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100
Jahre Universitätsgottesdienst in der Peterskirche
von Prof. Dr. Adolf Martin Ritter, Heidelberg
Am 27. März dieses Jahres jährte sich zum hundertsten Male der
Tag, an dem ein Vertrag zwischen der Ruprecht Karls Universität
(vertreten durch Prorektor H. Bassermann) und der evangelischen
Kirchengemeinde Heidelberg (vertreten durch Stadtpfarrer W. Hönig)
unterzeichnet wurde. Danach stellt "die evangelische Kirchengemeinde
Heidelberg ... der Universität zur Abhaltung ihrer Universitäts-
und Seminargottesdienste die heizbar gemachte Peterskirche nebst
Orgel und Glocken zur Verfügung". Die Gottesdienste dürfen ab 11.00
Uhr an allen Sonn- und Feiertagen stattfinden, mit Ausnahme solcher,
an denen größere (und darum sich länger hinziehende) Abendmahlsfeiern
in den Heidelberger evangelischen Kirchen stattfinden. Die Universität
bestellt und honoriert Organisten, Blasebalgtreter und Läutepersonal.
Der Kirchendiener der nahegelegenen Providenzkirche amtiert gegen
besondere Vergütung auch in der Peterskirche. Das Klingelbeutelopfer
(heute Opfer am Ausgang) wird dem Lokalkirchenfonds zugeführt. Fällt
der Universitätsgottesdienst auf einen Sonn- oder Festtag, "an welchem
in der Gemeinde (heute Kirchenbezirk) eine Kollekte erhoben wird,
so wird diese auch im Universitätsgottesdienst erhoben und an die
Gemeinde abgeliefert". Weitere Bestimmungen betreffen die Heizung,
die Wartung der Orgel und die Reinigung der Kirche[1].
Dieser Vertrag ist zwar im Laufe der Zeit noch mehrfach verändert
worden[2], nicht zuletzt deshalb,
weil neue Benutzer wie das Kirchenmusikalische Institut (KI) und
die Evangelische Studentengemeinde (ESG) berücksichtigt werden mußten;
nach Querelen über die Anschaffung einer neuen Orgel zwischen dem
damaligen KI (heute Hochschule für Kirchenmusik der Ev. Landeskirche
in Baden) und dem Universitätsmusikdirektorat (inzwischen nicht
mehr existent) ist er gar Mitte der 80er Jahre vom Evangelischen
Oberkirchenrat Karlsruhe (als Vertreter des Unterländer Ev. Kirchenfonds)
gekündigt worden, so daß seit längerem ein vertragsloser Zustand
herrscht. Das alles ändert aber nichts daran, daß es seit der Vertragsschließung
vom 27.3.1896 in der (nun heizbaren) Peterskirche sommers wie winters
regelmäßigen Universitätsgottesdienst gibt.
Vorausgegangen war diesem Vertragsabschluß im Jahre 1838 eine Vereinbarung
zwischen der Ev. Kirchengemeinde Heidelberg und der Direktion des
im Januar desselben Jahres "bei" der Heidelberger Universität errichteten
"evangelisch protestantischen Prediger Seminars" (heute Praktisch-Theologisches
Seminar)[3], wonach während des
Semesters jeden Sonntag nach dem Gemeindegottesdienst um 11.00 Uhr
ein Universitäts- oder Seminargottesdienst abgehalten werden kann,
und zwar sommers über in der Peterskirche, im Winter dagegen in
der Providenzkirche, weil erstere nicht beheizbar war. Da jedoch
die Providenzkirche für Gemeindezwecke dringlich benötigt wurde
(es ist von 500 600 Besuchern im Gottesdienst und mehreren hundert
Kindern im Kindergottesdienst die Rede), schlug der Ev. Kirchengemeinderat
in einer Eingabe an den Engeren Senat der Universität vom 16.5.1895
vor, die Peterskirche mit Unterstützung der Universität heizbar
zu machen und sie ganz - außer an Festtagen (an denen sie für gemeindliche
Zwecke gebraucht wurde) - der Universität zur Verfügung zu stellen.
So wäre dem Universitätsgottesdienst "in der St. Peterskirche, welche
von jeher in einer inneren Beziehung zur Universität stand, eine
sichere und schöne Stätte angewiesen, in welcher er nach keiner
Seite hin beengt und gestört wäre"[4].
