Prof. Peter Lampe
Predigt in der Universitätskirche Heidelberg (Peterskirche)
am Lätaresonntag des 10. März 2002
Der leere Krug
Gnade sei mit Euch
und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt. Amen
Einen Text lese ich
uns, über den auf dieser Kanzel bislang niemals gepredigt wurde:
einen
Gleichnistext, der auf den historischen Jesus zurückgeht, wenn wir uns an die
Wahrscheinlichkeits-Regeln wissenschaftlicher Kunst halten, der aber nicht im
neutestamentlichen Kanon aufzusuchen ist. Wir werden zu entdecken haben, ob
seine Stimme sich in den Chor der kanonischen Zeugen einfügen wird - oder
nicht.
Jesus sprach:
"Die Königsherrschaft des [Vaters] ist gleich einer Frau, die einen
Krug voller Schrotmehl [auf dem Kopfe] trug. Als sie so die Straße entlang zog,
noch ein Stück Weges von zu Hause entfernt, brach der Henkel des Kruges ab, und
das Mehl rieselte hinter ihr heraus auf den Fahrweg. Sie wurde dessen nicht
gewahr, bemerkte den Vorfall nicht. Als sie ihr Haus erreichte, setzte sie den
Krug ab - und fand ihn leer." [ThomEv 97]
Ja, da stehen wir
nun! Auch so ist das Reich Gottes!
Papyri aus dem
ägyptischen Oxyrhynchus [Nr.1, 654 f.] aus der Zeit um 200 n.Chr. dokumentieren
eine Sammlung von Aussprüchen Jesu, die nicht ins Neue Testament einverleibt
wurde, jedoch an vielen Stellen sich mit diesem überschneidet. In dieser Logiensammlung
fand der verlesene Gleichnistext - nach einer längeren Phase mündlicher
Überlieferung - seine literarische Heimat. Die drei Papyri sind älter als die
allermeisten papyrologischen Spuren des Neuen Testaments. Und unser
rätselhafter Gleichnistext trägt Merkmale authentischer Jesusgleichnisse:
Ausgehend von
Alltäglichem endet die Geschichte provokativ und überraschend: Mit so etwas
soll die Königsherrschaft Gottes zu vergleichen sein? Verdutzt werden die
Hörerinnen und Hörer mit einem Rätsel allein gelassen und so hineingelockt in
einen Prozess des eigenen Nachdenkens und Assoziierens. Erst an dessen Ende
entsteht Sinn - ein Er-Sinnen, an dem die Hörerschaft sich beteiligen muss.
Auch beim bekannten Gleichnis von der einen Sauerteig durchknetenden
Frau ist dies der Fall; auch beim Gleichnis vom Senfkorn zum Beispiel.
Das Reich Gottes -
eine Riesenenttäuschung? Da war diese Frau kilometerweit gelaufen - und jetzt
alles umsonst? Soll sie etwa den ganzen Weg nochmals unter die Füße nehmen?
Dazu der Ärger mit dem zerbrochenen Krug! Ein heiler muss erst einmal her,
bevor neues Mehl gekauft werden kann... So manche europäische Kirchenfrau, so
mancher Kirchenmann mag sich hier wiederfinden: das Reich Gottes als
"Frustrationserlebnis" im täglichen Klein-Klein; pfarramtlicher
"burn out" als Thema von Supervision! Aus dem europäischen
Christentum scheint die Luft heraus zu sein - und dies, obwohl weltweit
das Christentum rasant wächst, im gegenwärtigen Afrika schneller als in
irgendeiner anderen Region und Zeit der gesamten Kirchengeschichte. Etwa 1200
Kirchen sprießen dort jeden Monat neu aus dem Boden. Global wird
eine Erfolgsgeschichte geschrieben. Nur bei uns mutieren Kirchen zu
Kunsttempeln. Hat das Christentum in europäischen Gefilden sein Kapital
verspielt? Zerrieselt auf den Fahrwegen der Geschäftigkeit? In manchen
Kirchenkreisen brütet resignierte Stimmung - so gar nicht passend zu einem
Sonntag wie Lätare.
Laetamini cum
Jerusalem - "freuet euch mit Jerusalem", so lautet das Motto des
heutigen Sonntags aus Jesaja 66. Aber warum eigentlich noch? Drei
Gedankensplitter zu unserem Gleichnistext.
