Predigt zum Pfingstsonntag (19. Mai 2002) in der Peterskirche Heidelberg

 

Vorbemerkung:

 

Liebe Gemeinde,

 

Das Kapitel der Peterskirche hat beschlossen, in diesem Sommersemester solle das apostolische Glaubensbekenntnis in den Predigten ausgelegt werden. Heute geht es um den Satz „empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria“. Sicher sind manche von Ihnen neugierig, wie ein Protestant heute den schweren Brocken Jungfrauengeburt bewältigen wird. Ich kann Ihnen nur sagen, er ist rational nicht zu bewältigen. Denn das Glaubensbekenntnis bezieht sich hier auf eine Geschichte vom Herabkommen des Himmels auf die Erde. Das setzt zwar menschliche Rationalität nicht außer Kraft, aber es kommt zu einer Verbindung von zwei Rationalitäten unterschiedlicher Komplexität, wie bei allen, die sich zwischen Himmel und Erde bewegen. Dabei kann die begrenztere Komplexität die umfassendere nicht in sich aufnehmen, sondern muss sich Veränderungen und Erweiterungen gefallen lassen. Es kann daher nur meine Aufgabe sein, der Geschichte vom Herabkommen des Himmels zu Ihnen nicht im Weg zu stehen, sondern selbst ihr erzählendes Instrument zu werden. Das will ich versuchen und lese Ihnen daher zuerst die Geschichte vor, bevor ich sie erneut erzähle.

 

Text: LK 1, 26-38

 

Als der Erzengel Gabriel vom Himmel herab zu Maria schwebte – er hatte sich nicht beamen lassen, um noch etwas Zeit zum Nachdenken zu haben – war er ziemlich verunsichert. Gerade hatte er sich anhören müssen, er solle es dieses Mal etwas freundlicher angehen als vor sechs Monaten bei dem Priester Zacharias, als er sich einfach am Altar aufgepflanzt und damit dem alten Mann einen gehörigen Schrecken eingejagt hatte. Und obwohl er dann so viele verheißungsvolle Dinge über das zu erwartende Kind, den Johannes, gesagt hatte, war der alte Herr so widerspenstig geblieben, dass er, Gabriel, sich dazu hatte hinreißen lassen, ihm ein Schweigen aufzuerlegen, das immer noch andauerte. Nein, das war nicht gut gelaufen. Dieses Mal musste er behutsamer vorgehen.

Mit seiner Botschaft war er hoch zufrieden, ja geradezu stolz darauf, dass er die Ankunft des Messias ankündigen durfte. Der verwaiste Thron Davids sollte endlich wieder besetzt werden, und zwar nicht mit einem machtbesessenen Herrscher, sondern mit einem, durch den Gott selbst sein Volk und alle Völker zum Heil führen wollte, mit seinem eigenen Sohn, der Verkörperung der Zuwendung und Hilfe Gottes, der deshalb auch Jesus heißen sollte, d.h.: Jahwe hilft. Mit Liebe und ohne Gewalt werde dieser die Herzen der Menschen gewinnen, ihnen die Augen öffnen für das Reich Gottes, sie aus ihrer Selbstsucht befreien und ihnen die Furcht vor Tod und Gericht nehmen.

Seiner Botschaft war sich Gabriel sicher, doch konnte er mit dem Einverständnis  der vorgesehenen Mutter rechnen? Das Verhalten von Menschen ist für Engel nicht vorhersehbar, schon gar nicht das von Frauen. Er beruhigte sich mit dem, was er von dem Mädchen wusste. Sie kannte die heiligen Schriften und vertraute ihnen. Zu Hause und in der Synagoge hatte sie die Geschichten von der Schöpfung, von Abraham, von Mose und den Propheten gehört. Sie hatte mit ihnen lesen gelernt, viel darüber nachgedacht und die Psalmen gesungen und gebetet. Vieles konnte sie auswendig, wie im Übrigen viele Mädchen und Jungen in Israel.

 

Mit Verständnis konnte er also rechnen, aber ob er ihre Zustimmung erreichen konnte? Ein mulmiges Gefühl hatte Gabriel wegen des Verfahrens, mit dem Gott sein Vorhaben ins Werk zu setzen gedachte. Das Mädchen Maria war verlobt, noch unberührt. Und obwohl Engel sich nicht so recht in die Probleme von Geschlechterbeziehungen eindenken können, schwanten ihm Komplikationen. Er hatte dies zur Sprache gebracht und war zunächst mit der Auskunft abgewimmelt worden, gegebenenfalls müsse er eben auch noch ihren Verlobten, den Josef, besuchen und ihm den Sachverhalt erklären. Der sei ein frommer Mann und werde sich Gott nicht in den Weg stellen. Außerdem sei es auch für spätere Generationen von Vorteil, wenn dem Vorgehen Gottes ein Hauch von Illegitimität anhafte. Alternative und Moralisten könnten dadurch gewonnen und zu traditionskritisch-innovativen Theologien angeregt werden, während Tugendwächter die Jungfrau Maria in den Himmel heben würden, so dass sie über jeden Verdacht erhaben sei.

