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100 Jahre Universitätsgottesdienst in der Peterskirche

von Prof. Dr. Adolf Martin Ritter, Heidelberg

Am 27. März dieses Jahres jährte sich zum hundertsten Male der Tag, an dem ein Vertrag zwischen der Ruprecht Karls Universität (vertreten durch Prorektor H. Bassermann) und der evangelischen Kirchengemeinde Heidelberg (vertreten durch Stadtpfarrer W. Hönig) unterzeichnet wurde. Danach stellt "die evangelische Kirchengemeinde Heidelberg ... der Universität zur Abhaltung ihrer Universitäts- und Seminargottesdienste die heizbar gemachte Peterskirche nebst Orgel und Glocken zur Verfügung". Die Gottesdienste dürfen ab 11.00 Uhr an allen Sonn- und Feiertagen stattfinden, mit Ausnahme solcher, an denen größere (und darum sich länger hinziehende) Abendmahlsfeiern in den Heidelberger evangelischen Kirchen stattfinden. Die Universität bestellt und honoriert Organisten, Blasebalgtreter und Läutepersonal. Der Kirchendiener der nahegelegenen Providenzkirche amtiert gegen besondere Vergütung auch in der Peterskirche. Das Klingelbeutelopfer (heute Opfer am Ausgang) wird dem Lokalkirchenfonds zugeführt. Fällt der Universitätsgottesdienst auf einen Sonn- oder Festtag, "an welchem in der Gemeinde (heute Kirchenbezirk) eine Kollekte erhoben wird, so wird diese auch im Universitätsgottesdienst erhoben und an die Gemeinde abgeliefert". Weitere Bestimmungen betreffen die Heizung, die Wartung der Orgel und die Reinigung der Kirche[1].

Dieser Vertrag ist zwar im Laufe der Zeit noch mehrfach verändert worden[2], nicht zuletzt deshalb, weil neue Benutzer wie das Kirchenmusikalische Institut (KI) und die Evangelische Studentengemeinde (ESG) berücksichtigt werden mußten; nach Querelen über die Anschaffung einer neuen Orgel zwischen dem damaligen KI (heute Hochschule für Kirchenmusik der Ev. Landeskirche in Baden) und dem Universitätsmusikdirektorat (inzwischen nicht mehr existent) ist er gar Mitte der 80er Jahre vom Evangelischen Oberkirchenrat Karlsruhe (als Vertreter des Unterländer Ev. Kirchenfonds) gekündigt worden, so daß seit längerem ein vertragsloser Zustand herrscht. Das alles ändert aber nichts daran, daß es seit der Vertragsschließung vom 27.3.1896 in der (nun heizbaren) Peterskirche sommers wie winters regelmäßigen Universitätsgottesdienst gibt.

Vorausgegangen war diesem Vertragsabschluß im Jahre 1838 eine Vereinbarung zwischen der Ev. Kirchengemeinde Heidelberg und der Direktion des im Januar desselben Jahres "bei" der Heidelberger Universität errichteten "evangelisch protestantischen Prediger Seminars" (heute Praktisch-Theologisches Seminar)[3], wonach während des Semesters jeden Sonntag nach dem Gemeindegottesdienst um 11.00 Uhr ein Universitäts- oder Seminargottesdienst abgehalten werden kann, und zwar sommers über in der Peterskirche, im Winter dagegen in der Providenzkirche, weil erstere nicht beheizbar war. Da jedoch die Providenzkirche für Gemeindezwecke dringlich benötigt wurde (es ist von 500 600 Besuchern im Gottesdienst und mehreren hundert Kindern im Kindergottesdienst die Rede), schlug der Ev. Kirchengemeinderat in einer Eingabe an den Engeren Senat der Universität vom 16.5.1895 vor, die Peterskirche mit Unterstützung der Universität heizbar zu machen und sie ganz - außer an Festtagen (an denen sie für gemeindliche Zwecke gebraucht wurde) - der Universität zur Verfügung zu stellen. So wäre dem Universitätsgottesdienst "in der St. Peterskirche, welche von jeher in einer inneren Beziehung zur Universität stand, eine sichere und schöne Stätte angewiesen, in welcher er nach keiner Seite hin beengt und gestört wäre"[4]. Der Senat machte sich diesen Vorschlag zueigen; auch das zuständige Ministerium in Karlsruhe erklärte sich einverstanden und bereit, sich an der Heizbarmachung der Kirche im folgenden Haushaltsjahr mit einem größeren Betrag zu beteiligen. So stand dem Vertragsabschluß im März 1896, nach Einverständniserklärung des Ministeriums der Justiz, des Kultus und Unterrichts vom 14.2.1896, nichts mehr im Wege.

