Psychiatrie im Nationalsozialismus

Zusammensetzung der Arbeitsgruppe:
Dr. Gerrit Hohendorf
Dr. Maike Rotzoll
Dr. Petra Fuchs
Dr. Paul Richter

Kooperationspartner:
Prof. Dr. Wolfgang Uwe Eckart
Institut für Geschichte der Medizin der Universität Heidelberg

Dr. Thomas Beddies
Institut für Geschichte der Medizin - Charité Universitätsmedizin Berlin

Prof. Dr. Volker Roelcke
Institut für Geschichte der Medizin JLU Gießen

Dr. Martin Roebel
Universitätsklinikum Jena
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie

 

 

 

Konstantin Klees (1885-1940)
Verbotener Eingang!, undatiert
Sammlung Prinzhorn


Forschungsschwerpunkte und Ziele:


Die Arbeitsgruppe ist hervorgegangen aus einem ursprünglich studentischen Arbeitskreis "Medizin im Nationalsozialismus", der 1989/1990 eine viel beachtete Vorlesungsreihe zum Thema organisierte (vgl. Hohendorf, G.; Magull-Seltenreich, A. (1990): Von der Heilkunde zur Massentötung, Heidelberg: Wunderhorn). Anschließend beschäftigte sich die Arbeitsgruppe mit der Geschichte der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg während des Nationalsozialismus und führte umfangreiche Recherchen im Archiv der Klinik, im Universitätsarchiv Heidelberg, im General-Landesarchiv Karlsruhe, im Haupstaatsarchiv Wiesbaden, im Bundesarchiv Berlin und Koblenz, im Militärarchiv Freiburg, im Archiv der Genealogisch-Demographischen Abteilung des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München sowie in einer Reihe von Klinikarchiven durch. Im Mittelpunkt der Untersuchungen steht der damalige Ordinarius für Psychiatrie Carl Schneider, der einerseits für die Begutachtung von Patienten zur Zwangssterilisation verantwortlich war, andererseits eine explizit erbbiologisch und rassenhygienische Forschungsausrichtung der Klinik initiierte. In diesem Zusammenhang konnte die enge Zusammenarbeit mit Ernst Rüdin von der deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie in München und dem späteren Leiter der medizinischen Abteilung der "Euthanasie"-Dienststelle in der Berliner Tiergartenstraße 4 Hermann Paul Nitsche herausgearbeitet werden. Die Beteiligung Carl Schneiders an der Begutachtung der Meldebögen für die "T4" genannte Tötungsaktion an den Anstaltspatienten, sein gleichzeitiges Eintreten für eine Intensivierung der psychiatrischen Forschung und für die modernen Schocktherapieverfahren ermöglichte es ihm, innerhalb des organisatorischen Rahmens der "Euthanasie"-Dienststellen der Kanzlei des Führers ein auch finanziell gefördertes Forschungsprojekt zu installieren, das der ursprünglichen Planung entsprechend umfangreiche Grundlagenforschungen zur Schizophrenie, zum Schwachsinn und zur Epilepsie beinhalten sollte. Realisiert wurde zunächst eine Forschungsabteilung als Außenabteilung der Heidelberger Klinik in der Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch und später die Forschung an über 50 geistig behinderten Kindern in der Heidelberger Klinik selbst. 21 von diesen Kindern sind nach Abschluss der Untersuchungen in der Heidelberger Klinik im Rahmen der sog. Kindereuthanasie in die Kinderfachabteilung der Heil- und Pflegeanstalt Eichberg/Rheingau verlegt und dort durch Überdosierung von Morphium und Luminal ermordet worden. Ihre Gehirne sollten dann anschließend in der Heidelberger Klinik untersucht werden, um eine endgültige differentialdiagnostische Klärung zwischen erblich/angeborenen und erworbenen Schwachsinnformen zu ermöglichen. An die 21 ermordeten Kinder erinnert ein Mahnmal, gestaltet von dem Bildhauer Rolf Schneider, das am 8. Mai 1998 mit einem feierlichen Gedenkakt enthüllt wurde. Begleitend fand ein wissenschaftliches Symposium zur Ideengeschichte, zur Realität und zu den Fortwirkungen der nationalsozialistischen "Euthanasie" statt, zu dem namhafte Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus dem In- und Ausland eingeladen waren. Die Beiträge der Gedenkveranstaltung und des wissenschaftlichen Symposiums liegen mittlerweile in einer Publikation vor:
Mundt, Ch.; Hohendorf, G.; Rotzoll, M. (Hrsg): Psychiatrische Forschung und NS-"Euthanasie", Heidelberg: Wunderhorn 2001.

