Predigt über Luk. 16, 19-31

 

(von Prof. Dr. Jan Assmann, gehalten am 22. Juni 2003 im Universitätsgottesdienst in der Peterskirche Heidelberg)

 

 

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Lukas-Evangelium Kap. 16, Verse 19-31:

 

Es war einmal ein reicher Mann, der sich in Purpur und feines Leinen kleidete und Tag für Tag herrlich und in Freuden lebte. 

Vor der Tür des Reichen aber lag ein armer Mann namens Lazarus, dessen Leib voller Geschwüre war. 

Er hätte gern seinen Hunger mit dem gestillt, was vom Tisch des Reichen herunterfiel. Stattdessen kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren. 

Als nun der Arme starb, wurde er von den Engeln in Abrahams Schoß getragen. Auch der Reiche starb und wurde begraben. 

In der Unterwelt, wo er qualvolle Schmerzen litt, blickte er auf und sah von weitem Abraham, und Lazarus in seinem Schoß. 

Da rief er: Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir, und schick Lazarus zu mir; er soll wenigstens die Spitze seines Fingers ins Wasser tauchen und mir die Zunge kühlen, denn ich leide große Qual in diesem Feuer. 

Abraham erwiderte: Mein Kind, denk daran, daß du schon zu Lebzeiten deinen Anteil am Guten erhalten hast, Lazarus aber nur Schlechtes. Jetzt wird er dafür getröstet, du aber mußt leiden. 

Außerdem ist zwischen uns und euch ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund, so daß niemand von hier zu euch oder von dort zu uns kommen kann, selbst wenn er wollte. 

Da sagte der Reiche: Dann bitte ich dich, Vater, schick ihn in das Haus meines Vaters! 

Denn ich habe noch fünf Brüder. Er soll sie warnen, damit nicht auch sie an diesen Ort der Qual kommen. 

Abraham aber sagte: Sie haben Mose und die Propheten, auf die sollen sie hören. 

Er erwiderte: Nein, Vater Abraham, nur wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, werden sie umkehren. 

Darauf sagte Abraham: Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht. 

 

Liebe Gemeinde,

um es gleich vorweg zu sagen: in dieser Predigt wird es eher weltlich zugehen und vielleicht auch ein wenig ägyptisch, denn ich bin kein Theologe, sondern ein Ägyptologe. Auf jeden Fall aber bin ich sehr dankbar und glücklich für diese Ehre, trotzdem heute auf dieser Kanzel stehen zu dürfen.

 

Jesus erzählt eine Geschichte. Das tut er oft, um einen Punkt klar zu machen. In solchen Fällen erzählt er gern ein Gleichnis, das den entscheidenden Punkt klarer zum Vorschein bringt als jede logische Argumentation. Gleichnisse erläutern ein allgemeines Prinzip, einen Wert, eine Tugend anhand von etwas Konkretem und Alltäglichem: was der "Nächste" ist am Gleichnis vom barmherzigen Samariter, was "Gnade" ist am Gleichnis vom verlorenen Sohn, was das "Reich Gottes" ist am Gleichnis vom Senfkorn. Auch hier bei Lukas geht es um ein Prinzip, nämlich um die Richtschnur des richtigen Lebens, aber es wird nicht an etwas Konkretem und Alltäglichen aufgezeigt. Jesus erzählt kein Gleichnis, sondern einen Mythos, eine Geschichte, wie sie im Leben nicht vorkommt, und die von Dingen handelt, die keines Menschen Auge je gesehen haben. Was hier im Hintergrund steht, ist der Mythos einer Unterweltsfahrt, der griechische Ausdruck ist "Nekyia". Die Unterweltfahrt gelingt entweder Helden wie Odysseus, Herakles und Orpheus, oder Toten, die schon drüben waren und wieder zurückgekehrt sind und nun berichten können, was uns nach dem Tode erwartet.