In der Zeit vor dem 2. Weltkrieg war es jeweils der Inhaber des praktisch theologischen Lehrstuhls, der als Universitätsprediger in der Regel die Universitätsgottesdienste selbst zu halten hatte; dazu trug er die Verantwortung für die Seminargottesdienste, welche Lehrer und Kandidaten des Praktisch-Theologischen Seminars zur gemeinsamen Feier von Predigtgottesdienst und Abendmahl zusammenführten und den Kandidaten die Gelegenheit boten, ihre Kenntnisse als Prediger und Liturgen zu erproben. Seit 1896 waren dies der schon erwähnte Heinrich Bassermann (bis 1909), sodann Johannes Bauer (1910-1929/31) und Renatus Hupfeld (1931/32-1950); dazu kam als ordentlicher Honorarprofessor (seit 1918) der Pfarrer an der Christuskirche und Kirchenrat Otto Frommel (1936 in den Ruhestand getreten), den J. Bauer und vor allem der ihm befreundete R. Hupfeld (beide standen im "3. Reich" der "Bekennenden Kirche" nahe) gern an den Universitätsgottesdiensten beteiligten. Von ihm ging als Prediger wohl die größte Ausstrahlung aus, was außer seiner poetischen Begabung auch damit zusammenhing, daß er unter seinen praktisch-theologischen Kollegen wohl mit der größten Sensibilität und Offenheit auf die brennenden Fragen der Zeit, vor allem die politischen und sozialen, einging[5].

Zur Illustration sei einzig angeführt, was der im hautnahen Kontakt mit der "sozialen Frage" im Mannheimer Arbeitermilieu aufgewachsene, aus dem Weltkrieg völlig vernichtet und zerschlagen zurückgekehrte Erwin Eckert (1893 1972), später dann sehr geschätzter Seelsorger der Mannheimer Jungbuschpfarrei, Sozialdemokrat, schließlich Kommunist, der 1931 (nach einer langen Konfliktgeschichte) unter größtem öffentlichem Aufsehen (weit über Baden hinaus) aus dem Kirchendienst entfernt wurde, an Studieneindrücken festgehalten hat. Es ist nicht zuletzt ein Echo auf J. Bauer als praktisch theologischen Heidelberger Lehrer. In seinem Brief an seine Braut vom 20.3.1919[6] schreibt E. Eckert u. a.: " … Als ich gestern von Dir ging, war ich voller Freudigkeit. Dann ging ich nach Heidelberg zur Preispredigtkritik. Ich hab, um's kurz zu sagen, dem Geheimrat Bauer den Zimt vor die Füße geworfen ... ich war fast rasend … ." Bauer hatte Anstoß genommen an Eckerts letztem Satz eines Predigtentwurfs, der lautete: "Christus-Arbeit heißt Arbeit für die andern, für die Gesamtheit bis zum letzten Atemzug". Eckert fährt fort: "Es ist zum Verrücktwerden. Ich bin aufgefahren. Mir war's, als ob einer giftige Eisen in meinen Körper schlägt überall … Ich bin ganz zerschlagen, aber den Spaß mache ich ihnen nicht. Ich werde Pfarrer, und wenn ich's nicht in der Kirche werde. Ich werde den Menschen predigen ... Es ist so unbequem, die Wahrheit zu hören und echtes Leben zu spüren ... Es kommt furchtbar. Sie sehen ja nichts, die Törichten. Der Kampf aller gegen jeden, der Geist der Geheimräte, der ‚vergangenen' wertvollen Zeit wird nicht ruhen, bis wir auch in Deutschland ein furchtbares Chaos haben, ein fürchterliches Gottesgericht über die Verblendeten. Sie wollen ja nicht den einzigen Weg gehen für das gleiche Recht aller zur Freiheit aller, sie wollen wieder, wie's war, die Reichen und Besitzenden: Herrschen und Drücken. Besänftigen, wenn's zu schlimm wird, und Zeter schreien … ."[7]

