Kommentar

Von Prof. Klaus von Beyme, Institut für politische Wissenschaft

Die Stellungnahmen der Studenten sind decouvrierend, überwiegend Nicht-Wähler. Das günstigste ist noch: "Es könnte eigentlich nicht schaden", zu den Wahlen zu gehen. Ernster zu nehmen sind die "schlechten Erfahrungen" mit der Gremienarbeit. Der übliche Frust des Jungpolitikers – das ist im Bundestag nicht anders! Die Hälfte der jungen Abgeordneten, die beflügelt von der Studentenrevolte 1969 in den Bundestag einzogen, war nach vier Jahren nicht mehr zur Kandidatur bereit.

Der Frust der studentischen Vertreter in den Gremien ist auch für Professoren nachvollziehbar. Vieles läuft gut vorbereitet wie am Schnürchen, kaum Kritik von irgendeiner Gruppe – am ehesten noch von den C3-Professoren, aber meistens aus statuspolitischen Gründen. In vielen Punkten dürfen die studentischen Vertreter nicht mitstimmen – oder ihre Stimme wird anders gewichtet: nicht sehr motivierend. Aber dieser Frust ist nicht abzubauen: auch in einer ausgebauten Gruppenuniversität, die wir nicht mehr haben, muß es Negativkataloge, an Qualifikationen gebunden, geben.

Ungewöhnlich restriktives Hochschulgesetz

Aber es gibt auch Frustrationen, die sich ändern lassen. Das Baden-Württembergische Hochschulgesetz ist ungewöhnlich restriktiv geworden – als Antwort auf die Unruhen vor 30 Jahren wurde eine Art "Lex Heidelberg" geschaffen. Die jetzigen Studenten verdienen diese Restriktionen nicht mehr: sie sind kritisch, aber nicht rebellisch und bei Kooperationsbereitschaft der anderen Gruppen durchaus sachbezogen und abwägend. Das Gesetz müßte liberalisiert werden, Fachschaften sollten nicht im schöpferischen Halbdunkel der Halblegalität dahinvegetieren.

Keine Vermittlung mit der Basis

Also ist wieder mal das "Establishment" schuld? Keineswegs allein. In Bundesländern mit mehr Partizipationsmöglichkeiten für Studenten liegt die Wahlbeteiligung auch unter 20 Prozent. Es gibt keine Partizipation ohne Organisation: Studenten müssen sich, wie andere Gruppen, wieder bundesweit organisieren. "Das tun sie doch", wird man sagen, aber es gibt keine Vermittlung mit der Basis und man hört nur Slogans wie "Verbot von Studiengebühren" – keine sehr zukunftsweisende Stellungnahme. Die Gruppenbildung für die Selektion der Kandidaten ist undurchsichtig, auch wenn es nicht mehr die Gruppe "Locomotive Chaos" geben sollte. Die hochschulpolitischen Positionen müssen stärker mit dem Parteiensystem ver-koppelt werden, wenn dauerhaft etwas durchgesetzt werden soll. Studenten haben ein natürliches Defizit als Gruppe: sie gehören ihr nur vier bis sechs Jahre an. Es gibt keine personelle Führungskontinuität. Um so mehr muß dieser Mangel durch überschaubare und politisch vermittelte Strukturen ausgeglichen werden.


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Updated: 16.11.98 at 17:22:34