Der Senat machte sich diesen Vorschlag zueigen; auch das zuständige
Ministerium in Karlsruhe erklärte sich einverstanden und bereit,
sich an der Heizbarmachung der Kirche im folgenden Haushaltsjahr
mit einem größeren Betrag zu beteiligen. So stand dem Vertragsabschluß
im März 1896, nach Einverständniserklärung des Ministeriums der
Justiz, des Kultus und Unterrichts vom 14.2.1896, nichts mehr im
Wege.
In der Zeit vor dem 2. Weltkrieg war es jeweils der Inhaber des
praktisch theologischen Lehrstuhls, der als Universitätsprediger
in der Regel die Universitätsgottesdienste selbst zu halten hatte;
dazu trug er die Verantwortung für die Seminargottesdienste, welche
Lehrer und Kandidaten des Praktisch-Theologischen Seminars zur gemeinsamen
Feier von Predigtgottesdienst und Abendmahl zusammenführten und
den Kandidaten die Gelegenheit boten, ihre Kenntnisse als Prediger
und Liturgen zu erproben. Seit 1896 waren dies der schon erwähnte
Heinrich Bassermann (bis 1909), sodann Johannes Bauer (1910-1929/31)
und Renatus Hupfeld (1931/32-1950); dazu kam als ordentlicher Honorarprofessor
(seit 1918) der Pfarrer an der Christuskirche und Kirchenrat Otto
Frommel (1936 in den Ruhestand getreten), den J. Bauer und vor allem
der ihm befreundete R. Hupfeld (beide standen im "3. Reich" der
"Bekennenden Kirche" nahe) gern an den Universitätsgottesdiensten
beteiligten. Von ihm ging als Prediger wohl die größte Ausstrahlung
aus, was außer seiner poetischen Begabung auch damit zusammenhing,
daß er unter seinen praktisch-theologischen Kollegen wohl mit der
größten Sensibilität und Offenheit auf die brennenden Fragen der
Zeit, vor allem die politischen und sozialen, einging[5].
Zur Illustration sei einzig angeführt, was der im hautnahen Kontakt
mit der "sozialen Frage" im Mannheimer Arbeitermilieu aufgewachsene,
aus dem Weltkrieg völlig vernichtet und zerschlagen zurückgekehrte
Erwin Eckert (1893 1972), später dann sehr geschätzter Seelsorger
der Mannheimer Jungbuschpfarrei, Sozialdemokrat, schließlich Kommunist,
der 1931 (nach einer langen Konfliktgeschichte) unter größtem öffentlichem
Aufsehen (weit über Baden hinaus) aus dem Kirchendienst entfernt
wurde, an Studieneindrücken festgehalten hat. Es ist nicht zuletzt
ein Echo auf J. Bauer als praktisch theologischen Heidelberger Lehrer.
In seinem Brief an seine Braut vom 20.3.1919[6]
schreibt E. Eckert u. a.: " … Als ich gestern von Dir ging, war
ich voller Freudigkeit. Dann ging ich nach Heidelberg zur Preispredigtkritik.
Ich hab, um's kurz zu sagen, dem Geheimrat Bauer den Zimt vor die
Füße geworfen ... ich war fast rasend … ." Bauer hatte Anstoß genommen
an Eckerts letztem Satz eines Predigtentwurfs, der lautete: "Christus-Arbeit
heißt Arbeit für die andern, für die Gesamtheit bis zum letzten
Atemzug". Eckert fährt fort: "Es ist zum Verrücktwerden. Ich bin
aufgefahren. Mir war's, als ob einer giftige Eisen in meinen Körper
schlägt überall … Ich bin ganz zerschlagen, aber den Spaß mache
ich ihnen nicht. Ich werde Pfarrer, und wenn ich's nicht in der
Kirche werde. Ich werde den Menschen predigen ... Es ist so unbequem,
die Wahrheit zu hören und echtes Leben zu spüren ... Es kommt furchtbar.
