Johannes 2, 1-11: DIE HOCHZEIT ZU KANA
Predigt in der
Peterskirche zu Heidelberg, am 2. Sonntag nach Epiphanias 2003
Michael Welker
Joh 2. 1-11
1. Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa
eine Hochzeit statt, und die
Mutter Jesu war dort.
2. Auch Jesus und seine Jünger waren zur
Hochzeit eingeladen.
3. Als der Wein ausgegangen war, sagte die
Mutter Jesu zu ihm: Sie haben
keinen Wein mehr.
4. Jesus aber erwiderte ihr: Was habe ich mit
dir zu schaffen, Frau? Meine
Stunde ist noch nicht gekommen.
5. Seine Mutter sagte zu den Dienern: Was er
euch sagt, das tut.
6. Es standen aber dort sechs steinerne
Wasserkrüge, gemäß der
Reinigungsvorschrift der Juden; jeder
faßte ungefähr hundert Liter.
7. Jesus sagte zu den Dienern: Füllt die
Krüge mit Wasser! Und sie füllten
sie bis zum Rand.
8. Er sagte zu ihnen: Schöpft jetzt, und
bringt es dem Tafelmeister. Und sie
brachten es ihm.
9. Er kostete das Wasser, das zu Wein
geworden war. Er wußte nicht, woher
der Wein kam; die Diener aber, die das
Wasser geschöpft hatten, wußten
es. Da rief der Tafelmeister den Bräutigam
10. und sagte zu ihm:
Jeder Mensch setzt zuerst den guten Wein vor und erst,
wenn die Gäste zuviel getrunken haben, den
weniger guten. Du jedoch hast
den guten Wein bis jetzt zurückgehalten.
11. Dies tat Jesus als
Anfang der Zeichen in Kana in Galiläa und offenbarte
seine Herrlichkeit. Und seine Jünger
glaubten an ihn.
Ich habe sie immer
anstößig gefunden - die Geschichte von der Hochzeit zu Kana. Denn Jesus
erscheint hier als Magier, der etwa 600 Liter Wasser in Wein verwandelt! Gottes
Sohn zaubert gegen Ende einer vermutlich siebentägigen Hochzeitsfeier mehrere
hundert Liter Wein herbei! Und ausgerechnet das soll die erste Offenbarung der
Herrlichkeit Christi sein, wodurch der Glaube der Jünger geweckt wird?
Über dieses Unbehagen
half mir auch der gelehrte historische Hinweis nicht hinweg, daß diese
Geschichte vermutlich auf den Dionysos-Kult anspielt. Was der heidnische Gott
kann -, Wasser in Wein verwandeln -, das kann Jesus erst recht! Warum finden
wir diese Geschichte ausgerechnet bei Johannes? Warum hat Johannes, der der
intellektuellen, nachdenkenden und spekulativen Frömmigkeit so reiche Nahrung
gibt, sich auf solch einen Stoff eingelassen? Wie paßt diese Geschichte
zwischen so tiefschürfende Aussagen wie: "Im Anfang war das Wort, und das
Wort war bei Gott. Und Gott war das Wort." Und: "Gott ist Geist, und
die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten."?
Jesus als Magier zwischen solchen theologischen Spitzenaussagen - das
befremdet. Warum konnte Johannes nicht - wie Markus, Lukas und Matthäus - auf
den Weinzauber zu Kana verzichten und uns diese Geschichte ersparen?
Nicht nur das
Dionysos-Motiv, auch die Behandlung der Maria in diesem Text erschien mir
anstößig. Einerseits bringt sie die befremdliche Handlung in Gang. Andererseits
distanziert sich Jesus mit einer schroff klingenden Bemerkung von ihr: Was habe
ich mit dir zu schaffen, Frau? Sollte es sich hier wirklich, wie die
Reformatoren meinten, um eine vorsorglich anti-katholische Polemik handeln:
"Christus spricht also seine Mutter so an, um allen Jahrhunderten die
immer gültige und allgemeinverbindliche Lehre zu geben, daß keine maßlose
Verehrung seiner Mutter seinen eigenen göttlichen Glanz verdunkeln dürfe."
(Calvin, Das Johannes-Evangelium, 47)? Oder sollte hier, wie neuere
feministische Auslegung vermutet hat, deutlich werden, daß Maria die Stunde
Jesu besser kennt als er selbst? (Kompendium Feministische Bibelauslegung,
530.)
Warum ist für Johannes
das anstößige Weinwunder zu Kana so wichtig? Ausdrücklich weist er zwei Kapitel
später (4,46) darauf zurück: "Jesus kam wieder nach Kana in Galiläa, wo er
das Wasser in Wein verwandelt hatte." Dabei lassen doch die
Begleitumstände des Wunders viele Fagen offen. Wir hören nichts über die
Reaktion der Gäste, nichts vom weiteren Verlauf des Festes. Besonders
befremdlich aber ist, daß Jesus einerseits das Ansinnen Marias zurückweist:
Meine Stunde ist noch nicht gekommen! Andererseits ist dies der "Anfang
der Zeichen". Und es heißt: Jesus offenbarte seine Herrlichkeit, und seine
Jünger glaubten an ihn.