Aber damit hatte er, Gabriel, sich nicht zufrieden gegeben, sondern theologische und humanwissenschaftliche Argumente vorgetragen. Bei Abraham und Sara, bei Samuel und Hanna, bei Zacharias und Elisabeth sei die Unfruchtbarkeit so offenkundig gewesen, dass die Alleinwirksamkeit Gottes in keiner Weise hätte bezweifelt werden können. Wenn man jetzt aber qua Jungfrauengeburt den Mann eliminiere, werde man den unter den Menschen immer noch verbreiteten Irrtum bestätigen, der Mann sei allein der Erzeuger des neuen Lebens und die Frau nur sein Gefäß, wohingegen doch jedenfalls himmelweit bekannt sei, dass die ganze Aktivität bei der Frau liege, während der Mann nur einige Bausteine beitrage. Außerdem hatte er sich nicht die Bemerkung verkniffen, dass für das Erlösungswerk eigentlich eine Tochter Gottes die bessere Wahl wäre als ein Sohn, weil Frauen mehr von Liebe und Barmherzigkeit verstünden.

Da haben ihn die himmlischen Theologen aber abblitzen lassen. Durch Adam sei die Sünde in die Welt gekommen, denn nur ihm sei geboten gewesen, nicht vom Baum der Erkenntnis zu essen (Gen. 2, 16f), nicht der Eva. Die habe die Frucht nur angereicht. Deshalb müsse ein Sohn die Erlöserrolle übernehmen. Auch sei es unerheblich, ob Frau oder Mann mehr zur Geburt neuen Lebens beitragen würden. Letztlich sei bei jeder Neugeburt Gott selbst als heiliger Geist ursächlich. Ohne diesen gäbe es weder Eisprung noch Befruchtung und alles Folgende. Das gälte für Abraham und Sara ebenso wie für jeden Otto und jede Mathilde. Egal ob intra- oder extrakorporal, Leben sei Gottes-Geschenk und damit basta.

Was den Casus Jungfrauengeburt betreffe, sei man exegetisch gebunden. Gott könnte selbstverständlich auch alles anders machen. Nachdem aber der Prophet Jesaia angekündigt hatte, dass eine junge Frau schwanger und einen Sohn Immanuel gebären werde (Jes. 7,4) und dieser dann den Thron Davids in alle Ewigkeit erhalten solle (9,5f) und die Septuaginta-Übersetzung mit weltweiter Verbreitung diese junge Frau auch noch zur Jungfrau gemacht hatte, bliebe kaum eine andere Wahl. Man wolle den wichtigsten Propheten nicht diskreditieren. Außerdem habe der international renommierte Philosoph Philo von Alexandria die Jungfrauengeburt schon für minder bedeutende Heilsgestalten reklamiert. Da könne man sich beim Erlöser der Menschheit nicht mit weniger zufrieden geben. Er, Gabriel, solle daher jetzt seinen Auftrag umgehend ausführen.

So musste er nun an Maria denken. Wie konnte er ihr das, was mit ihr geschehen sollte, begreiflich machen? Er wusste, dass sie sich als fromme Frau den Plänen Gottes nicht entgegen stellen würde. Sie wird aber annehmen, dass Gott seine Pläne, wie auch früher schon, im Rahmen natürlicher Zeugung, durch die Vereinigung eines Paares verwirklichen würde und daher etwa so fragen: „Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Manne weiß?“ Er wird ihr freundlich und schonend erklären, wie es zugehen solle und dass Gott ihr beistehen werde. Er wird vom Heiligen Geist sprechen, von seiner Kraft und Lebensfülle, die sie aufblühen lasse und innerlich stark mache. Der kühlende Schatten fällt ihm noch ein, der in der Hitze des Orients als ganz besondere Wohltat gilt. Dann wird er noch einmal auf das große Werk hinweisen, dessen Instrument sie sein darf: Das Heilige selbst, den Sohn Gottes zur Welt zu bringen. Wie er das alles denkt, wird er selbst ein bisschen neidisch auf Maria, nicht mehr als es einem Engel ansteht, aber doch etwas neidisch, weil er als Engel, auch ein Instrument Gottes, für diese Aufgabe eben nicht in Frage kommt.