Sie sehen ja nichts, die Törichten. Der Kampf aller gegen jeden,
der Geist der Geheimräte, der ‚vergangenen' wertvollen Zeit wird
nicht ruhen, bis wir auch in Deutschland ein furchtbares Chaos haben,
ein fürchterliches Gottesgericht über die Verblendeten. Sie wollen
ja nicht den einzigen Weg gehen für das gleiche Recht aller zur
Freiheit aller, sie wollen wieder, wie's war, die Reichen und Besitzenden:
Herrschen und Drücken. Besänftigen, wenn's zu schlimm wird, und
Zeter schreien … ."[7]
Ihr besonderes Gepräge erhielt die Ära Bassermann durch die Gründung
des Bachvereins und die Zusammenarbeit mit dem weit über Heidelberg
hinaus bekannten und angesehenen Philipp Wolfrum, die der Kirchenmusik
auch in den Universitätsgottesdiensten einen ganz hohen Stellenwert
sicherten. J. Bauer und Wolfrums Nachfolger Hermann Meinhard Poppen,
der in Universität, Landeskirche und Stadt gleichermaßen engagiert
war, knüpften daran an. Ein Höhepunkt der Ära R. Hupfeld vor Kriegsende
war gewiß das 100jährige Jubiläum des Praktisch-Theologischen Seminars
1938, das u. a. mit einem vielbesuchten Festgottesdienst in der
Peterskirche und einem Festvortrag in der Alten Aula begangen werden
konnte. Die Festpredigt von R. Hupfeld[8]
und der Festvortrag von O. Frommel[9]
legen beredtes Zeugnis von der Tapferkeit der beiden praktischen
Theologen ab.
In der Predigt über den Text Joh 15, 5. 8 fehlt auch nur die leiseste
Verbeugung vor dem Zeitgeist, nicht jedoch der Hinweis auf die schwere,
krisenreiche Stunde der Kirche, in der sich die Festgemeinde versammele!
Es liege "ein schwerer Druck" auf diesem Fest. "Wenn es doch am
Tage liegt, daß offenbar die Kirche, wie man uns immer wieder zuruft",
so es denn um "ihren Beitrag zum Leben des Volks" geht, "ganz gründlich
,versagt', was wollen wir dann noch"? "Als ein äußerlich Unscheinbarer",
antwortet der Prediger, "steht der Weinstock, der Eine, den Gott
uns zum Lebensspender gesetzt hat, inmitten der Welt. Er hatte keine
Gestalt noch Schöne; als Verachteter, Verworfener, zum Tode Verurteilter,
Gekreuzigter sehen wir ihn vor uns. Wir hätten ihn vielleicht gern
anders. Heute meinen manche, ihn nur für unser deutsches Volk retten
zu können, wenn sie ihn zu einem Eichbaum umschaffen, wenn sie etwas
Imponierendes aus ihm machen, das allein einer Welt, die nun einmal
am glänzenden Schein hängt, einleuchten kann. Aber es hängt alles
daran, daß wir ihn den schlichten Weinstock bleiben lassen … ."[10]
Im gleichen Sinne bekennt sich der Festvortrag von O. Frommel beherzt
zu dem "starken Umschwung in der Lage der evangelischen Theologie"
nach dem (1.) Weltkrieg. Nach der Vorherrschaft der "historisch-kritischen,
vom Idealismus stark beeinflußten Denkweise" um die Jahrhundertwende
sei "nun eine Wendung nach der biblizistischen und in der Nachkriegszeit
nach der reformatorisch-symbolischen (sc. bekenntnismäßigen) Seite
deutlich hervor"getreten. Nun "wurde der Einfluß von Lehrern wie
Kähler, Schlatter, Heim und Althaus - nach dem Kriege von K. Barth
(!), E. Brunner (!), Gogarten (einst selbst Schüler unseres Seminars)
immer stärker fühlbar ... Man wird wohl sagen dürfen, daß sich unsere
Anstalt dem Drängen lebendiger Kräfte, wie es sich in dem Aufbruch
einer neuen theologischen Besinnung ankündigte, zu keiner Stunde
versagt hat."[11] Gegen Ende
des Vortrags wird dann allerdings, kurz und nicht eben besonders
enthusiastisch, auf "die große Wende unseres deutschen Geschickes
durch die Errichtung des Dritten Reiches" Bezug genommen und die
Bereitschaft der Seminarangehörigen erklärt, "mit den ihnen verliehenen
Kräften am Aufbau eines neuen Deutschland in der Gefolgschaft des
großen Führers mitzuwirken"; indem aber im gleichen Atemzug auf
die "ernsten und z. T. schwierigen Probleme, vor die unsere Kirche
durch den deutschen Aufbruch gestellt wurde", abgehoben und als
noch offene Frage bezeichnet wird, "wie im neuen Reich eine neue,
im reformatorischen Sinn evangelische, auf Schrift und Bekenntnis
gegründete und zugleich von wahrhaft nationalem und sozialem Geist
erfüllte Kirche erstehen könne"[12],
zeigt sich der Redner bemüht, eine allzu direkte politische Stellungnahme
bewußt zu vermeiden, und stattdessen von dem Gedanken geleitet:
"Kirche muß Kirche bleiben", so, wie es schon auf der grundlegenden
Barmer Synode der "Bekennenden Kirche" (Mai 1934) allgemeine Überzeugung
gewesen war[13]. Daß jedoch
die säuberliche Unterscheidung zwischen "kirchlichem" und "politischem
Widerstand" am Ende nicht zu halten sei, mag dem Festredner immerhin
bereits gedämmert haben.
