Prof. Dr. Christian Möller

 

Predigt in der Peterskirche zu Heidelberg am Sonntag Rogate 2002 (5.5.2002) innerhalb der Predigtreihe

über das Glaubensbekenntnis.

 

Thema: „Ich glaube an Gott, den Vater“

 

Biblische Texte: Jes 63,15-16; Mt 6,8; Eph 3,14-15; Röm 8,14-15

 

 

I.

 

Liebe Gemeinde,

 

 

«Ich glaube an Gott, den Vater“ – heute haben wir diese Worte des Glaubensbekenntnisses einmal im Zusammenhang der Taufe gesprochen, also genau dort, wo sie ursprünglich auch hingehören. Unser Glaubensbekenntnis ist ein Taufbekenntnis. Wie dieser Täufling heute so sind wir alle einmal in diese Worte des Glaubens eingetaucht worden, die viel zu groß für uns waren, wie das Taufkleid, in das wir erst langsam hineinwachsen müssen. Und manchmal geht es mir heute noch so, dass ich beim Mitsprechen des Glaubensbekenntnisses denke: Verstehst du eigentlich, was du da sprichst? Und wenn ich es nicht verstehe, denke ich: Vielleicht beim nächsten oder beim übernächsten Mal kann ich es mit meinem Leben zusammenbringen, diese uralten Worte, die mir wie ein Geländer an einer Treppe vorkommen. Meistens kann ich die Treppe frei hoch- oder runterlaufen und brauche dieses Geländer nicht, weil ich meinen Glauben frei, offen oder auch stammelnd zum Ausdruck bringen und bekennen kann. Aber dann kommen plötzlich Situationen, wo ich froh bin, dass es so ein Geländer gibt, an das ich mich klammern kann, um nicht zu stolpern oder zu stürzen.

 

„Ich glaube an Gott, den Vater“. Ich will eine Situation schildern, in der ich froh war, dass ich mich auf diese Worte berufen und sie zitieren konnte. Es handelte sich um eine Taufe, die ich vor vielen Jahren in Wuppertal übernehmen sollte. Die Eltern zeigten sich schon im Taufgespräch sehr glücklich, dass sie in ihrem Alter von 45 Jahren noch ein Kind bekommen hatten, ihre erste Tochter. Der in seinem Beruf wohl sehr erfolgreiche Vater schilderte mir, was er sich für seine Tochter schon alles ausgedacht habe: in welchen Kindergarten sie kommen soll und in welche Schule, und was sie studieren solle. Und natürlich soll sie das Haus der Eltern bekommen und sehr erfolgreich soll sie werden usw. usw. Je länger dieser Vater erzählte, desto mehr bekam ich das Gefühl: dieses Kind ist ja sozusagen verplant von der Wiege bis zur Bahre durch einen Vater, der es gut meint, und doch spürbar schon der Entfaltung seines Kindes im Wege steht. Und nun, so meinte er weiter, gehört natürlich auch die Taufe dazu. Da fuhr es aus mir heraus, als hätte es mir ein anderer Geist eingegeben, vielleicht sogar der Heilige Geist: An ihrer Stelle würde ich das Kind wohl nicht taufen lassen. Wieso, entgegnete der Vater völlig erstaunt. Nun, so fuhr ich fort, sie müssen ja bei der Taufe für ihr Kind bekennen: „Ich glaube an Gott, den Vater“. Und der hat möglicherweise ganz andere Pläne für ihr Kind als sie und durchkreuzt ihre Pläne. In der Taufe aber übereignen sie ihr Kind diesem himmlischen Vater und bekommen dann ihr Kind als Leihgabe Gottes wieder zurück.

 

Selten habe ich in meinem Leben erlebt, dass ein eben noch so redseliger Mensch alsbald verstummte und in ein tiefes Nachdenken geriet, während nunmehr die bisher völlig stumme Mutter des Kindes das Wort nahm und zu verstehen gab, dass sie nun ihr Kind besonders gern getauft haben möchte. Sie war es auch, die nunmehr das Taufgespräch mit mir führte, während jener gutmeinende Vater ziemlich stumm blieb und nur ab und zu dazwischen murmelte: „So habe ich es noch nicht gesehen, aber eigentlich haben Sie recht!“

 

Es wurde dann wirklich eine schöne Taufe, in der die Worte des Glaubensbekenntnisses eine deutliche Rolle spielten: „Ich glaube an Gott, den Vater.“ Um diese Worte noch einmal zu verstärken, las ich dann noch Worte aus dem Epheserbrief vor, die möglicherweise auch auf ein Taufbekenntnis zurück gehen und ein solches auch darstellen: „Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden.“

 

Liebe Gemeinde, welche Brisanz in dem Bekenntnis zu Gott als Vater steckt, kommt eigentlich erst dann richtig heraus, wenn dadurch zugleich die vielleicht noch so gut gemeinten, aber dennoch fatalen oder überzogenen oder totalen Ansprüche von irdischen Vätern und Müttern relativiert werden. Wie das Bekenntnis zu Gott als dem Schöpfer des Himmels und der Erden die Natur, das Wasser, den Weltraum, alle Tiere zu einer Schöpfung Gottes macht, die dem Menschen die Schöpfung zu einer Leihgabe macht, die ihm anvertraut wird und für deren Umgang er Rechenschaft abzulegen hat vor dem, der als Schöpfer bekannt wird, so will auch das Bekenntnis zu Gott als dem Vater jeden irdischen Vater und jede irdische Mutter auf ihr normales und natürliches Maß zurückführen und sie darauf aufmerksam machen, dass da noch ein größerer Vater im Himmel ist, vor dem sie ihren Umgang mit den Kindern zu verantworten haben. „Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden.“

 

 

II.

