Gottesdienst in der Peterskirche

am 4. Advent – 22.12.2002

Predigerin und Liturgin: Uta Andrée

 

Predigt (Lk 1,46-55)

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und unserm Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde!

Maria, die Mutter Jesu, die Mutter Gottes steht heute als adventliche Botin im Mittelpunkt der Predigt. Der Evangelist Lukas hat uns ihr Lied überliefert. Marias Lobgesang, das entwaffnende Lied einer glücklichen Frau, einer auserwählten Frau.

Maria sprach:

Meine Seele erhebt den Herrn,

und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes;

denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.

Siehe, von nun an werden mich seligpreisen alle Kindeskinder.

Denn er hat große Dinge an mir getan,

der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.

Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht bei denen, die ihn fürchten.

Er übt Gewalt mit seinem Arm

Und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.

Er stößt die Gewaltigen vom Thron

Und erhebt die Niedrigen.

Die Hungrigen füllt er mit Gütern

Und lässt die Reichen leer ausgehen.

Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf,

wie er geredet hat zu unsern Vätern,

Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.

Am Anfang war Maria.

Eine Frau aus ärmlichen Verhältnissen verlobt mit dem Zimmermann Josef aus Nazareth. Und als der Engel zu ihr kommt und die Geburt des Sohnes ankündigt, die Geburt des Königs, Sohn des Höchsten, Gottes Sohn. Da sagt sie Ja. Das berühmte Fiat! Mir geschehe, wie Du gesagt hast.

Am Anfang war Maria.

Im Dezember 1531 streift Juan Diego durch die Felder und Hügel seines Volkes im heutigen Mexiko. Er ist Indio aus dem Volk der Maya, vom Stamm der Nahuatl. Die Zeiten sind schwer. Seit zehn Jahren ist die Niederlage der Indios besiegelt. Die Spanier haben das Land erobert und die Urbevölkerung unterworfen. Missionare predigen von Jesus Christus, von einem neuen Leben und einer neuen Religion. Auch die Götter sind besiegt.

Juan Diego kommt auf dem Heiligen Hügel von Tepeyac an, er erhebt die Augen zum Heiligtum der  T o n a n t z i n , der indianischen Göttermutter. Da erblickt er eine wunderbare Gestalt. Eine Frau in leuchtenden Farben von blendendem Glanz. Die Farbe ihres Kleides ist ein mattes Rot – die Farbe des vergossenen Blutes und die Farbe des Gottes der Leben gibt und bewahrt,  H u i / t z i l / p o p / c h t l i, rot, die Farbe des Sonnenaufgangs, des Neubeginns. Ihr Mantel ist blaugrün, die Farbe des Ursprungs aller Lebenskräften die Farbe von O m e t o t l, der die Spannungen löst, die die Welt zu zerstören drohen. Die Frau trägt das schwarze Band der Mutterschaft um ihren Leib geschlungen zum Zeichen dafür, dass sie ein Kind erwartet, ein Kind, das sie der neuen Welt darbietet. Juan Diego taucht ein in dieses Bild. Wunderbare Klänge begleiten die Erscheinung und die Gestalt spricht: „Wisse und verstehe, dass ich die allzeit jungfräuliche, heilige Maria, die Mutter des wahren Gottes, des Urhebers des Lebens bin, des Schöpfers, des Herrn des Nahen und des Zusammens, des Herrn des Himmels und der Erde.“ Maria, die Mutter Gottes erscheint Juan Diego, Mitglied eines verarmten, enteigneten, entrechteten Volkes. Sie spricht ihn an in seiner Sprache, sie spricht von Gott wie sein Volk es tut, sie erscheint in den Farben seines Volkes. Und sie wählt Juan Diego als Botschafter aus, der einen Wunsch der Gottesmutter an den Erzbischof von Mexiko in Tlatelolco weitergeben soll. „Ich wünsche, dass an diesem Ort ein Tempel gebaut werde, so dass ich darin sämtlichen Bewohnern dieses Landes meine Liebe, mein Mitleid, meine Hilfe und meinen Schutz erzeigen und schenken kann, auf ihre Klagen hören und ihre Nöte, Schmerzen und Leiden lindern kann.“ 

Die Erscheinung auf dem Hügel von Tepeyac ist in die Geschichte eingegangen, sie wurde bis ins Detail auf Echtheit und Glaubwürdigkeit überprüft. Als Unsere liebe Frau von Guadalupe, die braune Madonna, wird Maria seither von allen Lateinamerikanern, gleich welcher Konfession geehrt. Die kolonialen Würdenträger Neuspaniens fühlten sich durch den Bericht des Bauernjungen Juan Diego an das berühmte Gnadenbild ihrer Heimat erinnert, an das Marienbild das um 1450 in Guadalupe aufgefunden wurde. So hat sie, die sich in den Farben der Maya offenbarte, ihren Namen von den Spaniern erhalten. Mit ihr verschmolzen alter indianischer und neuer christlicher Glaube, sie öffnete den Indios die Tür zur Botschaft von Jesus Christus. Unser Liebe Frau von Guadalupe wurde zur Patronin der Indios, später zur Patronin ganz Lateinamerikas.

