Geschichte aus Lust am Erzählen

Prof. Angelos Chaniotis macht die Antike lebendig

"Ich bin eine fleißige Biene, ich fliege von Blümchen zu Blümchen und sammle." – so blumig spricht Althistoriker Professor Angelos Chaniotis über sich selbst.
Eine träge Drohne ist der 39jährige nicht: "Ich kann mich ohne weiteres 18 Stunden am Tag mit meinen Forschungen beschäftigen, ohne müde zu werden. Mit dem Altertum hätte ich mich auch beschäftigt, wenn ich Installateur geworden wäre!" Nach ihrem transatlantischen Flug summt Arbeitsbiene Chaniotis nun durch's Seminar für Alte Geschichte – um das Fach von altem Pollenstaub zu befreien. "Bei den alten Griechen ging es vor allem darum: Was koche ich heute abend? Und weniger um die Frage: Gibt es einen idealen Staat?"

Der chaniotische Ansatz mag verblüffen, doch sein Ziel lautet nun einmal: "Die Alte Geschichte lebendiger machen!" Verkrampfter Intellekt ist des Griechen Sache nicht. Chaniotis ist nicht gewillt, Fachidioten heranzuzüchten: "Oft ist es leider so, daß man Kenntnisse in lakonischer Keramik hat, und nicht weiß, wo Lakonien liegt!" Fest steht: Der Althistoriker griechischer Provenienz ist eine Bereicherung für Heidelbergs Altgeschichtler – den eingeschliffenen Initiationsritus würzte er mit rhetorischer Frische: "Meine heutige Aufgabe: die akademische Bildung gegen moderne Barbaren zu verteidigen!" Gleichwohl assoziieren einschlägige Kenner des Griechen mit seinem Namen nicht nur Geographisches: "Ich heiße Chaniotis, aber viele meiner Freunde nennen mich chaotisch!" Jetzt allerdings mit Hohem C: Die C1-Stelle mutierte zur C4-Professur. Mit 39 Jahren avanciert Chaniotis zum Nachfolger von Prof. Gschnitzer.

In der Tat: Chaotisch (kommt selbstverständlich aus dem Griechischen) wirkt der Lebenslauf des umtriebigen Hellenen: Als Pennäler entdeckte Chaniotis seine cineastische Ader: "Mein Vater war Vertreter von Columbia Pictures in Griechenland!" Eine Kindheit zwischen Zelluloid und Vergangenheit: Die harten Brüche in Griechenlands Entwicklungsperspektive, die Ära der Militärdiktatur von 1967 bis 1974, weckten das historische Interesse: "Ich erinnere mich, wie meine Mutter beim Wäschewaschen oft schöne Lieder sang – und plötzlich gab es diese Lieder nicht mehr! Weil die von Theodorakis stammten, und der war ja Kommunist!"

Chaniotis: "Als Dozent brauche ich ein Feedback."

In Athen wuchs Angelos alsbald zum streitbaren Intellektuellen heran: "Meine Hauptbeschäftigung war nicht, in die Bibliothek zu gehen und zu lernen, sondern die Bibliotheksbesetzung!" Das war während der attischen Studentenproteste 1978-1980. Ein Aufbaustudium und acht Jahre als Dozent in Heidelberg schürten die Wanderlust des Angelos Chaniotis. Einem interkontinentalen Ruf folgend, ging er in die USA – und lernte Neues: "An der New York University gab es eine Kommission, die dem Professor half, das zu sein, wofür er bezahlt wird, nämlich Professor!" Und so richtete er den Blick auf Essentielles, etwa auf den geschickten Umgang mit der Tafel – keinesfalls didaktische Banalitäten, wie er beteuert: "Der Dialog zwischen Student und Dozent ist das A und O!" In den Staaten gewöhnte sich der Grieche rasch an neue Unterrichts-Standards: Rückfragen von studentischer Seite während der Vorlesung waren Teil des Campus-Usus. Zurück in Heidelberg, schlüpft Chaniotis in die Rolle des Totenerweckers: "Hier hakt in der Regel niemand nach. Ich möchte aber nicht, daß die Studenten einfach nur dasitzen, gähnen oder einschlafen. Als Dozent brauche ich ein Feed-back!"

"Unterricht ist eine Art Performance."

Vom Land der grenzenlosen Möglichkeiten möchte Chaniotis auch in Heidelberg nicht ablassen: "Unterricht ist eine Art Performance! Beachtet man die Didaktik nicht, kann man sein eigenes Fach auch herunterwirtschaften!" Doch Chaniotis weiß: Die deutschen Uni-Mühlen mahlen langsam, und nicht selten im Rückwärtsgang: "Wenn man das universitäre System ändern will, weckt man beim Ministerium nur schlafende Hunde!" Aus Angst vor rigiden Sparmaßnahmen beschränkt sich Chaniotis wohlweislich auf sein Lieblingskind, die seminarinterne Bibliothek: "Immerhin konnte ich den Etat aufstocken! Denn eine Bibliothek, die zwei schlechte Jahre erlebt, ist keine gute Bibliothek mehr!" Sein kritisches Auge erklärt sich der furiose Althistoriker aus seinem US-Intermezzo: "Um etwas klar zu sehen, braucht man Distanz!" Und beruft sich auf seine Vorfahren: "Archimedes hat einmal gesagt: Gib' mir einen Ort, zu stehen, und ich werde die Welt bewegen!" Weltbewegendes hat Chaniotis allerdings nicht mehr im Sinn – vielmehr bewegte Bilder. Sein nächstes Projekt: eine interaktive CD-ROM über Alltag und Privatleben im Altertum.

Vor allem die guten Heidelberger Freunde sind es, die Chaniotis abermals in die Rheinniederungen lockten: "Ich habe hier nicht nur mit Akademikern zu tun, ich kenne durch meine Tätigkeit im Ausländerrat auch normale Menschen!" Und mit denen schmaust er am liebsten Halvas – eine klebrige Masse aus Grieß, Öl und Zucker. "Ich feiere gerne!" – so sein freimütiges Bekenntnis. Chaniotis ist eben ein echter Grieche, auch wenn sich zwischen ihm und seinen Landsleuten Gräben aufgetan haben: "Wenn ich mit meinen Freunden aus Griechenland telefoniere, merke ich sofort: Ich bin immer noch der dreiundzwanzigjährige Grieche von 1982, und die sind die vierzigjährigen von heute!"
Zum Hellas-Fernweh gesellen sich bei Angelos Chaniotis sprachliche Eigentümlichkeiten: "Wissenschaftlich denke ich auf Deutsch, nachts träume ich auf Griechisch!" Für das Leben nach der Emeritierung gibt es schon Pläne. "Ich werde nach Griechenland zurückfliegen, um historische Romane zu schreiben!" Dahinter verbirgt sich kein Streben nach späten literarischen Lorbeeren: Angelos Chaniotis will lediglich seiner eigenen Devise treu bleiben: "Ein wichtiger Grund für mich, Alte Geschichte zu betreiben, ist die Lust am Erzählen."

Titus Beile/ Foto: Becker


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Updated: 16.11.98 at 19:36:47