Heidelberger Preisträger kritisierten UG-Novelle

Klaus von Trotha: "Ein Stück aus dem Elfenbeinturm"

27 Trägerinnen und Träger hoher wissenschaftlicher Preise und Auszeichnungen für besondere Leistungen in Forschung und Lehre an der Universität Heidelberg, darunter der Philosoph Hans-Georg Gadamer, baten in diesem von dem Althistoriker Prof. Géza Alföldy verfassten offenen Brief die Abgeordneten des Landtags, dem neuen Hochschulgesetz in seiner geplanten Form nicht zuzustimmen. Wir zitieren aus dem im Juni veröffentlichten Brief auszugsweise.

"Statt ihre Autonomie zu stärken, unterstellt dieses Gesetz die Hochschulen dem obrigkeitlichen Zugriff in einer in der Bundesrepublik bisher unbekannten Weise. Die Universität soll von einem allmächtigen Hochschulrat geleitet werden, dessen Mitglieder fast zur Hälfte aus universitätsfremden Kreisen kommen und zu einem Teil direkt vom Ministerium bestimmt werden. Auch die Universitäten, die die Rektoratsverfassung beibehalten, sollen bei der Wahl ihres Rektors auf dem Minister genehme Kandidaten festgelegt werden.

Die Dekane der Fakultäten, die ihr Amt vier bis sechs Jahre lang hauptberuflich versehen sollen, müssen ihrerseits dem Rektor genehme Professoren sein. Die bewährten, demokratisch gewählten Spitzengremien, d. h. der Verwaltungsrat und der Große Senat, der auch dem akademischen Mittelbau, den Studenten und den nichtwissenschaftlichen Mitarbeitern Mitspracherecht sichert, werden abgeschafft. Dazu kommen weitere Neuerungen, u. a., dass Professoren erst nach einer Probezeit von fünf Jahren auf Lebenszeit ernannt werden. Wir befürchten, dass diese Maßnahmen an den Universitäten – im Gegensatz zur beabsichtigten Steigerung ihrer Leistungsfähigkeit – eine Struktur und eine Atmosphäre schaffen werden, die Spitzenleistungen in Forschung und Lehre nur abträglich sein können.

Keine demokratische Kontrolle des Hochschulrats

Als Folge des dominierenden Einflusses, den das Ministerium auf die Zusammensetzung des Hochschulrates direkt und auf die Auswahl des Rektors bzw. der Dekane indirekt haben soll, wird eine Steuerung von Forschung und Lehre entsprechend wechselnden politischen Konstellationen ermöglicht. Das kann der Kontinuität und der Qualität von Forschung und Lehre nur schaden. Dem Hochschulrat ist die volle Planungs- und Finanzhoheit zugedacht; er stellt somit für Forschung und Lehre die entscheidenden Weichen. In seiner vorgesehenen Struktur ist er jedoch keiner demokratischen Kontrolle unterworfen. Er kann beliebig auch gegen den Willen der für Forschung und Lehre unmittelbar zuständigen Fakultäten schalten und walten.
Die Hochschullehrer, die das Amt des Dekans für vier bis sechs Jahre mit einer großen zusätzlichen Belastung als hauptberufliche Tätigkeit übernehmen müssen, werden sich danach kaum noch in die lebendige Forschung eingliedern können. Selbstverständlich begrüßen wir sinnvolle Reformen ebenso wie die Hilfe kompetenten Sachverstandes aus Gesellschaft und Wirtschaft mit Nachdruck. Die demokratischen und – wie u. a. Auszeichnungen und Preise verdeutlichen – für Forschung und Lehre durchaus nicht ungünstigen Strukturen dürfen aber dabei nicht preisgegeben werden. Sehr enttäuscht sind wir über die mangelnde Bereitschaft des Ministeriums, seine Reformpläne mit den Universitäten ernsthaft zu diskutieren. Bestürzt sind wir auch darüber, dass die Kritik an diesen Plänen, die vom Rektor und anderen besonders sachkundigen Mitgliedern der Universität Heidelberg geäußert worden ist, von Herrn Minister von Trotha einfach als "unsachlich" und "unqualifiziert" abgetan wurde.

Bedenken Sie bitte, was auf dem Spiel steht: die Zukunft von Forschung und Lehre an unseren Hochschulen, damit die Zukunft unseres Landes. Wie auch viele andere Mitarbeiter unserer Universität einschließlich der Träger zahlreicher weiterer Auszeichnungen, hoffen wir durch unsere Arbeit den Beweis dafür erbracht zu haben, dass das Klischee von leistungsunfähigen Universitäten, die man an die Kandare nehmen muss, um sie zur Wahrnehmung ihrer Aufgaben zu zwingen, unsinnig ist. Vertrauen Sie bitte unseren Hochschulen; sie sind bestrebt, ihre – während der letzten Jahre stets gewachsenen – Aufgaben optimal zu erfüllen. Sorgen Sie bitte dafür, dass die unerlässlichen Bedingungen für ein derartiges Engagement nicht ohne Not zerstört werden."

Prof. Géza Alföldy


Zitate Minister Klaus von Trotha
"Alles andere als preiswürdig – eher ein Stück aus dem Elfenbeinturm"
(Kommentar Klaus von Trothas aus der MWK-Pressemitteilung Nr. 160/1999 zum oben abgedruckten Brief der Heidelberger Preisträger)

"Der Rektor (muss …) mehr Managementerfahrung besitzen als Umgang mit der Sekretärin." Dekane (…) seien gegenwärtig mit Präsidenten eines örtlichen Lions-Clubs vergleichbar: Er tue eine zeitlang seinen Job und trete dann wieder zurück ins Glied. "Keine Spur von Management".
(Klaus von Trotha, zitiert nach "Südkurier" Konstanz, 16. Juni 1999)

"Bis auf den Rektor der Universität Heidelberg steht die gesamte Hochschulrektorenkonferenz hinter dem Konzept."
(Ministerpräsident Teufel, zitiert nach "Spektrum der Wissenschaft", Juli 1999)
Photo: Rothe
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Updated: 11.11.99