Noch nicht die Stunde -
und doch Offenbarung und der Anfang der Zeichen: in diese Schwebe bringt uns
die Geschichte von der Verwandlung des Wassers in Wein zu Kana. Gerade in
dieser Schwebe aber verweist sie auf eine Wahrheit, wird sie zu Zeugnis und Botschaft.
Wundergeschichten sind Hoffnungsgeschichten. Sie weisen über sich hinaus. Auf
welche Hoffnung verweist das Weinwunder?
"Ich bin der wahre
Weinstock, und mein Vater ist der Winzer ... Ich bin der Weinstock, ihr seid
die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht,
denn getrennt von mir könnt ihr nichts tun" (Joh 15,1 und 5). Gehen wir
von diesem Bild aus, so ist die Verwandlung von Wasser in Wein keineswegs
Zauberei. Es bedarf des Wassers vom Himmel her und im Boden, um Wein
hervorzubringen. Es bedarf aber auch des Weinstocks und der Arbeit des Winzers.
Mit dieser bildlichen Rede wird die natürliche und kulturelle Basis der
Umwandlung von Wasser in Wein sichtbar gemacht, eines Wunders, das nicht auf
Zauberei beruht. Die Verwandlung von Wasser in Wein gehört zu den wunderbaren
Schöpfungsgaben Gottes, die nicht nur Gaben der Natur, sondern auch der Kultur
sind. Der Winzer bearbeitet Boden, Weinstock und Reben. Indem Jesus sich als
Weinstock bezeichnet, tritt er in den Vorgang der Verwandlung von Wasser in
Wein ein. Doch dieses Bild von Jesus als Weinstock, dem Schöpfer als Winzer und
den Glaubenden als Reben, dieses Bild weist über das Schöpfungswunder und auch
über den Weinzauber hinaus. Die natürliche Fruchtbarkeit und die Beschaffung
von Wein sind nicht länger die Pointe. Das Bild der fruchtbaren Reben am
fruchtbaren Weinstock will vielmehr die Annahme des Wortes Gottes und das Leben
in der göttlichen Liebe zum Ausdruck bringen, wie Joh 15 deutlich macht. Ihr
seid fruchtbare Reben "durch das Wort, das ich zu euch gesagt habe".
Das Bild von den Reben am Weinstock, die reiche Frucht bringen, wenn sie in
Christus bleiben und er in ihnen, wird mit der Aufforderung verbunden:
"Bleibt in meiner Liebe!" Die Verwandlung von Wasser in Wein durch
Weinstock, Reben und Winzer wird zum Sinnbild für eine wichtigere,
weiterreichende Verwandlung.
Diese weiterreichende
Verwandlung wird an verschiedenen Stellen des Johannes-Evangeliums deutlich,
besonders im Gespräch Jesu mit der heidnischen Samariterin Joh 4. Jesus bittet
sie bei einer Begegnung am Jakobsbrunnen um etwas zu trinken. Die Samariterin
wundert sich, daß er sie als Frau und als Nicht-Jüdin anspricht. Jesus
offenbart sich ihr als der verheißene Messias, der die Gabe des lebendigen
Wassers gibt: "... wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, der
wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde,
das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben
quillt" (Joh 4, 14). Ähnlich heißt es Johannes 7,38f: "wer an mich
glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers
fließen. Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn
glaubten ..."
Diejenigen, die wie
Trauben am göttlichen Weinstock bleiben, erhalten nicht nur lebendiges Wasser.
Von ihnen selbst geht lebenspendendes Wasser aus. Denn sie empfangen Gottes Geist, Gottes Wort und
Gottes Liebe - und sie geben diese weiter. Das lebendige Wasser, das nicht mehr
dürsten läßt, ist der Geist, der aus Jesu Wort kommt, aus dem Wort, das im
Glauben angenommen wird. Dieses Wort belebt die, die es empfangen, und zwar
über das irdische Leben hinaus. Es belebt in einer weiterreichenden Weise als
das natürliche Wasser, so unverzichtbar das natürliche Wasser ist, so kostbar
es ist, gerade in von Trockenheit bedrohten Umgebungen. Diese Unterscheidung
zwischen natürlichem und lebendigem Wasser erinnert an die Verkündigung des
Täufers: Ich taufe nur mit Wasser, Jesus aber mit dem Heiligen Geist. Ebenfalls
dieser Differenz entsprechend heilt Jesus den Kranken, der sich nicht aus
eigener Kraft zur rechten Zeit in die heilenden Wasser des Betesda-Teiches
hineinbegeben kann, durch sein Wort.
Wasser, Wein und
lebendiges Wasser, das nicht weniger ist als der ausgegossene Geist Gottes -
damit haben wir einen Zusammenhang vor Augen, der das anstößige Weinwunder bei
der Hochzeit zu Kana ins rechte Licht rückt. Das Wort Gottes belebt nicht nur
in einer weiterreichenden Weise als das Wasser. Es belebt auch in einer
ungleich vollkommeneren Weise, als es der Wein vermag. Wohl kann der Wein in
eine festliche, freudige Stimmung versetzen. Der Wein, das Wunder der
Verwandlung von Wasser in Wein durch Weinstock und Weinbau, kann damit von
ferne auf ein ungleich größeres Wunder verweisen. Durch Gottes Geist und Gottes
Wort werden wir Menschen belebt. Wir werden mit lebendigem Wasser beschenkt,
das unseren Lebensdurst stillt und das uns an Gottes Ewigkeit teilhaben läßt.