Dennoch wird man sagen müssen, daß die Universitätsgottesdienste
unter Hupfelds Ägide das verbreitete Schweigen in akademischen wie
kirchlichen Kreisen Heidelbergs (und nicht nur Heidelbergs) über
die Untaten des Nationalsozialismus (einschließlich der durch das
Berufsbeamtengesetz und die antisemitischen Gesetze der Folgezeit
herbeigeführten Ausschaltung rassisch oder politisch mißliebiger
Mitglieder des Heidelberger Lehrkörpers in drei Phasen bis 1940
hin) kaum merklich durchbrochen haben[14].
Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß bei anderem Kriegsausgang
die Geschichte der Theologischen Fakultät in Heidelberg und damit
auch die der Universitätsgottesdienste in der Peterskirche keine
Fortsetzung gefunden hätte. In sicherer Voraussicht dessen bemühte
sich deshalb der (politisch angepaßte) Dekan der Fakultät schon
Jahre vorher um eine Umsetzung seiner Professur in die Philosophische
Fakultät, allerdings vergebens[15].
So aber begann nach Ende des 2. Weltkrieges, trotz aller äußeren
Schwierigkeiten, für die Fakultät und auch die Universitätsgottesdienste
wohl die glanzvollste Periode ihrer bisherigen Geschichte. Eine
völlig neue Fakultät wuchs heran, mit in aller Welt klangvollen
Namen bis zum heutigen Tag. Und nachdem die durch einen (nicht durch
Kriegseinwirkungen, sondern durch einen Kurzschluß herbeigeführten)
Dachstuhlbrand verursachten Schäden, teilweise in Eigenarbeit von
Studierenden und Professoren, nach und nach hatten behoben werden
können, nahmen auch die Universitätsgottesdienste einen Aufschwung,
mit dem niemand hatte rechnen können. Alle Professoren der Engeren
Fakultät, später auch Privatdozenten, beteiligten sich jetzt am
Predigtdienst, unterstützt von dem Studentenpfarrer und dem Rektor
des neugegründeten badischen Kandidatenkonvikts (Petersstift). Die
Gottesdienste in der Peterskirche waren in der Regel bis auf den
letzten Platz besucht. Um den vielen jungen Besucherinnen und Besuchern
eine Erinnerung schenken zu können, sind insgesamt vier Sammlungen
mit Predigten aus dem Heidelberger Universitätsgottesdienst im Druck
vorgelegt worden[16], darunter
ein Heft mit Predigten ausschließlich des damaligen Studentenpfarrers
(Martin Schröter), bevor- und befürwortet von dem großen Alttestamentler,
feinsinnigen Prediger und unbestechlichen Predigthörer Gerhard von
Rad, was zeigt, wie wenig "hierarchisch" man damals zu denken in
der Lage war.
Inzwischen ist vieles passiert und auch manches anders geworden.
Natürlich sind die berüchtigten "68er Jahre" auch an den Peterskirchengottesdiensten
nicht spurlos vorbeigegangen. Einige Male wurden Prediger, die zu
"konservative" Ansichten zu vertreten schienen, von der Kanzel heruntergeschrien
und ihre Gottesdienste gesprengt.
