Heidelberger Akademie der Wissenschaften
Dictionnaire onomasiologique de l’ancien gascon
Wörterbuch der altgaskognischen Urkundensprache

Gaskognisch, autonome Sprache oder Mundart?

Bislang gibt es kein Wörterbuch, das den Wortschatz der altgaskognischen Sprache gesondert darstellt. Das einzige umfassende lexikographische Werk ist ein Wörterbuch zum Teilgebiet der Bearnesischen und der Mundart von Bayonne aus dem 19. Jh. (V. Lespy/P. Raymond, Dictionnaire béarnais ancien & moderne, 1887), das in einer 1997 überarbeiteten, aber nicht erweiterten Neuauflage vorliegt.

Karte der Gascogne mit eingezeichneter Sprachgrenze
Karte der Gascogne mit eingezeichneter Sprachgrenze

Gaskognisch kann neben Französisch, Frankoprovenzalisch und Okzitanisch als viertes Sprachgebiet der Galloromania bezeichnet werden.

Es ist umstritten, ob Gaskognisch als eigene Sprache zu werten oder als Mundart des Okzitanischen einzugliedern ist.

Des Fragekomplexes zur Autonomie des Gaskognischen in der Südromania hat sich im 20. Jahrhundert vor allem Kurt Baldinger (1919-2007) angenommen und das Forschungsprojekt zur Sprache Südfrankreichs im Mittelalter ins Leben gerufen. Mit der Schaffung des Altgaskognischen Wörterbuchs (siehe DAO/DAG) begann man, das bis dahin vernachlässigte Sprachgebiet der Romania lexikographisch zu erforschen. In sprachlicher Sicht bildet das Gaskognische eine Einheit sui generis. Seine phonetischen und lexikalischen Eigenheiten, seine Syntax räumen ihm den Status einer eigenständigen Sprache ein.

Auch wenn die Fachwelt vermehrt dazu tendierte, das Gaskognische dem Okzitanischen als Mundart anzugliedern, herrscht Einigkeit über die Sonderstellung des Idioms im okzitanischen Sprachraum. Die jüngsten Forschungen zum Protogaskognischen von Jean-Pierre Chambon und Yan Greub (Revue de Linguistique romane 60,2002,473-495) festigten Kurt Baldingers klar getroffene Stellungnahme zum Gaskognischen und zeigten, dass sich bereits um 600 das Protogaskognische ausgebildet hat, also zu einer Zeit, als sich das Okzitanische noch nicht konstituiert hatte.


Ausschnitt aus der Weltkarte (Mappemonde) des Beatus de Saint-Sever (11. Jh.),
deutlich erkennbar: Aquitania, Wasconia

Dazu gehört auch bereits die Aussprache b für v, die Joseph Justus Scaliger (1540-1609) später zu dem berühmten Wortspiel über die Gascogner verleitete: Felices populi, quibus vivere est bibere.

Die geographische Randlage der Gaskogne zwischen Pyrenäen, Atlantik und Garonne prägte das Gaskognische in ethnischer wie sprachlicher Sicht. Es zählt zu der Sprachgruppe der pyrenäischen Einheit, die den Übergang vom Gallo- zum Iberoromanischen bildet. Schaut man sich die Einschätzung des Altgaskognischen von den Zeitgenossen an, so stellt man fest, dass das Gaskognische bereits im Mittelalter als eigene Sprache verstanden wurde, zumindest in Abgrenzung zur Hochsprache der Troubadours. In den Leys d’Amors, einem grammatikalischen und poetologischen Kompendium von ca. 1350 zählte es als lengatge estranh zu den Fremdsprachen, aufgeführt zusammen mit Französisch, Englisch, Spanisch und Lombardisch.

Quellen und zeitlicher Rahmen

Der DAG ist ein Wörterbuch der altgaskognischen Urkundensprache. Er umfasst den Wortschatz der mittelalterlichen Sprachstufe des Gaskognischen und seinen Varietäten (Bearnesisch, Landinisch, alte Mundart der Gascogne toulousaine).


Ausschnitt aus den Coutumes d'Agen: Bestrafung von Ehebrechern

Ausgewertet wird die gaskognische Skripta vom Beginn ihrer schriftlichen Überlieferung im 11. Jh. bis zum Jahr 1300. Die Beschränkung auf die frühen volkssprachlichen Quellen schafft ein einheitliches Korpus von nicht-literarischen Texten, da erste schöngeistige Texte erst zu Beginn des 14. Jhs. auftreten. Die Auswertung der Urkundensprache gewährt manchen Einblick in die lebendige Sprachentwicklung der Volkssprache, die durch die formelhafte juristische Ausdrucksweise schimmert. Die Gegenstände der Prozesse und Verordnungen waren Menschen und ihre täglichen Probleme, so findet man die allgemeine Umgangssprache eher in Urkunden als in der Sprache der Literatur. Ein Wörterbuch der Urkundensprache ist daher nicht nur für Linguisten von Bedeutung, sondern auch für Historiker und Volkskundler.

Die Quellentexte sind juristischer und administrativer Art: Gesetze, notarielle Schreiben, Verordnungen, Verwaltungsdokumente, gerichtliche Akten, Steuerlisten, Testamente, Akten zum Lehnswesen u.a.