"Die Stadt in ihrer Lage hat etwas Ideales"

Goethe fand in Heidelberg eine "mütterliche Freundin" und das Vorbild zur Suleika des "Divan"

Die Alte Brücke zur Goethe-Zeit
"Ich sah Heidelberg an einem völlig klaren Morgen, der durch eine angenehme Luft zugleich kühl und erquicklich war. Die Stadt in ihrer Lage und mit ihrer ganzen Umgebung hat, man darf sagen, etwas Ideales (...). Die Brücke zeigt sich von hier aus in einer Schönheit, wie vielleicht keine Brücke der Welt."

Ohne Frage: Goethe schwärmte für Heidelberg, wie diese und weitere Stellen aus seinem Tagebuch belegen. Ohne Frage aber auch: Die Heidelberger schwärmen für das Dichtergenie. Dies zeigen die zahlreichen Veranstaltungen von Stadt, Goethegesellschaft und Universität zur Feier seines 250. Geburtstags am 28. August: eine Ausstellung in der Universitätsbibliothek, Stadtführungen auf des Dichters Spuren, Vorträge des Germanistischen Seminars und vieles mehr. Bereits 1899 prägte der Philosoph Kuno Fischer anläßlich des 150. Geburtstags des Dichters das Wort von "Heidelberg als einer der deutschen Goethestädte".

MARIANE WILLEMER ALS SULEIKA

Achtmal besuchte der reisetüchtige Dichterfürst die Neckarstadt. So manche hiesige Begegnung verewigte er in seinen Werken: Die Liebelei mit der verheirateten und um mehr als drei Jahrzehnte jüngeren Mariane Willemer findet sich wieder im "West-östlichen Divan", in dem Goethe die Liebesgeschichte eines alternden Hatem mit der jungen "Suleika" nach dem Vorbild Marianes schildert. Wilhelm, der Sohn des Theologieprofessors Paulus, den Goethe bei seinem Aufenthalt in Heidelberg 1814 in dessen Haus am Marktplatz 4 mehrmals besuchte, inspirierte ihn zur Figur des Mundschenken im "Divan", der zu jener Zeit entstand. Und in Heidelberg ent-stand das "Gingo-biloba-Gedicht", wie er an Mariane Willemer schrieb – und wie Günther Debon, Goetheliebhaber und mitverantwortlicher Gestalter der Ausstellung in der Universitätsbibliothek im Katalog schreibt.

Wenn Goethe in Heidelberg weilte, pflegte er regen Kontakt zu den hiesigen Professoren. Mit dem Geologen Prof. Karl Cäsar von Leonhard tauschte er Mineralien aus – Goethe besaß eine Sammlung von fast 18000 Stück – und die beiden Sammler korrespondierten viele Jahre lang. Auch den Juristen und Musikliebhaber Professor Anton Friedrich Justus Thibaut schätzte der Dichter sehr. Begeistert zeigte er sich von den A-capella-Singabenden in dessen Haus. Regen Kontakt pflegte er ferner mit dem Dichter und klassischen Philologen Johann Heinrich Voß. Goethe soll auch den leiblichen Genüssen zugetan gewesen sein; Wein und üppige Male liebte er – nicht immer zur Freude der Professoren.

KUPPLERISCHES ANSINNEN DER DOROTHEA DELPH

Neben Mariane Willemer spielte in Heidelberg eine weitere Frau eine wichtige Rolle: die "mütterliche Freundin" Dorothea Delph. Bei ihr wohnte Goethe mehrfach und besuchte sie stets, wenn er in Heidelberg war. Ihrem kupplerischen Ansinnen, ihn in jungen Jahren mit der Tochter des Landschreibers von Wrede zu verheiraten, um ihn so an den kurfürstlichen Hof Carl Theodors in Mannheim zu binden, entzog sich der Dichter jedoch 1775 durch Flucht. Unerquicklich verlief auch die Begegnung mit seinem Schwager Johann Georg Schlosser 1793. Goethe hatte den Regierungsbeamten nach Heidelberg eingeladen, um ihn für seine Farbenlehre und die Gründung einer Gesellschaft, die sich deren Verbreitung verpflichtet, zu gewinnen. Der Plan mißlang jedoch. Einen regen Gedankenaustausch pflegte Goethe mit den Brüdern Sulpiz und Melchior Boisserée, die sich lange Zeit um diesen Kontakt bemüht hatten. 1814 und 1815 wohnte er im Haus der Kunstliebhaber, die zusammen mit ihrem Freund Johann Baptiste Bertram im Sickingenschen Palais am Karlsplatz – dem heutigen Germanistischen Seminar – eine reichhaltige altdeutsche Gemäldesammlung zusammengetragen hatten.

Noch einige Orte erinnern heute an den Dichter in Heidelberg: eine Gedenktafel am Haus Hauptstraße 196 verweist auf Dorothea Delph. Auf der weißen, steinernen Goethebank im Schloßgarten soll er mit Mariane amouröse Stunden verbracht haben, und auch eine Büste im Schloßgarten huldigt ihm. Im "Goldenen Hecht" hätte er beinahe übernachtet und ein Gästezimmer mit dem Namen des Jubilars soll daran erinnern. Eine Gedenktafel im Schloßgarten verewigt die Liaison Goethes mit Mariane. Auch seine Nachkommen weilten in Heidelberg. Sohn August studierte hier, aber nur drei Semester. Er soll sich mehr mit Alkohol und Frauen niederen Standes als mit Studienbüchern beschäftigt haben. Der Enkel, Wolfgang, war erfolgreicher; 1845 wurde er als Jurist promoviert.

Katrin Bischl

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Updated: 21.07.99