Jürgen Hübner

 

"Ich glaube an Gott, … an den Schöpfer des Himmels und der Erde" / Psalm 96

 

Predigt am Himmelfahrtstag, 9. Mai 2002, in der Peterskirche Heidelberg

 

 

"Ich glaube an Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde" - das ist ein wahrhaft unerschöpfliches Thema. Geht es doch um Gott, den Schöpfer! Was vermögen demgegenüber auch die kreativsten Gedanken von Menschen?

 

Wir brauchen aber nicht aus uns selbst zu schöpfen. Wir dürfen uns an Vorgaben halten. Das ist einmal die Schöpfung selbst, der wir zugehören. Wir können sie ein Stück weit erkennen und manches - Privileg der Menschen - erklären. Menschliche Erkenntnis entspricht freilich menschlichen Sichtweisen mit ihren unterschiedlichen Möglichkeiten. Und sie entspricht menschlicher Sichtweite; sie reicht heute bis weit in den Himmel hinein. Das Hubble-Teleskop macht es möglich.

 

Wenn wir an Gott den Schöpfer denken, reicht das aber nicht aus. Ja wir können mit unserem Denken geradezu auf Holzwege geraten, auch wenn die Bahnen hochdifferenziert ausgeklügelter Weltraumsonden richtig ausgerechnet sind. Das gilt insbesondere bei allfälligen metaphysischen Extrapolationen. Spekulationen, die in die Irre führen, können sehr weit getrieben werden.

 

Zu unseren Vorgaben gehört nun aber auch und ganz besonders das biblische Wort, die gebündelte Gotteserfahrung des alten Israel und der ersten Christen, auf uns gekommen über die Erfahrungen der Juden und Christen und nicht nur diesen allein mit diesem Wort. Das biblische Wort und die Erfahrungen mit diesem Wort vermögen unsere geschöpflichen Erfahrungen zu deuten, sie wahrzunehmen als das, was sie sind: geschöpfliche Erfahrungen. Ihnen kommt keine letztgültige Qualität, kein ideologischer Anspruch zu. Aber Gott nimmt sie in Anspruch.

 

Für heute ist uns der 96. Psalm vorgegeben, und auf ihn wollen wir uns einlassen. Er fordert dazu auf, ein Lied zu singen. Angesprochen sind "alle Lande", "alle Welt": die ganze Erde. Das Lied gilt Jahwe, Gott, dem Herrn - wir können ergänzen: dem Vater Jesu Christi, unserem himmlischen Vater. Wir gehören dazu, wenn von "aller Welt", von der ganzen Erde die Rede ist. Von und für Gott soll gesungen werden! Seinem Namen soll gehuldigt werden.

 

Ein neues Lied soll es sein. Von Tag zu Tag soll es neu erklingen. Die Erfahrungen jeden Tages sollen darin eingehen. Jeden Tag ein neues Lied: Viele Lieder werden das sein. Die Alltäglichkeiten werden in solchen Liedern in einem neuen Licht erscheinen - im Licht eines jeden neuen Tages. Vor Gott sind sie nicht trivial. Vor Gott gewinnen sie ihr eigenes Profil, jeden Tag neu. Das Leben wird spannend. Dadurch ändern sich auch die Alltäglichkeiten, und sie können verändert werden. Hilfe wird erkennbar, Schutz, Beistand, Sieg, Glück: Segen, Gottes Heil!

 

Davon gilt es zu erzählen. Verkündet von Tag zu Tag sein Heil! Gottes Herrlichkeit tut sich in der Welt kund. Von seinen Wundern gilt es, in der Welt Zeugnis zu geben. Gewiß sind in dieses Gotteslob persönliche Begebnisse eingeschlossen: daß Not gewendet wird, daß sich neue Wege auftun, neue Chancen ergeben, neue Erkenntnisse auftun, daß mir zur richtigen Zeit der richtige Mensch begegnet, aber auch, wo es Trost gibt, ist das ein Wunder, wenn eigentlich Trostlosigkeit angesagt ist, wenn Freude aufkommt, wo doch der Schmerz dominiert, wenn sich das Leben meldet, wo der Tod erscheint. Jeder hat hier seine eigenen Erfahrungen.

 

Unser Psalm greift aber noch weiter aus. Er geht gewissermaßen aufs Ganze. Das ganze Leben ist ein Wunder!