I. Gott zeigt
sich Menschen anders, als von diesen erwartet. Sie haben die Altarlesung
aus dem Alten Testament noch im Ohr: diese anrührende Geschichte von der Witwe
in Zarpat. Ihre Krüge sollten gefüllt bleiben, voller Mehl und Öl, bis Jahweh
es wieder regnen ließ. Ein voller Krug, ja, das wäre die
"richtige" Metapher, die wir für die Königsherrschaft Gottes
erwarten. Aber ein leerer? So etwas passt nicht in unsere Gottesvorstellungen.
Menschliche Gottesbilder zerbrechen - und zwar im Kontakt mit dem
Gotteswort selber.
Nun mögen Sie
einwenden: "Naja, kein Wunder, wenn Sie einen nicht-kanonischen Text
zitieren und als ‚Gotteswort’ ausgeben. Selber schuld! Die Suppe haben Sie sich
selber eingebrockt! Genau hier, lieber Prediger, liegt der Grund, warum der
Text von den Kirchenvätern nicht in den Kanon aufgenommen wurde! Recht hatten
diese Patres!"
Ein schlauer
Einwand. Aber er trifft nicht. In noch grundsätzlicherer Weise als dieses
Gleichnis verhandelt Paulus im Kanon dasselbe Thema: das des Zerbrechens
menschlicher Gottesbilder im Kontakt mit dem Gotteswort. Im ersten Kapitel des
Ersten Korintherbriefes referiert Paulus, was Griechen und Juden von Gott
erwarten: Sie stellen sich Gott so vor, dass er mit beeindruckenden
Machttaten Heil schafft. Aber was predigen die Apostel? Sie verkündigen,
dass Gott an einem verachteten Kreuz die Menschheit rettete, an diesem
skandalösen Ort vermeintlicher Gottes-Ferne und Menschen-Schwäche, auf dem
elektrischen Stuhl der damaligen Weltmacht, im Hinterhof der Weltgeschichte.
Und Paulus referiert die verständliche Reaktion der Griechen und Juden auf solch
ein Evangelium: "Torheit ist es, Schwachsinn! Gott handelt in Ohnmacht?
Über so etwas kann man sich nur ärgern oder lachen."
Gott erschließt
sich Menschen anders, als sie es gewöhnlich erwarten. Schon zu Jesu Lebzeiten
galt dies. Wer politische Kraftakte von Jesus von Nazareth erwartete, sah sich
enttäuscht. Wer seinen Einzug in Jerusalem als messianische Demonstration
verstehen wollte, sah jemanden auf einem Esel in den Tod reiten. Gott kommt
anders zu uns, als wir uns gemeinhin zurechtlegen - ein Kommen mit
Überraschungen. Das Unerwartete stellt sicher, dass dieser Gott sich nicht von
Menschen und ihrem Denken domestizieren lässt. Als mächtiges und lebendiges Subjekt,
von uns zum Objekt unseres Denkens gemacht, entzieht er sich immer
wieder diesem Denken: Er ist ein souveräner Gott, der sich nicht in Buchdeckeln
einfangen lässt oder zu einem niedlichen "lieben Gott" verharmlosen
lässt. Theologen, die sich daran machen, mehrbändige Dogmatiken zu schreiben,
werden ihn nie zu vereinnahmen vermögen. Ihr Reden von Gott wird immer ein
provisorisches bleiben - angewiesen darauf, dass Gott sich ihnen immer wieder
selbst als Subjekt erschließt. Mit "Zittern und Furcht" (1 Kor 2), so
predigte Paulus diesen souveränen Gott. Dieser Gott mache uns offen für neue
Begegnungen mit ihm, abseits festgefahrener Vorstellungen und klischeehafter
Erwartungen; offen für Überraschungen, in denen er sich uns mitteilen will -
sei es im Gottesdienst oder im meditativen Gebet über der Schrift, das sich
auch von Sinneseindrücken beflügeln lassen darf, die sich in der Begegnung mit
der Musik und Kunst, der Natur, in der Begegnung mit anderen Menschen ergeben.
