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"Kurpfalz" nur mehr ein inoffizieller Name ist, lebt das Grundwort "Pfalz"
unter anderem in den amtlichen Namen eines deutschen Landes (Rheinland-Pfalz),
je eines rheinland-pfälzischen und bayerischen Regierungsbezirks (Rheinhessen-Pfalz,
Oberpfalz) und eines rheinland-pfälzischen Kommunalverbandes (Bezirksverband
Pfalz) fort. All diese Räume unterstanden zu größeren oder kleineren
Teilen einst den Kurfürsten von der Pfalz.
Das Wort "Pfalz" geht letztlich auf das lateinische Palatium
zurück, den Namen eines der Hügel des alten Rom. Er wurde zunächst auf
die dort befindliche Residenz der Kaiser übertragen, dann auch auf andere
Herrschaftszentren des Imperium Romanum und seiner Nachfolgereiche.
Im Frankenreich des 6. Jahrhunderts begegnet erstmals ein "Pfalzgraf"
(comes palatii), dem die Verwaltung des königlichen Hofes oblag.
Unter den karolingischen Herrschern stieg der Pfalzgraf am Hof zur höchsten
Instanz für weltliche Angelegenheiten auf und erhielt insbesondere den
Vorsitz im Pfalzgericht. Im 9. Jahrhundert treten einerseits mehrere
Pfalzgrafen gleichzeitig, anderseits besondere Pfalzgrafen in bestimmten
Reichsteilen auf. Das ostfränkisch-deutsche Reich des 10. Jahrhunderts
besaß je einen Pfalzgrafen (jetzt gewöhnlich als comes palatinus
tituliert) bei jedem der großen "Stämme". Die sächsische und die bayerische
Pfalzgrafschaft gingen nach 1179 in der Landgrafschaft Thüringen bzw.
nach 1208 im Herzogtum Bayern auf, die schwäbische wurde nach 1268 zum
leeren Titel; nur die fränkische oder (wie die Wissenschaft lieber sagt)
lothringische entwickelte sich von einem königlichen Amt zu einem bedeutenden
Fürstentum und Territorium.
Seit
dem späteren 10. Jahrhundert erscheinen als Inhaber des wohl primär
mit der Pfalz Aachen zusammenhängenden Amtes Mitglieder der Familie
der Ezzonen, so benannt nach Ezzo (Erenfrid), der eine Schwester Ottos
III. heiratete und 1034 starb. Zu ihren amtlichen Funktionen gehörten
anscheinend die Aufsicht über ausgedehnte Wälder und der Schutz der
Straßen im Raum Aachen - Bonn - Köln; außerdem verfügten sie über zahlreiche
Grafschaften, Kirchenvogteien und Güter vor allem um den Niederrhein.
1045-1085 hatten Seitenverwandte Ezzos, die Hezeliniden, die Pfalzgrafschaft
inne; sie verloren jedoch einen Großteil der niederrheinischen Positionen
und verlegten ihr Herrschaftszentrum an die untere Mosel. Mittelrhein-
und Moselgebiet blieben auch die Basis der folgenden lothringischen
Pfalzgrafen, die verschiedenen Familien entstammten, sich zeitweise
gegenseitig den Rang streitig machten und für die erstmals 1131 der
Titel comes palatinus de Reno belegt ist.
In
den Raum der späteren Kurpfalz wanderte die rheinische Pfalzgrafschaft
unter dem Staufer Konrad (1156-95), einem jüngeren Halbbruder des Kaisers
Friedrich I. Dieser Konrad verband Reste der alten Pfalzgrafschaft mit
Teilen des Erbes der Salier, mit der Vogtei über die Reichsabtei Lorsch
und mit Lehen von den Bistümern Worms und Speyer. Hauptstützpunkte Konrads
waren Bacharach (mit Burg Stahleck), Alzey und wohl auch schon Heidelberg.
Nach
einem welfischen Zwischenspiel belehnte 1214 König Friedrich II. den
bayerischen Herzog Ludwig I. mit der rheinischen Pfalzgrafschaft, die
hinfort bei dessen Familie, den Wittelsbachern, verblieb. Über ein Jahrhundert
stand die "Pfalz" (der lateinische Landesname Palatia taucht
1233 auf) in enger Verbindung mit Bayern (seit dessen Teilung 1255 mit
Oberbayern), bis nach langem Familienstreit 1329 (Vertrag von Pavia)
eine Trennung erfolgte, bei der Kaiser Ludwig der Bayer den Erben seines
älteren Bruders Rudolf I. die Pfalz am Rhein zusammen mit einigen bayerischen
Gebieten nördlich der Donau (Keimzellen der "Oberpfalz") überließ.