 

Diese Rahmenerzählung läßt Jesus aber in seiner Geschichte weg. So erfahren wir nicht, wem und wie es gelang, diesen Blick ins Totenreich zu werfen und zurückzukehren, um davon zu erzählen. Jesus beschränkt sich auf die reine Vision. Die Bibel kennt auch keine Unterweltsfahrer und keine Toten, die zurückkehren – bis auf die von Jesus auferweckten Toten: den Jüngling von Nain, die Tochter des Jaïros und einen Dritten, der seltsamerweise ebenfalls den Namen Lazarus trägt. Die Geschichte von der Erweckung des Lazarus kommt nur im Johannes-Evangelium vor, so wie die Geschichte vom armen Lazarus und dem Reichen nur bei Lukas begegnet. Lazarus war bekanntlich ganze vier Tage tot, als Jesus ihn wiedererweckte. Er hätte also besonders genau berichten können, wie es drüben aussieht. Davon schweigt jedoch das Johannes-Evangelium. So dürfen wir uns vorstellen, daß Lazarus dieser Unterweltsfahrer war und daß Jesus die Vision des Lazarus berichtet, aber die Rahmenhandlung wegläßt und dem Armen den Namen Lazaros gibt. Die beiden Geschichten fügen sich also zu einem Lazarus-Mythos zusammen.

 

Wer aus dem Totenreich zurückkommt, bringt den Lebenden eine Botschaft mit. Niemand macht diese Reise ohne einen erheblichen Erkenntnisgewinn. Der Unterweltsfahrer hat das Leben von der anderen Seite gesehen, so wie man vom Mond aus die Erde sehen kann. Hier stehen wir mitten im Leben drin und sehen nur so weit, wie der Gesichtskreis reicht; dort überblickt man es von außen, von wo es sich vollkommen anders darstellt. Odysseus berichtet die erschütternden Worte des Achilleus:

 

Lieber möcht ich fürwahr dem unbegüterten Meier

der nur kümmerlich lebt, als Tagelöhner das Feld baun,

als die ganze Schar der vermoderten Toten beherrschen.

 

Das Leben ist kostbar, und noch das mühseligste und kümmerlichste Dasein auf Erden ist dem Totsein, und wäre es auch als Herrscher der Unterwelt, vorzuziehen. Das vergessen die Menschen, weil sie mitten im Leben stehen und das Leben nicht wie Achill von außen, vom Tode her in den Blick fassen können. Wenn sie das könnten, dann würden sie der Kostbarkeit des Lebens inne werden. Das ist eine ganz andere Botschaft als im Lazarus-Mythos. Bei Homer geht es nicht um das richtige Leben, sondern um das Leben an sich, und im Tode sind alle gleich.

 

Anders ist die Geschichte des Er, Sohn des Armenios, die Platon erzählt. Dieser war schon viele Tage tot, verweste aber nicht und kehrte, als der Leichnam schon verbrannt werden sollte, ins Leben zurück. Er berichtet, daß es den Seelen im Jenseits so ergeht, wie sie auf Erden gelebt haben. Es gibt zwei Wege, einen himmlischen und einen unterweltlichen, schmerzensreichen; die ein gutes Leben führten, nehmen den himmlischen, die anderen den unterweltlichen Weg. Hier geht es nun durchaus um die Frage des richtigen Lebens. Der Tod macht gerade nicht alle gleich, im Gegenteil: er macht den Unterschied zwischen dem richtigen und dem falschen Leben erst evident.  Am Todesschicksal erweist sich das richtige Leben.

 

Eine dritte Geschichte steht in einem ägyptischen Novellenzyklus aus der griechisch-römischen Zeit, ist also zeitlich nicht sehr weit von Lukas entfernt. Die Hauptpersonen dieser Novellen sind Setom Chaemwese, der Sohn Ramses II. und sein kleiner Sohn Si-Osire, ein Wunderkind.

 

„Eines Tages begab es sich, das Setom laute Totenklage hörte. Er sah vom Erker seines Hauses herunter und erblickte einen Reichen, den man unter lautem Klagegeschrei in die Totenstadt hinaustrug, mit großen Ehren und mit reichen Grabbeigaben.

Als er ein andermal herabsah, erblickte er einen Armen, den man aus Memphis in die Wüste hinaustrug, nur eingeschlagen in eine Matte und ganz und gar ohne Geleit.

Da sagte Setom: "Bei Ptah, dem großen Gott, wieviel besser sind die Reichen dran, die man unter lauten Klagerufen und mit reichen Grabbeigaben bestattet, als die Armen, die man ohne Gefolge und ohne alles in die Wüste hinausträgt. Der Knabe Si-Osire aber sagte zu seinem Vater: "Möge es dir im Totenreich ebenso ergehen, wie es diesem Armen im Totenreich ergehen wird! Möge es dir aber nicht ergehen, wie es diesem Reichen im Totenreich ergehen wird!

