... hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten ...

Predigt über I Petr 3,18-22

Peterskirche, Heidelberg

2. Juni 2002

Psalm 18 (EG 707); Lieder: 140; 518,1; 100,2+3; 526,1-3; 112,1,2,4,6; 594,5-6,7

Liebe Gemeinde!

Das ist ein wunderlicher Text und ein finsterer Spruch, als freilich einer im Neuen Testament ist, daß ich noch nicht gewiss weiß, was St. Peter meint. Aufs erste lauten die Worte also, als habe Christus den Geistern, das ist den Seelen, die vorzeiten sind ungläubig gewest, da Noah die Arche baute, gepredigt. Das verstehe ich nicht, kann es auch nicht auslegen. Es hat es auch noch keiner ausgelegt. Doch will es jemand dafür halten, daß Christus, nachdem er am Kreuz verschieden war, niedergestiegen sei zu den Seelen und habe ihnen da gepredigt, will ich nicht wehren. Es möchte also einen Verstand leiden. Ich weiß aber nicht, ob St. Peter das wolle sagen (WA 12,367 f).

Zu diesem resignierenden Ergebnis kommt Martin Luther im Jahr 1523 bei seinen Bemühungen, unseren Predigttext auszulegen: Das verstehe ich nicht, kann es auch nicht auslegen. Ich weiß nicht, ob St. Peter das sagen wollte. Ich kann dem nur hinzufügen: Ich weiß es auch nicht - auch nicht, nachdem ich alle verfügbaren Kommentare und mehrere theologische Artikel zu Rate gezogen habe.

Aber aus diesen theologischen Erklärungsversuchen habe ich immerhin gelernt, wo die Schwierigkeiten dieses Textes liegen, der sagt, dass Christus in ihm auch hingegangen [sei] und den Geistern im Gefängnis gepredigt habe. Drei Schwierigkeiten enthält dieser Satz, die sich bis heute nicht mit letzter Sicherheit auflösen lassen:

1. Worauf beziehen sich die Worte in ihm - auf den Geist, nach dem Christus lebendig gemacht wurde, auf sein Leiden und Sterben oder auf seine Auferstehung?

2. Wer ist gemeint mit den Geistern im Gefängnis? Sind das die Menschen, die zur Zeit Noahs gelebt haben und durch ihren Ungehorsam bewirkt haben, dass es Gott reute, den Menschen gemacht zu haben, so dass die Sintflut kam. Oder sind es die bösen Geister (Engel, Dämonen), die sogenannten Gottessöhne, von denen in Gen 6 die Rede ist, die die Menschen zu dieser Bosheit verführt haben?

3. Was hat Christus ihnen verkündigt? das Evangelium, um sie zu retten, oder seinen Sieg über Sünde, Hölle und Tod und damit das endgültige Gericht?

Man sieht schnell, dass diese unterschiedlichen Antwortmöglichkeiten ganz unterschiedliche Deutungen und Verständnisse dieses Textes und der aus ihm abgeleiteten Aussagen des Glaubensbekenntnisses ergeben, Christus sei hinabgestiegen in das Reich des Todes oder, wie es über Jahrhunderte hin bis zur Revision des Apostolikums viel sprach- und bildkräftiger hieß: niedergefahren in die Hölle. Ist hier vom Triumph Christi über die endgültig erledigten Mächte des Bösen die Rede oder von der tiefsten Erniedrigung und Gottverlassenheit Jesu, der selbst in seinem Tod die Qualen der Hölle erlitten hat oder ist die Rede von seiner Evangeliumsverkündigung an die ungehorsamen und gottlosen Menschen der Vorzeit? Wir wissen wirklich nicht, welche Interpretation die richtige ist, weil es für sie alle Gründe und Gegengründe gibt.