Im
13. Jahrhundert war das pfalzgräfliche Territorium unter anderem um
ehemalige Lorscher Besitzungen sowie Lindenfels und Kaub (bedeutende
Zollstätte) vergrößert worden; nach 1329 fügten die Pfalzgrafen umfangreiche
Reichspfandschaften (Neckargemünd, Eberbach, Mosbach, Sinsheim, Germersheim,
Annweiler, Kaiserslautern, Oppenheim), die Schutzherrschaft über das
Kloster Maulbronn und weitere Erwerbungen (Bretten, Simmern, halb Ladenburg)
hinzu. Die Goldene Bulle Kaiser Karls IV. sicherte den pfälzischen Wittelsbachern
die Würden eines Erztruchsessen, Kurfürsten und Reichsvikars. Heidelberg
wurde feste Residenz der Kurfürsten und erhielt 1386 eine Universität,
die älteste auf dem Boden des heutigen Deutschland. Kurfürst Ruprecht
III. wurde 1400 zum römischen König erhoben, war aber in der Reichspolitik
wenig erfolgreich. Nach seinem Tode (1410) wurden die pfälzischen Lande
unter seine vier überlebenden Söhne geteilt, doch behielt der älteste
mit der Kurwürde ein relativ starkes Territorium. Die Brüder begründeten
drei Nebenlinien, deren zweite (Pfalz-Simmern-Zweibrücken - fast nur
linksrheinisch) sich 1459 abermals spaltete und in der Neuzeit weit
verzweigte, während die erste (Pfalz-Neumarkt - nur oberpfälzisch) schon
1448 von der dritten (Pfalz-Mosbach) und diese 1499 von der Kurlinie
beerbt wurde.
Die
Territorialherrschaft der Kurfürsten wuchs im 15. Jahrhundert um weitere
Reichspfänder (Landvogteien in Elsaß und - halb - Ortenau) und andere
Erwerbungen, so am Nordrand des Odenwaldes (Otzberg, halb Umstadt),
an der Bergstraße (Amt Starkenburg), um Alzey, an der Nahe und auf dem
Hunsrück (Teile der Grafschaft Sponheim), in den Vogesen (Grafschaft
Lützelstein) und um den mittleren Neckar (Grafschaft Löwenstein, Herrschaft
Weinsberg). Die Regierung Friedrichs I. (des Siegreichen, 1449/51-76)
markiert den Gipfel der kurpfälzischen Macht. Im Landshuter Erbfolgekrieg
von 1504/05 aber unterlag die Kurpfalz den alten Gegnern Friedrichs,
wurde durch Habsburg und Württemberg vom südlichen Oberrhein und mittleren
Neckar verdrängt und erlitt kleinere Verluste an Kurmainz, Baden, Hessen
und Pfalz-Zweibrücken.
Letzter
Kurfürst aus der alten Kurlinie war Ottheinreich (1556-59), der in der
Kurpfalz die lutherische Reformation einführte. Nach seinem Tode fiel
die Kurpfalz an die Linie Simmern, unter der das Bekenntnis des Landes
noch im 16. Jahrhundert dreimal zwischen Luthertum und Calvinismus wechselte.
Die Kurfürsten beanspruchten eine Führerrolle im deutschen Protestantismus,
doch trug die Politik Friedrichs IV. und Friedrichs V., der 1619 die
böhmische Königskrone annahm, zum Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges
bei, in dem die Kurpfalz zeitweilig unterging und die pfälzische Kurwürde
dem wittelsbachischen Herzog von Bayern verliehen wurde. Im Westfälischen
Frieden von 1648 erhielt Friedrichs V. Sohn Karl Ludwig die Kurpfalz
mit einer neuen - achten - Kur, aber ohne Oberpfalz und Starkenburg
zurück. Er vereinigte das Fürstentum Simmern, das über 1559 hinaus (mit
Unterbrechungen und in wechselndem Zuschnitt) fortbestanden hatte, definitiv
mit der Kurpfalz. Die Kriege Ludwigs XIV. brachten abermals schweres
Unglück über das Land, das 1685 an das Haus Pfalz-Neuburg (einen Zweig
von Pfalz-Zweibrücken) überging.