Als Setom diese Worte des Knaben Si-Osiris hörte, wurde sein Herz sehr betrübt, und er sagte: "Soll das, was ich höre, die Stimme meines Sohnes sein?" Der Knabe Si-Osire aber nahm seinen Vater an die Hand und führte ihn an einen Ort, den dieser nicht kannte. Dort fanden sie ein Gebäude mit sieben großen Hallen voll von Menschen. Sie durchschritten die ersten vier Hallen und traten in die fünfte Halle ein; dort  erblickte Setom einen Mann, der flehte und lautes Wehgeschrei ausstieß, denn der Angelzapfen des Tores war in sein rechtes Auge eingelassen. Dieser Mann war der Reiche, den er mit reichen Ehren hatte zu Grabe tragen sehen. In der siebten Halle erblickten sie einen Vornehmen, der in ein Gewand von Königsleinen gekleidet war, nah dem Orte wo Osiris war.» Dieser Vornehme ist kein anderer als der Arme, dessen Leichnam Setom gesehen hatte, wie er ohne Geleit aus der Stadt herausgetragen wurde. «Man fand seine guten Taten zahlreicher als seine bösen im Verhältnis zu seinem Glück auf Erden. So wurde vor Osiris der Befehl erteilt, daß die Grabausstattung des Reichen dem Armen gegeben werden solle, und daß er unter die erhabenen Verklärten versetzt werde als ein Mann Gottes, nahe dem Ort des Osiris. Jener Reiche aber wurde auch in die Unterwelt gebracht, und seine bösen Taten wurden gegen seine guten abgewogen. Man fand seine bösen Taten zahlreicher als seine guten, die er auf Erden begangen hatte. So wurde befohlen, ihn fortzuschaffen, um ihn im Totenreich zu bestrafen»

 

Diese Geschichte erzählt den uralten Mythos vom Totengericht, der in Ägypten schon seit Jahrtausenden zuhause ist. Hier stammt die Idee her, dass sich am Todesschicksal die Frage des guten Lebens entscheidet. Die Ägypter haben seit Urzeiten über diese Frage nachgedacht und dabei immer den Tod einbezogen. Entscheidend ist nicht der irdische Erfolg, sondern ob man hinüberkommt, ob man "landet", wie die Ägypter sagen, nämlich am Ufer der Unsterblichkeit, wo man vom Tode errettet ist. Normalerweise bleibt aber dem richtigen Leben auch der irdische Erfolg nicht versagt. Was gut und was nicht gut ist, das sehen die Totenrichter genauso wie die Mitmenschen. Das umstürzend Neue an der Geschichte von Chaemwese und Si-Osire ist nun aber, dass die Totenrichter nach anderem Maß messen als die Menschen. Gerade den auf Erden Hochgeachteten wird im Jenseits ein elendes, den auf Erden Verachteten dagegen ein glänzendes Schicksal zuteil.  Genau das ist auch der Punkt, auf den es Jesus ankommt. „Was die Menschen für großartig halten, sagt er, das ist in den Augen Gottes ein Greuel“. Und dann folgt, nach einigen weiteren Versen, die Geschichte vom armen Lazarus, die diesen Punkt beleuchten soll.

 

Ist das aber wirklich alles? Dann würde ja Jesu Parabel auf dieselbe Botschaft hinauslaufen wie die ägyptische Novelle, und das heißt, auf einen moralischen Agnostizismus. Wenn das, was wir für großartig halten, in den Augen Gottes ein Greuel ist, dann haben wir vergeblich vom Baum der Erkenntnis gegessen und haben keine Ahnung von dem, was gut und böse ist. Das Problem, um das es Jesus geht, ist aber, dass wir ganz genau wissen, was gut und böse ist, und trotzdem nicht danach leben. Was gut ist, haben uns Mose und die Propheten gelehrt. Der Prophet Micha bringt es auf eine klare Formel.

 

Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: Nichts anderes als dies: Recht tun, Güte und Treue lieben.

 

Um diese Botschaft zu verkünden, muss niemand aus dem Jenseits zurückkehren. Sie steht allen vor Augen. Aber niemand hält sich daran. Die Menschen hören nicht auf die Botschaft, schlimmer, sie können sie nicht ertragen. "Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die Boten, die zu dir gesandt sind", sagt Jesus bei Matthäus  23:37. Diese Klage zieht sich wie ein Leitmotiv durch das gesamte Alte und Neue Testament. Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht angenommen.

