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Sechs Originalarbeiten Lichtenbergs über die elektrischen Figuren

GEORG CHRISTOPH LICHTENBERG

2 Aus: Novi Commentarii Societatis Regiae Scientiarum Gottingensis, tomus VIII, ad annum 1777. Commentationes physicae et mathematicae classis, p. 168-180. Gottingae, apud Joann. Christian. Dieterich, 1778.
GEORG CHRISTOPH LICHTENBERGS
Erste Abhandlung allgemeine Experimente enthaltend
Über eine neue Methode, die Natur und die Bewegung der elektrischen Materie zu erforschen
Vorgetragen in der öffentlichen Sitzung der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften am 21. Februar 1778.

"Zu den merkwürdigeren Erfindungen, durch die neuerdings die Elektrizitätslehre bereichert worden ist, zählt unstreitig der Elektrophor. Als sein Erfinder ist ohne Zweifel unser ehemaliger Mitbürger Herr WILCKE anzusehen, der aus Wismar stammt und jetzt Professor der Physik in Stockholm ist1. Denn Herr VOLTA ist eigentlich nicht als der Erfinder dieses Instrumentes zu betrachten, obgleich er ihm das prächtige Aussehen eines elektrischen Apparates gegeben und ihm den bleibenden Namen Elektrophor verliehen hat. Zur Herstellung benutzte VOLTA Harz; allerdings ist dieser Stoff geeigneter als Glas, aus dem sich WILCKE schon im Jahre 1762 einen Elektrophor hergestellt hatte, um einige Experimente mit der Leidener Flasche auszuführen. Jedoch ist zu bemerken, daß der Italiener höchstwahrscheinlich nichts von den Experimenten des Stockholmer Physikers gehört hatte; seine Verdienste um dieses Instrument sind aber immer noch als so groß anzusehen, daß es zwar nicht seinen Namen als den des Erfinders, aber doch alles Lob und in jeder Beziehung Auszeichnung verdient2.

Dieses Instrument ist überhaupt als ein merkwürdiges anzusehen: teils wegen der Erscheinungen selbst, die es darbietet, teils auch wegen des Eifers und Tatendranges, von dem die Physiker abermals erfüllt zu sein scheinen, die wunderbaren Eigenschaften der Elektrizität zu erforschen. Dies gilt besonders für die Deutschen, die, was dieses Kapitel der Naturlehre anlangt, größten Teils nichts taten, Spielereien trieben oder hundertmal Wiederholtes abermals wiederholten.

Als es mir vergönnt war, den Elektrophor kennen zu lernen, da gefiel er mir sogleich wegen seiner Einfachheit, seiner ausnehmenden Wirksamkeit und wegen des benutzten Materials, das überall leicht zu beschaffen ist. Und als ich sah, daß ein Instrument von 18 Zoll Durchmesser eine solche Wirkung hervorbringt, wie sie kaum von einer kostspieligen gewöhnlichen Elektrisiermaschine erwartet werden kann, da entschloß ich mich, einen Elektrophor von beträchtlicher Größe anzufertigen. Was mich aber besonders dazu veranlaßte, waren die scheinbaren Abweichungen von den bisher erkannten Erscheinungen; diese glaubte ich, wohl mit Recht, unter Verwendung eines größeren Instrumentes beseitigen zu können. Denn, wenn ich Versuche mit einem größeren Instrument ausführe, so bedeutet das ebensoviel, als wenn ich die dargebotenen Erscheinungen unter dem Mikroskop betrachte: was sich vorher wegen seiner Kleinheit dem schärfsten Auge, selbst bei größter Aufmerksamkeit, entzog, das kann, auf diese Weise vergrößert, den abgestumpftesten Sinnen und dem nachlässigsten und unbedachtsamsten Beobachter nicht mehr für immer unbemerkt bleiben.

