Ist die Leiche ein Tabu?

Präp-Kurse und Plastination – Diskussion im Klinikum

Was ist ein menschlicher Leichnam? In einer Wissenschaftswelt kann und darf er zwar kein Tabu sein, doch ist er darum ein Gegenstand, mit dem man beliebig umgeht? Im Medizinstudium stellen sich solche Fragen spätestens beim 12wöchigen Präparierkurs, der jetzt nach der neuen Curricularordnung schon für die Erstsemester ansteht. Prof. Rolf Verres, ärztlicher Direktor der Abteilung Medizinische Psychologie, lud Kollegen und Studierende ein, um über die neue Situation und Erfahrungen beim "Präpkurs" zu sprechen. Bisher konnte man in einer Einführung etwas über die medizingeschichtlichen, juristischen und ethischen Voraussetzungen der Kurse erfahren. Eine solche Betreuung, da waren sich alle Kommilitoninnen und Kommilitonen der erstaunlich gut besuchten Gesprächsrunde einig, ist sinnvoll, um gleiche Voraussetzungen zu schaffen. Zwar solle man nicht zuviel davon erwarten – Zeitmangel und das "Fehlen eines kulturellen Rahmens" wurde hier beklagt – aber die psychischen Belastungen, die der Kurs mit sich bringe, mache man ohnehin mit sich selbst und untereinander aus.

"Subkutanes Fett wegräumen"

Wer den Präpkurs absolviert empfindet die Belastungen zwar unterschiedlich – für einige war zum Beispiel die "Klinikerfahrung" prägender – doch spielt beim "Wegräumen des subkutanen Fetts" das Gefühl offenbar eine größere Rolle als sich mancher beim "Turbopräparieren" und in der Situation des Lernens unter Zeitdruck eingestehen kann: "Ich konnte keine Fleisch mehr essen." "Ich konnte mich nicht mehr im Spiegel anschauen." "Ich habe es zuerst nicht fertiggebracht, die Hände zu präparieren. Das Problem war der Mensch um die Wunde herum." "Für mich schien das erst gar kein Problem zu sein. Dann habe ich Neurodermitis bekommen." – Doch für die meisten verlief die "Grenz-erfahrung" des Kurses positiv. "Hier haben wir gelernt, miteinander umzugehen", sagt jemand. Viele im Kurs geschlossene Freundschaften halten lange.

"hic gaudet mors succurere vitae"

"Hier freut sich der Tod, dem Leben zu dienen", heißt die Übersetzung einer Inschrift im Foyer des Heidelberger Klinikums. Auch die von Gunter von Hagens perfektionierte Technik der Plastination von Leichen bedeutet aus der Sicht der Anatomie einen großen medizinischen Fortschritt. Doch wie die sehr emotional geführte Diskussion zeigte, wurde offenbar ein Tabubereich berührt, als Leichen den Weg aus der Universität ins Museum fanden und dort auf sensationelle und gewinnorientierte Weise zurschaugestellt wurden. Nicht alle mochten Prof. Theo Sundermeier folgen, der die Ansicht vertrat, diese Leichen seien ja gar keine Leichen mehr, sondern eben Plastik. Prof. Uwe Bleyl, Direktor des Mannheimer Pathologischen Instituts, sieht die Menschenwürde bereits verletzt, wenn jemand seinen Körper zum Zweck der Plastination zur Verfügung stellt. Das Recht auf Selbstbestimmung greife hier nicht, denn niemand dürfe durch Zweckverschreibung seiner selbst die Menschenwürde antasten. Prof. Verres hob hervor, daß all diese Auseinandersetzungen nicht im Namen der Universität Heidelberg ausgetragen werden dürften, denn Gunter von Hagens "Institut für Plastination" sei kein Teil der Universität. Als geschmackswidrige Mischung von Sach-, Kommerz- und Gruselaspekten verurteilten viele Diskutierende ein Plakat zur Mannheimer Ausstellung, auf dem unter dem Motto "Und abends ins Museum" eine ausschreitende plastinierte Leiche im Mondschein zu sehen war.
bec

Page maintained by Pressestelle der Universität Heidelberg,
presse@rektorat.uni-heidelberg.de.
Copyright © Pressestelle der Universität Heidelberg.
Updated: 16.11.98 at 18:49:07