 

Als Kind habe ich irgendwann einmal wahrgenommen, daß ich auf der Welt bin. Und mich darüber gewundert. Ich kann mich noch genau an den Ort erinnern, wo mir das aufgegangen ist, an das Pflaster des Bürgersteigs, den Zaun an der Seite, das nächste Haus, die Straßenbäume (Linden waren das). Hier ist etwas ins Bewußtsein gedrungen, was zuvor selbstverständlich war.

 

Daß wir auf der Welt sind, bedarf der täglichen Vergewisserung. Schon wenn ich nach einem Tag am Schreibtisch auf die Straße oder in den Garten gehe, nehme ich die Welt neu wahr. Je mehr wir erleben, je mehr wir wissen, desto umfassender kann das Bewußtsein davon werden, welches Wunder unser Dasein ist. Wenn Astronauten auf die Erde schauen und ihre Schönheit, die Schönheit des "blauen Planeten" entdecken, begegnet das Wunder des Lebens noch einmal auf eine neue, eigentümliche Weise. Und je weiter man in das Weltall hineinschaut, umso größer wird das Wunder einerseits der Sternenwelt, andererseits aber auch des Wunders unseres Lebens inmitten dieser Welt.

 

Denn je mehr wir sehen, umso lebensfeindlicher erscheint auch das All. "Leben ist in unserer Galaxis noch unwahrscheinlicher als vermutet", stellt eine Wissenschaftszeitschrift fest. Sterne entstehen, dehnen sich aus und vergehen, Galaxien bilden sich aus und kollidieren miteinander, stürzen in sich zusammen. Materie verschwindet in Schwarzen Löchern, die wiederum zu strahlen beginnen. Und das alles in Zeiträumen, die menschliches Vorstellungsvermögen ganz hinter sich lassen. Ein grandioses Schauspiel, das aber auch ängstigen kann. 13-14 Milliarden Jahre währt schon der kosmische Prozeß von ständigem Werden und Vergehen und neuem Werden, und es ist durchaus offen, wie er weitergeht - auch die kosmologischen Theorien sind dem Wandel unterworfen, und ein Fortschritt der Erkenntnis zeichnet sich nur langsam ab und wird zu keinem Ende kommen, bevor ein Ende unseres Planeten oder unseres Sonnensystems zu erwarten ist, in fünf bis sechs Milliarden Jahren voraussichtlich. Um so erstaunlicher ist es, daß es diese Erde gibt, die unsere Sonne umkreist und von dem Mond umfahren wird, so daß sich Leben auf ihr entwickeln konnte, menschliches Leben zumal bis hin zu unserem jeweils eigenen Leben.

 

Wie ist das möglich? In früheren Zeiten dachte man an verschiedene Gottheiten und betete sie an. Heute gibt es abstrakte Spekulationen. Was dachte sich Gott, als er die Welt, das Weltall erschuf? Stephen Hawking habe ein "Buch über Gott" geschrieben, heißt es in seiner "Kurzen Geschichte der Zeit". Gott als Mathema-tiker: "Anscheinend hat er sich für eine sehr regelmäßige Entwicklung des Universums, für eine Entwicklung in Übereinstimmung mit bestimmten Gesetzen entschieden", lesen wir bei dem berühmten Kosmologen. Das klingt geradezu tröstlich, und tröstlich soll es auch sein, wenn sich nach dem Untergang der Menschheit, sobald die Sonne zu einem Roten Riesen geworden ist, anderswo im Weltall neue, andere Zivilisationen entwickelt haben könnten, möglicherweise. So der Nobelpreisträger Andrej Linde.

 

Das Weltall ist dennoch bedrohlich, und das Leben auf unserer Erde in diesem Universum ist durchaus gefährdet. Man braucht dazu nicht erst an den Asteroiden zu denken, der am 16. März 2880 auf die Erde niederstürzen soll. Man kann schon auf den Rückgang der Ozonschicht verweisen, der die Menschen und alle anderen Geschöpfe auf der Erde eines Tages schutzlos kosmischer Strahlung ausliefern kann. Die ökologische Katastrophe ist noch nicht abgewendet.