Ihr besonderes Gepräge erhielt die Ära Bassermann durch die Gründung des Bachvereins und die Zusammenarbeit mit dem weit über Heidelberg hinaus bekannten und angesehenen Philipp Wolfrum, die der Kirchenmusik auch in den Universitätsgottesdiensten einen ganz hohen Stellenwert sicherten. J. Bauer und Wolfrums Nachfolger Hermann Meinhard Poppen, der in Universität, Landeskirche und Stadt gleichermaßen engagiert war, knüpften daran an. Ein Höhepunkt der Ära R. Hupfeld vor Kriegsende war gewiß das 100jährige Jubiläum des Praktisch-Theologischen Seminars 1938, das u. a. mit einem vielbesuchten Festgottesdienst in der Peterskirche und einem Festvortrag in der Alten Aula begangen werden konnte. Die Festpredigt von R. Hupfeld[8] und der Festvortrag von O. Frommel[9] legen beredtes Zeugnis von der Tapferkeit der beiden praktischen Theologen ab.

In der Predigt über den Text Joh 15, 5. 8 fehlt auch nur die leiseste Verbeugung vor dem Zeitgeist, nicht jedoch der Hinweis auf die schwere, krisenreiche Stunde der Kirche, in der sich die Festgemeinde versammele! Es liege "ein schwerer Druck" auf diesem Fest. "Wenn es doch am Tage liegt, daß offenbar die Kirche, wie man uns immer wieder zuruft", so es denn um "ihren Beitrag zum Leben des Volks" geht, "ganz gründlich ,versagt', was wollen wir dann noch"? "Als ein äußerlich Unscheinbarer", antwortet der Prediger, "steht der Weinstock, der Eine, den Gott uns zum Lebensspender gesetzt hat, inmitten der Welt. Er hatte keine Gestalt noch Schöne; als Verachteter, Verworfener, zum Tode Verurteilter, Gekreuzigter sehen wir ihn vor uns. Wir hätten ihn vielleicht gern anders. Heute meinen manche, ihn nur für unser deutsches Volk retten zu können, wenn sie ihn zu einem Eichbaum umschaffen, wenn sie etwas Imponierendes aus ihm machen, das allein einer Welt, die nun einmal am glänzenden Schein hängt, einleuchten kann. Aber es hängt alles daran, daß wir ihn den schlichten Weinstock bleiben lassen … ."[10]

Im gleichen Sinne bekennt sich der Festvortrag von O. Frommel beherzt zu dem "starken Umschwung in der Lage der evangelischen Theologie" nach dem (1.) Weltkrieg. Nach der Vorherrschaft der "historisch-kritischen, vom Idealismus stark beeinflußten Denkweise" um die Jahrhundertwende sei "nun eine Wendung nach der biblizistischen und in der Nachkriegszeit nach der reformatorisch-symbolischen (sc. bekenntnismäßigen) Seite deutlich hervor"getreten. Nun "wurde der Einfluß von Lehrern wie Kähler, Schlatter, Heim und Althaus - nach dem Kriege von K. Barth (!), E. Brunner (!), Gogarten (einst selbst Schüler unseres Seminars) immer stärker fühlbar ... Man wird wohl sagen dürfen, daß sich unsere Anstalt dem Drängen lebendiger Kräfte, wie es sich in dem Aufbruch einer neuen theologischen Besinnung ankündigte, zu keiner Stunde versagt hat."[11] Gegen Ende des Vortrags wird dann allerdings, kurz und nicht eben besonders enthusiastisch, auf "die große Wende unseres deutschen Geschickes durch die Errichtung des Dritten Reiches" Bezug genommen und die Bereitschaft der Seminarangehörigen erklärt, "mit den ihnen verliehenen Kräften am Aufbau eines neuen Deutschland in der Gefolgschaft des großen Führers mitzuwirken"; indem aber im gleichen Atemzug auf die "ernsten und z. T. schwierigen Probleme, vor die unsere Kirche durch den deutschen Aufbruch gestellt wurde", abgehoben und als noch offene Frage bezeichnet wird, "wie im neuen Reich eine neue, im reformatorischen Sinn evangelische, auf Schrift und Bekenntnis gegründete und zugleich von wahrhaft nationalem und sozialem Geist erfüllte Kirche erstehen könne"[12], zeigt sich der Redner bemüht, eine allzu direkte politische Stellungnahme bewußt zu vermeiden, und stattdessen von dem Gedanken geleitet: "Kirche muß Kirche bleiben", so, wie es schon auf der grundlegenden Barmer Synode der "Bekennenden Kirche" (Mai 1934) allgemeine Überzeugung gewesen war[13]. Daß jedoch die säuberliche Unterscheidung zwischen "kirchlichem" und "politischem Widerstand" am Ende nicht zu halten sei, mag dem Festredner immerhin bereits gedämmert haben.

