Prof. Dr. Christian Möller, Heidelberg

 

 

 

       „Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf“

 

 

(Die folgende Predigt wurde zum Semesterschlussgottesdienst in der Heidelberger Universitätskirche am 6. Sonntag nach Trinitatis 2001 innerhalb einer Predigtreihe zu den Psalmen gehalten. Ich grüße mit dieser Predigt alle Pfarrer und Pfarrerinnen im Rheinland, mit denen ich durch meine Zeit an der Kirchlichen Hochschule in Wuppertal z.T. bis heute verbunden bin. Möge der Segen, der den Psalm 127 bestimmt, auch die Arbeit des Pfarrvereins im Rheinland in den kommenden 100 Jahren begleiten und tragen!)

 

 

Psalm 127

Von Salomo, ein Wallfahrtslied

 

„Wenn der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen. Wenn der Herr nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst. Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzet und esset euer Brot mit Sorgen; denn seinen Freunden gibt er es im Schlaf.

 

Siehe, Kinder sind eine Gabe des Herrn, und Leibesfrucht ist ein Geschenk. Wie Pfeile in der Hand eines Starken, so sind die Söhne der Jugendzeit. Wohl dem, der seinen Köcher mit ihnen gefüllt hat! Sie werden nicht zuschanden, wenn sie mit ihren Feinden verhandeln im Tor.“

 

 

I.

 

„Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf“ –  das ist eine sprichwörtliche Wendung für die Glückskinder auf der Sonnenseite des Lebens . Ihnen fliegt es einfach nur so zu: in der Schule die Einsen, in der Uni die Sympathien der Kommilitonen, auf den Festen die Herzen der Frauen, in den Seminaren die Anerkennung der Dozenten und später die Erfolge in der Gemeinde. Viel brauchen solche Sonnenkinder meist gar nicht zu tun. Zuweilen tun sie gar nichts – und es gelingt ihnen doch . Manchmal könnte man richtig neidisch werden darüber, wie wahr das ist: „Seinen Freunden gibt’s der Herr im Schlaf!“

 

Aber nun gibt es ja auch die anderen, die Pechvögel, die Frustrierten. Von ihnen ist in unserem Psalm reichlich die Rede. Gemeint sind die, die alles nur Erdenkliche tun, um endlich auch einmal Erfolg zu haben, endlich auch einmal Anerkennung zu finden, endlich auch einmal das ganz große Geschäft zu machen, und dann geht eins nach dem anderen schief! Sie bauen ein Haus , werden vielleicht sogar bekannt als die Baulöwen von  Leipzig, denen die Banken großzügig die Millionenkredite nachwerfen, die später dann zu „Peanuts“ werden.  Aber dann zieht niemand in die Häuser ein. Die Mieten sind viel zu hoch. Eine Pleite jagt die andere. Am Ende bricht ein ganzes Bauimperium zusammen und der Baulöwe kommt hinter die Gitter.

 

Ach ja, die Turmbauer von Babel lassen grüßen. Sie sind die ersten, die die bittere Erfahrung machen mussten, wie es ist, wenn man baut, um sich einen Namen zu machen, aber darüber den Namen des Allerhöchsten vergisst: „Und der Herr lachet ihrer im Himmel“ – obwohl es auf der Erde in Babel nichts zu lachen gibt, sondern nur frustrierte Gesichter. Ja, es kann bitter und lächerlich zugleich sein, wenn einer sich anstrengt und am Ende vor der Ruine seines Lebens steht. Es kommt eben darauf an, aus welcher Perspektive du das siehst, aus irdischer oder aus himmlischer Perspektive. Unser Psalm, ein Wallfahrtslied Salomos, ist in hohem Ton angestimmt, sozusagen aus himmlischer Perspektive: „Wenn der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen.“

 

Das Lied fährt mit unverhohlener Freude fort, obwohl es jetzt um die innere Sicherheit geht: „Wenn der Herr nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst.“ Ich sehe eine unvergessliche Fernsehszene aus der Wendezeit von 1989 vor Augen: Erich Mielke, der allmächtige Chef des Staatssicherheitsdienstes der DDR, den alle, selbst Parteigenossen, gefürchtet haben, tritt nach dem Zusammenbruch der DDR und der Öffnung der Mauer vor die Volkskammer und ruft den Abgeordneten mit großem Pathos zu: „Ich liebe Euch doch alle...“ Und sie lachen nur, denn sie wissen genau, wie er es  eigentlich meint: „Ich hatte euch doch alle so fest im Griff...“.Und jetzt dieser Zusammenbruch des perfektesten Staatssicherheitsdienstes der Welt in nur wenigen Tagen! Was von Erich Mielke vor Gericht dann noch bleibt, ist ein Hut, nach dem er ruft, ein Hut, der ihn behüten könnte, aber der ihm abhanden gekommen ist: „Mein Hut, ja wo ist denn mein Hut...“.  Ja, es ist lächerlich und tragisch zugleich, wenn das Sicherheitssystem eines Staates wie ein Kartenhaus in sich zusammenbricht und ein alter Mann vor der Ruine seines Leben steht.