Über eine dieser Aktionen, die Sprengung eines von D. Frieder Schulz
(damals Rektor des Petersstiftes) geleiteten Gottesdienstes, heißt
es in dem Bericht eines Augenzeugen - es ist der inzwischen verstorbene,
unvergessene Albrecht Peters (31.3.1924-26.10.1987)[17]:
Erinnert wird "an eine ungute, ja schreckliche Situation
… , wenn dies auch kaum vernarbte Wunden anrühren mag, an jenen
unglücklichen Sonntag, an welchem" F. Schulz "von der Kanzel heruntergeschrien
und sein Gottesdienst gesprengt wurde. Studenten wollten dennoch
eigenmächtig Abendmahl halten; da bin ich in die Sakristei gegangen,
habe den Talar angezogen und, nachdem die Streitenden aus der Kirche
gebeten und die Willigen noch durch Edmund Schlink herzugerufen
waren, das Abendmahl gehalten. Dabei markierten die Worte zum Friedensgruß
präzise die Situation und bekamen für mich neue Leuchtkraft. Es
war gut, da die Agende in der Aufregung vergessen war, sie vom Mittwoch
früh her auswendig sprechen zu können: Erkennet euch in dem Herrn/keiner
sei wider den andern/keiner ein Heuchler/vergebet, wie euch vergeben
ist/nehmet euch untereinander auf, wie Christus euch aufgenommen
hat/zum Lobe des Vaters: Der Friede des Herrn sei mit euch allen!".[18]
Es hat damals ohne jede Frage Verletzungen - auf mehreren Seiten
- gegeben, von denen ich - als Nichtbeteiligter - vermute, daß sie
nicht gänzlich unvermeidlich waren und nur von besonders
Hartgesottenen nicht im nachhinein bedauert worden sind. Doch ich
kann und will - als nicht unmittelbar Beteiligter eben - nicht urteilen,
wohl aber versichern, daß all diese Zwiste für diejenigen, die sich
heute in der Peterskirche zum Gottesdienst versammeln, nicht die
geringste Rolle mehr spielen.
Das Jubiläum dieser Gottesdienste gibt Anlaß, über ihren Sinn heute
und morgen nachzudenken; nur wo es zu solcher Selbstbesinnung führt,
ist es überhaupt berechtigt, von ihm Notiz zu nehmen. - Was also
könnte es für die Heidelberger Universität bedeuten, daß - sommers
wie winters, während des Semesters wie in den "Ferien" - Sonntag
für Sonntag in der Peterskirche Universitätsgottesdienst gefeiert
wird? Ich will darauf - in Anlehnung an die Predigt von Prof. Dr.
Dr. M. Welker im Gottesdienst am 5. Mai d. J. (im Rahmen der diessemestrigen
Predigtreihe über das Thema "Suchet der Stadt Bestes [Jer 29, 7].
Vom Auftrag der Christen zwischen Himmel und Erde") - in möglichster
Kürze wie folgt antworten: Aus der Perspektive des christlichen
Glaubens heraus kann der Universität - wie der "Stadt", in der wir
leben - von ihren christlichen "Bürgern" gar kein größerer Dienst
geleistet werden als, daß sie sich von ihnen erinnern läßt an -
das Kommen des Gottesreiches (vgl. Lk 10, 11), an den Anbruch Seiner
Herrschaft. Was das heißt: "das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen",
lehrt am anschaulichsten und bündigsten das Vaterunser (Mt 6, 9-13;
Lk 11, 2.3). Gottes Reich kommt da nahe herbei, wo Sein Name geheiligt
wird und Sein Wille geschieht, nicht nur im Himmel, sondern auch
auf Erden; wo das tägliche Brot dem zuteil wird, der es braucht,
und wo Vergebung der Sünden geschieht; wo man vor Versuchung bewahrt
wird und bewahrt und Erlösung von dem Bösen erfährt und erfahrbar
machen hilft.
