Tomaten und Talare

„Die 97er“, „die 68er“ und die wilden Anfangsjahre des unispiegel

Heidelberg, Februar 1997. Der Tag ist kalt und trüb. Dafür köcheln in 3500 demonstrierenden Studis auf dem Bismarckplatz die Emotionen, denn der Minister will ans Portemonnaie, und als der Vorsitzende des Uni-Personalrats, Gerd Apfel, „den 97ern“ für weitere Aktionen einen langen Atem wünscht, glänzen die Augen manch älterer Semester so feurig wie schon lange nicht mehr: „Wir waren schon ’68 dabei.“ Eine Archivmappe bestätigt: der unispiegel auch, jedenfalls seit 1969.

Eine regelmäßig erscheinende Hochschulzeitung war 1969 keine Selbstverständlichkeit. Auch kontinuierlich arbeitende Pressestellen mit einem hauptamtlichen Leiter und ständigem Kontakt zu den Medien gab es damals nur in Ausnahmefällen, etwa an der Frankfurter Universität. Zu Beginn der 60er Jahre sahen die Universitäten weder intern die Notwendigkeit, planmäßig Informationen zu sammeln und zu koordinieren,


Katalysator '68

noch ließ das damalige Selbstbild der Universitäten eine grundsätzliche Öffnung nach außen zu. Doch die neue Unübersichtlichkeit der Massenuniversität zeichnete sich ab, und 1964 interessierte sich erstmals die Westdeutsche Rektorenkonferenz für den Stand der Medienarbeit an den Hochschulen.

Heidelberg, Sommer 1969. Tumult auf dem Bismarckplatz bei einer „Rote-Punkt-Aktion“ gegen die Gebührenerhöhung der Heidelberger Straßenbahn AG.

Die meisten Antworten klangen damals wie diese aus Heidelberg: „Keine besonderen Stellen vorhanden, Reg.Rat Hinz nimmt Pressearbeit neben vielen anderen Aufgaben wahr. Pressearbeit beschränkt sich auf Herausgabe von Personal- und Veranstaltungsmitteilungen.“ 1969 sah es in Heidelberg nicht anders aus, aber die Stimmung an den Hochschulen hatte inzwischen als Katalysator gewirkt. Eine Pressestelle sei ein „Werkzeug, durch das die Öffentlichkeit rasch, zuverlässig und gründlich über die Lebensvorgänge und Interessen der Universität unterrichtet werden sollte“, hieß es 1969 auf der Tagung „Universität und Öffentlichkeit“. Das Nebeneinander der Fakultäten und Institute erinnere zuweilen „an das Schottensystem eines Ozeandampfers“. Binnen-Kommunikation könne die Universität durchsichtiger machen, hieß es. In diesem Sinne schrieb Rektor Werner Conze im Aufmacher des ersten unispiegel, eine Hochschulzeitung solle berichten und die Vielfalt der Positionen zum Ausdruck bringen, und zwar „im Geiste des Offenseins in einer Reformära und mit dem Wunsch nach verstärkter Öffentlichkeit“.

Im Februar 1969 kam es immer wieder zu Demonstrationen wie hier in der Grabengasse. Zum ersten Mal in Heidelberg kamen dabei Wasserwerfer zum Einsatz.

’68 kam mit etwas Verzögerung nach Heidelberg. Zwar hatte es im „Heidelberger Winter“ 68/69 schon spektakuläre Aktionen des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) und des von ihm gestellten AStA gegeben, doch empfanden viele erst das Sommersemester 1969 als Höhepunkt. Damals wollte die Heidelberger Straßenbahn AG ihre Fahrpreise erhöhen. Der SDS forderte: Senkung der Fahrpreise auf den alten Stand, und vor allem: freie Fahrt zum Arbeitsplatz, denn „die Arbeiterschaft“ sollte auch etwas davon haben. Nach mehreren „Rote-Punkt-Aktionen“ und Schienenblockaden erhöhte die HSB ihre Fahrpreise nicht, aber der SDS wurde seines Erfolgs nicht recht froh: „Die kapitalistische Wirtschaft“ sei „nicht gestört“ worden, stellte der Rote Kommentar des SDS resigniert fest. – An der Uni wurde damals gestreikt. Es entstand eine neue Grundordnung für die Hochschulen, die jedoch nach Ansicht des AStA nur „den Interessen der Herrschenden an der Rationalisierung ihrer Herrschaft“ diente. „Den Kampf gegen die Grundordnung mit dem Angriff auf die bürgerliche Wissenschaft verbinden“, hieß die Paraole. Die Juristische Fakultät mußte im Juli für zwei Wochen ihre Vorlesungen einstellen, und das Schwarze Brett in der Neuen Uni wurde für die Informationsmengen zu klein.

