"Wer nie sein Brot mit Tränen aß..."

...der kennt dich nicht, Beratungsstelle – Hilfe bei Krisen

Das Studentenleben kann manches seelische Gleichgewicht aus der Balance bringen. Krisen bieten jedoch immer auch Chancen zur persönlichen Entwicklung.
Für viele ist das Studium der erste wirklich große Schritt aus dem Elternhaus hinein in eine Welt voller Angebote und Wahlmöglichkeiten, aber auch voller An- und Herausforderungen an die gerade gewonnene Selbständigkeit: Immerhin meinten 16 Prozent aller Studierenden, die im Rahmen einer Studie an der Universität Heidelberg befragt wurden, sie fühlten sich psychisch so belastet, daß sie professionelle Hilfe bräuchten. "Psychische Krisen und Störungen sind in der Studentenschaft sehr präsente Erfahrungen", sagt Rainer Holm-Hadulla, Privat-Dozent für psychotherapeutische Medizin. Das Studium sei eine Zeit des Nachdenkens, der junge Mensch stelle sich in Frage. Diese bisweilen in depressiven Krisen verlaufende Entwicklungs- und Reifungsphase könne konstruktiv sein, aber auch umschlagen und aus dem Ruder geraten. Rainer Holm-Hadulla, ärztlicher Leiter der psychotherapeutischen Beratungsstelle des Studentenwerks Heidelberg (PBS), und der Psychologe Ulrich Soeder analysierten die Antworten von 346 Heidelberger Medizin- und Psychologiestudenten sowie von 342 studentischen Patienten der PBS.

Unruhe, Prüfungsangst, Arbeitsschwierigkeiten…

Die befragten jungen Leute fühlten sich vor allem durch Depressivität, Arbeitsschwierigkeiten und Prüfungsangst belastet, viele klagten über Unruhe, unklare Ängste und Beziehungsprobleme, etwa mit dem Partner oder den Eltern. Die studentischen Patienten sind in all diesen Bereichen deutlich häufiger und stärker betroffen als die Vergleichsgruppe. Das gilt auch für das Selbstbild. "Gegenüber der Allgemeinbevölkerung weisen Studierende im allgemeinen nur ein tendenziell negativeres Selbstbild auf", stellt Holm-Hadulla fest. Anders die studentischen Patienten: Sie fühlen sich depressiver verstimmt, sind in stärkerem Maße mißtrauisch, verschlossen und unsicher im Umgang mit anderen.

Studentinnen sind in der Regel eher bereit, psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Bezüglich des Studienfachs dominieren als Ratsuchende in der PBS die Psychologiestudierenden, die meist jedoch psychisch nicht stärker beeinträchtigt sind als Medizinstudenten. Offensichtlich spielen hier die Beschäftigung mit den psychologischen Themen und Selbsterfahrungsbedürfnisse eine Rolle.

Normale Wachstumsschmerzen der Individuation

Doch findet ein Wandel statt. Waren vor 20 Jahren Studierende der Natur- oder Rechtswissenschaften deutlich unterrepräsentiert, so ist dies heute anders. Juristen nehmen das Beratungsangebot häufiger wahr als etwa Geisteswissenschaftler. Psychische Krisen als Wachstumsschmerzen der Indivi-duation sind unvermeidlich. Viele Schriftsteller haben solche Ent-wicklungskrisen eindrucksvoll beschrieben. So klagte Johann Wolfgang von Goethe während seiner Leipziger Studienzeit, ihm seien "das Gehirn verdüstert" und "die Eingeweide paralysiert". Doch nicht allen stehen Goethes schöpferische Kräfte zur Verfügung, um sich aus Krisen leicht und gelungen herauszuschälen. Die psychotherapeutische Beratungsstelle hilft, daß aus Krisen keine dauerhaften Störungen oder gar Tragödien entstehen. Der Leiter der PBS setzt sich dafür ein, daß diese Einrichtungen an deutschen Universitäten zu einem selbstverständlichen Bestandteil der Karriereförderung werden, wie es an angelsächsischen Hochschulen seit langem üblich ist.

bec/dfd


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Updated: 16.11.98 at 17:43:40