Die in einer Reihe von Einzelveröffentlichungen bisher publizierten Forschungsergebnisse der Arbeitsgruppe sollen, erweitert durch neues Archivmaterial, demnächst in einer ausführlichen Monographie zur Geschichte der Heidelberger Klinik im Nationalsozialismus zusammen getragen werden. Wichtig war der Arbeitsgruppe auch, soweit möglich, Kontakt mit den heute noch lebenden Angehörigen der getöteten Kinder aufzunehmen und entsprechende Zeitzeugen-Interviews durchzuführen. Zeitzeugen-Interviews wurden auch mit noch lebenden Beteiligten der damaligen Forschungsabteilung bzw. deren Angehörigen durchgeführt. Zum Schicksal der Heidelberger Patienten und Patientinnen im Nationalsozialismus hat Frau Sara Bienentreu eine Dissertation abgeschlossen. Sie konnte zeigen, dass von den 1936 bis 1945 in andere Anstalten verlegten Patientinnen und Patienten mindestens 211 in den verschiedenen Phasen der NS-"Euthanasie" getötet wurden. Das entspricht einem Anteil von 18,9%. Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeitsgruppe ist die Auseinandersetzung mit aktuellen Themen der Ethik in der Medizin, die aus der historischen Erfahrung der Psychiatrie im Nationalsozialismus heraus diskutiert werden. Es entstanden Vorträge und Publikationen zur aktuellen Euthanasie-Debatte und zur Frage der Forschung an nicht einwilligungsfähigen Personen.

Die Arbeitsgruppe hat sich darüber hinaus nach dem Auffinden eines Teils der bislang als verschollen geltenden Krankenakten von Patienten, die der systematischen "Euthanasie"-Aktion T4 1940 bis 1941 zum Opfer fielen, intensiv dafür eingesetzt, dass dieser Bestand im Bundesarchiv zusammen gehalten, konserviert und archivisch erschlossen wird. Diese Arbeiten konnten im Sommer 2000 im Bundesarchiv abgeschlossen werden. Ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziertes Projekt zur Aufarbeitung der Krankenakten begann 2002 mit einer Vorstudie an insgesamt 185 zufällig ausgewählten Krankenakten. Das DFG-Projekt hat zum Ziel, die Krankenakten in einer größeren Stichprobe systematisch zu untersuchen, um noch offene Fragen zum tatsächlichen historischen Ablauf der ersten systematisch durchgeführten Massentötungen im Nationalsozialismus zu klären, und um ein statistisch abgesichertes Bild der Gruppe der Opfer nach ihrer sozialen und regionalen Herkunft, nach Art und Dauer des Anstaltsaufenthaltes und nach der in den Akten vorfindlichen diagnostischen, therapeutischen und prognostischen Beurteilung zu zeichnen. Darüber hinaus sollen exemplarisch die Lebenswege ermordeter Patienten aufgezeigt werden. Die Arbeitsgruppe hat weiterhin im Frühjahr 1999 die gesamten, in der Klinik verstreuten historischen Aktenbestände gesichert und inventarisiert. Die Akten sind mittlerweile Bestandteil eines neu eingerichteten kleinen historischen Archivs. Außerdem ist die Arbeitsgruppe regelmäßig an den Treffen des "Arbeitskreises zur Erforschung der nationalsozialistischen "Euthanasie und Zwangssterilisation" beteiligt und vertritt den Arbeitskreis auch im Beirat eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projektes zur Inventarisierung aller Quellen zur NS-"Euthanasie".

