Eine Lebensgeschichte voller Wunder

Über Woodstock und Kant zum Alten Testament:
Der Theologieprofessor Manfred Oeming

„Daß ich, Manfred Oeming, Professor für Altes Testament, hier stehe, grenzt schon fast an ein Wunder.“ Natürlich, so räumt der neuordinierte Theologieprofessor an der Heidelberger Universität bei seiner Vorstellung im Kollegenkreis ein, sei es für einen Angehörigen der Theologenzunft nicht außergewöhnlich, Wundergeschichten zu erzählen. Doch Wunder hin oder her, spannend ist die Lebensgeschichte des heutigen Professors allemal.

In der ehemaligen DDR geboren, nutzt die Familie eine Silvesternacht zur Flucht, weil der Vater kurz zuvor „eine dumme Bemerkung gemacht hatte“. Mit zwei Kindern und einer Flasche Sekt kommt die Familie im Westsektor Berlin an. Manfred Oeming war damals gerade dreieinhalb Jahre alt. Von Berlin zieht die Familie ins katholische Saarland. „Die Evangelischen kommen“, mit diesen Worten wird die protestantische Familie in ihrer neuen Wahlheimat empfangen und das, obwohl die Familie überhaupt nicht sehr religiös ist. Das Schulfach „Religion“ interessierte den heutigen Theologen nicht. „Ich hatte massive Vorbehalte gegen den Pfarrer.“ Statt dessen läßt er sich vom Unterricht befreien und schließt sich der Hippiebewegung an.

Als 18jähriger verändert ein „Berufungserlebnis“ seine bisherige Einstellung radikal. Bei der kirchlichen Trauung seiner Schwester spricht ihn die Predigt so sehr an, daß Manfred Oeming nach 45 Minuten Gottesdienst die Kirche verläßt und beschließt, Pfarrer zu werden. „Religion hatte ich bisher immer nur als moralischen Appell verstanden. Hier wurde mir bewußt, daß Gottes Liebe kein ethischer Anspruch ist, sondern etwas, das den Menschen tragen will.“ Seine Eltern sind über die Entscheidung ihres Sohnes, Theologie studieren zu wollen, eher enttäuscht, sie hatten sich eine andere Karriere für ihn ausgemalt.

Auch daß er heute Professor für Altes Testament ist, bezeichnet Manfred Oeming als ein Wunder. Diese theologische Disziplin habe ihn lange überhaupt nicht interessiert. „Die Texte im Alten Testament sind so brutal. Ich beschäftigte mich lieber mit philosophischen Grundsatzfragen und Kant als mit dem Pentateuch, den fünf Büchern Moses.“ Das war so, bis der Theologiestudent seinen Lehrer und späteren Doktorvater, den Holländer Antonius Gunneweg trifft. „Der hat die Gabe, Exegese mit philosophischen Fragestellungen zu verknüpfen.“ Durch ihn kommt Manfred Oeming zu seinem Forschungsschwerpunkt, der biblischen Hermeneutik.


Berufungserlebnis mit
18 Jahren

Nach Studium und Promotion entscheidet sich der Theologe zunächst fürs Pfarramt in Bonn. Sein prominentestes Gemeindeglied: Bundespräsident Richard von Weizsäcker. Irgendwann habe er dann gemerkt, daß sich Pfarramt und wissenschaftliche Laufbahn nicht vereinbaren lassen. Manfred Oeming entscheidet sich für die Wissenschaft und erhält schließlich in Osnabrück eine Professur für Altes Testament und Antikes Judentum.

An die Universität Heidelberg zu kommen, ist für den Wissenschaftler, dessen Dissertationsschrift „Gesamtbiblische Theologien der Gegenwart. Das Verhältnis von AT und NT in der hermeneutischen Diskussion seit Gerhard von Rad“ bereits in zweiter Auflage erschienen ist, reizvoll. „Die Theologische Fakultät in Heidelberg kann auf eine lange Tradition mit bedeutenden Alttestamentlern zurückblicken. Ich bin stolz, mich in diese Genealogie einreihen zu können. Außerdem bietet die Fakultät zur Zeit in allen Disziplinen starke Vertreter.“

Für seine Zeit in Heidelberg hat Manfred Oeming sich viel vorgenommen. Zur Zeit schreibt der Alttestamentler an einer „Einführung in die biblische Hermeneutik“, die im Frühjahr 1998 erscheinen soll. Hierbei geht es um die Frage, wie Zeitgenossen die Bibel wahrnehmen. Darüber hinaus arbeitet der Professor an einer Geschichtsschreibung des Alten Testaments: Außerdem beschäftigt ihn die Psalmenforschung, und schließlich plant er einen Kommentar zum Buch Hiob.

Zu seinen Hobbys zählt Manfred Oeming Sport, vor allem Fußball, Tennis, Badminton und Squash. Zweimal hat ihn seine Lehrtätigkeit als Gastdozent nach Jerusalem gebracht. Außerdem macht er gern Städtereisen mit seiner Frau Christiane. Sein bevorzugtes Ziel: Paris. „Einmal im Jahr, das muß sein.“ Zur Zeit müssen jedoch alle Hobbys zugunsten des jüngsten „Wunders“ der Familie zurückstecken. Im Januar wurde Manfred Oemings dritte Tochter Deborah Sigrid Waltraud geboren. Und deshalb verbringt der stolze Vater jede freie Minute bei seiner Familie in Bonn.

Iris Völlnagel

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Updated: 09.09.97