Ich stellte mir also einen Elektrophor her, dessen Kuchen aus gewöhnlichem Harz, einer Mischung aus dem Harz des Terpentinbaumes und der burgundischen Kiefer, bestand und sechs Pariser Fuß Durchmesser besaß; der Deckel aber war, da er als Konduktor wirken sollte, ans Zinn und hatte fünf Fuß Durchmesser. An diesem beobachtete ich sogleich viele Erscheinungen, die ich vorher nie gesehen hatte, jedoch größtenteils so beschaffen waren, daß sie in Anbetracht der übermäßigen Größe des Instrumentes nur erwartet werden konnten. Diese übergehe ich aber jetzt und füge nur ein Beispiel an, an dem man die übrigen starken Wirkungen dieses Elektrophors ermessen kann, wenn man sie mit denen vergleicht, die an dem bisher üblichen erkannt und wahrgenommen sind. Es ist mir gelungen, Funken (wenn man die kleinen Blitze ihrer Form und Wirkung wegen so nennen darf) von vierzehn bis fünfzehn Zoll Länge aus dem Elektrophor zu ziehen; zog ich sie mit der Hand heraus, so erschütterten sie heftig den ganzen Körper; gingen die Funken vom Deckel zum Kuchen, was des öfteren unvermutet geschah, so durchbohrten sie manchmal den Kuchen mit auffälligem Knall.

Nun komme ich zum Hauptgegenstand dieser Abhandlung, nämlich zu der Erscheinung, die ich zwar erst am großen Elektrophor beobachtet habe, bald aber auch an den kleinsten Elektrophoren hervorzubringen gelernt habe. Diese Erscheinung ist, wie mir scheint, neu; und ich bin der Überzeugung, daß sie der Physik durch Untersuchungen geschickterer Physiker; die im Besitz einer größeren Instrumentensammlung sind, wohl keinen geringen Nutzen brächte, zumal sie einen Weg weisen könnte, tiefer in die Natur der Elektrizität einzudringen.

Denn es stellt bei diesen Untersuchungen, was die weitere Entwicklung anlangt, eine gewisse Schwierigkeit dar, daß sich die elektrische, wie auch die magnetische Materie, gänzlich unseren Blicken entzieht; und der Vorgang geschieht dort, wo man sie wahrnehmen kann, mit solcher Schnelligkeit und, was auch ohne Zweifel ist, in Begleitung so vieler unsichtbarer Ereignisse, daß sehr oft nichts eindeutig festgestellt werden kann. Davon ausgenommen sind nur die Gestalt des Funkens und die Stelle, wohin er überschlägt; und das halte ich doch nur für den unbedeutenderen Teil der ganzen Erscheinungen. Ist das ein Wunder? Hier handelt es sich nicht um den Ausbreitungsvorgang; er geschieht mit solcher Schnelligkeit, daß irgendein Bewunderer oder auch ein aufrichtiger Beobachter sie vielleicht lieber mit der Schnelligkeit des Blitzes für vergleichbar halten möchte. Hier handelt es sich um den Blitz selbst. Die Physiker haben sich daher mit Recht immer darum bemüht, wenigstens die Hauptmerkmale der Erscheinung mit größter Sorgfalt festzustellen, da sie die Art des Ausbreitungsvorganges selbst nicht wiedergeben konnten. Es dürfte keinem, selbst wenn er nicht allzu große Belesenheit besitzt, unbekannt geblieben sein, mit wie vielen Erzählungen über Gefäße, die vom Blitz durchschlagen worden sind, über geschmolzene Drähte und Münzen usw. die Schriften der Physiker angehäuft sind. Ja, oft haben sie ihre Beobachtungen mit einem Aufwand an Sorgfalt, der bald an Ängstlichkeit grenzt, wiedergegeben, daß es sozusagen als ein Witz anmutet. Sie füllen ganze Bogen, um z. B. in allen Einzelheiten zu beschreiben, wie der Weg des Blitzes von der höchsten Stelle des Schornsteins in die Küche führt. Und wollte man die Beschreibung dieser Vorgänge, die kaum in einem einzigen Augenblick geschehen sind, durchlesen, so würde dazu kaum eine ganze Stunde ausreichen. Weiterhin haben die größten Physiker ihre Aufmerksamkeit den Flecken geschenkt, die die elektrischen Entladungen der Leidener Flasche auf polierten Körpern hervorbringen, sowie den kleinen Löchern, die sie in das Papier schlagen. Unter den glänzenden Erfindungen und neuen Beobachtungen des Herrn PRIESTLEY nimmt diejenige der Ringe nicht die letzte Stelle ein; er erhält diese Ringe, indem er viele Entladungen seiner großen elektrischen Maschine auf Metallplatten übergehen läßt.

