Predigt über 1 Thess 5, 1-11

(am 10. November 2002 in der Peterskirche zu Heidelberg)

 

Als Schriftlesung: 1 Thess 5, 1-11

1 Von den Zeiten und Stunden aber, liebe Brüder, ist es nicht nötig, euch zu schreiben; 2 denn ihr selbst wißt genau, daß der Tag des Herrn kommen wird wie ein Dieb in der Nacht. 3 Wenn sie sagen werden: Es ist Friede, es hat keine Gefahr -, dann wird sie das Verderben schnell überfallen wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entfliehen. 4 Ihr aber, liebe Brüder, seid nicht in der Finsternis, daß der Tag wie ein Dieb über euch komme. 5 Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. 6 So laßt uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern laßt uns wachen und nüchtern sein. 7 Denn die schlafen, die schlafen des Nachts, und die betrunken sind, die sind des Nachts betrunken. 8 Wir aber, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil. 9 Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern dazu, das Heil zu erlangen durch unsern Herrn Jesus Christus, 10 der für uns gestorben ist, damit, ob wir wachen oder schlafen, wir zugleich mit ihm leben. 12 Darum ermahnt euch untereinander, und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut.

 

 

 

Xavier Naidoo, liebe Gemeinde, ist ein Popstar. Er ist, wie mir meine Töchter bestätigt haben, zwar ziemlich fromm, aber er macht ganz gute Musik. Er und seine Band, „Die Söhne Mannheims“, waren vor einem Jahr in Heidelberg; nicht bei einem Konzert, sondern bei einer öffentlichen Bibellesung sagte Naidoo: „Das, was in diesen Tagen passiert, ist für mich ein Zeichen, dass wir uns in den letzten Tagen befinden.“ Geprägt durch die Ereignisse des 11. September aktualisiert er die biblischen Bilder der Endzeit. Das Jüngste Gericht stehe bevor. Interessant finde ich nun die Reaktion des Publikums. In der Zeitung war zu lesen: „Das überwiegend junge Publikum reagierte teils fasziniert, teils verstört, teils amüsiert auf die apokalyptischen Visionen.“

Fasziniert, irritiert, amüsiert: das sind Regungen und Reaktionen auf die Endzeitvisionen, auf die direkte Übertragung biblischer Bilder auf die Geschichte der Gegenwart, auf die unkomplizierte Deutung meiner Welt und meines Lebens aus dem Reservoir alter Mythen. Ich stelle mir nun vor, solche faszinierten, irritierten und amüsierten Menschen treffen in einem Gesprächskreis zusammen und reden über das Ende der Zeit, vielleicht so:

„Also ich, beginnt einer, ich finde diese Spekulation über die Endzeit einfach lächerlich. Dazu die Bilder, mit denen das ausgemalt wird; da hört man den Schall der Posaune, da kommt Jesus vom Himmel herab, die Toten sollen auferstehen, und dann wird endgültig abgerechnet. Das sind völlig naive Vorstellungen. Mit der Posaune, das lass ich mal beiseite, das ist zu oberflächlich. Aber die zugrunde liegende Vorstellung von Himmel und Erde, von oben und unten ist ja wohl ein völlig überholtes Weltbild. Im Weltall gibt es kein oben und unten; wenn vom Ende der Zeit und vom Ende der Welt geredet wird, muss sich das doch auf den ganzen Kosmos beziehen. In diesem Horizont kann ich mir das Kommen des Menschensohns wie ein Blitz oder auf den Wolken des Himmels einfach nicht vorstellen.

Ich bitte, dass ihr mich nicht falsch versteht. Dass wir nicht alles mithilfe der Vernunft begreifen können, ist mir schon klar. Vernunft hat Grenzen. Aber ich finde es zu einfach, an den Grenzen der Vernunft vorschnell den Glauben so zu platzieren, dass für ihn dann das noch Unbegreifliche reserviert ist. Die Wissenschaftsgeschichte zeigt: da ist der Glaube ständig in Rückzugsgefechte verwickelt.

Eine zweite Abgrenzung ist mir ebenfalls wichtig: Nur weil ich diese Endzeitbilder lächerlich finde, bin ich nicht automatisch ein Vertreter der Spaßgesellschaft, einer, der überall nur Vergnügen sucht, dem nichts ernst oder meinetwegen heilig ist.