Wir wissen zwar, wann und wie die Worte vom Hinabstieg Christi ins Reich des Todes, das descendit ad inferna bzw. ad inferos ins Apostolikum hineingekommen sind - sehr spät, erst im Jahre 359 auf der Synode von Sirmium auf Antrag des syrischen Theologen Markus von Arethusa, den ich übrigens auch erst während der Predigtvorbereitung kennen gelernt habe. Aber wiederum wissen wir nicht, welches Verständnis die Synode von Sirmium mit diesen Worten verband und was der Grund dafür war, dass dieser in der Bibel nur sehr schmal und am Rand belegte Gedanke ins Apostolische Glaubensbekenntnis aufgenommen wurde.

Was sollen wir angesichts von so vielen offenen Fragen, Unklarheit, Unwissen und Dunkelheit tun?

Adolf von Harnack, der berühmte Berliner Kirchenhistoriker an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, besuchte einst seine altgewordenen Tanten und erkundigte sich, womit sie sich denn zur Zeit beschäftigten. Sie sagten ihm, dass sie gerade den Propheten Hesekiel miteinander läsen. Der Gelehrte konnte seine Überraschung und sein gelindes Erschrecken nicht verbergen und sagte: Den Propheten Hesekiel? Aber der ist doch so schwierig und voller Rätsel. Versteht Ihr das denn? Eine der Tanten soll ihm geantwortet haben: Nein, wir verstehen nicht alles; aber was wir nicht verstehen, das legen wir uns gegenseitig aus. Ich finde, das ist eine ganz angemessene evangelische Antwort. Leider ist das Gegenseitig-Auslegen in der asymmetrischen Kommunikationssituation zwischen dem Prediger auf der Kanzel und der zuhörenden Gemeinde nicht wirklich möglich. Deshalb kann ich nun nur so vorgehen, dass ich Ihnen meinen Auslegungsversuch vorlege und darauf hoffe, dass er bei Ihnen Resonanz findet, Zustimmung oder Widerspruch und eigene Auslegungsversuche in Gang setzt.

Meine Auslegung will ich beginnen, indem ich frage, ob die genannten drei Interpretationsmöglichkeiten nicht möglicherweise jede für sich eine wichtige Wahrheit enthalten, und sie deshalb miteinander verbunden werden können oder sogar müssen. Dabei beginne ich mit der Auslegung, die m. E. die stärksten Gründe für sich geltend machen kann: Die Hadesfahrt als Evangeliumsverkündigung an die ungehorsamen, gottlosen Menschen der Zeit vor Christus. Für diese Deutung spricht eine Aussage, die wenige Verse später, in I Petr 4,6 zu finden ist. Dort heißt es: Denn dazu ist auch den Toten das Evangelium verkündigt, dass sie zwar ihrem menschlichem Fleisch [d. h. ihrer irdischen Lebensweise] nach gerichtet werden, aber nach Gottes Weise das Leben haben im Geist. Das passt dazu, dass auch schon im ersten Kapitel des ersten Petrusbriefs die Auffassung vertreten wird, dass der Geist Christi bereits in den Propheten des Alten Bundes gewesen sei. Aber durch das, was der erste Petrusbrief nun im dritten und vierten Kapitel sagt, wird diese erste Aussage noch einmal weit überboten. Denn das besagt nun, dass nicht nur die Gerechten des Alten Bundes in das Heil hineingenommen werden, sondern auch ausdrücklich die Ungerechten, die schlimmsten Sünder, die man sich vorstellen konnte.

Es gibt keine Ungnade der frühen Geburt. Und darum bin ich der Synode von Sirmium ausgesprochen dankbar dafür, dass sie diesen kleinen Bestandteil von der Hadesfahrt oder Höllenfahrt Christi mit ins Apostolikum aufgenommen hat. Er enthält eine Antwort auf all die Fragen nach dem Geschick der Menschen, die nie dem Evangelium begegnet sind, die nie von Christus hören konnten oder denen die Verkündigung nie so begegnet ist, dass sie ihre Herzen erreicht hat. Wie viele qualvolle Fragen können sich damit für Menschen (im Kleinen wie im Großen) verbinden und wie weitreichend und wie weitherzig ist demgegenüber die Antwort, die sich von diesem Text aus geben lässt: Es gibt kein Totenreich und keine Hölle, in die das Evangelium von Jesus Christus, und d. h. das Heil Gottes, nicht hineinreichen würde. Die Reichweite des Heiles, das Christus gebracht hat, kann nur so groß gedacht werden, dass sie allen Menschen gilt.

