Warum Werner Conze den Unispiegel gründete

Am 14. Oktober 1969 erschien die erste Ausgabe

Am 14. Oktober 1969 gab der Historiker Werner Conze als damaliger Rektor der Universität Heidelberg den ersten Unispiegel heraus. Regelmäßig erscheinende Unizeitungen waren damals alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

Auch kontinuierlich arbeitende Pressestellen mit einem hauptamtlichen Leiter und ständigem Kontakt zu den Medien gab es damals nur in Ausnahmefällen. Noch zu Beginn der 60er Jahre hatten die Universitäten weder intern die Notwendigkeit gesehen, planmäßig Informationen zu sammeln und weiterzuleiten, noch hätte das damalige Selbstbild der Universitäten eine grundsätzliche Öffnung nach außen zugelassen. Doch die neue Unübersichtlichkeit der Massenuniversität zeichnete sich ab, und 1964 interessierte sich erstmals die Westdeutsche Rektorenkonferenz ernsthaft für den Stand der Medienarbeit an den Hochschulen. Die meisten Auskünfte klangen damals ebenso wenig überzeugend wie diese aus Heidelberg: "Keine besonderen Stellen vorhanden. Reg.Rat Hinz nimmt Pressearbeit neben vielen anderen Aufgaben wahr. Pressearbeit beschränkt sich auf Herausgabe von Personal- und Veranstaltungsmitteilungen." Noch fünf Jahre später sah es in Heidelberg nicht anders aus, doch die politisch aufgeladene Atmosphäre an den Hochschulen und die bis dahin beispiellose Verdrei-fachung der Immatrikulationszahlen auf 12000 innerhalb zweier Jahrzehnte wirkten 1969 plötzlich als Katalysator.

Informationsblatt und Diskussionsforum

Wenige Monate vor dem Erscheinen der ersten Ausgabe wurde an der Uni gestreikt, und bei den Heidelberger Studentenunruhen kam es wieder zu spektakulären Höhepunkten: Akteure des AStA und des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) brachen in die Alte Uni ein, entwendeten Akten und warfen eine der Flügeltüren in den Neckar. Der gerade neu gewählte Rektor Conze sperrte dem AStA im Gegenzug vorübergehend die Mittel und stand zudem vor dem Problem, das Image der neuen Universitäts-Grundordnung verbessern zu müssen. Ein Uni-Blatt zu Informationszwecken und als Diskussionsforum schien notwendiger denn je. Auf der Titelseite des ersten Unispiegels erläutere Werner Conze sein Konzept: Die neue Zeitung solle eine "modernisierte Deutung des alten Wahlspruchs unserer Universität: Semper apertus" sein. Sie solle berichten und die Vielfalt der Positionen zum Ausdruck bringen. Conzes publizistischer Berater in Sachen Unispiegel war der Politologe Dolf Sternberger. Der Politologiestudent Lutz Franke, damals als Mitarbeiter an einem Projekt Sternbergers über Wahlforschung beschäftigt, wurde der erste Redakteur. Ein eigenes Pressestellenbüro oder Redaktionsräume gab es noch nicht. Lutz Franke, heute in der Programmkoordination beim SWR tätig, arbeitete damals auf seiner Bude, "dort war es am sichersten. Bei den Gremiensitzungen und Diskussionsforen flogen oft Eier und Tomaten. Deswegen hatte ich immer meinen Kleppermantel dabei", erinnert sich der 60-jährige heute.

Dreißig Jahre Unispiegel
später mit, erst ohne Siegel.
Erfreuliches Presse-Echo

Nach den konfliktreichen Debatten um die Grundordnung und den Finanzstreitigkeiten des Rektors mit dem AStA zeigte sich schnell, dass die radikalen politischen Gruppen den Unispiegel als Diskussionsforum nicht akzeptierten. Im Februar 1970 schrieb Lutz Franke in einem vorläufigen "Fazit in eigener Sache": "Unvermutet blieben dem AStA dennoch seine Mittel erhalten, doch da war das Unispiegel-Image bei all denen schon längst perdu, die die Mitarbeit in der verstaubt-reaktionären Einrichtung wie der eines Rektorats von vornherein für höchst ehrenrührig halten. (SDS-Lob: Preßkuli, Lügenbengel.)" Der Rektor schaffe als Herausgeber die "institutionelle Plattform für einen publizistischen Sammelpunkt der Universitätsöffentlichkeit". Anscheinend ist dieses Anliegen von interessierten Lesern des Unispiegels akzeptiert und auch verteidigt worden. Als Rektor Hubert Niederländer nach dem Rücktritt des umstrittenen Rektors Rolf Rendtorff das Erscheinen des Unispiegels vorübergehend einstellte, gründeten Mittelbau-Mitglieder des "Schwabenheimer Kreises" im März 1973 sofort den "Unabhängigen Unispiegel", der dann mit der Begründung "die ursprüngliche Funktion des Unispiegels fortsetzen" zu wollen, während etlicher Jahre erschien.

Sonderausstellung

Mit den Rektoren, den Redakteuren und der Zeit wandelten sich auch Erscheinungsbild und Themen-spektrum des Unispiegels. Für Forschungsthemen steht seit 1993 das Magazin "Ruperto Carola" zur Verfügung, und das Klinikum der Universität gibt für seine Mitarbeiter seit einigen Jahren ein internes Mitteilungsblatt heraus. Die Ausgaben aus den wilden frühen Jahren des Unispiegels haben heute zum Teil hohen Dokumentations- und Unterhaltungswert, wie eine Ausstellung im Foyer der Alten Universität zeigen soll. Zur Eröffnung und zur Talk-Runde mit Campus TV am 6. November um 16 Uhr ist jeder herzlich eingeladen. bec n

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Updated: 12.11.99