Ich war neulich in Rom und natürlich in den Vatikanischen Museen und dort in der Sixtinischen Kapelle. Michelangelos großes Fresko vom Weltgericht ist unbeschreiblich. Aber noch unbeschreiblicher als die Menschengruppen auf dem Fresko sind die Menschenmassen davor. Ich habe bei keinem eine existentielle Erregung bemerkt; sie haben, soweit das geht, das Kunstwerk genossen.“

Unterbrechen wir an dieser Stelle den Gesprächskreis. Die erste Position wurde zu Gehör gebracht. Amüsiert über die Naivität mancher christlicher Deutungen wurde gleichzeitig ein eigenes Verständnis formuliert. Die Vorstellungen vom Weltgericht, die Gemälde und die sprachlichen Bilder der Bibel sind als Kunstwerke bedeutsam, sie sind ästhetisch zu würdigen, aber nicht als Wahrheitsaussage über den Weltverlauf.

Hören wir auf eine weitere Position:

„Ich bin fasziniert von der Bibel. Die Bibel ist ein Buch des Lebens, sagen viele Theologen. Das gilt doch nicht nur für die ethischen Aufforderungen zur Nächsten- und Feindesliebe zum Beispiel. Das gilt dann auch für die sperrigen und schwierigen Teile, also auch für die Aussagen zum Endgericht und zur Wiederkunft des Herrn.

Ich bin kein Fundamentalist, aber ich möchte das Buch des Lebens auch für den Ablauf der Welt verstehen. Ich halte daran fest, dass am Ende ein Gericht steht, in dem alle Welt ihr Urteil nimmt. Es gibt so viel Unwahrheit, Lüge und Zwielichtiges, das muss doch geklärt werden. Natürlich ist es falsch, alles in gut und böse, Licht und Finsternis einzuteilen oder die Achse des Bösen eindeutig zu lokalisieren.

Aber ist es nicht auch ein typisches Wohlstandsphänomen, ständig zu differenzieren, statt hell und dunkel ständig nur die Grautöne zu beachten? Manchmal gibt es doch schwarz und weiß, gut und böse. Es gibt Unterdrückte und es gibt Unterdrücker. Es gibt Gefolterte und es gibt Folterer. Als am 9. November 1938 die Synagogen brannten, da gab es doch Opfer, und es gab Brandstifter, Mörder und Auftraggeber. Ich weiß nicht, ob im Gericht abgerechnet wird, es wird aber die Wahrheit gesprochen und die Lüge entlarvt. Es wird aufgeklärt. Es wird Recht gesprochen, damit endlich Gerechtigkeit herrscht. Nicht Friede und Sicherheit ist dann die Parole, sondern Friede und Gerechtigkeit.

Die Vorzeichen der Endzeit sind immer wieder gedeutet und missverstanden worden; aber dass die Welt ein Ziel hat, will ich mir nicht ausreden lassen. Die Zeit wird kommen. Nicht das Chaos davor finde ich faszinierend, sondern die Klarheit des Gerichts.“

„Ich bin irritiert“, mischt sich eine dritte Stimme ein, „einmal, weil ich einiges von dem richtig finde, was Ihr gesagt habt, dann aber auch, weil mich die Vorstellung des Endgerichts verstört. Da gibt es für mich Faszinierendes und Abschreckendes.

Faszinierend finde ich den Gedanken, dass sich Gerechtigkeit durchsetzt, und zwar nicht nur als ästhetische Idee. Allerdings möchte ich die Ästhetik, also das genaue Wahrnehmen, nicht abwerten. Da geht es doch um mehr als nur um Kunstgenuss. Michelangelos Fresko ist ja nicht an einem beliebigen Ort, sondern dort, wo immer wieder der neue Papst gewählt wird. Das ist doch ein kaum übersehbarer künstlerischer Hinweis: auch die höchste Leitung der Kirche ist nicht absolut, sie muss sich verantworten. Das Gericht stabilisiert nicht Herrschaft, es führt zur Rechenschaft.

Mich irritiert die Rede von Licht und Finsternis. Sie verführt doch dazu, diese Einteilung selbst vorzunehmen in der Regel mit dem Ergebnis, dass ich zu den Guten, die anderen zu den Bösen gehören. Aber verläuft die Achse des Bösen nicht durch jeden Menschen?

