"Onomastik und Akkulturation. Die Entwicklung der Namengebung, ihrer Semantik und Motivation in der Begegnung von Christentum, Imperium und barbarischen gentes zwischen Spätantike und frühem Mittelalter (4. - 8. Jahrhundert)"

Bearbeiter: Dr. Christa Jochum-Godglück/Andreas Schorr, Saarbrücken
Betreuer: Prof. Dr. Wolfgang Haubrichs, Saarbrücken
Projektart: - /Promotion in Germanistik


Das Projekt hat es mit einem kulturellen Faktum, mit vier Kulturen und einer Prämisse zu tun. Das Faktum ist die weitgehende Ablösung des lateinisch-romanischen Namenbrauchs durch ,germanischen' Namenbrauch in weiten Teilen des römischen Imperiums, auch in solchen Teilen, in denen lateinisch-romanische Sprache intakt blieb, während des frühen Mittelalters. Dieses Faktum ist umso erstaunlicher, als sich auf fast allen anderen Gebieten des Lebens und der Kultur die römisch-lateinische Tradition durchsetzte. Die 4 ,Kulturen' (oder Teilkulturen) sind die spätantiken paganen und allmählich sich christianisierenden römischen Kulturen sowie die gentilen (vorwiegend ,germanischen') Kulturen in ihrer heidnischen und ihrer christlichen Ausprägung. Die Prämisse des Projekts, die es zu beschreiben und zu verifizieren gilt, ist, daß es zwischen diesen verschiedenen Kulturen Interferenzen, Austausch und schließlich Akkulturation und Verdrängung gegeben hat.

I

Zunächst einmal gilt es, den Wandel des lateinischen Namensystems in der Spätantike detaillierter zu beschreiben. Der Prozess ist geprägt durch die allmähliche Ablösung der (mindestens) dreiteiligen antiken Namen (Beispiel: Publius Ovidius Naso) durch Einnamigkeit. Eine wichtige Rolle spielten dabei die neu aufkommenden, teilweise aber auch aus alten Reservoiren schöpfenden supernomina . Wenige Typen (es sind die dominanten) seien herausgehoben:

  1. Theriophore Namen (vor allem "aggressiver", gewissermaßen ,kriegerischer' Tiere): z. B. Ursus , Lupus ;
  2. Heilsnamen ("noms de bon augure"), die nicht nur christlich sind, aber seit dem Siegeszug des Christentums verstärkt werden: z. B. Felix , Fortunatus ;
  3. Theophore Namen, d. h. Namen mit Gottesbezug: Dominicus ("zum Herrn gehörig"): z.B. Deusdedit , Adeodatus , Donumdei , Quodvultdeus ;
  4. Biblische Namen: z. B. Samuel , Salomo , Andreas , Petrus , Stephanus etc.

Eine Tendenz, die keineswegs erst mit der Christianisierung beginnt, ist festzustellen: Die Semantisierung und symbolische Aufladung des lateinischen Namensystems (das übrigens in hohem Ausmaß griechisches Namengut integriert), welche eine Periode der stärker funktionalen, auf die Zugehörigkeit zu Familie, Geschlecht, tribus und gens verweisenden Namengebung ablöst bzw. zunächst ergänzt.

Hier ergeben sich bemerkenswerte Konvergenzen zu dem im Bereich der ,germanischen' gentes sich ausbildenden Namensystem. Dieses ist

  1. konstitutiv einnamig;
  2. zunächst stets bedeutungsvoll ("sprechende Namen").

Für die zumeist als Komposition (also wie eine deutsche Zusammensetzung vom Typ Fuß-bank ) gebildeten Namen werden die Elemente aus einem erlesenen Teil des allgemeinen Wortschatzes genommen, vorwiegend aus folgenden Wortfeldern:

  1. Mythos und Kult: z. B. Godes-skalk 'Gottes-knecht' (entspricht lat. servus dei , griech. Theo-dulos );
  2. Kampf und Krieg: z. B. Chlodo-veus < *Hludo-wihaz 'berühmter Kämpfer'; Ansu-gair, -ger 'göttlicher Speer'; Wolf-gang < *Wulfa-gangaz 'der als Wolf geht';
  3. Macht und Herrschaft: z. B. Theoda-rNkaz 'Volks-herrscher';
  4. Werte und Ethos: Adal-bert < *Adal-berhtaz 'der durch seinen Adel Berühmte'.