Wie würde sie reagieren? Was wäre, wenn sie nein sagte? Sicher nicht aus Hochmut, aber vielleicht aus Angst oder weil sie es einfach nicht glauben konnte. Gabriel dachte an seinen Besuch beim alternden Paar Abraham und Sara. Die Frau hatte schlicht gelacht und behauptet, sie werde als alte Frau kein Kind mehr gebären, so dass er etwas grob zurückfragen musste, ob sie etwa meine, dass bei Jahwe etwas unmöglich sei (Gen. 18,14). Damals hatte Gott sich um Saras Widerspruch einfach nicht gekümmert. Maria daran zu erinnern, erschien ihm etwas rüde. Er hatte auch das Gefühl, dass Gott bei seinem eigenen Sohn nicht ohne die Zustimmung der zukünftigen Mutter handeln wolle. Er würde besser ihre Verwandte, Elisabeth, erwähnen, die froh und stolz ihren dicken Bauch überall herumzeigte und lachend allen Zweiflern entgegen hielt: Man solle nur kräftig beten, denn bei Gott sei kein Ding unmöglich. Ja, Elisabeth ist sicher das bessere Beispiel. Außerdem verstanden sich die beiden Frauen gut.

Mit diesen Gedanken war Gabriel am Berg Tabor vorbei geglitten. Vor ihm die fruchtbare Jesreelebene, näherte er sich dem nichts sagenden Städtchen Nazareth, in dem der Sohn Gottes nun aufwachsen sollte, wenn, ja wenn Maria ja sagte. Immer noch nagte die Ungewissheit an ihm. Gleich würde über die Zukunft des Menschengeschlechts entschieden. Nicht auszudenken, wenn es an seinem Auftreten scheitern sollte. Der erste Eindruck ist die halbe Miete, hatte er neulich im Heaven’s Daily gelesen. Viele Menschen würden sich auf den ersten Blick verlieben. Das war’s. Die Anrede musste ins Herz treffen, musste die ganze Liebe und Zärtlichkeit Gottes, sein Engagement für sein Volk und seine Treue in sich tragen. Wie Musik sollte sie in ihren Ohren klingen, so dass sie die Gnade Gottes in sich hören und fühlen würde. So wird er sie ansprechen: Sei gegrüßt, du Begnadete, Ave Maria, gratia plena, und hinzufügen, Jahwe ist mit dir, wie er mit Mose, mit Jeremia und vielen anderen aus der Geschichte deines Volkes war. Die vielfach erwiesene Gnade und Treue Gottes wird Maria überwältigen und ihr das Gefühl vermitteln, der Dreh- und Angelpunkt der ganzen Heilsgeschichte zu sein. Sie wird vielleicht auch erschrecken, aber schließlich nicht anders können als Ja zu sagen.

 

Es war dann alles ganz einfach gewesen. Sie sei die Magd des Herrn, hatte Maria nur gesagt, und es solle ihr das geschehen, was er, Gabriel, angekündigt hatte. Schon wächst in ihrem Leib der Sohn Gottes heran gegen die Biologie und trotz des Unglaubens aller aufklärten Schriftgelehrten, Theologen und Historiker. Einfach Magd sein und Ja sagen. Seine, Gabriels, gewinnende Rede hätte das wohl nicht alleine geschafft. Der Heilige Geist, dessen Ausgießung man eines Tages feiern wird, hat nicht nur eine Jungfrau gegen alle Gesetze der Welt schwanger werden lassen. Er hat diese junge Frau auch in die Lage versetzt, eigene Lebensträume ihrer Berufung zur Helferin Gottes unterzuordnen. Denn der heilige Geist, so resümierte Gabriel auf dem Rückflug, „lehrt durch die Kraft, die aus der Schwäche wächst, durch die Weisheit, die aus der Unwissenheit aufbricht, durch das neue Leben, das aus einer Jungfrau geboren wird und durch die dienende Kirche“ [1], die in Maria die erste Diakonin ehrt, welche ihrem Leben und Handeln die Richtung weist: die Gnade Gottes für alle Menschen sichtbar werden zu lassen. Er werde dieses schöne Resümee irgendwann einem klugen Theologen ins Ohr flüstern, dachte sich Gabriel, damit man es lesen und in Pfingstpredigten darauf zurückgreifen könne. Und dann begann er, in den Himmel hineinschwebend, ein Ave Maria zu singen, in das die himmlischen Heerscharen einstimmten, so dass die Klänge das ganze Universum erfüllten.

„Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir. Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes“

Amen.

 

 

 

Heinz Schmidt

 

P.S.: Es folgt das Ave Maria von Franz Schubert



[1] Zitiert aus Carlos Mesters, Maria, Mutter Jesu, Neukirchen-Vluyn/Düsseldorf 1985, S. 48. Mesters fährt fort, „…die aus dem demütigen Volk entsteht.“ Das ist insofern missverständlich, als die Kirche selbst ein Werk des heiligen Geistes ist und nicht des Volkes. Möglicherweise meint Mesters, dass das demütige Volk auch ein Werk des Heiligen Geistes ist, das als Volk Gottes die Kirche bildet.