Die Arbeitsgruppe war wesentlich an der Vorbereitung der Ausstellung "Todesursache: Euthanasie" beteiligt, die den 19 bisher namentlich bekannten "Euthanasie"opfern unter den Patientenkünstlern der Sammlung Prinzhorn gewidmet war. Die Ausstellung war von Herbst 2002 bis Frühjahr 2003 in der Sammlung Prinzhorn zu sehen. Der Ausstellungskatalog ist im Wunderhorn-Verlag erschienen:
Brand-Claussen, Bettina; Roeske, Thomas; Rotzoll, Maike (Hg.) (2002). Todesursache: Euthanasie - Verdeckte Morde in der NS-Zeit. Heidelberg: Sammlung Prinzhorn/ Das Wunderhorn
Vgl. auch Rotzoll, Maike; Brand-Claussen, Bettina; Hohendorf, Gerrit (2002). Carl Schneider, die Bildersammlung, die Künstler und der Mord. In: Fuchs, Thomas; Jádi, Inge; Brand-Claussen, Bettina; Mundt, Christoph (Hg.): Wahn Bild Welt - Die Sammlung Prinzhorn - Beiträge zur Museumseröffnung, Heidelberger Jahrbücher 46/2002, Berlin, Heidelberg, New York: Springer: 41-64

Zur Zeit beschäftigt sich die Arbeitsgruppe ausserdem mit der Frage von "Euthanasie"tötungen oder Verlegungen in sogenannte Kinderfachabteilungen an der Heidelberger Universitätskinderklinik. Der entsprechende Krankenaktenbestand konnte auf Initiative der Arbeitsgruppe im Frühjahr 2001 in Zusammenarbeit mit Herrn Dr. Moritz vom Universitätsarchiv Heidelberg vor dem Verfall gerettet und in das Universitätsarchiv übernommen werden.

 

Publikationen der Arbeitsgruppe:

Hohendorf, Gerrit; Magull-Seltenreich, Achim (Hg.) (1990): Von der Heilkunde zur Massentötung - Medizin im Nationalsozialismus. Heidelberg: Wunderhorn

Roelcke, Volker; Hohendorf, Gerrit (1993): Akten der "Euthanasie"-Aktion T4 gefunden. Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 41: 479-481

Roelcke, Volker; Hohendorf, Gerrit; Rotzoll, Maike (1994): Psychiatric research and ‚euthanasia'. The case of the psychiatric departement at the University of Heidelberg, 1941-1945. History of Psychiatry 5: 517-532

Hohendorf, Gerrit; Roelcke, Volker; Rotzoll, Maike (1996): Innovation und Vernichtung - Psychiatrische Forschung und "Euthanasie" an der Heidelberger Psychiatrischen Klinik 1939-1945. Der Nervenarzt 67: 935-946

Hohendorf, Gerrit; Roelcke, Volker; Rotzoll, Maike (1997): Von der Ethik des wissenschaftlichen Zugriffs auf den Menschen: Die Verknüpfung von psychiatrischer Forschung und "Euthanasie" im Nationalsozialismus und einige Implikationen für die heutige Diskussion in der medizinischen Ethik. In: Hamann, Matthias; Asbeck, Hans (Hg): Halbierte Vernunft und totale Medizin - Zu Grundlagen, Realgeschichte und Fortwirkungen der Psychiatrie im Nationalsozialismus. Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik 13, Berlin, Göttingen 1997: 81-106

Hohendorf, Gerrit (1998): Engagiert und Nachdenklich - Menschen mit Behinderungen in der biomedizinischen Forschung und Praxis (Kongreßbericht). Dr. med. Mabuse 23, Heft 113: 24-25

Roelcke, Volker; Hohendorf, Gerrit; Rotzoll, Maike (1998): Erbpsychologische Forschung im Kontext der "Euthanasie": Neue Dokumente und Aspekte zu Carl Schneider, Julius Deussen und Ernst Rüdin. Fortschritte der Neurologie Psychiatrie 66: 331-336

Rotzoll, Maike; Hohendorf, Gerrit; Scheuing, Hans-Werner (Hg.) (1998): Frühjahrstagung 1998 Arbeitskreis zur Erforschung der Geschichte der "Euthanasie" und Zwangssterilisation Heidelberg/Schwarzach 7.-10. Mai 1998. Typoskript Heidelberg 1998

Roelcke, Volker; Hohendorf, Gerrit; Rotzoll, Maike (1999): Neue Dokumente und Aspekte zu Ernst Rüdins Haltung gegenüber der nationalsozialistischen "Euthanasie" Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik 15 (Flüchtlingspolitik und Fluchthilfe): 142-143

