Predigt über Johannes 15,1-8

Universitätsgottesdienst am 11.5.03 in der Peterskirche in Heidelberg

 

Christus spricht:

Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, daß sie mehr Frucht bringe.

Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.

Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt.

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.

Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie müssen brennen.

Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben,  werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.

Darin wird mein Vater verherrlicht, daß ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

Joh 15,1-8

 

 

Liebe Gemeinde,

 

Über 90% der einjährigen Triebe, über 90 % der Ruten schneidet ein guter Winzer im Herbst aus einem Weinstock heraus. Über 90 %. Und schon wirkt das sonst so breit gelatschte Ich-Bin-Wort Jesu vom Weinstock so eng auf mich. Eng und schmal und beunruhigend wie die enge Pforte im Gleichnis aus dem Mtev.

 

Über 90% werden weggeworfen, werden verdorren, werden gesammelt und ins Feuer geworfen, damit sie brennen. Ein Höllenbild, bedrohlich, angsteinflößend. Was kann ich tun, was muss ich tun, um zu den übrigen 10 % zu gehören?

 

Oh weh, werden Sie sagen, eine Erweckungspredigt durchtränkt mit schwarzer Pädagogik - eine Umkehrpredigt voll Moralin bahnt sich an.

 

Ich kann Sie beruhigen.

Das Wort vom Weinstock hat anderes im Blick als eine moralinhaltige Ermahnung zur guten Tat, als den Zwang zur Buße, als Drohung und Angst, die zur Verheißung treiben sollen. Nicht drohende Mahnung, sonder werbende Verheißung verbirgt sich im Bild vom Weinstock und den Reben.

 

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.

Dies ist das Zentrum. Auch hier scheinbar noch die Spuren der Drohung: ohne mich könnt ihr nichts tun ... Und doch finde ich gerade hier das, was ich werbende Verheißung nannte. Wie komme ich darauf?

 

Bleibt in meiner Liebe, sagt Jesus wenig später zu seinen Jüngern. Und das ist wohl der Schlüssel zu unserem Predigttext. Bleibt in meiner Liebe und bleibt damit in mir und ich in euch. Es geht also nicht primär um Gesetzte und Verhaltensregeln, Vorschriften und Gebote. Es geht um das Bleiben in der Liebe.

 

Der Zaun aus Gesetzen und Regeln, den der Winzer gebaut hat, er kann vielleicht Schädlinge und Diebe von den Reben fernhalten, er kann aber nicht die Reben am Weinstock halten. Der Gesetzeszaun bietet nur äußerlichen Schutz. Er macht erst Sinn, wenn der Weinstock von innen heraus verbunden ist. Wenn er durchströmt ist vom  Lebenssaft, der den Weinstock und die Reben am Leben erhält.

Diese Kraft ist die Liebe. Nur sie kann wirklich Frucht bringen. Ohne Sie macht ein Zaun keinen Sinn.

 

Die Liebe ... - was für ein großes Wort - ... so groß dass es fast schon aufhört etwas zu sagen, noch breiter getreten als das Ich-bin-Wort vom Weinstock. Genauer also: Was meint Liebe?

 

Liebe ist die Kraft, die das was wieder zusammenbringen kann, was in unserer Welt auseinanderfällt. Liebe ist die Kraft, die verbinden kann, was in der Existenz zerfällt. Die Liebe ist die Kraft, die Getrenntes eint, die Verschiedenes zusammenbringt, ohne aber - und das ist das Besondere - ohne aber die Unterschiede aufzulösen.

 

Im Bild geblieben: Die Liebe ist die Lebenskraft des Weinstockes. Sie durchströmt Wurzeln und Stamm und über den Stamm jede seiner Reben. So hält sie den ganzen Weinstock am Leben. Und doch sind die Reben sehr unterschiedlich: manche wachsen höher, manche sind breiter....

 

Von hier aus wird, denke ich klarer, warum ich das Wort vom Weinstock nicht als Drohung begreifen kann, sondern als Verheißung, die wirbt, die ihre Zweige durchdringen will, beleben will, so sehr, dass sie Früchte tragen.

 

Ohne diese Liebe, die Getrenntes verbindet, können wir nichts tun.

Ich will das an zwei Blitzlichtern, an zwei Schnappschüssen verdeutlichen:

 

Der erste Schnappschuss:

Ohne die Liebe, die Getrenntes zusammenbringt,

blieben wir in Vereinzelung - Vereinzelung - ein Phänomen, das in einer Dienstleistungsgesellschaft, in der ich nahezu alles gegen Bezahlung bekomme - und wenig noch umsonst besonders häufig auftritt. Liebe kann ich eben immer noch nicht bezahlen. Und das führt dann dazu, dass in unseren Städten kaum einer darauf achtet, wie es selbst dem Nachbarn geht. Erschreckend, dass es immer wieder vorkommt, dass erst am Verwesungsgeruch bemerkt wird, dass in der Nachbarwohnung ein Mensch gestorben ist. Erschreckend, wie verloren manche Studentin und mancher Student durch die Unilandschaft irrt und stolpert.

