Junggeselle mit Havanna und feuerfesten Händen

Seitenzweig der Wissenschaftsgeschichte: "Bunsenia" – Sonderausstellung im Uni-Museum

Der Chemiker Robert Wilhelm Bunsen war nicht nur ein bedeutender Gelehrter, sondern auch als Mensch und Lehrer sehr beliebt. Eine Ausstellung über seine Lebensstationen ist noch bis zum 4. November im Universitätsmuseum zu sehen (Di – Fr., 10 – 16 Uhr). Von Bunsens Popularität zeugen nicht zuletzt die zahlreich überlieferten "Bunseniana". Hier einige der humorigen Skizzen aus der Blütezeit des Bildungsbürgertums:
Robert Wilhelm Bunsen
Gastgeber wider Willen

Bunsen gab als Junggeselle keine Gesellschaften und wurde im Kreis der mit ihm befreundeten Familien häufig damit aufgezogen, dass er sich notgedrungen auf die eine oder andere Weise für die, obschon seinerseits meist verschmähten, Einladungen revanchieren müsse. Doch Bunsen reagierte nicht. Als er dann einmal abends nach Hause zurückkehrte – er pflegte im Hotel zu speisen und danach spazieren zu gehen – sah er schon von weitem, dass seine Dienstwohnung im eigens für ihn errichteten Laboratoriumsgebäude am heutigen Friedrich-Ebert-Platz hell erleuchtet war. Einen Brand befürchtend, stürmt er hinauf und findet in seinem Studierzimmer eine Menge befreundeter Herren im Gesellschaftsanzug vor, die ihn mit gut in Szene gesetzten Vorwürfen überladen, er habe die Einladung, die er an sie und ihre Familien hätte ergehen lassen, offenbar vergessen. Man habe aber, um ihn aus seiner unangenehmen Lage zu retten, rasch für das Nötigste gesorgt. Geschirr und Speisen seien vorhanden, die Damen befänden sich im angrenzenden Salon. Und zugleich wurde die Türe zum nächsten Zimmer geöffnet, aus welchem nun auch die Damen, reichgeschmückt, dem Gastgeber wider Willen entgegentraten. Bunsen erwiderte nur mit der kläglichen Miene, welche ihm bei solchen Gelegenheiten zu Gebot stand: "Bitte öffnen sie nicht die nächste Tür. Hinter derselben sind gewiss die Kinder." Bei Gelegenheit dieses Überfalls untersuchten die Gäste auch die übrigen Räume der Wohnung Bunsens. Sie fanden ein leeres Zimmer, in dem an den Wänden Dutzende von abgelegten Schuhen nebeneinander standen und im Schlafzimmer auf dem Nachttisch lagen viele Bände von Schauerromanen und Jahrgänge des neuen Pitaval, einer kriminologischen Zeitschrift.


Original-Bunsenbrenner

Der Original-Bunsenbrenner – ein sperriges Monstrum. "An dieser Stelle hat die Flamme 2000 Grad." Mit diesen Worten pflegte Bunsen seinen verhornten Zeigefinger in die Flamme dieses Geräts zu halten.

Photo: Becker

Die Hände

"Infolge seiner zölibatären Verwahrlosung bildeten sich bei Bunsen, der im übrigen seiner vornehmen Gesinnung entsprechend auch ein vornehmes Äußeres besaß, einige Eigenschaften aus, die man ihm in der guten Gesellschaft gerne abgewöhnt hätte. Da waren vor allem die feuerfesten Laboratoriumshände, die sich nur schwierig in Glacé zwingen ließen, und die er bei Mahlzeiten zwischen Damen sitzend mit einer liebenswürdigen Koketterie gerne unter dem Tisch versteckte, indem er geradezu darauf aufmerksam machte, dass er sie nicht zeigen könne. Im Laboratorium aber waren diese harten Hände sein Stolz, und er gefiel sich darin, seinen Zeigefinger in die nach ihm benannte, nicht leuchtende, aber desto heißere Flamme zu stecken und ihn einige Sekunden darin zu belassen, bis sich ein merklicher Geruch nach verbranntem Horn im Auditorium verbreitete, und dazu ruhig zu bemerken: "Sehen sie meine Herren! An dieser Stelle hat die Flamme 2000 Grad". Oder er ritzte beim praktischen Unterricht mit seinem Fingernagel die Skizze eines Apparates in den Mörtel der Laboratoriumswand, daß es den Schülern nervös um die Magengrube wurde.

Ein Schreckensszenario

Neben der Zusage, dass ihm in Heidelberg für über 76500 Gulden ein neues, großzügig ausgestattetes Labor errichtet werden würde, bewilligte die Universität dem berühmten Chemiker ein damals außergewöhnliches Jahresgehalt von 2700 Gulden zuzüglich 400 Gulden Mietentschädigung bis zur Fertigstellung der Dienstwohnung sowie ein jährliches "Aversum" von 750 Gulden. Als Labor und Dienstwohnung 1855 fertig waren und Bunsen gefragt wurde, ob er nicht heiraten wolle, sagte er: "Ach nein. Wenn man dann nach Hause kommt, sitzt auf jeder Treppenstufe ein ungewaschenes Kind." – Die Steintreppe zu Bunsens neuer Wohnung hatte 25 Stufen. (Nach: A. Mayer: Bunseniana, Heidelberg 1904)

Der Fehlgriff

Auch als Bunsen durch seine Untersuchungen zur Spektralanalyse sehr beansprucht war, besuchte er täglich zweimal jeden Praktikanten im Labor und half mit Rat und Tat. Dabei legte Bunsen, der den ganzen Tag rauchte, seine Havanna auf den Arbeitstischen ab, und die Studenten taten das Gleiche. Zerstreut wie er war, zündete sich Bunsen regelmäßig die falsche Zigarre an, wenn er zum nächsten Tisch ging. Die Studenten feixten und sagten nichts. Doch einmal zog Bunsen ein entsetztes Gesicht und verließ den Platz des Laboranten mit den Worten: "Das kann aber unmöglich meine Zigarre sein."

(Nach: Heidelberger Akademische Mitteilungen, 1900, Nr. 7)

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Updated: 12.11.99