Man könnte die gestellte Frage auch so beantworten, daß die tiefgreifenden
Wandlungen in den Beziehungen von Religion und Wissenschaft mit
erfaßt werden. G. Theißen, mein neutestamentlicher Kollege und hochgeschätzter
Mitprediger in den Universitätsgottesdiensten, hat dafür vor Jahren
folgendes treffende Bild gebraucht: "Einst war die Religion Regierungspartei,
die Wissenschaft Opposition. Als Oppositionspartei diente sie einem
selbstbewußt werdenden Bürgertum, sich von den Mächten der Vergangenheit
(einschließlich der Religion) zu emanzipieren. Sie brachte die Verheißung
eines besseren Lebens. Der schon lange regierenden Religion wurden
dagegen alle Übel der Vergangenheit zugerechnet. Inzwischen wurde
die Wissenschaft Regierungspartei. Von ihr geschaffene Technik und
Verwaltungsapparate regieren unser Leben von der Geburt bis zum
Grab. Nun geht es der Wissenschaft wie jeder langjährigen Regierungspartei:
Sie wird für alle Übel verantwortlich gemacht ... Die Wissenschaft
muß heute in einer Öffentlichkeit um Anerkennung werben, die dazu
neigt, sich von den Grundlagen ihrer eigenen Kultur emotional zu
distanzieren - von Wissenschaft, Technik, Wirtschaft und rationeller
Verwaltung". Wie könnte angesichts dessen die Religion, die im allgemeinen
akzeptiert hat, daß sie von der Regierungs- auf die Oppositionsbank
wechselte, reagieren? Sie könnte zum einen in Anbetracht der Zunahme
neuer irrationaler Strömungen eine "große Koalition" mit der wissenschaftlich
verwalteten Welt eingehen und sich dabei als bewährte Form anbieten,
Irrationalität zu domestizieren. Sie könnte sich zum andern "an
die Spitze der Oppositionsbewegung gegen die wissenschaftlich verwaltete
Welt setzen und die modische Kritik an Wissenschaft und Technik
anführen. Anstelle einer ‚großen Koalition' hätten wir dann eine
außerparlamentarische Opposition, die sich darauf berufen könnte,
daß sich aus ihren Quellen immer schon der Aufstand der Phantasie,
der Sensibilität und Irrationalität gegen die rational verwaltete
Welt genährt hat". - Mit G. Theißen möchte ich indessen für einen
"dritten Weg plädieren: Religion sollte in der wissenschaftlich
verwalteten", in unserer "Welt die konstruktive Opposition einer
kognitiven Minderheit sein, die sich ihrer Verantwortung bewußt
ist, auch wenn sie nicht in der Regierung sitzt."[19]
Das der Welt der Wissenschaft zu vermitteln, allen, die sie betreiben
oder doch dabei behilflich sind, zu verdeutlichen, darum geht es
seit hundert Jahren in den Universitätsgottesdiensten in der Heidelberger
Peterskirche; darum wird es auch zukünftig gehen müssen.
Erstveröffentlichung in: Heidelberger Jahrbücher 40 (1996),
S.235-245 (mit drei Abbildungen), und (ohne dieselben) wieder abgedruckt
in: A.M. Ritter, Vom Glauben der Christen und seiner Bewährung in
Denken und Handeln. Ges. Aufs. zur Kirchengeschichte, Mandelbachtal-Cambridge
2003, S.243-249.
[1] UAH A 542/11.
[2]Am 30.7.1914; 23.8.1939 nebst
Nachtrag vom 3./13.2.1940; 14.6.1952.
[3]Vgl. O. Frommel, Das Heidelberger
Praktisch-Theologische Seminar in den hundert Jahren seines bisherigen
Bestehens, in: Hundert Jahre Praktisch-Theologisches Seminar der
Universität Heidelberg. Zur Erinnerung an die Gedenkfeier am 16.
Juni 1938, Heidelberg 1938, 17-49; W. Eisinger, Das Heidelberger
Praktisch-Theologische Seminar. "Pflanzschule" und Seminar für junge
Theologen, in: SEMPER APERTUS. Sechshundert Jahre Ruprecht-Karls-Universität
Heidelberg 1386 1986, hg. v. W. Doerr, Bd. II, Berlin usw. 1985,
29 48.
[4]Zum Text der Eingabe s.
o., Anm. 1.
[5]Vgl. dazu auch das entsprechende
(kurze) Kapitel bei K.H. Fix, Universitätstheologie und Politik.
Die Heidelberger Theologische Fakultät in der Weimarer Republik,
Heidelberg 1994 (= Heidelb. Abhandl. z. Mittleren u. Neueren Geschichte,
NF 7), 85 92.
[6]Zit. bei F.M. Balzer, Miszellen
zur Geschichte des deutschen Protestantismus, Marburg 1990, 211f.
(hier wird der Brief übrigens auf den 10. März 1919 datiert, anders
als in: derselbe / K.U. Schnell, Der Fall Erwin Eckert, Köln 1987,
22).
[7]Vgl. auch E. Eckerts eindrucksvolle
biographische Einlassung vor dem zweiten kirchlichen Dienstgericht
am 12.6.1931 (zit. bei F.M. Balzer / K.U. Schnell, Der Fall Erwin
Eckert … , 168ff.: "Die Kirche, die Pfarrer schwiegen. - Das Studium
vertiefte diesen Eindruck von der Kraftlosigkeit der Kirche und
der Theologie den konkreten Aufgaben des Lebens gegenüber in mir.