Und wie passt das mit der Deutung zusammen, dass Christus den bösen Geistern, Teufeln und Dämonen in der Höllenfahrt seinen Sieg und ihre endgültige Erledigung verkündigt habe? Ist das nicht ein glatter Gegensatz zu der unbegrenzten Evangeliumsverkündigung an die verlorenen Sünder? Nein, das ist nur scheinbar ein Widerspruch zu dem eben Gesagten. In Wirklichkeit ist es dessen notwendige Ergänzung. Das Heil gilt allen Menschen, aber nicht den Mächten des Bösen, nicht dem Teufel, nicht den Dämonen. Wer aus vermeintlicher Großherzigkeit auch noch den Mächten des Bösen Versöhnung verkündigt und sie mit einbeziehen will, paktiert mit dem Teufel, und er wird weder sich noch andere vom Bösen retten können. Wenn das vorbehaltlose Ja zu den Sündern nicht das vorbehaltlose Nein zur Sünde einschließt, ist Vergebung, Absolution, Befreiung nicht wirklich möglich. Denn nur so können wir Menschen, selbst Menschen, die sich tief mit dem Bösen eingelassen haben, vom Bösen unterscheiden.

Dieser Kampf mit den bösen Geistern, die immer dann ihr Unwesen treiben, wenn Menschen mit den Kräften des Guten in Berührung kommen, ist ein Kampf bis aufs Blut. Und viele Menschen haben schon die Erfahrung gemacht, dass sie die Macht des Bösen umso mehr in ihrer Umgebung und in sich selber zu spüren bekommen haben, je tiefer sie von der Wirklichkeit Gottes angerührt wurden. Und oftmals ist die Seelsorge ein solches Ringen mit den Mächten des Bösen, um Menschen aus ihrer Herrschaft zu befreien. Das erfordert den Mut, dem Teufel ins Angesicht hinein im Namen Jesu Christi den Kampf anzusagen und ihm abzusagen. Anders als im Namen Jesu Christi kann ich mir das freilich nicht vorstellen, und d. h.: nur im Wissen darum, dass er in seinem Durchgang durch den Kreuzestod die Begegnung mit dem Bösen so durchlitten hat, dass er dies als Gottverlassenheit und Gottesfinsternis, ja als Hölle erlebt hat.

Der gekreuzigte und auferstandene Christus ist der, der aus Liebe zu den Menschen als die menschgewordene Liebe Gottes den Kampf mit den Mächten des Bösen so aufgenommen hat, dass wir im Blick darauf von seinem schon errungenen Sieg über Sünde, Hölle, Tod und Teufel sprechen und ihn bekennen können.

Unser Predigttext und die Aussage des Apostolischen Glaubensbekenntnisses, die ihm zugeordnet ist, nimmt die Toten mit hinein in den christlichen Glauben. Das ist unersetzlich wichtig in einer Zeit, in der das Sterben, der Tod und die Toten immer mehr aus dem Leben ausgelagert werden: in Krankenhäuser, Altenheime, Hospize. Gut, dass es all das gibt! Aber unserem Leben geht eine ganze Dimension verloren, wenn in ihm das Sterben und der Tod keinen Platz mehr haben. Wir werden dadurch nicht frei, sondern wir verstricken uns in die verdrängten und totgeschwiegenen Toten, und dann erleiden wir sie möglicherweise in unseren seelischen Störungen und Lebenskonflikten, ohne dass wir die Ursachen erkennen. Es ist für die Toten und für uns Lebende gleichermaßen wichtig, dass wir miteinander Frieden haben.