In dieser Situation zog Werner Conze die Konsequenzen: Am 14.Oktober 1969 erschien der erste unispiegel, in DINA4- Format mit zwölf Seiten, und stellte die neue Grundordnung vor: Sie sei „keineswegs der akademischen Weisheit letzter Schluß“, doch immerhin werde den „bislang völlig unterrepräsentierten Gruppen an der Universität ein Quantum Mitbestimmung“ geboten. Der unispiegel sollte nach Auffassung seines Herausgebers kein „Amtsblatt“ sein, sondern neben der Masse an Flugblättern und studentischen Druckerzeugnissen jeglicher Couleur als zentrales „Organ“ der Universität jedem die Möglichkeit bieten, Informationen und Stellungnahmen zu publizieren. Der erste unispiegel-Redakteur Lutz Franke – damals Doktorand der Politologie bei Dolf Sternberger, heute Sendeleiter beim SDR – erinnert sich: „Das Unternehmen unispiegel wurde kurzfristig organisiert, fast improvisiert. Werner Conze und Dolf Sternberger wollten für die gesamte Universität ein Meinungsforum schaffen, und bis auf einige Gruppen haben damals alle dieses Angebot angenommen. Eigene Räumlichkeiten für die Redaktion oder eine Pressestelle im heutigen Sinne gab es nicht. Gearbeitet habe ich damals auf meiner Bude, da war es am sichersten.“

Zu den Gruppen, die den unispiegel nicht akzeptierten, gehörten SDS und AStA. Der Konflikt war vorprogrammiert. Es genügte für den SDS zu wissen, wer der Herausgeber des unispiegel war. Die Lage im Oktober 1969 verschärfte den Konflikt zusätzlich: Das Rektorat sperrte vorübergehend die AStA-Mittel für das Sommersemester, um „die Finanzierung der revolutionären Propaganda eines sozialistischen Kampfverbandes zu verhindern“, wie Conze das in seinem unispiegel-Artikel begründete. Als der Rektor in die Neue Uni zu einer öffentlichen Diskussionsrunde einlud, empfing ihn dort das ad-hoc-Komitee „Ehret Eier und Tomaten, wenn es Abend wird“ nicht mit Beifall. Lutz Franke heute: „Wenn ich damals zu den Sitzungen und Diskussionsrunden ging, hatte ich immer meinen Kleppermantel, also einen Regenmantel, dabei.“ In SDS-Kreisen galt die neue Hochschulzeitung jetzt erst recht als „Kampfblatt des Rektors“, das „auf dem Geldsack“ hocke und „die Klassenjustiz im Rücken“ habe.Lutz

Verbogenes Fenstergitter am Rektorat

Franke wollte die Meinungen des AStA/SDS nicht als repräsentativ für alle Studierenden akzeptieren und wurde im Gegenzug mit Nettigkeiten wie „Preßkuli“ und „Lügenbengel“ bedacht. In einem „Fazit in eigener Sache“ schrieb Franke im Februar 1970, eine Universitätszeitung solle vor allem informieren, „mitten zwischen den unvermeidlichen Fronten operieren“ und keine „pointierte Interessenpolitik“ betreiben. Der Rektor schaffe lediglich als Herausgeber „die institutionelle Plattform für einen publizistischen Sammelpunkt der Universitätsöffentlichkeit“. Zensur- oder Beeinflussungsversuche habe es nicht gegeben, „weder von Herausgeberseite noch von seiten der fachlichen, ständischen und politischen Gruppierungen“.

Während im Dezember bei der größten Demonstration, die Heidelberg bis dahin gesehen hatte, 2000 Teilnehmer gegen den Vietnam-Krieg demonstrierten, warf im unispiegel die im Februar 1970 anstehende Rektorwahl ihre Schatten voraus. Die neue Grundordnung hatte neue Mehrheitsverhältnisse entstehen lassen, und Rektor wurde nach sechsstündigen Wortgefechten nicht Werner Conze, der Kandidat der Professorenschaft, sondern der Theologe Rolf Rendtorff, dessen umstrittenes Rektorat indessen Stoff für mehr als einen eigenen Artikel hergäbe. Der unispiegel behielt sein redaktionelles Konzept bei, ein universitäres Meinungsforum zu sein und mehr zu informieren als zu bewerten: „Talare nur noch zuhause?“, fragte im April 1970 ein unispiegel-aktuell: Allen interessierten Mitgliedern des Heidelberger Lehrkörpers seien die maßgeschneiderten Talare und Barette sowie „lagernder Talarstoff“ für eine „angemessene Spende“ von fünfzig Mark an die Universitätsgesellschaft zur privaten Nutzung überlassen worden. Wie es heißt, antworteten damals 22 von vierhundert Angeschriebenen. 15 wün-schten den Talar, zwei lehnten ihn ausdrücklich ab: Er sei, ganz im Gegensatz zum Talar der Kieler Universität, ziemlich unbequem. Andere übten sich in Sarkasmus und schlugen vor, den Verkauf auch auf Amtsketten, Amtssiegel und Bilder früherer Rektoren auszudehnen.

Heidelberg, Februar 1997, und im Archiv riecht es muffig. „Wir waren schon ’68 dabei“. Meine Güte, die hatten es gut. Damals steckte der Muff unter den Talaren und anderswo, es gab die bürgerliche Wissenschaft, die repressive Gesellschaft und die kapitalistische Weltordnung, und es genügte ein bißchen Marx und Hegel, um alles zu durchschauen und herauszufordern. „Die 97er“, was soll das heißen? Schon das mediale Gerede um „die 89er“ diente „nicht der Selbstverständigung einer neuen Generation, sondern der Selbstvergewisserung einer alten“, wie jemand treffend bemerkt hat. Die Studis heute denken pragmatisch, wollen bestenfalls „mehr Demokratie“ und stabilisieren das System, nein, nicht das von Marx, das von Luhmann.

Christoph Becker


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Updated: 08.05.97