 

Angesichts solcher Bedrohungen und Ängste nahm man früher Zuflucht zu den verschiedenen Göttern und ihren Kulten. Heute sind es eher abstrakte Theorien und Weltanschauungen, aber auch heute gibt es Göttinnen und Götter, Gaia, das Lebewesen und die Göttin Erde zum Beispiel, deren tätige Verehrung die Welt ins Gleichgewicht bringen soll. Meist ist an solchen Theorien, Weltanschauungen und Neureligionen auch etwas dran - aber sobald Menschen ihr Herz daran hängen, werden ihre Manifestationen zu menschengemachten Göttern, zu Götzen.

 

Die Psalmen kennen die Bedrohungen der Welt und die Ängste der Menschen samt ihren religiösen und ideologischen Rettungsversuchen. Sie nennen beim Namen, was Angst macht. Die Chaoswasser der Sintflut sind ein Beispiel. Im Psalm 93 heißt es in symbolträchtig dichterischer Sprache: "Die Wasserströme erheben sich, die Wasserströme erheben ihr Brausen, die Wasserströme heben empor die Wellen, die Wasserwogen im Meer sind groß und brausen mächtig". Die Antwort aber lautet: "Der Herr ist noch größer in der Höhe!" Das nimmt unser Psalm auf: "Der Herr ist groß und hoch zu loben, mehr zu fürchten als alle Götter" - oder: "furchtbar thront er über allen Göttern". Und nun wird ganz einfach gesagt: "Denn alle Götter der Völker sind Nichtse, Götzen - Jahwe aber, der Herr, hat den Himmel gemacht."

 

Das ist keine wissenschaftliche Aussage. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind vielmehr gefährdet, wenn sie ideologisch vereinnahmt und mißbraucht werden. Sie kommen aber zu ihrem Recht, wenn Gott wahrgenommen wird, der den Himmel geschaffen hat, kein sichtbarer oder denkbarer Götze, sondern Gottes "unsichtbares Wesen", seine "Kraft und Gottheit", wie Paulus (Röm 1,20) sagt. Er zeigt sich in seinen Werken, aber diese Werke Gottes dürfen nicht hypostasiert, zu eigenen Mächten erhoben werden. Himmelserscheinungen haben für sich und endgültig keine Macht über uns. Gott hat den Himmel geschaffen, und er ist der Herr des Himmels. Gott ist König!

 

Zum Himmel gehört aber nun auch die Erde. "Er hat den Erdkreis gegründet, daß er nicht wankt". Daß unsere Erde in unserem Sonnensystem in unserer Galaxie in diesem Universum jetzt und heute existiert, daß wir verläßlich auf ihr leben, Zeit einteilen, unsere eigenen Werke tun und planen können - das ist das Wunder unserer Geschöpflichkeit. Dem Staunen darüber, der Dankbarkeit dafür kann schlecht in wissenschaftlicher Sprache, eigentlich nur in Liedern Ausdruck gegeben werden. Daß wir in unserer Welt unser je eigenes und gemeinsames Leben führen dürfen - das schenkt uns Gott. Daß das so ist, das läßt sich nicht nachrechnen, es ist Gottes überschwängliche Gabe.

 

Diese Gabe gilt es anzunehmen, Ja dazu zu sagen. Es geht um Lebensbejahung wider alle Lebensverneinung und Lebensverweigerung. Ja zum Leben, weil es Gottes Gabe ist - das ist Ausdruck des Glaubens an Gott den Schöpfer, den Schöpfer des Himmels und der Erde.

 

Das verwandelt die Sicht der Welt. Das macht das neue Lied möglich. Die ganze Schöpfung ist darin einbezogen. Der Himmel soll sich freuen und die Erde jauchzen, fröhlich sein - wenn das die Option ist, dann kann man nicht mehr nur ängstlich in den Himmel schauen und über Katastophen nachdenken, so sehr vielleicht sogar im Weltraum Vorsorgemaßnehmen möglich und zu planen sind. Dann ist auch die ökologische Katastrophe nicht der einzige Fixpunkt, so sehr an ihrer Verhütung gearbeitet werden muß. Auch ökonomische Gesichtspunkte und Notwendigkeiten können umgriffen werden vom Lobpreis des Schöpfers. Das widerspricht ihrer Verabsolutierung. Die Wasserströme, eben noch bedrängendes Element, werden zum brausenden Lobpreis des Schöpfers. Hier, im Lobpreis, entsteht neue Kommunikation - Schöpfungsgemeinschaft, die Tiefgang möglich macht und Leben mit Freude erfüllt.