Am Anfang war Maria!

Hier wie dort, in den schlichten Worten des Lukas und in den prächtigen Farben des Juan Diego, ist Maria die Tür, durch die Gott Einlass findet in die Welt. Gott weckt durch sie hindurch das Vertrauen, das Staunen, den Glauben der Menschen. Das Wunder geschieht mit und durch Maria. Sie spricht zuerst den indianischen Bauernjungen an; sie spricht zuerst die Niedrigen, die Hungrigen an. Hirten werden die ersten sein, die mit ihr das Neugeborene begrüßen, die mit ihr die Gegenwart Gottes in dem Kind erfahren. Zu den Hirten gesellten sich in den Krippendarstellungen der verschiedenen Völker und Kulturen die anderen Randexistenzen, die Obdachlosen, die Kinder, die Menschen aus der Schattenwelt, die Betrüger, die Hartgesottenen, die Prostituierten, die Kranken und Krüppel und viele mehr. Sie sind das Umfeld der Maria, auf sie lässt Gott sich ein, wenn er sich auf Maria einlässt.

Am Anfang war Maria!

So unbegreiflich es für Maria selbst war, dass Gott mit ihr den Anfang machen wollte. Mit ihr, die sich durch nichts auszeichnete, sich durch nichts hervorhob. Eine ganz normale Frau, eine arme Frau, eine junge Frau. So unbegreiflich ist das, dass sie nicht an sich halten kann. Sie eilt zu ihrer Freundin, zu ihrer Vertrauten, zu ihrer Cousine Elisabeth. Sie singt und preist den Herrn. Von Macht und Gewalt, von Zuwendung und Erbarmen, singt sie. Die kleine unbedeutende Frau wächst über sich hinaus, spürt eine unbändige Kraft. Maria wird zur Prophetin, sie, die eigentlich nie etwas besonderes zu sagen hatte, verkündet es laut:    

Gott übt Gewalt mit seinem Arm

Und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.

Er stößt die Gewaltigen vom Thron

Und erhebt die Niedrigen.

Die Hungrigen füllt er mit Gütern

Und lässt die Reichen leer ausgehen.

Gott steht hinter ihr, er ermächtigt Maria, so in seinem Namen zu singen. Und auch Elisabeth, die Freundin, die Vertraute, die dem gewaltigen Gesang der Maria zuhört, weiß es, Gott selber spricht durch Maria, sie ist auserwählt, gepriesen unter den Frauen. Selig, weil sie geglaubt hat und Gott Einlass gewährt hat in ihr Leben und in das Leben der Welt.

Beide Frauen sind schwanger. Beide erleben das wunderbare Werden des Neuen in ihrem Bauch. Das allein schon ist ein Wunder, wunderbarer noch, weil die betagte Elisabeth, die unfruchtbare, weiß, dass dieses Kind, das in ihr wächst, ein Kind Gottes ist. Wunderbarer noch, weil die junge Frau Maria von keinem Manne weiß. Ihr Kind kommt von Gott. Die Fruchtbarkeit der beiden Frauen ist ein Kontrapunkt in der scheinbar so unfruchtbaren Welt, in der alles beim Alten bleibt, die Gewaltigen regieren, die Niedrigen schweigen, die Reichen prassen und die Armen hungern. Die Fruchtbarkeit, die Schwangerschaft der beiden Frauen ist ein Zeichen Gottes gegen die Unfruchtbarkeit der Welt. So stehen Maria und Elisabeth am Anfang einer Bewegung, die das Kleinste und Geringste schätzt und achtet, die im Kind den König entdeckt und die den Gesetzen der Welt nicht letzte Gültigkeit zuspricht.

Am Anfang war Maria!

Maria steht für den Anfang, für den kleinen Beginn, für den Advent. Marias Schwangerschaft ist Adventszeit. Adventszeit ist Schwangerschaft. Die Zeit wird voranschreiten, das Kind wird geboren werden, es wird wachsen und lernen, Erfahrungen machen und leiden. Das Kind wird sterben. Maria wird am Rande stehen, zuschauen müssen. Sie wird Anteil nehmen auf stille Weise und sie wird mitleiden. Aber jetzt ist Adventszeit, das Kind in der Geborgenheit der Gebärmutter, sich der Mutter mitteilend durch ein Rumpeln im Bauch durch sanfte Bewegungen und heftige Stöße. Jetzt ist Adventszeit, Geborgenheit für das Kind und Stärke der Mutter. Es ist die Zeit der Klarheit, klare Visionen für eine bessere Welt, eine Welt deren Anfang das Kind bringen soll.