Daran knüpft sich meine zweite Irritation: Bisher wurde vom Ende der Welt, von universaler Gerechtigkeit gesprochen; wie ist das mit meinem Leben und meinem Lebensende? Mein Lebensende ist ein Faktum, aber eben nicht ein Faktum wie alles andere auch. Es ist etwas Außerordentliches. Es beendet definitiv. Es hinterlässt nur Fragmente dessen, was ich gewollt und getan habe. Es überlässt diese Fragmente der mehr oder weniger schnell verblassenden Erinnerung anderer. Und schließlich: als ein Mensch mit gut und böse in mir selbst empfinde ich die Hoffnung auf ein Gericht über mich nicht gerade als tröstlich.“

Faszination und Irritation nah beieinander! Faszination vom kommenden und klärenden Gericht, Irritation über gut und böse und über das eigene Lebensende.

Welche Aufklärung bietet hier Paulus an? Wenden wir uns dem Abschnitt aus dem 1. Thessalonicherbrief zu, den wir in der Lesung gehört haben. Es ist gleich ersichtlich: fasziniert vom Ende ist Paulus nicht – sicherlich im Unterschied zu manchen Gemeindegliedern in Thessalonich.

Nun lässt sich Faszination kaum mit Gründen bestreiten. Sie lässt sich nicht argumentativ beseitigen oder widerlegen. Sie ist ja eine Angelegenheit eigener Erfahrung. Sie prägt einen Menschen durch und durch. Also helfen nicht Argumente, sondern eventuell Bilder und der Rückbezug zur Erfahrung.

Ich bin begeistert davon, wie Paulus das macht. Zunächst immer wieder: Ihr, ihr, ihr! Paulus betont das Gegenüber – am Anfang in fast jedem Satz: Ihr wisst Bescheid, sogar akribisch genau Bescheid. Eine rhetorische Steigerung ist das, die auch einen humorvoll-ironischen Unterton hat: muss ich etwa schon wieder damit anfangen? Ja, ja, höre ich die Thessalonicher wie die kleinen Kinder rufen, erzähl uns noch mal diese Geschichte! Und Paulus erzählt bzw. schreibt – am Anfang, wie erwartet. Wenn sie, gemeint sind die Heiden, die Parole ausgeben, Friede und Sicherheit, dann ist das ein fauler Friede. Friede und Sicherheit, pax et securitas, propagieren die römischen Machthaber selbstsicher, aber unter der Oberfläche brodelt es. Das ist eine Geschichte nach dem Herzen der faszinierten Thessalonicher.

Aber gleichzeitig flechtet Paulus zwei Bilder ein: ein Dieb in der Nacht, die Geburtswehen. Das kennt ihr doch: niemand weiß, wann der Dieb kommt, er kommt unerwartet. Und die Geburt eines Kindes wird zwar lange erwartet, aber meist setzen die Wehen plötzlich ein. Beides sind Widerfahrnisse. Ihr könnt nichts daran tun, es geschieht an euch. Wenn ihr das bedenkt, dann begreift ihr: akribisch genau wisst Ihr Bescheid – ja, worüber denn? Dass wir über die Zeitpunkte gar nichts wissen.

Paulus hat also zu Beginn die Erwartungen vielleicht augenzwinkernd aufgenommen und dann auf eine neue Spur gesetzt. Das Gleiche geschieht in der Fortsetzung in Vers 4-7: Erwartungen werden aufgegriffen (Licht und Finsternis), zum Teil bestätigt (ihr seid Kinder des Lichts), aber dann verändert. Kinder des Lichts sind Tagmenschen. Die schlafen nicht, sondern wachen. Also: lasst uns nicht schlafen, sondern wach sein, und das heißt: nüchtern sein, einen klaren Blick haben, das alltägliche Leben tapfer bestehen und sich gerade nicht in Endzeitspekulationen verlieren.