 

Was ist los mit den Menschen, daß sie auf die Wahrheit nicht hören, selbst wenn jemand von den Toten auferstünde um sie ihnen zu verkünden? Das ist die Frage, die Jesus mit der Geschichte vom armen Lazarus aufwirft. Diese Geschichte wechselt die Perspektive und faßt das Leben von der anderen Seite her in den Blick, aus der Sicht der Unterweltsfahrer, von drüben und draussen, von wo es sich so anders ausnimmt und von wo aus eben das in erschütternder Klarheit hervortritt, was wir hier, wo wir mittendrin stehen, so gerne vergessen und ausblenden. Jesus zeigt uns im Bild eines Mythos das Leben vom Tode her.

        Könnten wir unser Leben so sehen,

        wüßten wir, was der Tod ist,

würden wir uns wirklich klar machen und täglich vor Augen

stellen, dass unser Leben endlich und unsere Tage auf Erden gezählt sind,

        würden wir vom Tode her leben,

dann würden wir uns gesagt sein lassen, was gut ist und was der Herr von uns fordert, und würden mit allen Kräften des Herzens und des Verstandes danach leben. 

 

Was heißt das: "Vom Tode her leben"? Vom Tode her leben, das heißt nicht Grabesstimmung, Depression und Lebensüberdruß, ganz im Gegenteil, es heißt zur wahren Heiterkeit des Herzens und zur Wachheit der Sinne und des Verstandes durchgedrungen zu sein. Vom Tode her leben, heißt, den Tod nicht abzuspalten und zu verdrängen, sondern ihn, wie Thomas Mann das einmal ausgedrückt hat, "als Bestandteil und Zubehör, als heilige Bedingung des Lebens zu begreifen und zu empfinden".

 

Den Tod abzuspalten, blind in den Tag hinein zu leben, so als würde es ewig so weiter gehen, die Frage des guten Lebens in den Wind zu schlagen, sich auf Kosten anderer zu bereichern, in Unrecht und Gewalt zu leben, blind zu sein für die Nöte der Welt und taub für die Worte der Wahrheit -  das nannten die alten Ägypter "Habgier", und sagten: der Habgierige hat kein Grab. Der Habgierige lebt nicht vom Tode her als der heiligen Bedingung des Lebens, er hat kein Grab, oder, wie Jesus sagt, keine Geborgenheit in Abrahams Schoß. Die Ägypter lehrten auch: Vertraue nicht auf die Länge der Jahre! Der Richter ist nicht milde. Er überblickt deine Lebenszeit wie eine Stunde – eben von außen, vom Tode her.

Die alten Ägypter haben das wie kein anderes Volk praktiziert, dieses "Vom Tode her leben"; sie haben sich schon zu Lebzeiten ihre Gräber gebaut und mit Bildern und Texten angefüllt, in denen sie sich und ihr Leben vom Ende her darstellen, so, wie sie einmal gewesen sein wollen. So haben sie diesen Blick von außen auf ihr Leben schon früh eingeübt.

 

Vom Tode her leben, heißt: nicht auf die Länge der Jahre zu vertrauen, heißt, sich der Kostbarkeit der Zeit bewußt zu werden. Wir sollen die Zeit nutzen, um zu tun, was gut ist und was der Herr von uns fordert: "Nichts anderes als dies: Recht tun, Güte und Treue lieben." Damit wäre in der Tat viel gewonnen. Dazu will uns Jesus mit seiner Geschichte vom armen Lazarus aufrütteln. Nicht die biedere Weisheit, daß die Guten belohnt und die Bösen bestraft werden, ist der Sinn dieser Geschichte, sondern, daß die Menschen im Zustand der Todesvergessenheit in den Tag hinein leben. Wir wissen, was gut ist, aber wir tun es nicht. Wir wissen, dass unsere Tage gezählt sind, aber bedenken es nicht.

Wer das könnte, der hörte auf Mose und die Propheten. Mose, so will es die Tradition, hat denn auch den Psalm gedichtet, aus dem die folgenden Verse stammen:

 

 

 

Herr, du bist unsere Zuflucht von Geschlecht zu Geschlecht.

Ehe denn die Berge wurden und Himmel und Erde geschaffen wurden,

da warst du, Herr von Ewigkeit zu Ewigkeit.

 

Tausend Jahre sind vor dir wie der Tag,

der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache.

 

Herr lehre uns unsere Tage zu zählen,

auf dass unser Herz klug werde.

Amen.