Die
katholischen Neuburger, die neben bayerischen Gebieten die niederrheinischen
Herzogtümer Jülich und Berg beherrschten, betrieben in der Kurpfalz
eine späte Gegenreformation. Regierte Kurfürst Johann Wilhelm (1690-1716)
vorzugsweise von Düsseldorf aus, so machte sein Bruder und Nachfolger
Karl Philipp 1720 Mannheim zur Residenz. Ihm folgte 1742 als nächster
Agnat Karl Theodor von Pfalz-Sulzbach, der 1777 auch Kurbayern erbte
und deswegen nach München übersiedelte.
Als
Karl Theodor 1799 starb, vereinigte Max Joseph, zuvor Herzog von Pfalz-Zweibrücken-Birkenfeld,
alle wittelsbachischen Länder wieder in einer Hand - die westlich des
Rheins gelegenen waren allerdings inzwischen vom revolutionären Frankreich
besetzt und wurden diesem im Frieden von Lunéville förmlich abgetreten.
Der Reichsdeputationshauptschluß von 1803 besiegelte auch das Ende der
rechtsrheinischen Rest-Kurpfalz, die unter die zum Kurfürstentum erhobene
Markgrafschaft Baden, die Landgrafschaft Hessen-Darmstadt und die Fürstentümer
Leiningen und Nassau-Weilburg verteilt wurde. Der Anteil Leiningens
kam bei dessen Auflösung 1806 ebenfalls an Baden.
Das
Territorium der eigentlichen Kurpfalz hatte sich seit 1685 weniger durch
echten Zuwachs (Teile von Pfalz-Veldenz 1694/1733) oder Verlust als
durch Tauschgeschäfte und die Auflösung von Kondominaten (Verträge mit
Kurmainz, mit den Hochstiften Worms und Speyer, mit Baden, Nassau, Württemberg
u. a.) verändert. Im Jahre 1789 erstreckte sich die kurpfälzische Landeshoheit
über ein Gebiet, das - einschließlich der Orte mit fremden Ortsherren
- etwa 5000 qkm groß, aber immer noch stark zersplittert war. Das Land
gliederte sich in die drei Hauptstädte Mannheim, Heidelberg und Frankenthal
und die 19 Oberämter Alzey, Bacharach, Boxberg, Bretten, Germersheim,
Heidelberg, Kaiserslautern, Kreuznach, Ladenburg, Lauterecken, Lindenfels,
Mosbach, Neustadt (an der Weinstraße), Oppenheim, Otzberg, Simmern,
Stromberg, Umstadt (Kondominat mit Hessen-Darmstadt) und Veldenz.
Heute
findet man dieses Territorium in drei Ländern - Baden-Württemberg, Hessen
und Rheinland-Pfalz - oder acht Stadt- und 24 Landkreisen wieder. Die
Städte Heidelberg, Kaiserslautern und Mannheim bestehen zu 100 % aus
ehemals kurpfälzischem Gebiet, die Stadt Ludwigshafen zu 88 %. Anteile
über 70 % haben die Kreise Frankenthal (Stadt) und Rhein-Neckar-Kreis,
über 60 % Alzey-Worms, Neustadt (Stadt), um 50 % Kaiserslautern (Land),
Mainz-Bingen, über 40 % Bad Dürkheim, Bad Kreuznach, Ludwigshafen (Land),
Worms (Stadt), über 30 % Germersheim, Neckar-Odenwald-Kreis, Rhein-Hunsrück-Kreis,
Südliche Weinstraße, über 20 % Donnersbergkreis, Kusel, Landau (Stadt),
über 10 % Bergstraße, Darmstadt-Dieburg, über 5 % Heilbronn (Land),
Karlsruhe (Land), Main-Tauber-Kreis und Südwestpfalz. Unter 5 % bleiben
die Kreise Bernkastel-Wittlich, Groß-Gerau, Odenwaldkreis, Rheingau-Taunus-Kreis
und Rhein-Lahn-Kreis. |