Dennoch wird man sagen müssen, daß die Universitätsgottesdienste unter Hupfelds Ägide das verbreitete Schweigen in akademischen wie kirchlichen Kreisen Heidelbergs (und nicht nur Heidelbergs) über die Untaten des Nationalsozialismus (einschließlich der durch das Berufsbeamtengesetz und die antisemitischen Gesetze der Folgezeit herbeigeführten Ausschaltung rassisch oder politisch mißliebiger Mitglieder des Heidelberger Lehrkörpers in drei Phasen bis 1940 hin) kaum merklich durchbrochen haben[14].

Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß bei anderem Kriegsausgang die Geschichte der Theologischen Fakultät in Heidelberg und damit auch die der Universitätsgottesdienste in der Peterskirche keine Fortsetzung gefunden hätte. In sicherer Voraussicht dessen bemühte sich deshalb der (politisch angepaßte) Dekan der Fakultät schon Jahre vorher um eine Umsetzung seiner Professur in die Philosophische Fakultät, allerdings vergebens[15]. So aber begann nach Ende des 2. Weltkrieges, trotz aller äußeren Schwierigkeiten, für die Fakultät und auch die Universitätsgottesdienste wohl die glanzvollste Periode ihrer bisherigen Geschichte. Eine völlig neue Fakultät wuchs heran, mit in aller Welt klangvollen Namen bis zum heutigen Tag. Und nachdem die durch einen (nicht durch Kriegseinwirkungen, sondern durch einen Kurzschluß herbeigeführten) Dachstuhlbrand verursachten Schäden, teilweise in Eigenarbeit von Studierenden und Professoren, nach und nach hatten behoben werden können, nahmen auch die Universitätsgottesdienste einen Aufschwung, mit dem niemand hatte rechnen können. Alle Professoren der Engeren Fakultät, später auch Privatdozenten, beteiligten sich jetzt am Predigtdienst, unterstützt von dem Studentenpfarrer und dem Rektor des neugegründeten badischen Kandidatenkonvikts (Petersstift). Die Gottesdienste in der Peterskirche waren in der Regel bis auf den letzten Platz besucht. Um den vielen jungen Besucherinnen und Besuchern eine Erinnerung schenken zu können, sind insgesamt vier Sammlungen mit Predigten aus dem Heidelberger Universitätsgottesdienst im Druck vorgelegt worden[16], darunter ein Heft mit Predigten ausschließlich des damaligen Studentenpfarrers (Martin Schröter), bevor- und befürwortet von dem großen Alttestamentler, feinsinnigen Prediger und unbestechlichen Predigthörer Gerhard von Rad, was zeigt, wie wenig "hierarchisch" man damals zu denken in der Lage war.

Inzwischen ist vieles passiert und auch manches anders geworden. Natürlich sind die berüchtigten "68er Jahre" auch an den Peterskirchengottesdiensten nicht spurlos vorbeigegangen. Einige Male wurden Prediger, die zu "konservative" Ansichten zu vertreten schienen, von der Kanzel heruntergeschrien und ihre Gottesdienste gesprengt.

