Feinde und Feindbilder

Internationaler Studentenkongress

Die Frage nach der Wirklichkeit stellt sich im täglichen Leben nicht oft, werden doch stabile Lebensverhältnisse im Allgemeinen nicht hinterfragt.
Studierende der Geschichte

Gelegentlich treffen aber zwei "Wirklichkeiten" aufeinander, die beide beanspruchen, real zu sein: in Konflikten, wenn beide Parteien ihrer Meinung nach richtig handeln. "Feind und Feindbild" lautete das Thema, dem sich nach einjähriger Vorbereitungszeit ein von der International Students of History Association ausgerichteter Kongress in Heidelberg widmete. 150 Studierende, vorwiegend aus dem europäischen Ausland, setzten sich fünf Tage lang mit dem Thema auseinander.

Jeder scheint zu wissen, was ein Feind ist: eine Person oder Personengruppe die in einen Konflikt verwickelt ist. Dieser Konflikt kann religiöse, weltanschauliche, nationale oder mentale Andersartigkeit als Ursachen haben. Ein Feindbild dagegen ist viel schwerer zu umreißen. Seit den 60er Jahren wird im Deutschen das Wort "Feindbild" benutzt. In der Bedeutung "Feindaufklärung" hatte es seinen Ursprung im militärischen Bereich. In der Friedens- und Konfliktforschung bekam das Wort die heutige Bedeutung: die selbst erschaffene Vorstellung vom feindlichen Gegenüber. Ein Feindbild ist das Bild, das sich eine Gruppe vom Anderen macht, ein verdichtetes Vorurteil.

Feindbilder: Verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit

Feindbilder finden sich in allen Bereichen der Geschichte. Betrachtet man die lange Feindschaft zwischen Katholiken und Protestanten, Christen und Juden, die Feindschaften, die durch das Aufkommen des Nationalismus entstanden (wie Beispielsweise im Vielvölkerstaat Österreich) oder die sogenannten Erbfeindschaften zwischen Deutschland und Frankreich, so lässt sich immer erkennen, wie die Wirklichkeit des Gegenübers verzerrt wahrgenommen wird, wie Propaganda und selektive Wahrnehmung den Realitätssinn beeinträchtigen.

Bei dem Kongress bildeten sich vier Arbeitsgruppen zu den Themen Gesellschaft, Nation, Religion und Ideologie. Im ersten Gebiet steht die Wechselwirkung zwischen Feindbild und Gesellschaft im Vordergrund. Ein Feindbild entsteht nicht unbedingt aus einer Gruppe heraus, es kann bereits vorher existieren und diese Gruppe erst zu einer Gemeinschaft zusammenschweißen. Umso stärker wendet sich der Zorn der Gruppe gegen Verräter aus dem eigenen Kreis – die Bestrafung von Kollaborateuren übertrifft oft die Maßnahmen gegen den eigentlichen Feind, was an historischen Beispielen wie den "Häretikern" in der Kirche, den Trotzkisten unter Stalin oder den Kollaborateuren im Nachkriegs-Frankreich, zu einer Theorie zusammengefasst werden könnte.

Gewalt unter nationalistischem und religiösem Vorzeichen

Zum Teil können können auch Nationalstaaten ohne Feindbilder auskommen, zum Beispiel, wenn sich ein Gründungsmythos positiv für bestimmte Werte einsetzt, etwa in Amerika "für Freiheit Recht und Verfassung". Andere Nationen benötigen ein Feindbild, was bedeutet, dass sich der identitätsstiftende Mythos gegen etwas oder jemanden wendet, wie es in der Frühzeit der deutschen Nationenbildung der Fall war, die sich in den "Befreiungskriegen" gegen die Nachbar-Nation Frankreich wandte. Als Auswuchs von Feindbildern kann das Wettrüsten des Kalten Kriegs gesehen werden, bei dem das Abwehrprinzip immer höheres Angriffspotential forderte, um der einen Bedrohung mit einer anderen zu begegnen. Die größten Gewaltauswüchse sind zumeist unter dem Prätext der Religion zu finden: Ketzerverfolgungen, Hexenverbrennungen, Kreuzzüge und Religionskriege und nicht zuletzt im Holocaust lassen sich Antriebe entdecken, auch wenn sich immer andere, tiefer liegende Gründe bemerkbar machen. Aspekte von Feindbildern sind so facettenreich wie eindrucksvoll, sind doch immer Hunderte von Einzelschicksalen damit verbunden.

Kongress 2000 in Zagreb

Fachvorträge hielten die Heidelberger Professoren Eike Wolgast, Jürgen Miethke und Volker Sellin vom Historischen Seminar. OSZE-Beobachterin Silvia Milsik sprach zum Thema "Balkan – Feindschaften und Geschichte". Obwohl Englisch die Kongress-sprache war, wechselte man in den Diskussionen der Arbeitsgruppe "Balkan" zeitweise zu Kroatisch, da dort alle Teilnehmer ohnehin mit diesem Sprachraum verbunden waren. Der grösste Erfolg des Kongresses besteht darin, dass Studenten von Helsinki bis Sibiu (Rumänien), von Madrid bis Minsk (Ukraine) zusammengekommen waren, um ein Thema zur Völkerverständigung zu behandeln, Kontakte zu schließen und sich gegenseitig auszutauschen. Für viele wird dies nicht die letzte Begegnung gewesen sein – die Vorbereitungen für den Kongress 2000 in Zagreb laufen bereits.

Gerald Schwedler

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Updated: 12.11.99