 

„Ich glaube an Gott, den Vater.“ Wie kann ein Mensch diese Worte mitsprechen oder gar mit seinem Leben zusammen bringen, wenn er nicht bloß im Streit mit seinem Vater liegt, sondern sogar gegen ihn prozessieren muss, um zu einem Lebensunterhalt in seinem Studium zu kommen und für sich selbst zu dem Schluss gelangt ist: Mein Vater ist für mich gestorben. Bestenfalls habe ich noch einen Erzeuger, gegen den ich mich zur Wehr setzen muss, aber keinen Vater mehr. Wie mag für ihn so ein Bekenntnis klingen: „Ich glaube an Gott, den Vater“?

 

Umfassender gefragt: Was bedeutet es in einer Gesellschaft, von der zuweilen behauptet wird, sie sei eine vaterlose Gesellschaft, zu bekennen: „Ich glaube an Gott, den Vater“? Ist das möglich, sich zu Gott als dem Vater zu bekennen ohne Bindung zu einem irdischen Vater? Ist das möglich, sich von irdischen erdrückenden Vätern zu befreien im Bekenntnis zu Gott, dem Vater?

 

Beim Propheten Jesaja lesen wir im 63. Kapitel, wie ein Volk klagt: „So schau’ nun vom Himmel und sieh’ herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. Du bist doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, Herr, bist unser Vater; unser Erlöser, das ist von alters her dein Name.“

 

Hier klagt nicht nur ein Volk zu Gott, sondern klagt regelrecht bei Gott die Vaterschaft ein, weil es durch Exil und Zerstörung Jerusalems die irdischen Väter verloren hat und sich von ihnen regelrecht abgeschnitten fühlt. Selbst Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Aber du Herr, du bist doch und bleibst doch unser Vater und musst es wieder werden, denn das ist doch von alters her dein Name, auf den wir uns berufen dürfen. „Wenn schon Abraham nicht mehr unser Vater ist, Israel nicht mehr unser Vaterland, dann erweise du dich doch als unser Vater, der uns erlösen und befreien kann. Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser siedend macht, dass dein Name kund würde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssen“, so geht die Klage weiter.

 

Etwas von dieser Leidenschaft, Gott bei seinem Vaternamen zu behaften und sich bei ihm einzuklagen, um wieder einen Vater im Himmel und auf Erden zu haben, etwas von dieser Leidenschaft will auch in unserem Bekenntnis mitschwingen: „Ich glaube an Gott, den Vater.“ Nein, dieses Bekenntnis hängt nicht unbedingt an der Bindung zu dem irdischen Vater. Der himmlische Vater ist nicht einfach eine Verlängerung des irdischen Vaters, sondern zuweilen auch eine Befreiung von einem Übervater und manchmal auch mag das Bekenntnis zu Gott als dem Vater dazu helfen, den irdischen Vater wiederzufinden in seinen irdischen Maßen.

 

Für Israel jedenfalls in seiner trostlosen Situation gab es Antwort auf seine Klage in Form eines überraschenden Gottesbescheides, der sich beim Propheten Jesaja nur drei Kapitel später findet: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet sehen und euer Herz wird sich freuen und euer Gebein soll grünen wie Gras“ (Jes 66,13f). So vielseitig kann der Vatergott sein, dass er auch seine mütterlichen Seiten zeigt und wie eine Mutter tröstet. Es wäre gut, wenn wir diese mütterliche Seite Gottes immer mithörten im Bekenntnis zu Gott, dem Vater.

 

 

III.

 

Noch eine Stimme klingt mit, liebe Gemeinde, wenn wir uns zu Gott als Vater bekennen. Es ist die Stimme des Sohnes, und sie ist gerade heute, am Sonntag Rogate, die wohl entscheidende Stimme, die uns das Bekenntnis zum Vater auch zu einem Gebetswort machen kann: „Wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden, denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Ihr sollt ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“ Es kommt also nicht auf die vielen Worte an und auch nicht auf die vielen Gebetsanliegen, sondern auf diesen einen Ruf, in dem sich mein ganzes Gebet zusammenziehen kann: „Vater!“ Eigentlich rufe ich ihn ja gar nicht in die Nähe, weil er schon da ist, sondern ich rufe ihn nur an und lege alles damit schon bei ihm nieder und weiß mich schon erhört.

 

Warum dann überhaupt noch beten, wenn doch Gott alles schon weiß? Weil ein Vater, der nicht mehr von seinen Kindern gerufen und gebeten wird, zu einem bloßen Erzeuger degradiert würde. Doch selbst wenn wir ihn nicht mehr als Vater anriefen, weil wir uns auf irgendwelchen Wegen unseres Lebens verloren, verbockt oder verstockt hätten, so tut es doch der Sohn für uns: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.“ Und wenn wir nicht wissen, was wir beten sollen, so gibt uns dieser Sohn doch seinen Geist, der in uns zu seufzen beginnt: „Abba, Vater!“                                                                          Amen.