Die Experimente, die ich Ihnen, hochgeschätzte Mitglieder und Zuhörer, jetzt zur Prüfung unterbreiten will, übertreffen noch, davon bin ich überzeugt, die eben erwähnten an Schönheit und Wichtigkeit; an Schönheit aus folgendem Grunde: wenn diese elektrischen Versuche auch nicht zur Klasse der glänzenden gehören, so können sie dennoch mit ihnen um den Vorzug streiten, und ich zweifle nicht, daß meinem Apparat (was in der Tat keine geringe Empfehlung ist) irgendwann einmal ein Platz unter den Taschenspielern zugewiesen wird. Was die Wichtigkeit anlangt, so geben sie erstens den Naturforschern leicht ein Mittel an die Hand, die Natur der elektrischen Materie auf eine ähnliche Art zu untersuchen wie die Wirksamkeit der magnetischen Materie, die man dadurch nachweist, daß man auf einen Magneten Feilstaub streut. Zweitens lehren sie, daß auf elektrisch geladenen Körpern, besonders Nichtleitern, Veränderungen vorgehen, über die die Physiker bisher nur geäußert hatten, daß sie vorhanden sein sollen; und schließlich ist noch zu sagen, daß diese Versuche dazu beitragen könnten, die übrigen Naturerscheinungen zu erklären.

Die Veranlassung, diese Erscheinung zu beobachten, war die folgende: Zu Beginn des Frühlings des Jahres 1777 war mein Elektrophor gerade fertiggestellt. In meinem Zimmer war noch alles voll von feinstem Harzstaub, der beim Abhobeln und Glätten des Kuchens und Deckels emporgestiegen war und sich später an die Wände und auf die Bücher gelegt hatte. Entstand eine Luftbewegung, so setzte er sich zu meinem großen Verdruß oft auf den Deckel des Elektrophors nieder. Aber erst nachdem ich den Deckel des öfteren an der Decke des Zimmers aufgehängt hatte, da geschah es einmal, daß sich der Staub auf den Kuchen niedersetzte und ihn nun nicht, wie es vorher auf dem Deckel geschehen war, gleichmäßig bedeckte, sondern sich zu meiner größten Freude an bestimmten Stellen zu Sternchen anordnete. Sie waren zwar anfangs matt und schwer zu sehen; als ich aber absichtlich mehr Staub aufstreute, wurden sie sehr deutlich und schön und glichen oft einer erhabenen Arbeit. Es zeigten sich bisweilen fast unzählige Sterne, Milchstraßen und größere Sonnen. Die Bogen waren an ihrer konkaven Seite matt, an ihrer konvexen Seite mannigfaltig mit Strahlen verziert. Herrliche kleine Ästchen entstanden, denen ähnlich, die der Frost an den Fensterscheiben hervorbringt; kleine Wolken in den mannigfaltigsten Formen und Graden der Schattierung und endlich mancherlei Figuren von besonderer Gestalt waren zu sehen.

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Abbildung 2.1

Die Abb. 2.1 enthält eine solche mit kleinen Sternchen. Aber ein höchst angenehmes Schauspiel bot sich mir dar, als ich sah, daß sich diese Figuren kaum zerstören ließen. Hatte ich den Staub vorsichtig mit einer Feder oder einer Hasenpfote abgewischt, so konnte ich dennoch nicht verhindern, daß die kurz vorher zerstörten Figuren gewissermaßen von neuem und noch herrlicher wieder erstanden. Ich bestrich daher ein Stück schwarzes Papier mit einer klebrigen Masse, legte es auf die Figuren und drückte leise darauf. So gelang es mir, einige Abdrucke von den Figuren zu machen. Sechs dieser Abdrucke habe ich der Königlichen Gesellschaft vorgelegt. Diese neue Art der Druckerei war mir sehr willkommen, um überhaupt schnell weiter zu kommen; denn ich hatte weder Lust noch Zeit, die Figuren alle abzuzeichnen oder zu zerstören.