Nehmen wir moderne Begriffe, so meint Paulus: richtet eure Augen nicht auf die Quantität der Zeit, sondern auf die Qualität. Verliert euch nicht im Berechnen und Messen, das ist vergebliche Mühe. Achtet auf die Qualität eurer Zeit. Wie ist die gekennzeichnet? Antwort – wieder mit einem Bild: Ihr seid bekleidet mit einem Brustpanzer und mit einem Helm; ohne Bild: Eure Gabe und Aufgabe in der Zeit ist zu glauben und zu lieben und über die Zeit hinaus auf das Heil zu hoffen.

Wer vom Endgericht fasziniert ist, wird in den Alltag gelockt. Wer das Ende von Zeit und Welt berechnen will, soll sich um Wichtigeres kümmern. Glaube, Liebe, Hoffnung qualifizieren das Leben der Christinnen und Christen. Sie sind heute nicht unsere Rüstung. Sie sind unser Logo, unsere Lebenssignatur mitten im Leben und darüber hinaus.

Wenn ich irritiert bin über die Aufteilung in gut und böse, wenn ich das Gute und Böse in mir fest verankert weiß, wenn ich mein Lebensende fürchte, finde ich eine Antwort des Paulus am Ende des Abschnitts. Sie ist allerdings zusammengedrängt, konzentriert in einer knappen Formel: Wir werden das Heil erlangen durch Jesus Christus, der für uns gestorben ist.

Um diese Formel zu verstehen und auszulegen, braucht es ein ganzes Theologen- und Menschenleben. Heute Morgen verweise ich in gebotener Kürze auf vier Aspekte.

1.      Jesus Christus: Der mich erwartet am Ende meines Lebens, ist kein Fremder. Ich kenne seinen und er kennt meinen Namen. Der Tag des Herrn ist der Tag Jesu Christi – Gott sei Dank!

2.      Für uns: Mein Anwalt ist mein Richter. Er ist auf meiner Seite. Er kennt das Gute und das Böse in mir. Damit weist er mich nicht ab. Nein, er heißt mich willkommen.

3.      Für uns gestorben: Ich werde nicht festgelegt auf das Gute oder Böse in mir. Ich bin gerechtfertigt und Sünder zugleich. Das ist etwas anderes als Gut und Böse. Alles, was ich tue – und sei es das Beste, das ich kann (aufrichtige Gebete und verantwortungsvolle Taten) – wird unterschieden von meiner Person. Sicher wird nur Weniges Bestand haben und das meiste vergehen. Aber ich werde Bestand haben, weil mein Anwalt für mich spricht.

4.      Heil und Zorn: Bestand hat niemand von uns ohne Veränderung und radikale Verwandlung. Diese Verwandlung wird mit dem Bild des Gerichts erfasst. Die biblischen Traditionen sind sich einig: dann werden die Opfer ins Recht gesetzt. Und die Täter? Ich rede tastend, denn ich bin ein Mensch und weiß es nicht. Ich hoffe, dass das Gericht auch über die großen Täter der Weltgeschichte in einer totalen Verwandlung besteht: Sie können danach nicht mehr länger Täter bleiben. Ich hoffe, dass das Gericht für alle ein heilsames Gericht ist.

Paulus antwortet darauf nicht. Aber immerhin: Der alte Gegensatz „wachen und schlafen“ wird aufgelöst. Am Ende gibt es nicht mehr Gut und Böse, wachende Tagmenschen und schlafende Finsternistypen. Am Ende überwindet das Heil den Zorn, damit jeder und jede einzelne, ob wachend oder schlafend, mit Christus lebt.

Dies zu hoffen, ist klar genug. Diesem Christus zu glauben, ist faszinierend. In seiner Liebe hier und jetzt zu leben, aktiviert mich für die Welt und lässt mich gleichzeitig gelassen und humorvoll werden – im Blick auf meine Mitmenschen und vor allem im Blick auf mich selbst.

Darum, Schwestern und Brüder, schließe ich heute wie der Apostel Paulus: ermahnt, ermuntert und tröstet euch untereinander. Richtet einander auf – in Glaube, Liebe und Hoffnung. Amen.

 

 

Lied zum Eingang: EG 147, 1-2

Psalm: EG 746 (Ps 90)

Gloriastrophe: EG 147, 3

Lesung: Predigttext

Credo: EG 184

Lied nach der Predigt: EG 358, 1-4+6

Lied zur Kollekte: EG 428

[Helmut Schwier]