"Wenn es Dir bei uns gefallen hat, trink aus!"

Heidelberger Sinologengruppe besuchte Unternehmen im ländlichen China

Eine Gruppe von zehn Studierenden der Sinologie unter Leitung von Prof. Susanne Weigelin-Schwiedrzik startete zu einer vierwöchigen Exkursion nach Shanghai, um dort die Situation der ländlichen Unternehmen (LU) zu erkunden.

Die Eindrücke, die dabei entstanden, unterschieden sich so grundlegend von der zuvor gelesenen Literatur, dass die Idee aufkam, die Ergebnisse in Form eines Buches zu veröffentlichen. Es ist im Februar dieses Jahres erschienen.

Die Reise nach Shanghai war das erste Exkursionsprojekt des Sinologischen Seminars in Zusammenarbeit mit der Shanghai International Studies University. Dass der chinesische Betreuer, Prof. Dou Hui, in der Kulturrevolution in den Shanghaier Kreis Qingpu verschickt worden war und daher gute Kontakte zur örtlichen Bürokratie hat, machte das Experiment erst möglich.

Produktion in einer chinesischen KosmetikfabrikDie Arbeitsweise der Deutschen war den Chinesen recht fremd. Besonders ungewöhnlich empfand man das Definitionsbedürfnis zentraler Begriffe. Sind die LU kollektive Unternehmen oder gehören die privaten Betriebe etwa auch dazu? Fallen neben den LU auf der Gemeindeebene auch die Betriebe auf der Dorf- und Kreisebene in diese Unternehmenskategorie? Unnötige Begriffsklauberei, meinten die Chinesen, Unternehmen auf dem Lande seien gemeint, das sei doch klar genug. Die Gruppe war jedoch erst zufrieden, als am Ende der Exkursion das gerade verabschiedete Gesetz über die ländlichen Unternehmen Klarheit schaffte. LU sind demnach kollektive und private, nichtstaatliche und nichtagrarische Unternehmen auf der Gemeinde- und Dorfebene.

Es handelt sich um einen für deutsche Beobachter ungewöhnlichen Unternehmenssektor. Klein und wendig sind die Betriebe im Vergleich zu den unflexiblen riesigen Staatsunternehmen. Stark verflochten mit der Gemeinderegierung, die bei den kollektiven Betrieben (Mit-)Eignerin ist und Einfluss auf die unternehmerischen Entscheidungen nimmt. Und ein wichtiger Arbeitgeber für die Bauern, denen sie eine bessere soziale Sicherung verschafft.

Viel gelernt haben alle Teilnehmer der Exkursion. Täglich wurden Unternehmen besichtigt, Interviews geführt, Vorträge angehört. Abends diskutierte die Gruppe oft bis Mitternacht. Die Gelegenheit, Teamarbeit zu üben, gab es reichlich. Die Studierenden des Hauptstudiums hatten dabei die Aufgabe, ihren Kommilitonen aus dem Grundstudium bei sprachlichen und daraus resultierenden inhaltlichen Schwierigkeiten zur Seite zu stehen. Die Gruppe wohnte zehn Tage lang in dem Gästehaus einer Entenfleischfabrik im Kreis Qingpu. Oft wurde sie von den besuchten Unternehmen zu Banketten geladen und erlebte dort die lokale Wirtschaftskultur. Angestoßen werden mußte mit jedem der anwesenden Funktionäre, und wehe, man wollte kneifen. Dann hieß es: "Wenn Du zufrieden bist mit dem Besuch bei uns, dann leere das Glas; trinkst Du nicht, dann wissen wir, dass es Dir bei uns nicht gefallen hat". Da war oft guter Rat teuer.

Die Teilnehmer der Exkursion aus dem Hauptstudium Sascha Klotzbücher, Johanna Maute, Michael Lüdke, Simone Griesmayer und Patricia Schetelig nutzten diese Möglichkeit einer ersten Publikation. Von der Hausarbeit zum veröffentlichungswürdigen Beitrag war es ein langer Weg. In einem regelmäßig stattfindenden Kolloquium wurden die einzelnen Beiträge diskutiert. Prof. Weigelin-Schwiedrzik und ihre Assistentin betreuten das Projekt. Zwei Jahre dauerte letztlich die Redaktionsphase des Buches, das den erfolgreichen Abschluss des Experiments dokumentiert und eine Lücke in der Literatur schließt.

Dagmar Hauff

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Updated: 12.11.99