...aufgefahren in den Himmel; er sitzt zu Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters

Christoph Markschies

Predigt über Kolosser 3,1-3.12-17

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt!

Aufgefahren in den Himmel, er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters - diese beiden Aussagen unseres Glaubensbekenntnisses wollen wir am heutigen Sonntag im Licht eines biblischen Textes bedenken, liebe Gemeinde. Natürlich kennen wir alle die entsprechenden Darstellungen. Ein Fuß haftet noch auf der Erde, der andere schwebt schon in der Luft, Engel tragen Jesus empor und die Apostel schauen ein wenig verduzt nach. Der schwebende Christus ergreift die Hand Gottes und wird aus dem Blickfeld gezogen, den Blick starr nach oben gerichtet. Und genauso der thronende Christus, meist auf einem wulstartigen mächtigen Kissen aus rotem oder lila Samt, gelegentlich auf der Weltkugel thronend, sonst auf einer prächtigen, mit Edelsteinen geschmückten Thronbank. Vertraut, liebe Gemeinde, sehr vertraut sind uns diese Bilder vom auffahrenden und thronenden Christus, obwohl die Tradition, sie in den Innenräumen von Kirchen zu malen, als Portaltympana zu gestalten oder als Mosaik in Apsiden zu legen, nicht nur hierzulande längst abgebrochen ist. Die letzten Ausläufer, jene grausamen neobyzantinischen Fresken und Mosaiken in katholischen wie evangelischen Kirchen der frühen fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts, sehen wir normalerweise mit leichtem Schaudern und verlassen die entsprechenden Gebäude schnellstmöglich. Und ebenso, wie die Tradition abgebrochen ist, Bilder des auffahrenden und thronenden Christus zu gestalten, sind wir auch gern und schnell mit klugen theologischen Einwänden gegen die Vorstellungen zur Hand. Wie kann man denn so naiv sein, zu meinen, Jesus Christus sei wie ein Raumfahrer in den Himmel hochgefahren und sitze da wie unsereiner auf einem güldenen Stühlchen? Und wie konnte man denn so töricht sein, die mißverständlichen Kinderbilder vom auffahrenden Heiland auch noch dadurch zu visualisieren, dadurch zu inszenieren, daß man hölzerne Christusfiguren an großen Rädern in Gewölbe hochzog und im Gegenzug Teufelsgestalten von oben auf den Kirchenboden schmetterte? Ein kluges Lexikon unserer Tage hält zu solchen scheinbar albernen Inszenierungen unserer Altvorderen fest: Reformation und Aufklärung haben aber über diese alten Bräuche gesiegt.

Alte Bräuche, mißverständliche Bilder, naive Vorstellungen? Einige unter uns, liebe Gemeinde, werden die berühmten Formulierungen im Ohr haben: Kein erwachsener Mensch stellt sich Gott als ein oben im Himmel vorhandenes Wesen vor; ja, den Himmel' im alten Sinne gibt es für uns gar nicht mehr. ... Erledigt sind damit die Geschichten von der Himmel- und der Höllenfahrt Christi (15). Erledigt, überwiesen an die Kunstgeschichte, an die Brauchtumskunde und die Religionspsychologie, reserviert für kühne theologische Reckaufschwünge - jedenfalls unmittelbar und unverstellt für den modernen Menschen nicht mehr zugänglich, für den, der elektrisches Licht und Radioapparat benutzt, wie es in Rudolf Bultmanns berühmt-berüchtigtem Vortrag über Neues Testament und Mythologie aus dem Jahre 1941 heißt, für die, die im Internet surft und den Physikleistungskurs besucht haben, wie wir vielleicht ergänzen würden.

Alte Bräuche, mißverständliche Bilder, naive Vorstellungen? Der Predigttext für den heutigen zweiten Sonntag nach Trinitatis, liebe Gemeinde, sieht das ganz anders. Er lenkt unseren Blick auf den auffahrenden und thronenden Christus des Glaubensbekenntnisses und gestattet uns nicht, diese Bilder an die Kunstgeschichte und Brauchtumskunde zu überweisen oder für die Religionspsychologie zu reservieren. Ich lese aus dem dritten Kapitel des Kolosserbriefs die Verse 1-3 und 12-17

Seid ihr nun mit Christus auferstanden, so sucht, was droben ist, wo Christus ist, sitzend zu der Rechten Gottes. Trachtet nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist. Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott.