 

Und noch einmal stimmt unser Psalm in erhöhtem Tone an: „Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzet und esset euer Brot mit Sorgen.“ Ich glaube nicht, dass es dazu viel Verdeutlichung braucht, denn wir kennen doch alle diese ewig langen Sitzungen mit 27  Tagesordnungspunkten und noch mehr Papieren. Es tagt und tagt und wird immer dunkler, bis die Köpfe rauchen und niemand mehr den Durchblick hat. Vielleicht ist es auch so wie bei jenem Pfarrer, der im Deutschen Pfarrerblatt vor einiger Zeit im Rückblick auf seine Pfarramtszeit schrieb: “Manchmal habe ich morgens meine Sorgen so lange aufgezählt, bis es schließlich gar nicht mehr lohnte, mit der Arbeit anzufangen.“

 

Nein, am Ende des Semesters werde ich solche sattsam bekannten Erfahrungen nicht noch weiter ausbreiten, weil jeder sie aus eigener Erfahrung zu gut kennt. Stattdessen will ich lieber eine der von Martin Buber gesammelten Erzählungen der Chassidim zu Gehör bringen, die uns selbst über solche quälenden Sitzungs- und Pfarramtserfahrungen noch einmal schmunzeln lässt:

 

 

„Rabbi Schmelke pflegte, damit sein Lernen nicht allzu lange Unterbrechung erleide, nicht anders als sitzend zu schlafen, den Kopf auf dem Arm und zwischen den Fingern ein brennendes Licht, das ihn wecken sollte, so wie die Flamme seine Hand berührte. Als Rabbi Eli Melech ihn besuchte, bereitete er ihm ein Ruhebett und bewog ihn mit viel Überredung, sich für ein Weilchen darauf auszustrecken. Dann schloss und verhüllte er das Fenster.

 

Rabbi Schmelke erwachte erst am hellen Morgen. Er merkte, wie lange er geschlafen hatte, aber es reute ihn nicht, denn er empfand eine unbekannte Klarheit. Er ging ins Bethaus und betete der Gemeinde vor, wie es sein Brauch war. Aber der Gemeinde schien es, als hätte sie ihn noch nie gehört. Als er den Gesang vom Schilfmeer anstimmte, mussten sie den Saum ihrer Kaftane raffen, dass sie die rechts und links bäumenden Wellen nicht netzten. Später sagte Schmelke zu Eli Melech: ‚Jetzt erst habe ich erfahren, dass man Gott auch mit dem Schlafe dienen kann.’“

 

 

 

II.

 

Wenn wir doch auch manchmal so einen Rabbi Eli Melech hätten, der uns liebevoll die Arbeitskerze auspustet und behutsam die Fenster zuhängt, damit wir aufhören, auf die Erfolge der anderen zu starren! Und wenn wir uns dann, wie Rabbi Schmelke, endlich einmal dem Schlaf überließen, ja uns den Schlaf gönnten, so würden uns am nächsten Tag vielleicht auch die Augen anders aufgehen und wir würden alles noch einmal anders sehen und anders angehen als am Abend zuvor.

 

Vielleicht so:  Es ist  halb elf morgens, und du liegst immer noch im Bett, hast verschlafen, den Wecker nicht gehört und kannst darüber nur lachen. Die Tür geht auf und dein Kind steckt den Kopf herein: Mama, stehst du heute eigentlich gar nicht auf? Doch, doch, ich komme bald, du kannst schon mal den Kaffee machen. Kurz drehst du dich noch einmal auf die andere Seite, in der Hoffnung, dass es der Herr dir doch noch im Schlaf gibt, und dir geht plötzlich auf, was unser Psalm so singt: “Kinder sind eine Gabe Gottes, und Leibesfrucht ist ein Geschenk.“

 

Das bleibt auch dann wahr, wenn der Kaffee nicht gemacht ist und das Wohnzimmer einem Chaos gleicht. Es bleibt wahr - und diese Wahrheit will unser Psalm zum Recht und zum Glanz bringen -, dass die größten Geschenke des Lebens umsonst sind. Dieses kleine Wörtlein „umsonst“, das im ersten Teil des Psalms so frustrierend war und deshalb auch im lateinischen „frustra“ heißt, nimmt jetzt im zweiten Teil einen ganz anderen Sinn an: umsonst, das heißt jetzt „gratis“. Und das Signalwort für dieses „gratis“ lautet: „Siehe, Kinder sind eine Gabe Gottes...“. Das klingt fast so, als wüsste Salomo auch von ganz anderen Erfahrungen mit Kindern, wenn deine Augen verblendet sind und du deine Kinder nur als ein Teufelspack ansiehst. Deshalb will dir ja auch der Psalm die Augen öffnen, und er sagt zu dir: „Siehe, sieh’ sie dir noch einmal an, wenn du Abstand gewonnen hast von deinem Sorgengeist, und dann stimm’ ein: ‚Siehe, Kinder sind eine Gabe Gottes, und Leibesfrucht ist ein Geschenk’.“

