Selbsterfahrung für Kulturrevolutionäre

Psychotherapie-Projekt in Shanghai

"Es ist faszinierend, den Aufbruch zu erleben, der sich derzeit in China auf dem Gebiet der Psychotherapie ereignet", so Dr. Annette Kämmerer über ein Projekt, das im Mai an der medizinischen Hochschule in Shanghai, einer der Partnereinrichtungen der Universität Heidelberg, stattfand.
Unter der Leitung der "Deutsch-Chinesischen Akademie für Psychotherapie", einem Zusammenschluß deutscher und chinesischer Psychologen, stellten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wissenschaftlichen Themen, die in China bisher selten diskutiert wurden: Psychoanalyse, Verhaltenstherapie und Systemische Familientherapie.

Konflikte und Brüche mit der Tradition

Die hierarchische Familienethik des Konfuzianismus und ein maoistisch geprägter Marxismus haben in China die Rezeption psychotherapeutischer Fragen bislang behindert. Doch "das Interesse der chinesischen Teilnehmer war überwältigend", berichtet Annette Kämmerer, Diplompsychologin an der Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften und eine der Dozentinnen bei der Weiterbildung in Shanghai. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte verlaufe in China momentan besonders kritisch. Es gebe eine starke gesellschaftliche Entwicklung, die durch Konflikte und Brüche mit eigenen Traditionen gekennzeichnet sei. "All diese Konflikte legen nahe, daß der Bedarf nach Psychotherapie vorhanden ist", so Annette Kämmerer, die zusammen mit Fritz Simon und Jochen Schweitzer-Rothers, beide Privatdozenten an der medizinischen Fakultät, 100 ausgewählte chinesische Mediziner und Psychologen mit der Psychotherapie vertraut machten. Die Heidelberger sprachen im Unterricht englisch, chinesische Kollegen übersetzten sofort.

Das gesamte Weiterbildungsprojekt geht über drei Jahre, an ihm sind auch Dozentinnen und Dozenten aus anderen Städten beteiligt. Es ist die erste und bisher einzige psychotherapeutische Weiterbildung, die es in China überhaupt gibt. Der Unterricht umfaßte Kurzvorträge mit Diskussion, Kleingruppenübungen und Selbsterfahrung. "Man spürt in den Gruppen die hohe Motivation, sich innerpsychischen Prozessen und Konflikten zuzuwenden", so Annette Kämmerer. "Auch die Notwendigkeit der Selbsterfahrung wird eingesehen, gleichwohl ist sie (wie auch bei uns) mit Angst besetzt. Die Wunden der Kulturrevolution sitzen tief und sind bei allen Teilnehmenden vorhanden." Im Zuge der kulturellen Umwälzungen wird in China der Bedarf nach Psychotherapie noch wachsen. Daher ist für das Jahr 2001 ein internationaler Psychotherapie-Kongreß in Kunming geplant, an dem die Heidelberger Kollegen mit Vorträgen vertreten sein werden.

Tabea Rösler


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Updated: 16.11.98 at 17:34:13