Der Krieg mit seiner ganzen Grauenhaftigkeit des gegenseitigen Mordens,
die ungezählten Nahkämpfe und Todesnähe, die Verantwortung für die
von mir zum Sterben Geführten ließen mich in der Tiefe erschrecken
vor der Sinnlosigkeit und der Gottesferne einer Gesellschaft, die
den Krieg geradezu verherrlicht, um der Vorteile willen, die sie
sich daraus erhoffte. - Die politischen Kämpfe nach dem Krieg, die
Revolution, vor allem in Rußland, erschienen mir wie ein Gericht
von Gott über die faul gewordene Ordnung unserer Zeit … " [169]).
[8]In: Hundert Jahre Praktisch-Theologisches
Seminar der Universität Heidelberg (s. o., Anm. 3), 3-16.
[9]s. o., Anm. 3.
[10]A. a. O., 12f.
[11]Ebenda, 44.
[12]Ebenda, 46f.
[13]S. dazu etwa A.M. Ritter,
Die Bekenntnissynode zu Barmenn - Epoche oder Episode, in: ZevKR
32 (1987) 518 534. Zu dem nicht geringen, weiterhin aber vielfach
unterschätzten Resistenzpotential, das in diesem Ansatz beschlossen
liegt, s. das unverdächtige Zeugnis A. Rackwitz', eines nahen Freundes
Eckerts, der in einer Rede auf der sozialistischen Kulturkonferenz
am 28.1.1947 in Berlin erklärte: "Es ist vollständig richtig, daß
man einen Fehler begeht, wenn man den Kampf der Bekennenden Kirche
als einen politischen Kampf oder als einen Kampf gegen den Faschismus
ansieht. Das ist er nicht gewesen. Es lassen sich sehr viele und
wunderliche Beispiele dafür anführen, daß die führenden Männer der
Bekennenden Kirche den Nationalsozialismus politisch sehr nahe standen
... Dennoch hatte der Kampf der Bekennenden Kirche eine große politische
Wirkung ausgeübt, und weil ich das sah in einer Zeit, als alle sozialistische
Betätigung in der Öffentlichkeit unmöglich war, habe ich mich 1935/1936
auch entschlossen, in die Bekennende Kirche einzutreten, die die
einzige Stelle war, an der Hitler Schiffbruch erlitt. Es gelang
ihm nicht, aus der Kirche das zu machen, was er daraus machen wollte.
Weithin in der Öffentlichkeit, auch in der Partei (gemeint ist die
kommunistische bzw. die SPD) rückte die Kirche dadurch in ein neues
Licht" (zit. bei G. Jankowski / K. Schmidt, Arthur Rackwitz. Christ
und Sozialist zugleich, Hamburg 1976, 23f.). - Dem hat eine kritisch-selbstkritische
Kirchengeschichtsschreibung auch im Jahre 1996 im Grunde nichts
hinzuzufügen!
[14]Zu Hupfelds politischer
Einstellung, die diese Zurückhaltung begünstigte, s. nochmals K.H.
Fix (s. o., Anm. 5), 185-198.
[15]Vgl. dazu S. Siegele-Wenschkewitz,
Die Theologische Fakultät im Dritten Reich. "Bollwerk gegen Basel",
in: SEMPER APERTUS ... (s. o., Anm. 3), Bd. III, Berlin usw. 1985,
504-543; hier: 539.
[16]Veröffentlicht in der
Reihe: Pflüget ein Neues, H. 8. 11/12.13/14.15/16, Göttingen 1959,
1963-1965.
[17]Vgl. zu ihm jetzt das
schöne Porträt von G. Rau in: Geschichte der Seelsorge in Einzelporträts,
Bd. III, hg. v. Chr. Möller, Göttingen 1996, 325-340, sowie meine
Gedenkpredigt in: A.M. Ritter, Charisma und Caritas. Aufsätze zur
Geschichte der Alten Kirche, Göttingen 1993, 339-342.
[18]A. Peters, Gebetswachen
in neuer Gestalt. Überlieferung Erfahrung Gestaltung, in: Festschrift
für Frieder Schulz. Freude am Gottesdienst, hg. v. H. Riehm, Heidelberg
1988, 428-456; hier: 429.
[19]G. Theißen, Biblischer
Glaube in evolutionärer Sicht, München 1984, 15f.
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