Über eine dieser Aktionen, die Sprengung eines von D. Frieder Schulz (damals Rektor des Petersstiftes) geleiteten Gottesdienstes, heißt es in dem Bericht eines Augenzeugen - es ist der inzwischen verstorbene, unvergessene Albrecht Peters (31.3.1924-26.10.1987)[17]: Erinnert wird "an eine ungute, ja schreckliche Situation … , wenn dies auch kaum vernarbte Wunden anrühren mag, an jenen unglücklichen Sonntag, an welchem" F. Schulz "von der Kanzel heruntergeschrien und sein Gottesdienst gesprengt wurde. Studenten wollten dennoch eigenmächtig Abendmahl halten; da bin ich in die Sakristei gegangen, habe den Talar angezogen und, nachdem die Streitenden aus der Kirche gebeten und die Willigen noch durch Edmund Schlink herzugerufen waren, das Abendmahl gehalten. Dabei markierten die Worte zum Friedensgruß präzise die Situation und bekamen für mich neue Leuchtkraft. Es war gut, da die Agende in der Aufregung vergessen war, sie vom Mittwoch früh her auswendig sprechen zu können: Erkennet euch in dem Herrn/keiner sei wider den andern/keiner ein Heuchler/vergebet, wie euch vergeben ist/nehmet euch untereinander auf, wie Christus euch aufgenommen hat/zum Lobe des Vaters: Der Friede des Herrn sei mit euch allen!".[18]

Es hat damals ohne jede Frage Verletzungen - auf mehreren Seiten - gegeben, von denen ich - als Nichtbeteiligter - vermute, daß sie nicht gänzlich unvermeidlich waren und nur von besonders Hartgesottenen nicht im nachhinein bedauert worden sind. Doch ich kann und will - als nicht unmittelbar Beteiligter eben - nicht urteilen, wohl aber versichern, daß all diese Zwiste für diejenigen, die sich heute in der Peterskirche zum Gottesdienst versammeln, nicht die geringste Rolle mehr spielen.

Das Jubiläum dieser Gottesdienste gibt Anlaß, über ihren Sinn heute und morgen nachzudenken; nur wo es zu solcher Selbstbesinnung führt, ist es überhaupt berechtigt, von ihm Notiz zu nehmen. - Was also könnte es für die Heidelberger Universität bedeuten, daß - sommers wie winters, während des Semesters wie in den "Ferien" - Sonntag für Sonntag in der Peterskirche Universitätsgottesdienst gefeiert wird? Ich will darauf - in Anlehnung an die Predigt von Prof. Dr. Dr. M. Welker im Gottesdienst am 5. Mai d. J. (im Rahmen der diessemestrigen Predigtreihe über das Thema "Suchet der Stadt Bestes [Jer 29, 7]. Vom Auftrag der Christen zwischen Himmel und Erde") - in möglichster Kürze wie folgt antworten: Aus der Perspektive des christlichen Glaubens heraus kann der Universität - wie der "Stadt", in der wir leben - von ihren christlichen "Bürgern" gar kein größerer Dienst geleistet werden als, daß sie sich von ihnen erinnern läßt an - das Kommen des Gottesreiches (vgl. Lk 10, 11), an den Anbruch Seiner Herrschaft. Was das heißt: "das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen", lehrt am anschaulichsten und bündigsten das Vaterunser (Mt 6, 9-13; Lk 11, 2.3). Gottes Reich kommt da nahe herbei, wo Sein Name geheiligt wird und Sein Wille geschieht, nicht nur im Himmel, sondern auch auf Erden; wo das tägliche Brot dem zuteil wird, der es braucht, und wo Vergebung der Sünden geschieht; wo man vor Versuchung bewahrt wird und bewahrt und Erlösung von dem Bösen erfährt und erfahrbar machen hilft.