Früher war es der Normalfall, heute ist es oft nur noch im dörflichen Bereich so, dass wir über den Kirchhof, den Friedhof, in die Kirche gehen. Die Toten waren dabei, sie feierten gewissermaßen den Gottesdienst als stille Teilnehmer mit. Man sprach von ihnen als der triumphierenden oder vollendeten Kirche. Die katholische Kirche hat davon durch Totenmessen und Jahrtage noch relativ viel bewahrt. Im evangelischen Bereich ist das weithin verloren gegangen. Aber immer mehr Menschen empfinden das als ein schmerzliches Defizit. Ob wir davon etwas wiedergewinnen können?

Dabei geht es nicht um Totenkult oder Todeskult! Nein: Gott ist ein Freund des Lebens und nicht des Todes. Wir sind zum irdischen Leben erschaffen und zum ewigen Leben bestimmt. Und nicht zufällig endet das Credo mit dem Wort: Leben, ewiges Leben. Das Leben ist Gottes erstes und letztes Wort, aber dazwischen hat der Tod, der kreatürliche Tod, seinen Platz.

Nur im Durchgang durch diesen kreatürlichen Tod haben wir, hat auch Jesus Christus Anteil an der Auferstehung und am ewigen Leben. Dieser Durchgang ist der Übergang von der Zeit in die Ewigkeit, die im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe schon in unsere Zeit hineinscheint, aber in ihr keine endgültige Bleibe hat. Die Auferstehung Jesu Christi von den Toten am dritten Tag nach seinem Tod ist völlig missverstanden, wenn sie als eine Rückkehr ins Leben gedeutet wird. (Die alte Bekenntnisformulierung, Christus sei wieder auferstanden von den Toten war wirklich revisionsbedürftig). Keine Rückkehr ins Fleisch, keine Wiederbelebung, sondern ein Durchgang durch den Tod und eine damit verbundene radikale Verwandlung durch und in den Geist Gottes ist gemeint, wenn die Bibel und das Bekenntnis von der Auferstehung Jesu Christi von den Toten spricht und von der darin begründeten Auferstehungshoffnung für alle Menschen. Auferstehung lässt den Tod endgültig hinter sich, weil der Auferstandene und die Auferstandenen durch den Tod, durch das Totenreich, ja durch das Feuer des Gerichts und der Hölle hindurchgegangen sind. Zwischen dem Tod und der Auferstehung liegt die Hölle, und das erfahren wir manchmal auch schon in diesem Leben.

Ein Autoaufkleber, den man vor einigen Jahren gelegentlich sehen konnte, hat mich immer tief berührt, geradezu erschreckt. Er besagte: Ich geh kaputt. Gehst du mit? Kann man dazu Ja sagen? Darf man dazu Ja sagen? Ich denke: zum Mitgehen wohl, aber auch zum Kaputtgehen?

Nun steckt wahrscheinlich in jedem zwischenmenschlichen, seelsorgerlichen, therapeutischen Mitgehen, wenn es denn ernsthaft ist und sich auf die Lebenslast eines anderen Menschen einlässt, zumindest ein Mitleiden und Belastetwerden, manchmal sogar ein Beschädigtwerden. Und doch ist da eine Grenze, die Menschen füreinander nicht übersteigen können, weil wir füreinander nicht Retter, Heiland, Messias oder Gott sein können. Im letzten Sinne des Wortes können wir einander nicht erlösen, sondern nur durch unser Handeln hinweisen, oder richtiger gesagt: Unser Handeln kann transparent werden für den Erlöser, der tatsächlich um der Menschen willen kaputt gegangen ist und der ihnen nun sagen lässt: Ich bin schon durch die Hölle hindurchgegangen. Komm mit mir! Halt dich an mir fest! Wir gehen da miteinander durch. Auf der anderen Seite wartet das Leben.

Und sein Friede, der höher ist als alle Vernunft, bewahre uns in Christus Jesus zum ewigen Leben.

Prof. Dr. Wilfried Härle, Heidelberg

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