Revolutionäre auf dem Abstellgleis

Die Universität Heidelberg in den Jahren 1848/49

„Akademiker! Das Verbot des hiesigen demokratischen Studentenvereins hat unter einem Theil von Euch eine Aufregung hervorgerufen, die wir der mangelnden Kentniss der gesetzlichen Zustände unseres Landes zuschreiben müssen und die uns veranlasst, Euch hierüber aufzuklären. [...] Akademiker! statt, dass Ihr Euer vermeintliches Recht dadurch schützet, wollt Ihr Eure Studien unterbrechen, ein nahezu vollendetes Semester weggeben, dem Willen Eurer Eltern entgegenhandeln! Akademiker! überlegt diesen Schritt in Eurem eigenen Interesse wohl, um so mehr als eine Zurücknahme des Verbots durch das von Euch beabsichtigte Mittel nie und nimmermehr erlangt werden kann. [...]“
Moderne Zeiten? Keineswegs, handelt es sich doch um eine Bekanntmachung des engeren Senats der Universität Heidelberg vom 16. Juli 1848. Wie konnte es dazu kommen?

Seit den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts gehörten die Heidelberger Professoren zu den herausragenden Vertretern der liberalen Opposition in Baden. Die 1847 gegründete Deutsche Zeitung wurde als die führende liberale Stimme in Deutschland von den Heidelberger Hochschullehrern Gervinus, Häusser und Mittermaier herausgegeben. Daneben bildete sich jedoch auch eine radikale politische Richtung heraus, mit Namen wie Hagen, Kapp und Morstadt unter den Professoren und eine sozialrevolutionäre Gruppe der Studenten unter Blind, Hexamer und Schöffel. Die Mehrheit der Studenten war jedoch liberal eingestellt.

Die von Paris ausgehenden revolutionären Ereignisse des Februar 1848 hatte man mittlerweile auch im beschaulichen Baden zur Kenntnis genommen. Am 30. März sprachen sich Studenten und Professoren in einer Versammlung in der Aula der Universität gegen jeden politischen Straßenterror aus. In der Minderheit standen der radikale Professorenflügel und die knapp 20 Anhänger des Demokratischen Studentenvereins. Bewußt wurden die Studenten in die Bürgerwehr integriert, um ein Überlaufen zu den Aufrührern zu verhindern. Mittlerweile hatte sich das Klima zwischen Professoren und Studenten verändert. Die Aktivitäten des Demokratischen Studentenvereins – erstmals publik gemacht durch einen Anschlag am Schwarzen Brett der Universität am 7. Juli – machten den Senat mißtrauisch gegen den aufkommenden Geist der Aufsässigkeit. Gestützt auf die Neutralität der Professoren gegenüber behördlichen Maßnahmen, verbot die Karlsruher Regierung den Studentenverein. Dagegen empörte sich die Mehrheit der 560 Studenten, auch wenn sie sonst nichts mit den radikalen Studenten zu tun hatten, da sie durch das Verbot ihre Grundrechte beschnitten sahen.


Fünf Tage nach Auszug:
Rückkehr in aller Stille

Eine studentische Deputation, begleitet von Professor Morstadt, erreichte in Karlsruhe nur die Bestätigung des Verbots. Jetzt griffen die Studenten zu dem im Anfangszitat angesprochenen „Mittel“, dem Auszug. Am 17. Juli 1848 verließen 364 Studenten in einem wohlgeordneten Zug, voran die schwarz-rot-goldene Fahne, die Stadt. Der Marsch ging durch Mannheim, über den Rhein nach Neustadt a.d. Haardt. Die Obrigkeit zeigte sich unbeeindruckt und drohte den Studenten mit Sanktionen, wie der Aufkündigung des akademischen Bürgerrechts, also der Verweisung von der Universität, oder der Nichtanerkennung des Semesters. Eine Deputation von Gemeinderat und Bürgerschaft setzte sich dagegen für die Studenten ein, bedeuteten doch 560 Studenten für eine Stadt von 13000 Einwohnern einen beträchtlichen Wirtschaftsfaktor. Die Aktion blieb erfolglos. Aus Karlsruhe verlautete, man werde das Verbot des Demokratischen Studentenvereins nicht rückgängig machen. Dennoch widerfuhr den Studenten zweifelhafte „Gerechtigkeit“. Da sie sich vor allem über die Ungleichbehandlung mit den anderen demokratischen Vereinen beschwerten, verbot die Regierung am 22. Juli kurzerhand auch die bürgerlichen demokratischen Vereine in Baden. Damit war der eigentliche Grund für den Auszug hinfällig. Sei es aus Sorge vor Sanktionen oder aus Enttäuschung – schon am 25. Juli sollen die meisten Studenten zurückgekehrt sein. Zwei Tage später fand die offizielle Rückkehr nach Heidelberg statt – in aller Stille.

Noch eine weitere Aktion der Studenten erregte im Sommer 1848 Aufsehen, als sie versuchten, einen Lehrstuhl mit einem Kandidaten ihrer Wahl zu besetzen. Den Religionsphilosophen Ludwig Feuerbach verehrte die studentische Linke in ganz Deutschland schon seit langem. Am 8. August beschloß eine Studentenversammlung, die Berufung Feuerbachs durchzusetzen. Die badische Regierung war jedoch keineswegs gewillt, die schon erregten Gemüter durch Berufung des respektlosen Denkers weiter zu erhitzen. Feuerbach kam trotzdem für das Wintersemester 1848/49 nach Heidelberg. In der Aula der Universität durfte seine Vorlesung nicht stattfinden. Der Gemeinderat zeigte sich jedoch kooperativ, und Feuerbach las, obwohl nicht berufen, im Bürgerausschußsaal. Ein letztes Mal in diesem Jahr machte eine kleine Anzahl Studenten von sich reden, als sie versuchten, den Septemberputsch in Frankfurt zu unterstützen. Auch dieser Versuch endete enttäuschend – in einem Eisenbahnwaggon auf einem Abstellgleis.

1848 verliefen die Aktionen der Heidelberger Hochschüler noch eher harmlos. Ernstzunehmender waren die Geschehnisse im Folgejahr, bei denen mancher Leib und Leben aufs Spiel setzte. Etwa dreißig Studenten beteiligten sich im Kampf um die Reichsverfassung am badisch-pfälzischen Aufstand im Mai 1849. Als „Studentenlegion“ kamen sie in den Gefechten bei Hemsbach und bei Germersheim tatsächlich zum Einsatz. Obwohl sich der Senat zunächst abwartend verhalten hatte, relegierte er im August 29 Studenten – diejenigen, die nicht gefallen waren.

Für Stadt und Universität Heidelberg war damit die Revolution zu Ende. Die Herrschaft des Studenten Schöffel als Regimentskommissar des revolutionären Landesausschusses war vorüber, und der Großherzog konnte die Glückwünsche zu seiner Rückkehr entgegennehmen.

Carl-Heinz Stichel


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