Man könnte die gestellte Frage auch so beantworten, daß die tiefgreifenden Wandlungen in den Beziehungen von Religion und Wissenschaft mit erfaßt werden. G. Theißen, mein neutestamentlicher Kollege und hochgeschätzter Mitprediger in den Universitätsgottesdiensten, hat dafür vor Jahren folgendes treffende Bild gebraucht: "Einst war die Religion Regierungspartei, die Wissenschaft Opposition. Als Oppositionspartei diente sie einem selbstbewußt werdenden Bürgertum, sich von den Mächten der Vergangenheit (einschließlich der Religion) zu emanzipieren. Sie brachte die Verheißung eines besseren Lebens. Der schon lange regierenden Religion wurden dagegen alle Übel der Vergangenheit zugerechnet. Inzwischen wurde die Wissenschaft Regierungspartei. Von ihr geschaffene Technik und Verwaltungsapparate regieren unser Leben von der Geburt bis zum Grab. Nun geht es der Wissenschaft wie jeder langjährigen Regierungspartei: Sie wird für alle Übel verantwortlich gemacht ... Die Wissenschaft muß heute in einer Öffentlichkeit um Anerkennung werben, die dazu neigt, sich von den Grundlagen ihrer eigenen Kultur emotional zu distanzieren - von Wissenschaft, Technik, Wirtschaft und rationeller Verwaltung". Wie könnte angesichts dessen die Religion, die im allgemeinen akzeptiert hat, daß sie von der Regierungs- auf die Oppositionsbank wechselte, reagieren? Sie könnte zum einen in Anbetracht der Zunahme neuer irrationaler Strömungen eine "große Koalition" mit der wissenschaftlich verwalteten Welt eingehen und sich dabei als bewährte Form anbieten, Irrationalität zu domestizieren. Sie könnte sich zum andern "an die Spitze der Oppositionsbewegung gegen die wissenschaftlich verwaltete Welt setzen und die modische Kritik an Wissenschaft und Technik anführen. Anstelle einer ‚großen Koalition' hätten wir dann eine außerparlamentarische Opposition, die sich darauf berufen könnte, daß sich aus ihren Quellen immer schon der Aufstand der Phantasie, der Sensibilität und Irrationalität gegen die rational verwaltete Welt genährt hat". - Mit G. Theißen möchte ich indessen für einen "dritten Weg plädieren: Religion sollte in der wissenschaftlich verwalteten", in unserer "Welt die konstruktive Opposition einer kognitiven Minderheit sein, die sich ihrer Verantwortung bewußt ist, auch wenn sie nicht in der Regierung sitzt."[19]

Das der Welt der Wissenschaft zu vermitteln, allen, die sie betreiben oder doch dabei behilflich sind, zu verdeutlichen, darum geht es seit hundert Jahren in den Universitätsgottesdiensten in der Heidelberger Peterskirche; darum wird es auch zukünftig gehen müssen.

Erstveröffentlichung in: Heidelberger Jahrbücher 40 (1996), S.235-245 (mit drei Abbildungen), und (ohne dieselben) wieder abgedruckt in: A.M. Ritter, Vom Glauben der Christen und seiner Bewährung in Denken und Handeln. Ges. Aufs. zur Kirchengeschichte, Mandelbachtal-Cambridge 2003, S.243-249.

[1] UAH A 542/11.

[2]Am 30.7.1914; 23.8.1939 nebst Nachtrag vom 3./13.2.1940; 14.6.1952.

[3]Vgl. O. Frommel, Das Heidelberger Praktisch-Theologische Seminar in den hundert Jahren seines bisherigen Bestehens, in: Hundert Jahre Praktisch-Theologisches Seminar der Universität Heidelberg. Zur Erinnerung an die Gedenkfeier am 16. Juni 1938, Heidelberg 1938, 17-49; W. Eisinger, Das Heidelberger Praktisch-Theologische Seminar. "Pflanzschule" und Seminar für junge Theologen, in: SEMPER APERTUS. Sechshundert Jahre Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg 1386 1986, hg. v. W. Doerr, Bd. II, Berlin usw. 1985, 29 48.

[4]Zum Text der Eingabe s. o., Anm. 1.

[5]Vgl. dazu auch das entsprechende (kurze) Kapitel bei K.H. Fix, Universitätstheologie und Politik. Die Heidelberger Theologische Fakultät in der Weimarer Republik, Heidelberg 1994 (= Heidelb. Abhandl. z. Mittleren u. Neueren Geschichte, NF 7), 85 92.

[6]Zit. bei F.M. Balzer, Miszellen zur Geschichte des deutschen Protestantismus, Marburg 1990, 211f. (hier wird der Brief übrigens auf den 10. März 1919 datiert, anders als in: derselbe / K.U. Schnell, Der Fall Erwin Eckert, Köln 1987, 22).