Alle Figuren auf dem Elektrophor, von denen bisher gesprochen worden ist, hatte der Zufall erzeugt; die Art ihrer Erzeugung war mir wenigstens bisher vollkommen unbekannt. Denn ich hob nur den Deckel auf, streute Harzstaub auf den Kuchen, und was dann an Sternen zum Vorschein kam, verdanke ich nur dem Glück, das unmittelbar darauf auch schon anfing, seine Gaben mit sparsamerer Hand zu verteilen. Als ich nämlich sah, daß die Wirkung des Elektrophors durch das aufgestreute Pulver und die Figuren selbst ziemlich verringert wurde, hielt ich es für notwendig, ihn des öfteren abzuwischen und von neuem zu elektrisieren, wodurch die Figuren zugleich - wenn ich so sagen darf - von Grund aus zerstört wurden. Ich war daher müde, diese unbeständige Methode der Erregung weiter zu verfolgen und hatte auch genug von der Spielerei mit den Versuchen. Das Gefühl des Reizes, das ich bei der Betrachtung der neuen Erscheinungen gehabt hatte, war nunmehr verschwunden. Ich fing also an, über die schon gemachten Experimente sorgfältig nachzudenken und die bereits vorhandenen genauer zu betrachten. Da erinnerte ich mich an das Knistern der Funken, das von dem Teil des Elektrophors, kam, der, sobald ich ihn mit Pulver bestreut hatte, am dichtesten mit Sternen bedeckt war. Hierdurch wurde es also wahrscheinlich, daß die Figuren ihre Entstehung entweder dem Übergang der elektrischen Materie vom positiv geladenen Deckel über die Harzflächen in die untere Umhüllung, oder wenigstens dem Einströmen in die Oberfläche des Harzkuchens verdanken. Hiervon wurde ich bald überzeugt, als ich meine Versuche nachts anstellte und sah, daß vom Deckel zum Kuchen leuchtende Büschel herübergingen, deren Projektionen auf dem Kuchen nun die Sterne selbst waren. Ich fand auch, daß die Elektrizität des Kuchens an jener Stelle positiv war; denn wenn ich einen kleinen Deckel darauf setzte und in üblicher Weise abhob, so trug er negative Elektrizität. Nun sah ich den Weg für ein neues und genügend weites Betätigungsfeld offen und schöpfte neuen Mut. Ich legte daher als erstes kleine Scheibchen ans Stanniolfolie auf den Elektrophor. Diese wurden von dem abgehobenen Deckel abgestoßen und gleich danach wieder zum Kuchen zurückgezogen; dabei führten sie Kreisbewegungen aus, und ihre Wege waren durch die niedlichsten Strahlen kenntlich gemacht. Die Spitzen aufgesetzter Körper, z. B. die eines Zirkels, wurden mit Strahlenkränzen umgeben. Blechrohre, deren Enden mit polierten Kügelchen versehen waren, brachten die prächtigsten Sonnen hervor, wenn sie auf den Kuchen gesetzt wurden, usw. Nachdem ich die Ursache dieser Erscheinungen somit entdeckt hatte, fing ich an, kleinere Elektrophore zu benutzen, und ich fand, daß auch mit diesen alle Versuche ohne allzu große Mühe gemacht werden konnten. Damit aber diese Elektrophore von jedem leicht und ohne vergebliche Versuche hergestellt werden können, will ich meinen Apparat kurz beschreiben und zwar besonders die Konstruktion meines doppelten Elektrophors, der zu diesen und vielen anderen Versuchen sehr geeignet ist.

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Abbildung 2.2

Ein kleines Brett, z. B. aus Lindenholz, von länglicher Gestalt (Abb. 2.2 [Fig. 1]), ungefähr zwei Fuß lang, ein Fuß breit und ein Zoll dick, wird zunächst mit dünnem Stanniol oder Blattgold so überzogen, daß der Rand des Holzes überdeckt wird; hierauf wird es mit einer Einfassung mit dünnem und biegsamem Holz umgeben und zwar so, daß sie über die Fläche der Belegung um zweieinhalb Linien herausragt. Sodann wird sie mit einigen Metallnägeln befestigt. Hat man dann diese Schüssel - denn so sieht das Gerät nun aus - mit einer Wasserwaage gerichtet, so wird sie bis zum Rande mit einer Harzmischung gefüllt. Die Mischung besteht aus gewöhnlichem und burgundischem Harz, mit etwas Terpentin versetzt, damit sie geschmeidiger ist und leichter ohne Beschädigung erstarrt. Nun wurde der Deckel, zehn Zoll im Durchmesser, angefertigt und an seidenen Fäden aufgehängt (Abb. 2.2 [Fig. 2]). Er muß aus Zinn bestehen; es kann aber auch mit Stanniol überzogenes Holz oder Pappe Verwendung finden. Den meinigen stellte ich aus Lindenholz her. Die untere Seite wird etwas ausgehöhlt. Bevor sie mit Stanniol belegt wird, wird sie mit Pergament, Leinwand oder mit dickerem Papier überspannt (Abb. 2.2 [a b, Fig. 3]), um eine vollkommenere und sanftere Berührung mit der Oberfläche des Harzes zu erreichen. Dieser Deckel kann in P und auch in N (Abb. 2.2 [Fig. 1]) auf den Elektrophor gestellt werden, sodaß er von der Einfassung einen Zoll Abstand hat, und die Kreise selbst, die der Deckel in den beiden angegebenen Lagen einnimmt, einen Zwischenraum von zwei Zoll besitzen.