[II.] Gott
erschließt sich und seine Herrschaft uns anders, als gemeinhin erwartet. Das war
das erste. Das zweite ist tröstlich: Gott wirkt im Verborgenen,
seine Königsherrschaft setzt sich auch gegen den Anschein durch. Die
Frau bemerkt lange nicht, was sich da mit ihr ereignet. So holzschnittartig
knapp unser Text erzählt, an diesem Punkt leistet er sich den Luxus
verstärkender Wiederholung: "Sie wurde dessen nicht gewahr, bemerkte
den Vorfall nicht", so hält der Erzähler fest. Die
Königsherrschaft Gottes setzt sich gegen den Anschein durch. Sie wirkt
im Verborgenen - wie ein alles durchsäuerndes Sauerteigklümpchen im großen
Teigtrog; wie unscheinbare Samenkörner, die in der Erde sterben, um dann doch
überraschende Stengel und Blüten zu treiben, die erst viel später entdeckt
werden. [Vgl. den in der Altarliturgie verlesenen Wochenspruch zum Sonntag
Lätare, Joh 12,24, und die Gleichnisse von der selbstwachsenden Saat und vom
Senfkorn]. Vermutlich haben Sie in der Rückschau auf Ihr eigenes Leben
Ähnliches erfahren: Im Hic et Nunc schien oft genug zunächst Gottferne zu
herrschen. Wir konnten nicht behaupten: Hier ist das Reich Gottes erkennbar!
Und da ist es greifbar! [Lukas 17,20-21]. Erst im Nachhinein erschloss sich
dieses Hier und Jetzt womöglich als Ort des Handelns Gottes. Gott wirkt im
Verborgenen, im Unspektakulären, sogar im sogenannten "Frus" wie dem
hier Erzählten -- und sogar an einem Schandpfahl wie dem auf Golgotha. Dem
Augenschein bieten sich Tod und Verlust, und doch wirkt dieser Gott -
mit einem Geist, der weht, wo er will, und der uns als Tröster, als Paraklet,
umgibt.
Zwei Kapitel nach
der Episode in Zarpat stand Elia lebens- und arbeitsmüde auf einem Wüstenberg.
Es heißt: "Da kam ein Wind, groß und stark, der die Berge zerriss und die
Felsen zerschmetterte..., der Herr aber war nicht in dem Wind. Und nach
dem Wind ein Erdbeben; der Herr aber war nicht in dem Erdbeben. Und nach
dem Erdbeben ein Feuer, der Herr aber war nicht in dem Feuer. Und nach
dem Feuer: der Ton eines leisen Wehens... Und siehe, eine Stimme geschah
zu ihm:.." So wirkt Gott. Im Leisen. Er gebe uns feine Sinne, dieses
Wehen wahrzunehmen.
III. Weniger ist
mehr. Das Reich Gottes ist nicht wie eine Frau, die den Schlüssel für eine
gefüllte Vorratskammer mit sich herumträgt. Die Königsherrschaft Gottes ist wie
eine Frau, die mit einem vollen Krug auszog und am Ende mit leeren Händen
dasteht. Weniger ist mehr. In der Fastenzeit brauche ich Ihnen den Wert
dieser Devise nicht zu illustrieren. Oder vielleicht doch - wenigstens an zwei
Punkten.
Als Karl Barth
gefragt wurde, was sein Beitrag zum Fasten der Passionszeit sei, soll er
geantwortet haben, er wolle zwar nicht das Rauchen aufgeben, aber doch weniger
reden. Weniger ist mehr. Betrachten Sie nur die Jesusgleichnisse, auch
das unsrige vom leeren Krug. Holzschnittartig wird erzählt; kein Wort zu viel;
knapp; fast zu wenig, so dass dem Er-Sinnen der Hörer und Hörerinnen
viel Raum gelassen wird. "Die Tugendhaftigkeit fasst sich kurz," so
hatte bereits der Sokratesschüler Antisthenes verkündet. Und als sein Kollege
Plato einmal in einer Diskussion in seinem Redefluss nicht zu bremsen war, warf
Antisthenes ein: "Der Redner ist nicht das Maß des Hörers", sondern
umgekehrt. Ich überlasse es Ihnen, diesen Aspekt des "Weniger ist
mehr" auf unseren wissenschaftlichen Universitäts- und Publikationsbetrieb
anzuwenden. Wir alle haben hier eine Nase, an die wir uns fassen können - mich
eingeschlossen, allein schon, wenn ich die nunmehr aufgelaufene Länge dieser
Predigt wahrnehme.