[7]Vgl. auch E. Eckerts eindrucksvolle biographische Einlassung vor dem zweiten kirchlichen Dienstgericht am 12.6.1931 (zit. bei F.M. Balzer / K.U. Schnell, Der Fall Erwin Eckert … , 168ff.: "Die Kirche, die Pfarrer schwiegen. - Das Studium vertiefte diesen Eindruck von der Kraftlosigkeit der Kirche und der Theologie den konkreten Aufgaben des Lebens gegenüber in mir. Der Krieg mit seiner ganzen Grauenhaftigkeit des gegenseitigen Mordens, die ungezählten Nahkämpfe und Todesnähe, die Verantwortung für die von mir zum Sterben Geführten ließen mich in der Tiefe erschrecken vor der Sinnlosigkeit und der Gottesferne einer Gesellschaft, die den Krieg geradezu verherrlicht, um der Vorteile willen, die sie sich daraus erhoffte. - Die politischen Kämpfe nach dem Krieg, die Revolution, vor allem in Rußland, erschienen mir wie ein Gericht von Gott über die faul gewordene Ordnung unserer Zeit … " [169]).

[8]In: Hundert Jahre Praktisch-Theologisches Seminar der Universität Heidelberg (s. o., Anm. 3), 3-16.

[9]s. o., Anm. 3.

[10]A. a. O., 12f.

[11]Ebenda, 44.

[12]Ebenda, 46f.

[13]S. dazu etwa A.M. Ritter, Die Bekenntnissynode zu Barmenn - Epoche oder Episode, in: ZevKR 32 (1987) 518 534. Zu dem nicht geringen, weiterhin aber vielfach unterschätzten Resistenzpotential, das in diesem Ansatz beschlossen liegt, s. das unverdächtige Zeugnis A. Rackwitz', eines nahen Freundes Eckerts, der in einer Rede auf der sozialistischen Kulturkonferenz am 28.1.1947 in Berlin erklärte: "Es ist vollständig richtig, daß man einen Fehler begeht, wenn man den Kampf der Bekennenden Kirche als einen politischen Kampf oder als einen Kampf gegen den Faschismus ansieht. Das ist er nicht gewesen. Es lassen sich sehr viele und wunderliche Beispiele dafür anführen, daß die führenden Männer der Bekennenden Kirche den Nationalsozialismus politisch sehr nahe standen ... Dennoch hatte der Kampf der Bekennenden Kirche eine große politische Wirkung ausgeübt, und weil ich das sah in einer Zeit, als alle sozialistische Betätigung in der Öffentlichkeit unmöglich war, habe ich mich 1935/1936 auch entschlossen, in die Bekennende Kirche einzutreten, die die einzige Stelle war, an der Hitler Schiffbruch erlitt. Es gelang ihm nicht, aus der Kirche das zu machen, was er daraus machen wollte. Weithin in der Öffentlichkeit, auch in der Partei (gemeint ist die kommunistische bzw. die SPD) rückte die Kirche dadurch in ein neues Licht" (zit. bei G. Jankowski / K. Schmidt, Arthur Rackwitz. Christ und Sozialist zugleich, Hamburg 1976, 23f.). - Dem hat eine kritisch-selbstkritische Kirchengeschichtsschreibung auch im Jahre 1996 im Grunde nichts hinzuzufügen!

[14]Zu Hupfelds politischer Einstellung, die diese Zurückhaltung begünstigte, s. nochmals K.H. Fix (s. o., Anm. 5), 185-198.

[15]Vgl. dazu S. Siegele-Wenschkewitz, Die Theologische Fakultät im Dritten Reich. "Bollwerk gegen Basel", in: SEMPER APERTUS ... (s. o., Anm. 3), Bd. III, Berlin usw. 1985, 504-543; hier: 539.

[16]Veröffentlicht in der Reihe: Pflüget ein Neues, H. 8. 11/12.13/14.15/16, Göttingen 1959, 1963-1965.

[17]Vgl. zu ihm jetzt das schöne Porträt von G. Rau in: Geschichte der Seelsorge in Einzelporträts, Bd. III, hg. v. Chr. Möller, Göttingen 1996, 325-340, sowie meine Gedenkpredigt in: A.M. Ritter, Charisma und Caritas. Aufsätze zur Geschichte der Alten Kirche, Göttingen 1993, 339-342.

[18]A. Peters, Gebetswachen in neuer Gestalt. Überlieferung Erfahrung Gestaltung, in: Festschrift für Frieder Schulz. Freude am Gottesdienst, hg. v. H. Riehm, Heidelberg 1988, 428-456; hier: 429.

[19]G. Theißen, Biblischer Glaube in evolutionärer Sicht, München 1984, 15f.

 

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zuletzt aktualisiert: 10.01.2005