Hohendorf, Gerrit; Weibel-Shah, Stephan; Roelcke, Volker; Rotzoll, Maike (1999): Die "Kinderfachabteilung" der Landesheilanstalt Eichberg 1941 bis 1945 und ihre Beziehung zur Forschungsabteilung der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg unter Carl Schneider. In: Vanja, Christina; Haas, Steffen; Deutschle, Gabriella; Eirund, Wolfgang; Sandner, Peter (Hg.): Wissen und irren. Psychiatriegeschichte aus zwei Jahrhunderten - Eberbach und Eichberg (Historische Schriftenreihe des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen, Quellen und Studien 6). Kassel 1999: Eigenverlag des LWV Hessen: 221-243

Hohendorf, Gerrit; Roelcke, Volker; Rotzoll, Maike (1999): Innovation without Ethical Restriction - Remarks on the History and Ethics of Psychiatric Research at the University of Heidelberg, 1941-1945. In: Engstrom, Eric J; Weber, Matthias M; Hoff, Paul (Hg.): Knowledge and Power - Perspectives in the History of Psychiatry, Berlin 1999: Verlag für Wissenschaft und Bildung: 173-179

Roelcke, Volker; Hohendorf, Gerrit; Rotzoll, Maike (2000): Psychiatrische Genetik und "Erbgesundheitspolitik" im Nationalsozialismus: Zur Zusammen-arbeit zwischen Ernst Rüdin, Carl Schneider und Paul Nitsche. In: Nissen, G.; Badura, F. (Hg.): Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Nervenheilkunde 6, 2000: 59-73

Roelcke, Volker; Hohendorf, Gerrit; Rotzoll, Maike (2000): Psychiatrische Forschung, "Euthanasie" und der "Neue Mensch": Zur Debatte um Menschenbild und Wertsetzungen im Nationalsozialismus. In: Frewer, Andreas; Eickhoff, Clemens (Hg.): "Euthanasie" und die aktuelle Sterbehilfe-Debatte - Die historischen Hintergründe medizinischer Ethik. Frankfurt/New York 2000: Campus: 193-217

Roelcke, Volker; Hohendorf, Gerrit; Rotzoll, Maike (2001): Psychiatric Research and "Euthanasia": The Case of the Psychiatric Departement at the University of Heidelberg, 1941-1945 (überarb. Nachdruck von 1994). Psychoanalytic Review 88: 275-294

Mundt, Christoph; Hohendorf, Gerrit; Rotzoll, Maike (Hg.) (2001): Psychiatrische Forschung und NS-"Euthanasie" - Beiträge zu einer Gedenkveranstaltung an der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg. Heidelberg: Wunderhorn

Roelcke, Volker; Hohendorf, Gerrit; Rotzoll, Maike (2001): Die Forschungsabteilung der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg 1943-1945 und ihre Verwicklung in die nationalsozialistische "Euthanasie". In: MUNDT, CHRISTOPH; HOHENDORF, GERRIT; ROTZOLL, MAIKE (Hg.): Psychiatrische For-schung und NS-"Euthanasie" - Beiträge zu einer Gedenkveranstaltung an der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg, Heidelberg 2001: Wunderhorn: 41-62

Rotzoll, Maike; Hohendorf, Gerrit (2001). Ein Projekt zur Auswertung der T4-Krankenakten aus dem Bestand R 179 des Bundesarchivs Berlin. In: Bundesarchiv (Hg.): Frühjahrstagung 12.-14. Mai 2000 in Berlin-Lichterfelde des Arbeitskreises zur Erforschung der nationalsozialistischen "Euthanasie" und Zwangssterilisation, Berlin 2001: 51—65

Hohendorf, Gerrit; Rotzoll,Maike; Richter, Paul; Eckart, Wolfgang; Mundt, Christoph (2002): Die Opfer der nationalsozialistischen "Euthanasie-Aktion T4". Erste Ergebnisse eines Projektes zur Erschliessung von Krankenakten getöteter Patienten im Bundesarchiv Berlin. Nervenarzt 73: 1065-1074

Hinz-Wessels, Annette; Fuchs, Petra; Hohendorf, Gerrit; Rotzoll, Maike (2005): Zur bürokratischen Abwicklung eines Massenmordes. Die "Euthanasie"-Aktion im Spiegel neuer Dokumente. Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 79-107