Ein Haus für ein schwieriges Stück Geistesgeschichte

Die Prinzhorn-Sammlung wird Museum – und Hans Prinzhorns Gesamtwerk braucht gute Interpreten

"Schizophrene schaffen nicht selten Bildwerke, die … im einzelnen oft überraschende Ähnlichkeiten zeigen mit Bildwerken der Kinder, der Primitiven und vieler Kulturzeiten. Die engste Verwandtschaft aber besteht zu der Kunst unserer Zeit…" Dies schrieb der Psychiater und promovierte Kunsthistoriker Hans Prinzhorn in seinem 1922 erschienenen Buch "Bildnerei der Geisteskranken", in dem er seine Sammlung von Bildern, Skulpturen und Texten meist schizophrener Patienten erstmals vorstellte. Karl Wilmanns, Leiter der Heidelberger Psychiatrischen Klinik, hatte seinen Assistenten Prinzhorn 1918 damit beauftragt, eine bereits vorhandene kleine Sammlung systematisch zu vergrößern und zu untersuchen. Prinzhorn trug in Anstalten mehrerer europäischer Länder 5000 Werke von Patienten zusammen, die diese zwischen 1890 und 1920 – einer Zeit ohne Psychopharmaka und moderne Therapien – geschaffen hatten.

Mißbrauch der Sammlung durch die Nazis

An den Bildern fasziniert bis heute, daß es in der Tat kaum eine moderne Kunstrichtung gibt, die die teilweise hochbegabten Patienten nicht vorweggenommen oder aufgegriffen hätten. Prinzhorn hat das im Sinne der biozentrischen Philosophie von Ludwig Klages zu deuten versucht. Im Kapitel "Das schizophrene Weltgefühl und unsere Zeit" beschäftigte ihn die Ähnlichkeit zwischen den Werken von Schizophrenen und den Werken expressionistischer Künstler: bei beiden gehe eine geordnete Welt in Stücke. Doch während das bei den Schizophrenen durch ein "grauenhaftes Los" bedingt sei, beruhten die Werke "seelisch gesunder" Künstler "auf Erkenntnis und Entschluß". Prinzhorn hoffte, auf der Grundlage einer – wissenschaftlich eher fragwürdigen – "Metaphysik der Gestaltung" die Beziehungen zwischen dem "Weltgefühl" des Künstlers und des Geisteskranken aufklären zu können. Doch ist Prinzhorn bei all seiner Selbstüberschätzung zugute zu halten, daß ihm pauschale Analogieschlüsse zuwider waren. Entschieden verwahrte er sich dagegen, bei Kunstwerken "aus Ähnlichkeit der äußeren Erscheinung Gleichheit der dahinterliegenden seelischen Zustände zu konstruieren". Das sei "oberflächlich und falsch". Solche Gedanken waren für die Ideologie des Nazitums zu subtil. Um moderne Künstler als "geisteskrank" in Mißkredit zu bringen, hingen einige Bilder der Sammlung 1938 in der berüchtigten Ausstellung "Entartete Kunst". Prinzhorn konnte zu diesem Mißbrauch nicht mehr Stellung nehmen. Nachdem er Heidelberg 1923 verlassen hatte, starb er zehn Jahre darauf an einer Typhusinfektion. Sein Mentor Karl Wilmanns verlor 1933 seine Stellung als Leiter der Psychiatrischen Klinik, weil er sich geweigert hatte, seine jüdischen Assistenten zu entlassen. Wilmanns Nachfolger wurde Carl Schneider, der später im Namen des verbrecherischen "Euthanasie"-Programms Patienten ermorden ließ, darunter wahrscheinlich auch Künstler der Prinzhorn-Sammlung (siehe Unispiegel 3/98).

Dabei ist die historische Gemengelage schwierig. Prinzhorn gehörte zu den von Armin Mohler so genannten "konservativen Revolutionären" der Weimarer Republik, und seine publizierte Auseinandersetzung mit dem emporkommenden Nationalsozialismus zeugt in der Tat von einer "fahrlässigen Versöhnungsbereitschaft" mit der braunen Ideologie (Thomas Röske). Doch es ist böswillige Polemik und keine ernsthafte Auseinandersetzung mit Prinzhorns problematischem Gesamtwerk und der verdrängten Forschungsrichtung, dem es zugehört, wenn der "Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V." und das Berliner "Werner-Fuß-Zentrum" behaupten, Wilmanns "biologistischer Ansatz" und Prinzhorns "Rassismus" habe in den Untaten von Carl Schneider "seine Vollendung gefunden". Das konstruiert nur historische Kontinuitäten, obwohl es auf die Unterschiede und Brüche ankommt. So mit Absicht pauschalisierend sollte eine Neubewertung von Prinzhorn nicht ausfallen, auch dann nicht, wenn dem "Werner-Fuß-Zentrum" und den Initiatoren der Stiftung "Haus des Eigensinns" daran gelegen sein mag, die Prinzhorn-Sammlung in einem geplanten Museum in der Berliner Tiergartenstraße 4 auszustellen. Dort, am Tatort Carl Schneiders, wäre nur eine einzige und höchst einseitige Prinzhorn-Deutung im Rahmen der Euthanasie möglich, aber das würde der langen Kette von Fehlrezeptionen der Sammlung lediglich eine weitere hinzufügen. Die Prinzhorn-Sammlung räumlich und geistig von ihrem Heidelberger Entstehungsort zu trennen, wäre eine vereinfachende Flucht vor einer unbequemen geistesgeschichtlichen Interpretationsleistung, die sehr viel differenzierter ausfallen müßte.
In der Psychiatrischen Universitätsklinik überstand die Sammlung Nazitum und Krieg ohne irreparable Schäden. Seit Ende der 70er Jahre wird sie mit Mitteln der Volkswagenstiftung systematisch erschlossen und restauriert. Das wäre ohne das Interesse und die Leistung von Mitarbeiterinnen der Psychiatrischen Universitätsklinik nicht möglich gewesen. Bislang fehlte ein Prinzhorn-Museum mit einer öffentlich zugänglichen Dauerausstellung. Doch jetzt wird ein altes Hörsaalgebäude im Bergheimer Klinikviertel für 3,5 Millionen Mark renoviert und bis zum Frühjahr 2001 wieder in den originalen baulichen Zustand versetzt. Die Räumlichkeiten sind für eine so große Sammlung zwar knapp bemessen, doch sollen die Exponate von Zeit zu Zeit wechseln. Ein beträchtlicher Teil der Werke kann wegen der Empfindlichkeit des Materials ohnehin nicht ausgestellt werden.

Christoph Becker


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Updated: 16.11.98 at 20:07:38