So ziehet nun an, als die Auserwählten Gottes, Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit. Und der Friede Gottes Christi, zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe; regiere in euren Herzen; und seid dankbar! Laßt das Wort Christi reichlich unter euch wohnen; lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles in dem Namen des Herrn Jesus, und danket Gott, dem Vater, durch ihn. Amen.

Zwei Dinge sind es, liebe Gemeinde, die an diesem Text faszinieren, wenn man unsere beiden Sätze des Glaubensbekenntnisses über Auffahrt und Thronen Christi in seinem Licht liest und über sie von ihm her predigt:

Zum einen wird unser alltäglicher Blick korrigiert und zwar kräftig. Der Predigttext diskutiert dabei nicht mit uns, sondern redet uns sehr deutlich an, redet uns drein: Nun klagt und jammert doch nicht soviel über die vielfältigen Schwierigkeiten des modernen Menschen mit den Bildern vom auffahrenden und thronenden Christus, redet doch nicht soviel von euren Schwierigkeiten, euch das vorzustellen, sondern sucht, was droben ist, schaut hin, wo Christus ist, sitzend zu der Rechten Gottes. Laßt euch doch erst einmal ein auf diese alten Bilder, schaut doch erst einmal hin, seht doch erst einmal zu. Unser Predigttext fährt uns in die Parade, wenn wir über die alten Bräuche lästern, die mißverständlichen Bilder klagen und über die naiven Vorstellungen höhnen: Trachtet nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist. Der Kolosserbrief lenkt unseren Blick von dem, was auf Erden ist, nach oben, von den Geschöpfen auf den Schöpfer, von den Niederungen und dem Lärm des Alltags auf die Ruhe und Harmonie der Welt Gottes. Und wer unter uns wollte bestreiten, wie tröstlich dieser Blick nach oben, dieser Blick weg von unserem elenden Alltag bisweilen ist. Leben wir nicht davon, daß wir gelegentlich auch einmal wegschauen können von dem, was wir so Tag für Tag anrichten und was man mit uns anstellt in dieser Welt? Leben wir nicht davon, daß uns alte Bilder wie die vom auffahrenden und thronenden Christus trösten und so plastisch zeigen, daß ein anderer als wir im Regimente sitzt und es gnädig führt? Ich will gar nicht bestreiten, liebe Gemeinde, daß es Tage gibt, wo wir die Aufforderung des Kolosserbriefes, nach oben zu schauen, nicht gern hören und als billige Ablenkung von den Problemen dieser Welt oder der strengen theologischen Alltagsarbeit wahrnehmen. Aber wir wären doch rechte Narren, wenn wir dem Autor des Kolosserbriefes nicht tief dankbar dafür wären, daß er uns mit seinen starken Worten darauf hinweist, daß unser alltäglicher Blick nicht die ganze Welt in den Blick nimmt und man die Dinge durchaus auch noch anders sehen kann: Sucht, was droben ist, wo Christus ist, sitzend zu der Rechten Gottes.

Noch etwas anderes fasziniert mich an diesem Predigttext, liebe Gemeinde, fasziniert mich, wenn wir die beiden Sätze des Glaubensbekenntnisses über Auffahrt und Thronen Christi in seinem Licht lesen. Der Autor des Kolosserbriefes verbindet nämlich zum anderen diesen scheinbar so weit von uns entfernten Christus, den Christus droben, mit unserer eigenen Realität und mit unserem eigenen Leben. Schaut ihr nur, sagt der Autor des Kolosserbriefes, nach oben, schaut euch diesen thronenden Christus an. Es ist der auferstandene Christus und mit ihm seid ihr ganz eng verbunden. Verbunden, weil auch ihr gestorben und auferstanden seid, dem alten Leben abgestorben in der Taufe und dadurch zu neuem Leben berufen - und so orientiert euch doch bitte nicht mit eueren Blicken, mit eurem Denken an eurer abgestorbenen Vergangenheit auf Erden, sondern an dem neuen Leben, das euch der Christus droben vorlebt. So, wie sein ganzes Wesen in der Auferstehung transformiert wurde in die himmlische Herrlichkeit, so soll auch eure irdische Realität ganz und gar transformiert werden: herzliches Erbarmen statt blutiger Vergeltung, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld als die Zeichen des neuen Lebens, als die Signale einer christlichen Kontrastgesellschaft inmitten der alltäglichen Kälte, dem schrillen Lärmen der Mediengesellschaft, dem lauten Rühmen unserer eigenen Leistungen und der erbarmungslosen Ungeduld, mit der wir uns selbst und unsere Nächsten quälen. Wenn wir auf den Christus droben schauen, so sagt der Autor des Kolosserbriefes, dann werden wir dieses neue Leben leben können: Einander ertragen und uns nicht mehr genervt unsere Schwächen vorzählen, dann werden wir endlich schweigen mit unseren Klagen übereinander und lernen, uns gegenseitig mit offenem Herzen zu vergeben. Dann werden wir endlich, anstatt immerfort zu lamentieren und zu klagen, dankbar sein, Gott endlich einmal aufrichtig danken für alle seine reichen Gaben, die wir empfangen haben. Dann regiert der Friede Christi in unseren Herzen, dann leben wir aus der Liebe Gottes so selbstverständlich, als sei sie unser Alltagsgewand. Ich bin übrigens fest davon überzeugt, daß unter diesen Voraussetzungen auch die schwierigen Zusammenhänge zwischen dem atemberaubenden medizinischen Fortschritt und der Menschenwürde besser in den Blick genommen werden können, weil wir dann klarer erkennen können, von welchem Leben wir als Christen reden, wenn wir von Leben reden.