 

Um dieses Bekenntnis zu Kindern noch einmal mit Anschauung und Erfahrung zu füllen, fügt unser Psalm am Ende noch ein Beispiel hinzu, das ganz in der Vorstellungswelt und Sprache des alten Israel daherkommt: „Wie Pfeile in der Hand eines Starken, so sind die Söhne der Jugendzeit. Wohl dem, der seinen Köcher mit ihnen gefüllt hat! Sie werden nicht zuschanden, wenn sie mit ihren Feinden verhandeln im Tor.“ Das ist ein Beispiel aus der Gerichtsszene: Ein alt gewordener Vater wird von seinen Anklägern im Tor vor Gericht verklagt, und er hat es schwer, sich zu verteidigen. Die Argumente gehen ihm aus; Zeugen hat er nicht. Was er aber aufbieten kann, sind seine Söhne, und die treten um ihn herum und bürgen für ihn und bringen die höhnisch lachenden Ankläger zur Ruhe. Sie nehmen ihren Vater in Schutz, der sich selbst nicht mehr verteidigen kann. Sie nehmen ihn einfach dadurch in Schutz, daß sie sich zu ihrem Vater bekennen: “Ihr könnt sagen, was ihr wollt. Das ist und bleibt unser Vater!“

 

Ich will eine Übersetzung in unsere Lebenserfahrung versuchen: Stell dir vor, du bist alt und ziehst eine Lebensbilanz, aber die fällt bitter aus. Immer tiefer gerätst du in Selbstvorwürfe hinein und wirst die Gedanken nicht mehr los, die wie Pfeile auf dich einschießen: „Es war doch alles umsonst, meine Lehre auf der Uni, mein Wirken in der Gemeinde, ja eigentlich mein ganzes Leben...“  Und da schreiben dir Studenten aus uralten Zeiten oder Gemeindeglieder, die du schon vergessen hattest, was du für sie bedeutest hast und was du ihnen gegeben hast. Ein Kollege, der so etwas kürzlich anlässlich eines Jubiläums erfahren hat, brachte seine Erfahrung auf den Satz: „Es kommt viel mehr im Leben zurück, als du jemals geben kannst – und das gehört zu den wunderbarsten Erfahrungen des Lebens, die du nicht machen kannst, nicht einmal verdient hast, sondern die wie eine Gnade gratis auf dich zukommt“.

 

 

 

III.

 

Das Wallfahrtslied Salomos bricht an dieser Stelle ab, wie eben am Ende des Semesters so manche Vorlesung und manches Seminar einfach abbrechen und vieles andere im Leben abbricht. Aber die Melodie dieses Wallfahrtsliedes ist doch leicht im Ohr zu behalten und weiterzusummen,  wenn dir einmal die Augen aufgegangen sind für das, was Gott seinen Freunden im Schlaf  gibt.

 

Wenn ihr einmal auf den Geschmack dieses „gratis“ gekommen seid, so entdeckt ihr immer mehr, z.B. entdeckt ihr heute, am 6. Sonntag nach Trinitatis, eure Taufe neu. Sie ist das Beste, was euch in eure Wiege gelegt wurde, denn da hat euch Gott seine Freundschaft erklärt, so dass auch von euch gelten darf: „Seinen Freunden gibt er’s im Schlaf“. Und dann entdeckt ihr auf dem Altar, dass dort schon die Gaben Gottes für uns gedeckt sind, die wir gratis empfangen: „Christi Leib und Blut, unter der Gestalt von Brot und Wein.“

 

Für den, der gar nicht weiß, wie er solche Gratis-Gaben  entdecken und empfangen soll, für den also, der mit seinem ganzen Studium, mit seiner Gemeindearbeit oder gar mit seinem ganzen Leben immer noch in dem tief ermüdenden und frustrierenden „umsonst“ aus dem ersten Teil unseres Psalms drinsteckt, für den will ich zum Schluss meiner Predigt noch ein kurzes Gedicht unserer Heidelberger Mitbürgerin Hilde Domin anführen und es euch mit auf den Weg zum Abendmahl und in die Semesterferien geben, weil es dazu helfen kann, die Wunder Gottes zu entdecken und umsonst zu empfangen:

 

        „Nicht müde werden,

sondern dem Wunder leise

wie einem Vogel

die Hand hinhalten.“

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der regiere und bewahre euer Wachen und Schlafen, euer Bauen und Ruhen in Christus Jesus, unserm Herrn.