Welchen Anfang können wir mit Maria machen? Wo stehen wir in diesen letzten Tagen der Adventszeit? Haben wir klare Visionen? Lassen wir die Kraft zu, die uns über uns hinauswachsen lässt? Maria fordert uns heraus mit ihrem Lied, nimmt uns mit hinein in ihre Schwangerschaft. Nutzt die Zeit der Ankunft Gottes! Öffnet Euch für die Klarheit des Herrn! Marias Gesang ist wie eine Schneise, Gott hat einen hellen Lichtstrahl in die verworrene Welt geworfen. Marias Gesang ist ein Ermutigung auf solche lichten Momente zu achten, die uns die Klarheit Gottes eröffnen. Jede wird ihr eigenes Magnificat singen, jedem wird seine Vision vom fruchtbaren Leben von Gerechtigkeit und Frieden zuteil. Es muss nicht das Magnifikat der Maria sein, aber es muss ein Lied sein zur Ehre Gottes und für eine bessere Welt, das unser Leben durchklingt.

Am Anfang singt Maria!

Lateinamerika hat das Magnifikat zum großen Lied der Befreiung erhoben. Unsere liebe Frau von Guadalupe steht an der Seite der Unterdrückten und Entrechteten. Und daneben gibt es unzählige andere Lieder und Visionen, die von Maria inspiriert sind. Ob es Maria ist, die in ihrer Niedrigkeit ganz Gott die Ehre gibt und allein im Glauben allein aus Gnaden Gott empfängt oder ob es Maria ist, die im leuchtenden duftenden Gewand am Himmel erscheint. Maria gibt zu denken, Maria inspiriert. Sie hält uns auf an diesem vierten Advent, damit wir die Zeit der Ankunft spüren und wirken lassen. Und uns Zeit nehmen für unser eigenes Magnifikat.

Amen

 

Der Chor hat ein Responsorium vorbereitet, das Unsere liebe Frau besingt. Ein Lied für Maria aus dem 16. Jahrhundert. Es besingt eine Marienvision mit folgenden Worten:

Ich sah eine blendend schöne Gestalt wie eine Taube herabsteigen,

von oben herab über Strömen von Wasser.

Ein unwiderstehlicher Duft war in ihren Kleidern

und wie an einem Frühlingstag war sie umgeben von Blumen,

von Rosen und starken Lilien.

Wer ist diese, die herabsteigt in die Ödnis,

wie ein glühendes Stäbchen aus duftender Myrrhe

und die wie an einem Frühlingstag umgeben ist von Blumen,

von Rosen und starken Lilien?

 

 

 

 

Fürbittengebet

Herr, unser Heiland,

wir bitten dich um Klarheit für unsere Welt.

Erleuchte uns, dass wir Entscheidungen treffen, die dem Frieden und der Gerechtigkeit dienen, im Kleinen wie im Großen.

Öffne unser Herz, dass wir dir dienen in unsrem täglichen Leben.

Schenke uns Achtsamkeit für das Kleine, den kleinen Anfang, das keimende Leben und den Beginn deines Reiches.

Wir bitten dich: Herr erbarme dich.

Herr, unser Heiland,

schenke den Frauen, die ein Kind austragen, die das Wechselbad der Gefühle ihrer Schwangerschaft durchleben, die Stärke der Maria, den Mut und den Jubel der Maria. Damit sie das neue Leben mit Freude empfangen können. Schenke den Männern, die diese Zeit mit ihnen gehen, Verständnis für ihre Frauen, Liebe und Zuneigung in dieser Zeit der Veränderungen. 

Wir bitten dich: Herr erbarme dich.

Herr, unser Heiland,

wende dich denen zu, die in diesen Tagen nicht mehr mitkommen, denen das perfekt inszenierte Weihnachtsfest über den Kopf wächst,

lass sie und uns mit ihnen noch einmal an den Anfang gehen und sehen, worauf es wirklich ankommt. Schenke uns Zeit und Ruhe für die Freude an dir und aneinander.

Wir bitten dich: Herr erbarme dich.

Herr, unser Heiland,

Stärke die Familien, die nun zum Weihnachtsfest wieder zusammenkommen, dass sie nicht in alte Muster verfallen, sondern sich neu begegnen. Lass uns begreifen, dass Weihnachten nicht nur das immer wiederkehrende Fest der alten Bräuche  und Lieder ist, sondern auch dein einmaliges Kommen in die Welt, das Aufscheinen des Neuen.

Wir bitten dich: Herr erbarme dich.

Herr, unser Heiland,

Du zeigst dich uns in so unterschiedlichen Bildern und mit so unterschiedlichen Worten und Zeichen,

lass uns offen sein für die Visionen der anderen, für ihre Sprache und ihre Farben für dich.

Lass uns zueinander finden, dass wir dich gemeinsam in unserer Vielfalt anbeten und in deinem Sinn die Welt verändern.

Wir bitten dich: Herr erbarme dich.

Wir beten in der Stille:

- - - - - -

Vater Unser im Himmel ...