Um den Elektrophor zu erregen, wende ich eine höchst einfache und zugleich wirksame Methode an, die die Beachtung der Physiker verdient. Angenommen, dem Elektrophor fehle jede Ladung. Wollen wir nun dem Deckel positive Elektrizität zuführen - wir bezeichnen sie immer mit dem Zeichen + E -, so wird der Teil P (Abb. 2.2 [Fig. 1]) durch weiches Reiben mit der trockenen Hand oder mit einem Kügelchen, das aus dem Bart einer Schreibfeder zusammengerollt wurde, ein wenig erregt. Dann setzt man den Deckel auf P, stellt die Verbindung zwischen dem Deckel und einem Nagel der Einfassung her, indem man den Deckel mit dem Daumen, den Nagel mit dem Mittelfinger gleichzeitig berührt. Nun hebt man ihn mit der rechten Hand an den seidenen Schnüren ab und bringt die + E, wie wenig es auch sei, auf die Röhre oder auf irgend einen anderen Metallkörper, den man in N aufgelegt hat. Darauf schiebt man die Röhre mit dem Finger, oder falls man gerade einen idioelektrischen Körper, z. B. eine Schreibfeder oder eine Siegellackstange usw. zur Hand hat, ein wenig hoch und verfährt wie vorher angegeben. Hat man diese Verfahren drei oder vier mal wiederholt, immer die + E des Deckels auf die innerhalb N liegende Röhre gebracht, und jeweils die Röhre an eine neue Stelle gerückt, so wird gewechselt: man stellt die Röhre innerhalb P und den Deckel innerhalb N auf, der nun - E trägt, wenn man ihn abhebt. Ist also die mit - E geladene Röhre innerhalb P aufgestellt, und fährt man nun abwechselnd so fort, Deckel und Röhre bald auf die eine, bald auf die andere Seite zu setzen, so wird man bald erkennen, daß P dem Deckel eine starke + E, N aber eine starke - E erteilt. Auf diese Weise habe ich gesehen, daß der Elektrophor, der anfangs in Fünkchen, die kaum so groß wie Pulverkörner waren, und in N gar keine hervorbrachte, innerhalb vier Minuten durch sich selbst so verstärkt wurde, daß der Deckel eineinhalb Zoll lange Funken + E und - E gab. Setzt man den Deckel des Elektrophors in P und N so auf, daß die Teile der Kreisflächen, die von ihm bedeckt werden, im umgekehrten Verhältnis der Intensität ihrer + E und - E stehen, so zeigt er gar keine Elektrizität, wenn man ihn abhebt. Bedeckt man gleiche Teile, so ist seine Elektrizität gleich der Summe der Elektrizität beider Kreise P und N, wenn der Deckel abgehoben wird.

Nach diesen Vorbereitungen wird jeder die folgenden Experimente leicht anstellen können. Nur muß man noch einige gegossene Scheiben ans Gummilack oder aus gewöhnlichem Harz zur Hand haben. Hinreichend geeignet sind auch Scheiben aus gefärbtem Schwefel, Siegellack oder gefärbtem Glas. Man braucht auch verschiedene Röhren, die entweder in einen Knopf oder in eine scharfe Spitze enden, usw., ferner Harzpulver, Schwefelpulver, Glasbecher, Lycopodium, etwas Leinen, eine Leidener Flasche, an der eine Kette befestigt ist, usw.