 

In Christus sein heißt gerade in solch einer Sitution den einzelnen ansehen. In der Liebe bleiben heißt, sich und den anderen nicht verloren geben in die Vereinzelung, sondern den Mut haben, nach Begegnung zu suchen, Begegnung möglich zu machen - auch wenn es mich mehr kostet als Geld, nämlich Überwindung.

 

Ohne Christus, ohne die Liebe, die Getrenntes verbindet,  könnten wir nichts tun. Der zweite Schnappschuss:

Ohne die Liebe, ist alles Lernen aus Büchern, alles Lernen von Menschen, alles Lernen an der Uni umsonst. Denn ohne Liebe werde ich nicht verstehen. Ohne Liebe werde ich es nicht schaffen, mich so in das Denken meines Gegenübers, des Buches, des Dozenten, oder auch der Studierenden einzufühlen, dass ich ihn aus seiner Perspektive, aus seinem Anliegen, aus seiner Not oder Lust heraus verstehe.

Positiv gewendet: Die Liebe befähigt mich dazu, dass ich mich - ohne mich selbst zu verlieren - auf mein Gegenüber einlassen kann. Und zwar so sehr, dass ein ganz anderes Verstehen möglich wird. Eine Diskussion, ein Streit, der sich aus dieser Art des Verstehens anschließend wird mit Sicherheit andere, reifere Früchte tragen - für alle, die daran beteiligt sind.

 

Diese beiden Schnappschüsse mögen genügen. Ich könnte unendlich viele anschließen, denn letztlich jede Lebenssituation wird sich verändern, wenn ich sie aus der Liebe heraus lebe.

 

Idealistisch - viel zu idealistisch werden Sie jetzt vielleicht sagen! Nur einfach in der Liebe bleiben - und Friede, Freude Eierkuchen - eine Weinernte ohne Ende. Vergessen die 90% der Reben, die abgeschnitten werden. Vergessen, dass ich, selbst wenn ich Frucht bringe, gereinigt und nachgeschnitten werde! So einfach kann es nicht sein.

Sie protestieren zu recht.

 

Ich will diese dunkle Seite des Jesuswortes nicht verschweigen. Das wäre wohl auch an unserer Lebenswirklichkeit vorbeigeredet. Wo finden wir uns schon in vollkommener Liebe? Wo können wir unsere Liebe schon vollkommen geben? Wo erleben wir schon vollkommene Einheit mit anderen Menschen? Sie zerfällt doch wieder - früher oder später. Und das Gefühl, das wir letztlich allein sind und einsam, lässt sich für manche aus keiner Beziehung heraushalten. Wie oft versäumten wir es, uns wirklich auf unser Gegenüber einzustellen - oder konnten es schlicht nicht, weil wir zerrissen waren zwischen verschiedenen Möglichkeiten, begrenzt durch unsere Zeit, den Raum. (Um auf die Schnappschüsse zurückzukommen: Wie gern hätte ich nicht nur die großen Schriften Luthers gelesen, sondern auch die kleinen, die ihn noch einmal anders zeigen; wie gern wäre ich nicht nur für meinen Nachbarn da, sondern auch noch für den Menschen von gegenüber und den links von mir und dem traurigen Menschen, der mir in der Fußgängerzone entgegenkommt und, und, und. Nun, ich bin eben begrenzt, muss mich entscheiden. Und diese Entscheidungen für eine oder für wenige Möglichkeiten aus vielen ist schmerzhaft. Andererseits: Tue ich es nicht, so verzettle ich mich, wuchere in zu viele Richtungen und verliere die Kraft der Liebe. Wie gut, dass der Winzer mich beschneiden wird. Wie entsetzlich, dass es nach wie vor nicht ohne Trennung zu gehen scheint.

 

Abschließend  möchte ich den ersten Satz des Predigttextes stark machen.

Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater der Weingärtner.

Vielleicht ist es ja dieser Satz, der eine werbende Antwort auf die dunkle Seite, auf die 90% und meine gestutzten Triebe gibt:

Wir hörten letzte Woche, dass Jesus Christus nicht irgendein Hirte ist. Jesus Christus ist der gute Hirte, der jedes einzelne seiner Schafe liebt und sucht, wenn es verloren zu gehen droht.

Genauso ist Jesus Christus nicht irgendein Weinstock, sondern der wahre Weinsstock. Seine Reben  sind wie es weiter heißt “um seines Wortes willen” “schon rein”.

Seine Worte, seine lebensspendenden Worte, und darunter auch dieses Wort vom Weinstock haben die Kraft, alle, die sie wirklich hören, am wahren Weinstock zu halten. Daran wollen wir uns halten.

 

Amen.

 

 

[Pfr. Walter Boës, Studienleiter des Theologischen Studienhauses]