 

Dieser Lobpreis braucht seine Zeit und seinen Ort, um artikuliert, realisiert zu werden. Deshalb ist in unserem Psalm von dem Tempel die Rede. Hier trifft man sich, um dem Gotteslob, dem Lobpreis des Schöpfers Ausdruck zu verleihen. Erst das gemeinsame Singen und Beten in der Gemeinde eröffnet die Gewißheit der Gotteserfahrung. Hier ist die Geschichte der Gotteserfahrung präsent. Das reicht bis zu der Vorstellung, daß Gott im Tempel wohnt. Die Herrlichkeit Gottes ist hier eingezogen, weil und damit die Gemeinde ihm lobsingen und sich so seiner Nähe vergewissern kann. Bei der Verschleppung ins babylonische Exil hat Gottes Herrlichkeit den Tempel verlassen, weil der Lobpreis nicht mehr echt war. Im neuen Tempel wurde sie erneut gefeiert.

 

Die Herrlichkeit Gottes ist die Herrlichkeit des Schöpfers. Sie beherrscht den Himmel und die Erde. So wie einst die heilige Lade ist der Tempel geradezu ein Schöpfungssymbol, in seinen Maßen und in seiner Gestalt, in seiner Anordnung und Ausstattung. Dachte man sich den Wohnsitz Gottes im Himmel, so ist hier nun der Himmel auf Erden gegenwärtig. So werden Himmel und Erde zu Zeichen seiner Gegenwart, dargestellt im Haus Gottes in Jerusalem.

 

Die christliche Gemeinde hat das aufgenommen. Ihre Kirchen waren im Mittelalter Abbilder des Kosmos, der ursprünglichen Schöpfung, und dann der neuen Schöpfung, des himmlischen Jerusalems, Abbilder von Gottes kommendem Reich, schon jetzt gegenwärtig im Gottesdienst und seinem irdischen Raum. Symbole des neuen Paradiesesgartens schmückten die Wände des alten Tempels, und sie schmücken die Kapitelle unserer Kirchen. Die Dämonen sind gebannt. Gott ist gegenwärtig, wo sich die Gemeinde versammelt. Das muß schon in Raum und Zeit gefeiert werden.

 

Wo der Schöpfer in Raum und Zeit gegenwärtig ist, da bedeutet das auch Gericht. "Er richtet die Völker recht", "nach Gebühr". Das heißt: Er bringt die Schöpfung zurecht. Es geht um nichts geringeres als ein schöpfungsgemäßes Leben. Gott will es uns schenken. Wenn er kommt, "zu richten das Erdreich", dann sind Gerechtig-keit und Wahrheit gefragt,  das, was Menschen und Natur entspricht, was Bestand hat, was sich letztlich bewährt, was Leben erhält und aufbaut. Das verspricht Gottes Gegenwart in der Welt, seiner Schöpfung. Gott will, daß Leben, daß unser Leben gelingt. Das glauben wir, wenn wir an Gott den Schöpfer des Himmels und der Erde glauben. Und das ist das Kriterium, an dem unser Leben zu messen ist.

 

Das Himmelfahrtsfest ist ein guter Anlaß, an "Himmel und Erde" zu erinnern. Das Himmelreich ist nahe - auf der Erde. Christus hat die Herrschaft angetreten. Das Himmelreich meint die Schöpfung, die zu ihrer Wahrheit kommt. Wer anders als Jesus Christus sollte uns zu diesem schöpferischen Gelingen, dem Gelingen unseres Lebens, zusammen mit dem Leben unserer Mitmenschen und Mitge-schöpfe in Welt und Natur verhelfen?

 

Mit unserer Macht ist nichts getan. Wenn aber Jesus Christus herrscht als König, vom Himmel her auf der Erde, können wir uns an ihn halten. Er trug unsere Schuld und brachte uns dem Schöpfer nahe. Wir dürfen nach Gottes Willen auf der Erde leben und unser Leben auf der Erde inmitten des kosmischen Geschehens selbst kreativ gestalten. So, daß selbst die Bäume im Walde sich darüber freuen. Jauchzen, sagt unser Psalm. So geschehe es! Amen.