Experiment I

Die Röhre mit dem polierten Knopf wird auf eine Scheibe ans Gummilack oder aus gewöhnlichem Harz gesetzt (Abb. 2.2 [Fig. 4]). In den Knopf läßt man einen Funken + E überschlagen. Nimmt man nun die Röhre mit der bloßen Hand fort und streut Pulver auf die Scheibe, so wird eine strahlende Sonne erscheinen, wie sie in Abb. 2.3 abgebildet ist. Hebt man aber die Röhre mit einem idioelektrischen Körper ab, so fehlt der schwarze Ring, aus dem die Strahlen hervorschießen.

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Abbildung 2.3:

Experiment II

Wird die Röhre mit - E geladen und dann mit der bloßen Hand fortgenommen, so erscheint jene Figur, die wir in Abb. 2.4 dargestellt haben. Benutzt man zum Abheben einen idioelektrischen Körper, so wird eine andere Figur erzeugt, bei der die kleinen schwarzen Ästchen fast ganz fehlen. Hier muß ich noch bemerken, daß ich, nachdem die Figur der Abb. 2.3 schon fertig war, des öfteren Figuren gesehen habe, die mit drei oder mehreren konzentrischen Kreisen umgeben waren; sie wurden durch die positive Elektrizität hervorgebracht. Da es aber nicht meine Absicht ist, alles zu beschreiben, was ich gesehen habe, und für andere auch noch etwas zu tun übrig bleiben soll, um die Figuren zu sehen, so will ich nicht mehr Figuren beifügen; meine Hypothesen spare ich mir für eine andere Abhandlung auf.

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Abbildung 2.4:

Experiment III

Man lege eine Scheibe aus Gummilack auf eine kurze Röhre und stelle die vorher benutzte Röhre darauf, so wie es Abb. 2.2 [Fig. 5] zeigt. Sodann führe man der Stelle A + E zu. Es wird dann auf der oberen Seite der Scheibe eine strahlende, auf der unteren eine negative strahlenlose Figur entstehen. Sie sehen zwar nicht ganz so aus wie die hier abgebildeten, aber ihre Ähnlichkeit mit diesen Figuren wird auch ein ungeübtes Auge leicht erkennen. Auf diese Art könnte man die Elektrizität durch mehrere Scheiben gleichzeitig hindurchgehen lassen und ihren Weg untersuchen. Nimmt man statt der + E die - E, so ist alles umgekehrt.

Experiment IV

Man stelle eine Leidener Flasche auf die Harzscheibe und führe ihr - E zu. Dann wird auch die auf der Scheibe erzeugte Figur zu der Klasse der positiven, im anderen Falle, wenn man der Leidener Flasche - E zuführt, wird die Figur zur Klasse der negativen gehören. Ein aufmerksamer Beobachter wird hier viele Unterschiede finden. Ich habe die schönsten Ringe, elliptische und kreisförmige Flecken gesehen. Brachte ich das Auge näher heran, so erkannte ich in ihnen wiederum Ellipsen, konzentrische Kreise und zarteste Linien, die aus der Oberfläche des Pulvers heraustraten. Die schönsten Figuren dieser Art, deren Entstehung und Regelmäßigkeit so bewunderungswürdig ist, daß ich es mit Worten garnicht ausdrücken kann, erhielt ich, wenn ich ein gemeines Bierglaß`, das mit Wasser gefüllt war, auf die Scheibe aus Gummilack setzte, und mit der schon oft genannten Röhre dem Wasser + E und - E zuführte (Abb. 2.2 [Fig. 6]).

Experiment V

Hier kann auch eine neue Art der Steganographie wiedergegeben werden, auf die ich durch Zufall kam, und die jedem, der einen Genuß an der Betrachtung der Natur hat und nicht völlig abgestumpft ist, den schönsten Anblick verschaffen wird. An der äußeren Belegung einer Leidener Flasche ist eine Kette befestigt. Die Leidener Flasche (Abb. 2.2 [Fig. 7]) lade ich nun mit - E voll auf. Dann bringe ich mit der einen Hand die Kette an den Nagel D der Einfassung, mit der anderen fasse ich die äußere Belegung der Flasche. Führe ich nun mit dem Knopf C die verschiedenartigsten Bewegungen auf der Oberfläche des Elektrophors aus und streue dann Pulver darauf, so lassen sich die ausgeführten Bewegungen sogar noch nach mehreren Tagen sehr schön wahrnehmen, und die Figuren sehen ähnlich aus, wie die Kränze des Schachtelhalms. Isoliert man aber den Elektrophor, hält den Knopf der Flasche an den Nagel der Einfassung und führt mit den Gliedern der Kette Bewegungen aus (Abb. 2.2 [Fig. 8]), so sehen die Figuren wie Perlenschnüre aus.