Schließlich wird in unserem Predigttext das neue Leben der Getauften zutiefst realistisch und ganz konkret beschrieben, liebe Gemeinde - und damit wird endgültig klar, warum es sich lohnt, nicht immer nach dem zu schauen, was auf Erden ist und unser altes Leben gekennzeichnet hat, sondern das zu suchen, was droben ist, wo Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes, was dem neuen Leben entspricht und seinem Anfänger und Vollender. Der Autor des Kolosserbriefes ist so realistisch, die Differenzen zwischen dem Protagonisten des neuen Lebens und uns Anfängern nicht zu verwischen. Er droben und wir unten. Unser neues Leben ist verborgen, wie es zu Beginn des Predigttextes heißt. Noch genügend blutige Vergeltung, lautes Rühmen und erbarmungslose Ungeduld, noch genügend Klagen über andere und starres Beharren auf dem eigenen Recht - auch unter Christen, ja selbst in Theologischen Fakultäten. Auch deswegen: Schaut nicht immer darauf, nicht immer dahin, was da auf Erden noch an altem Leben ist, was doch längst gestorben ist. Schaut nach droben, tröstet euch daran, daß der Protagonist des neuen Lebens im Regiment sitzt, auf dem Thron, das Szepter in der Hand hält und letztlich den Lauf der Geschichte bestimmt. Und lest fleißig biblische Texte, besucht Gottesdienste, laßt das Wort Christi reichlich unter euch wohnen, erinnert euch daran, auch nach droben zu schauen, singt fleißig die wunderschönen Kirchenlieder, betet Psalmen - alles das, was unsere Herzen und unseren Blick nach oben lenkt, nach oben reißt: Sursum corda, nicht nur den Blick, sondern auch: die Herzen in die Höhe!

Ob wir es nun so sagen wie der Autor des Kolosserbriefes oder so wie der Verfasser des Lukasevangeliums - die Botschaft des heutigen Sonntages ist ein und dieselbe: Wir sind eingeladen. Wir sind eingeladen, den Blick nach oben zu richten, die Himmelfahrt Jesu Christi zu verfolgen, nach droben auf dem thronenden Christus zu schauen, den uns das Glaubensbekenntnis ebenso vor Augen stellt wie die alten Darstellungen in unseren Kirchen und Museen. Wir sind eingeladen, dorthin und auf diesen himmlischen Herrn zu blicken, weil er uns das Leben zeigt. Das Leben, was wir schon haben und noch bekommen werden, das neue Leben, das zu leben wir immer wieder eingeladen werden und zu dem wir ermuntert werden. Wir sind nicht nur zum Schauen bestellt, sondern - wie das Evangelium klarmacht - zum Abendmahl eingeladen: Kommt, denn es ist alles bereit. Schaut nicht nach dem, was auf Erden ist, nicht nach dem abgetretenen Fußboden im Chorraum und der beschädigten Lampe vorn rechts - nein, schaut nach oben, sehet und schmecket, wie freundlich der Herr ist. In ihm und mit ihm können wir leben. Amen.

Kanzelsegen

Und der Friede Christi, zu dem auch ihr berufen seid, regiere in euren Herzen. Er, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.