Trojanische Trauer

"Die Anstifter" inszenierten Sartre

Zuerst herrschte Dunkelheit im Romanischen Keller. Dann fünf Minuten lang Krachen und Donner.
Im grellen Licht der aufzuckenden Blitze ließ sich ein Haufen hilfesuchender, ausgemergelter, bleicher Weiber erkennen. Angst und Schrecken standen ihnen ins Gesicht geschrieben. In diesem Moment wurde Troja, ihre stolze Heimatstadt, durch die List der Griechen eingenommen und zerstört. Was folgte, war ein von der studentischen Theatergruppe "Die Anstifter" dramatisch inszeniertes Fluchen und Klagen derer, die das grausame Gemetzel in ihrer Stadt überlebt hatten: Frauen. "Witwen der Trojaner, Jungfrauen von Troja. Verlobte der Toten, schaut zum letztenmal diese rauchenden, geschwärzten Steine an. Und laßt uns jammern ob unseres Geschicks", rief Hekuba, die Königin von Troja, voll Inbrunst.

Aktuelles Thema "Krieg"

"Wie kommt frau dazu, eine solche Tragödie aufzuführen? "Die Perspektive der Frauen, die über den trojanischen Krieg erzählen und versuchen, sich mit ihm auseinanderzusetzen, hat uns an Sartres Theaterstück besonders interessiert," erklärt Susanne Kröhl, Darstellerin der Königin Hekuba und Mitglied der Theatergruppe "Die Anstifter", die vor zweieinhalb Jahren mit Unterstützung der Studienstiftung des Deutschen Volkes gegründet wurde. Zudem ist der Stoff von "Die Troerinnen des Euripides" von zeitloser Aktualität. Auch heute scheint eine Welt ohne Krieg in weiter Ferne zu liegen. "Wir haben keine Anspielungen auf derzeitige Kriege in unsere Inszenierung eingebaut, aber jeder Zuschauer dachte, sobald er von dem Elend der trojanischen Frauen erfahren hatte, an Bosnien oder irgendein anderes kriegserschüttertes Land", erläutert ein Mitglied der Theatergruppe. Dazu trug auch das abstrakt gestaltete Bühnenbild bei: ein blutrotes Quadrat vor schwarzem Hintergrund.

Besonders überzeugend wirkte Julia Zeitlinger, die Regie führte und sich am Tag der Premiere dazu entschloß, ihre erkrankte Kollegin in der Hauptrolle der Kassandra zu vertreten. Raphael Utz als Talthybios, Herold des feindlichen Griechenheeres, glänzte durch aalglattes Gebaren, wann immer er den Troerinnen eine Schreckensbotschaft von seinem Feldherrn zu übermitteln hatte. Petra Sobotka vermochte durch ihr Minenspiel und ihre Gestik tiefste Bitterkeit, Trauer und Lebensfeindlichkeit auszudrücken, was durch ihr Kostüm aus einer schwarzen Stehkragenbluse, einem langen schwarzen Rock und streng nach hinten gebundenen Haaren noch unterstrichen wurde. Im Januar werden sich "Die Anstifter" von einer heitereren Seite zeigen. Geplant und geprobt wird schon jetzt Woody Allens Komödie "Spiel's noch einmal, Sam".

Maike Lührs


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Updated: 16.11.98 at 20:01:36