Aus Zeitmangel will ich nun nicht noch mehr Experimente beschreiben, und ich halte es meiner Ansicht nach auch nicht für notwendig. Aber ich will ein einziges noch besonders anführen, weil es mir bisher nur zweimal gut gelungen ist und daher kaum von allgemeinen Ursachen abhängen kann. Ich tröpfelte soviel Wasser auf die Oberfläche meines großen Elektrophors, daß ein Kreis von ungefähr einem Zoll Durchmesser gebildet wurde, stellte die Röhre in die Mitte dieses Kreises und führte ihr - E zu. Wurde nun Harzpulver auf das Wasser gestreut, so zog sich das Pulver zu einer Ringfläche zusammen, die aber in den hier betrachteten Fällen unvollständig war. Es fehlte nämlich der elliptische Teil a (Abb. 2.2 [Fig. 9]); von ihm wurde das Pulver zurückgestoßen. Dagegen entstand außerhalb der Ringfläche eine andere größere Ellipse A, die das Pulver anzog. Die Ursache dieser Erscheinung ist mir bisher noch unbekannt geblieben. Es ist aber wahrscheinlich, daß zwischen a und A eine geheimnisvolle Leitung bestand. Alle, die sich mit diesen Versuchen befassen werden, werden ähnliche Erscheinungen in Hülle und Fülle sehen; ihre Erklärung wird für die Theorie der Elektrizität von großem Nutzen sein. Im folgenden führe ich noch einige Vorsichtsmaßregeln und Beobachtungen an.

2) Man muß die Scheiben gut abwischen; denn die Figuren lassen sich schwer zerstören, und können bei mehrfacher Benutzung der Scheiben eine Folge mehrerer Wirkungen sein; und doch sollen sie nur die Folge einer einzigen sein. Hat man aber das Pulver abgewischt, so kann man die Wirkung der Elektrizität durch einen einzigen Hauch leicht und vollständig vernichten.

3) Zum Aufstäuben ist feinstes Schwefel- oder Harzpulver, das sich in einem Leinensäckchen befindet, und feinster Metall-Feilstaub zu verwenden.

4) Es wäre vielleicht nützlich, ähnliche Versuche unter Benutzung einer Luftpumpe anzustellen.

5) Ich habe Harzscheiben auf einen Magneten gelegt und die feinsten Eisenfeilspäne darauf gestreut, aber bis jetzt nichts Besonderes wahrnehmen können.

6) Um konzentrische Kreise hervorzubringen, sind Röhren, die mit Spitzen versehen sind, geeigneter als andere.

7) Bei den oben beschriebenen Versuchen muß man die Harzscheiben auf leitende oder anelektrische Körper stellen.

8) Die konzentrischen Kreise und Ringe, die ich beide in diesen Versuchen gesehen habe, lenken den Blick auf die geistreichen Schlußfolgerungen von Herrn WILCKE3 und auf die Erklärungen der elektrischen Pausen von Herrn GROSS 4, worüber später noch berichtet wird."


Fußnoten:

1Siehe K. Svenska Vetenskaps Academiens Handlingar för å r 1762 [Band 23, S. 206-229 und 245-266: Ytterligare Rön och Försök om Contraira Electriciteterne vid Laddningen och därtil hörande delar]

2Wie den einzigartigen Namen, so erfand auch Herr VOLTA die höchst geistreiche Methode, die Wirkung des Elektrophors in jedem beliebigen Grade zu steigern; an keinem anderen in Gebrauch befindlichen elektrischen Apparat war dies bisher in solcher Weise geschehen.

3Kongl. Vetenkaps Akademiens ttandlingar för å r 1777.

4Elektrische Pausen (Leipzig 1776); [Bericht hierüber in den von] Rozier [hrsg.] Observations sur la physique etc.10 (Paris 1777) S. 235-237 .


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Mailto: Olaf Skibbe
Last modified: Mon Jul 10 22:42:42 CEST 2006