Freilich, so
wichtig dieser Aspekt des "Weniger ist mehr" sein mag, er ist,
wie wir gerade gesehen haben, gar nicht auf das Reich Gottes beschränkt und
theologisch auch nur ein vordergründiger. Es geht um mehr, wenn wir
diese Frau mit ihrem zerbrochenen Krug und ihren leeren Händen betrachten - als
ein Gleichnis für das Gottesreich.
Paulus wendet es
so: Wenn ich bereit bin, mir all das aus der Hand nehmen zu lassen, was mich
vor Gott interessant machen und als rühmenswert ausweisen könnte, dann, erst
dann entsteht Raum für Gottes heilendes Wirken. "Meine Gnade, meine Kraft
ist in den Schwachen mächtig," so erfuhr es Paulus am eigenen Leibe
– sie ist in denen mächtig, die mit leeren Händen kommen. So erfuhr es ein
Luther auf der Suche nach dem gnädigen Gott. "Er muss wachsen, ich aber
abnehmen", so erkannte Johannes der Täufer [Joh 3,30]. Weniger ist mehr.
Einige von Ihnen
mögen Anstoß genommen haben daran, dass ich einen nicht-biblischen Jesustext
als Ausgangspunkt wählte. Für sie trage ich am Schluss die Epistellese aus dem
2 Korintherbrief nach [4,7.10.16-17], die als Subtext - als Untertitel - dieser
Predigt mit zugrunde lag. Auch in dieser Passage geht es um tönerne Krüge.
Paulus verwendet sie als Metapher für die menschliche, die äußerliche Seite
seines Apostel-Seins. 2 Kor 4: "Wir haben diesen Schatz (des Evangeliums
und der heilenden Gotteskraft) in irdenen (zerbrechlichen) Gefäßen, damit das
Übermaß der Kraft, der Dynamik, von Gott sei und eben nicht aus
uns (selbst).... allezeit tragen wir (in unserer Schwäche und Bedrängnis) das Sterben
Jesu an (unserem) Leib herum, damit auch das Leben Jesu an unserem Leibe
offenbar werde..... Wenn auch unser äußerer Mensch ständig aufgerieben wird, so
wird doch der innere Tag für Tag erneuert. .... (inmitten unserer sichtbaren
Eigen-Schwäche und Bedrängnis schafft uns Gott) eine ewige und über alle Maßen
gewichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht schauen auf das (äußerlich)
Sichtbare, sondern auf das (äußerlich) nicht Wahrnehmbare," auf das
Verborgene, auf das, was gegen den Anschein sich im Unscheinbaren
durchsetzt: die Königsherrschaft Gottes, unseres Vaters. Amen.
Und der Friede
Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in
Christo Jesu. Amen.
Post-Scriptum:
Jesusgleichnisse locken ihre HörerInnen in das Er-Sinnen. Die
Assoziationsreihen, die das Gleichnis vom leeren Krug anstößt, erschöpfen sich
nicht in obigen drei Punkten. Ein weiteres Beispiel, das beim Predigtvortrag
dem "Weniger ist mehr" zum Opfer fiel, bietet folgender Aspekt: Wer
meint zu haben, hat es schon verloren. Da hatte jene Frau ihren Krug mit
Mehl gefüllt, um dieses "getrost nach Hause zu tragen". Um so
überraschter war sie, als sie daheim den Krug leer fand. Ist so die Herrschaft
Gottes? Des Heils in Christus dürfen wir gewiss sein, aber es lässt sich nicht
in der häuslichen Vorratskammer wie ein Besitz deponieren, aus dem frau nach
Belieben eine Kelle schöpfen könnte. Die Königsherrschaft Gottes mit ihrer Heil
spendenden Kraft bleibt für sie unverfügbar. Die Frau muss wieder neu
aufbrechen, um satt zu werden, wieder hinaus vor die Tür, sich wieder neu
diesem Gott und seiner Leben spendenden Kraft aussetzen. Nicht der sich im
Sessel Zurücklehnende ist ein Bild des Christen, sondern der Wandernde. Die
Konserve, aus der gezehrt werden könnte, gibt es nicht. Das
"Immer-Wieder-Neu" zählt.
Copyright Prof. Peter Lampe, Heidelberg 2002