUNDE Popol Vuh Liberty LBS 83460 (LP)
Spalax SPA 14205 (CD)
  ELECTRONIC MEDITATION MP3 [Quelle: http://cheap-cds.com/surf/home] Tangerine Dream Ohr OMM 56004 (LP)
Castle EMS 345 (CD)

 

Literatur

  • Ehnert, Günter/Detlef Kinsler: Rock in Deutschland. Lexikon deutscher Rockgruppen und Interpreten. Elektr. Ausg. Norderstedt: Taurus, 1998.
  • Haring, Hermann: Rock aus Deutschland/West. Von den Rattles bis Nena: Zwei Jahrzehnte Heimatklang. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1984 (rororo; 7697).
  • Kemper, Peter: Gefühl + Härte. Zur Geschichte der deutschen Rockmusik. Ausstellungskatalog. München: Goethe-Institut, o. J.
  • Kneisel, Christian: Wo das Kraut wächst. Rock in der Bundesrepublik, in: Rock in den 70ern. Jazzrock, Hardrock, Folkrock und New Wave, hrsg. von Tibor Kneif. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1980 (rororo; 7385), 197–245.
  • Siepen, Elmar: Untersuchungen zur Geschichte der Rockmusik in Deutschland: Die Gruppe "CAN". Frankfurt am Main u. a.: Lang, 1994.

Links

Bands:

Labels mit Wiederveröffentlichungen:

 

[© Mai 2004 Marco Neumaier]

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