Herr der Podozyten

Jochen Reiser genießt das Panorama eines Sträflings ("Auge in Auge mit der Zelle!") und kultiviert das Credo eines Babysitters ("Zellen sind wie kleine Menschen – Mit denen muß man sprechen!").
Jochen Reiser ist Medizinstudent und Träger des Deutschen Studienpreises, der hinter seinem Heidelberger Schreibtisch eifrig "Papers" verfaßt. Der talentierte Doktorand mit dem Oldtimer ("fahre einen Austin Healey – Baujahr 59") drückte in der internationalen Nierenforschung kräftig aufs Gaspedal. Den Deutschen Studienpreis zu bekommen, war die erklärte Strategie des vormaligen Medizin-Novizen Jochen Reiser. Mittlerweile beschäftigen seine Podozyten die Redakteure diverser Fachpublikationen, der "Journals", wie er sich ausdrückt – und nicht nur das: 25 Forschergruppen in aller Welt – "von Harvard bis nach Norwegen" – haben seine Zell-Linien geleast und heften sich nun an die Fersen des Nieren-Mediziners. Vor amerikanischen und Genfer Kollegen sprach der 27jährige Reiser von der wundersamen Wandlung der Podozyten. Diese Nierenzellen filtrieren das Blut, pro Tag eine Badewanne voll.

Podozyten : Wichtige Fortsätze der Nierenzellen

Schon in den 70er Jahren kamen Nierenforscher auf die Idee, die Blutreiniger zu züchten. Doch die alles entscheidenden wurmartigen Fortsätze wollten in den Kulturschalen nicht wachsen, die Zellen blieben funktionslos. Jahrelang war Jochen Reiser im Anatomischen Institut "Auge in Auge mit der Zelle", schaute bisweilen sogar nachts über die Schalenränder, um seine Podozyten zum Wachsen zu ermuntern. Mitunter stellte sich Überdruß ein: Viele Kommilitonen rieten ihm, die Kulturen einfach wegzuwerfen, und der Laborarbeiter bekennt: "Manchmal war ich die Zellen einfach leid." Doch dort, wo andere resigniert hätten, machte Reiser weiter. Der Mediziner war gerade eine Woche krank gewesen, die Sache war ihm anscheinend an die Nieren gegangen. Als er ins Institut zurückkehrte, waren die heißbegehrten Fortsatz-Strukturen auf einmal da!

Der Grund für das explosionsartige Wachstum der Fortsätze war das Teilungsgen einer Maus, das Reiser zuvor isoliert hatte und das in den Podozytenzellen "wie ein Motor" gewirkt hat. Seitdem können nicht nur träge Zelltorsos, sondern reinigungsfähige Podozyten inklusive Fortsatzverästelungen gezüchtet werden. Die Folge: von den USA bis nach Genf bahnte sich Reiser seinen Weg durch die internationale Kongreßlandschaft. Auf die Forschung versteht sich Reiser ebenso wie auf ihre ansprechende Präsentation: Begriffe wie "public relation" fließen ihm flott von der Zunge. Zuletzt konnte er im Beisein von Gabriele Krone-Schmalz und BVG-Präsidentin Jutta Limbach den Deutschen Studienpreis in Leipzig entgegennehmen.

Text und Foto: Titus Beile


Page maintained by Pressestelle der Universität Heidelberg,
presse@rektorat.uni-heidelberg.de.
Copyright © Pressestelle der Universität Heidelberg.
Updated: 16.11.98 at 18:01:36