Es ist deutlich, daß dieses "bedeutungsvolle" Namensystem eng mit der Identität der Adels- und Kriegerschaft ,germanischer' gentes verbunden war. Daß es sehr stark semantisch bestimmt war, läßt sich u. a. aus dem byzantinischen Geschichtsschreiber Prokopios (6. Jh.) entnehmen. Er berichtet, daß ein berühmter gotischer Krieger zugleich Hild-wulf 'Kampf-Wolf' und Gund-wulf 'Streit-Wolf' genannt wurde: Die beiden Synonyme hild- und gund - waren also austauschbar, weil sie semantisch so ähnlich waren. Der Bedeutungsaspekt stand in diesem Fall bei der Namengebung im Vordergrund; sonst wäre der Namenwechsel nicht zu verstehen.

Beim Vergleich der beiden Namensysteme sind mehrere sinnvolle Perspektiven möglich:

  • Wie begegnen sich solche Systeme, z. B. auf den sprachlichen Ebenen von phonetischer Integration, morphologischer Integration usw. (Interferenzproblematik)?
  • Wo begegnen sie sich, z. B. in welchen Regionen oder auf welchen sozialen Ebenen mit welchen Unterschieden und quantitativen Differenzen?
  • Wann lösen sich die Systeme ab oder verschmelzen miteinander (chronologischer Aspekt)?

II

Obwohl ein großes Quellenmaterial bereitsteht, sind diese Kontakt- und Interferenzphänomene bisher weder zureichend beschrieben noch ausreichend verstanden.

Einige Probleme seien zur Illustration herausgegriffen:

Z. B. kommt es entsprechend der teilweisen Christianisierung des römischen Namenschatzes auch zu einer (allerdings geringen) Anreicherung des germanischen Namenvorrats mit christlichen Bildungen:

  1. Guda-theus < Guda-thewaz = Theo-dulos, -us 'Gottes-diener'; Godes-scalc (s. o.):
  2. Kreationen wie im 8. Jh. in Bayern: Himil-drud 'Himmels-kraft', Engil-snota 'Engels-weisheit' etc.

Wie ist dann aber die Resistenz heidnischer Restsemantik in germ. Namen zu erklären ( *alb- 'dämonisches Wesen'; *ansu- 'göttliches Wesen')? Warum aber ist es nirgendwo bei ,Westgermanen' oder ,Ostgermanen' zur Ausbildung von theophoren Namen wie im Norden mit Thor- , Odin- (z. B. Thor-stein ) und andern gekommen?

Romanische Vorbilder haben germanische Namenbräuche beeinflußt: So läßt sich eine erweiternde Variation von Namen (mittels Suffixen) bereits im spätantiken römischen Namensystem (gute Quellen sind Grabdenkmäler und ihre Inschriften) feststellen. Man kann es deutlich an Kaiserfamilien ablesen:

  1. zu constans 'ausdauernd': Constans ? Constantius ? Constantinus ;
  2. zu valens 'kräftig, stark': Valens ? Valentinus ? Valentinianus .

Ebenfalls seit der Spätantike bilden die germ. gentes in ihrem Namensystem mit ihren Sprachmitteln eine Variation durch Änderung des ersten (oder seltener zweiten) Namenelements aus. Als Beispiel diene ein Ausschnitt der merowingischen Familie:

Chlod-wig 'Ruhm-Kämpfer'

Chlot-har           Chlode-mer
'Ruhm-Krieger'          'durch Ruhm bekannt'

Dieses Variationsprinzip läßt sich im frühen Mittelalter an Hunderten von Familien nachweisen. Seine Leistung ist der oben beschriebenen römischen Methode ganz ähnlich: es repräsentiert die familiäre Identität einer Person.

Umgekehrt dringen germ. Elemente und Bräuche in das romanische System hoher Adelsfamilien ein. So war es Brauch, nach hochrangigen Heiraten, auch das Namengut der einheiratenden Familie zu repräsentieren. Z. B. bewahren die Merowinger nach der Heirat Chlodwigs mit der burgundischen Königstochter Chrodechild burgundisches Erbe von Königsnamen und Elementen von Königsnamen: Gunt-har , Gunth-ram , Chilpe-rich (,adiutor fortis', so Venantius Fortunatus). Dem entspricht nun recht genau die Einfügung des typisch burgundischen Namenelements Gund- in romanische Adelsfamilien des burgundischen regnum um 500:

  • Gund-(w)ulfus als Sohn des Genfer Magnaten Florentius (Vorfahrenschaft Gregor von Tours)
  • Gunde-badus (so heißt ein burgundischer König: 476/77?-516) als Sohn des dux Latinus aus Lyon.