Das Bild der Reben am göttlichen Weinstock, vom göttlichen Winzer gepflegt,
bringt diese Teilhabe am göttlichen Leben zum Ausdruck.
Das Weinwunder zu Kana
weist auf das Wunder der schöpferischen Verwandlung von Wasser in Wein hin. Es
weist über den hochzeitlichen Höhepunkt irdischen Lebens hinaus. So wird es zu
einem Hoffnungszeichen. Der göttliche Weinstock verwandelt nicht nur Wasser in
Wein, er schenkt das lebendige Wasser des ewigen Lebens denen, die an ihm
bleiben. Doch diese Hoffnung bleibt auf der Hochzeit zu Kana noch in der
Schwebe, weil die Herrlichkeit des Messias noch nicht in ihrer ganzen Fülle
offenbart worden ist. Die Stunde ist noch nicht gekommen. Das Weinwunder kann
noch ganz abwegige Hoffnungen wecken. Ist Jesus Dionysos? Nein! Jesus ist ist
auch kein größerer Dionysos. Deshalb die schroffe Reaktion Jesu gegenüber
Maria, obwohl sie ihn doch voller Vertrauen - "was er sagt, das tut!"
- zu seinem ersten Zeichen veranlaßt. Die wunderbare Verwandlung des Wassers in
Wein verweist in Kana aber noch nicht offensichtlich auf das lebendige Wasser
des ewigen Lebens.
Vom anstößigen Mirakel
werden wir auf das Wunder der Schöpfung verwiesen, um für das größere Wunder
der Neuschöpfung durch Gottes Wort und Gottes Geist aufmerksam zu werden.
Dieses größere Wunder führt durch die Nacht des Verrats hindurch, der wir in
der Feier des Abendmahls gedenken. Das Wunder der Neuschöpfung durch Gottes
Wort führt uns aus dem Abgrund der Gottverlassenheit heraus, den uns das Kreuz
Christi immer wieder vor Augen stellt. Das Wunder, daß uns das ewige Leben
inmitten unserer Verfallenheit an den Tod gegeben wird, dieses Wunder, das wir
verkündigen und im Abendmahl zeichenhaft feiern, stellt uns vor ein
unvergleichlich anderes Befremden als das Weinwunder zu Kana. Das Wunder der
Neuschöpfung durch Gottes Wort und Gottes Geist nimmt uns aber auch hinein in
eine unvergleichlich tiefere Freude, als sie die schönste Hochzeit auf Erden zu
schenken vermag.
"Siehe, Tage
kommen - Spruch Gottes, des Herrn - da schicke ich den Hunger ins Land. Nicht
den Hunger nach Brot, nicht den Durst nach Wasser, sondern nach einem Wort des
Herrn. Dann wanken die Menschen von Meer zu Meer, sie ziehen von Norden nach Osten,
um das Wort des Herrn zu suchen, doch sie finden es nicht." Viele an der
christlichen Kirche und am christlichen Glauben heute zweifelnde und
verzweifelte Menschen werden eher diese Unheilsbotschaft des Amos verstehen als
die Hoffnungsbotschaft der Hochzeit zu Kana. Leben wir in einer Zeit des Schweigens
Gottes, das ein Leitartikel der FAZ vor einigen Tagen meditierte? Der FAZ-Autor
zitiert den Papst, der mit den alttestamentlichen Propheten die Möglichkeit
bedacht hat, daß Gott schweigt: "'Schlimmer als Schwert und Hunger ... ist
das Schweigen Gottes, der sich nicht mehr zeigt, der sich in seinen Himmel
verschlossen zu haben scheint, als ob ihn das Handeln der Menschen anwidere.'
Und mit müder Stimme fragte der Papst: 'Gibt es eine größere Tragödie?'"
Die Botschaft vom
wahren Weinstock, auf die das Weinwunder zu Kana in all seiner Anstößigkeit
hinweist, läßt solch eine tiefe Resignation nicht zu. Hat das Wort und die
Person Jesu Christi euch niemals berührt und belebt? Staune über die gute Gabe
des Wassers, staune über die schöpferische Verwandlung von Wasser in Wein,
staune über die Kraft des Weins, der die Stimmung einer Gemeinschaft heben und
beleben kann: und du wirst aufmerksam und sensibel werden für das ungleich
größere Wunder des belebenden Wortes, des lebendigen Wassers. Die größte
Tragödie, die Tragödie des verschlossenen Himmels, liegt am Kreuz Christi
hinter uns. In die vielen großen und kleinen Tragödien der verschlossenen
Kulturen und der verschlossenen Herzen hinein spricht Johannes seine frohe
Botschaft.
Amen.