Man wird nicht fehlgehen, diese Adaption als den Versuch romanischer Adelsfamilien zu interpretieren, burgundische Identität zu gewinnen, so wie unter anderen Voraussetzungen ca. 100 Jahre vorher Stilicho als römischer Reichsfeldherr seinen Kindern romanische Namen (Maria, Thermantia, Eucherius) gab, um römische Identität zu erwerben.

Neben den Heiratsbindungen, welche Aufnahme fremden Namenguts nach sich zogen, ist dieses Bestreben nach zusätzlicher Identität, diese ,Identitätsleihe' sicherlich der wichtigste Grund für die Umgestaltung der Namensysteme. Es handelt sich dabei jeweils um die Aquisition von symbolischem Kapital. Bleibt die spannende Frage, warum in zentralen Regionen des Merowingerreiches und Italiens trotz 80-90 % Romanenanteil sich die historische Tendenz auf das germanische System zubewegte?

III

Der Prozeß der Umgestaltung formt sich in Kontakt, Interferenz, Integration: Im Laufe von 4 Jahrhunderten gleicht sich das germanische Namensystem in den sprachlich romanisch werdenden Gebieten über langandauernde Stadien der Bilingualität phonetisch und morphologisch an die Zielsprachen an.

Eine phonetische Integration weist zum Beispiel bereits der Name Chlodevicus , Clodoveus u. ä. auf, dessen germanische Form Hludo-wihus durch die Lautsubstitution [hl] > [chl], durch die Senkung von [u] > [o], und in einer zweiten Variante durch den Schwund des intervokalischen [h] plus Senkung [i] > [e] romanisiert wurde. Noch deutlicher natürlich stellt sich die romanische Integration germanischer Namen in dem sehr viel jüngeren Polyptychon von St. Germain-des-Prés (Anfang 9. Jh.) dar. Man wird hier nicht mehr von germanischen Namen reden wollen. Umgekehrt werden romanische Namen in germanisierten Gebieten phonetisch integriert, etwa in Baiern Donatianus > Tonazan mit ahd. [d] > [t], Latinus > Leti(n) mit ahd. Umlaut [a] > [e] usw.

Eines der bemerkenswertesten Phänomene onomastischer Integration und damit auch Zeichen der fortgeschrittenen Akkulturation stellen die Hybridnamen dar. Sie kommen in beiderlei Richtungen vor:

  1. romano-germanische nach dem germanischen Namensystem gebildete Namen wie Flori-bertus , Urs-(w)ulfus, in denen das 1. Element romanisch, das 2. Element germanisch ist, im Ganzen aber die Komposition germanischer zweigliedriger Namen imitiert wird. Sie erscheinen im Merowingerreich im 6./7. Jahrhundert zwischen Loire und Seine, im Osten dagegen später. Im italienischen Langobardenreich gehören sie dem 8. Jahrhundert an.
  2. germanisch-romanische Hybridnamen, in denen germanische Namenelemente gemäß romanischem Brauch mit hypokoristischen Suffixen versehen werden: z. B. Theuda- 'Volk' + rom. Superlativsuffix -issima > Theud-isma im Moselland bzw. in Italien Arn-frid qui et Arn-ucci-olu .

Es scheint, daß die Hybridnamen in den verschiedenen Akkulturationszonen jeweils den Spätphasen der Bilingualität angehören. Auch die Mischung der Elemente und Bedeutungen dürfte Zeichen der Integration sein, die aber zugleich in größerem Maßstab, in der Perspektive des Verlustes der Bilingualität auch Vorbote der Desintegration ist.

*

Namen dienen - so läßt die Skizze dieses Projekts ahnen - familiärer, gentiler und herrschaftlicher Identitätsbildung, zugleich aber auch der Herstellung der Differenz, z. B. religiöser, gentiler, genealogischer Differenz, denn Namen sollen ja auch stets - auch heute -der Differenzierung und Unterscheidung von Personen dienen. Sie sind also Instrumente der Integration und Desintegration zugleich. Unter dem Signum dieser onomastischen "Echternacher Springprozession" ist auch die Verwandlung des europäischen Namensystems im frühen Mittelalter als Zeugnis der Akkulturation zu verstehen.

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Letzte Änderung am 9. November 2005