Projekt: "Zeckenstudie Nordbaden"
Studie zur Erfassung des Transmissionsrisikos
von B. burgdorferi in Endemiegebieten Nordbadens
Zusammenfassung:
Mit dem vorliegenden Forschungsvorhaben
soll das Transmissionsrisiko von B. burgdorferi bei Patienten untersucht
werden, die von einer Zecke gestochen wurden. An der Studie beteiligen sich
niedergelassene Ärzte des nordbadischen und des Stuttgarter Raums.
Patienten, die zur Entfernung einer Zecke die Praxen der beteiligten Ärzte
aufsuchen, sollen anhand klinischer und serologischer Kriterien für
2-6 Monate beobachtet werden. Als Ausgangspunkt dient der Borreliennachweis
in der betreffenden Zecke mittels Polymerase-Kettenreaktion (PCR). Gleichzeitig
wird das Blut der Patienten serologisch untersucht. Mit Hilfe der gewonnenen
Daten sollen grundlegende Informationen gewonnen werden über (i) die
Befallsrate der Zecken mit B. burgdorferi im untersuchten Gebiet und (ii)
den Zusammenhang zwischen Befall der Zecken und Häufigkeit und Verlauf
der Borrelieninfektion beim Menschen.
Ausgangssituation:
Bei vielen Patienten besteht eine Unsicherheit in Bezug auf das Erkrankungsrisiko
nach Zeckenstich. Im Wesentlichen können zwei Erkrankungen in Mitteleuropa
durch Zecken übertragen werden. Es handelt sich um die bakteriell bedingte
Lyme-Borreliose, verursacht durch Borrelia burgdorferi und um die
viral bedingte Frühsommer-Meningoencephalitis (FSME). Die FSME ist eine
relativ seltene Erkrankung und speziell im nordbadischen Raum um Heidelberg
sogar eine extreme Seltenheit. Verbreitungsgebiete der FSME befinden sich
jedoch im südbadischen Raum, in Bayern, in der ehemaligen DDR, in
Österreich und in den Balkanländern. Selbst in Hochendemiegebieten
ist nur etwa jede hundertste bis tausendste Zecke infiziert.
Die Lyme-Borreliose dagegen gilt als häufigste von Zecken übertragene Krankheit auf dem Gebiet der Bundesrepublik (Wilske et al, 1987 und 1988). Der Erreger ist flächendeckend in Mitteleuropa verbreitet; zusätzlich existieren geographisch umschriebene Hochendemiegebiete. Die Diagnose einer Lyme-Borreliose wird auch heute noch in erster Linie nach dem klinischen Bild gestellt, bei Verdacht dienen serologische Methoden der Bestätigung. Der mikroskopische oder kulturelle Erregernachweis gilt als schwierig und bleibt Speziallaboratorien vorbehalten.
Die Lyme-Borreliose verläuft stadienhaft.
Nach einer anfänglich lokalen Infektion (Erythema migrans) kommt es
nach Wochen zu einer Erregergeneralisation und nach Monaten oder Jahren zu
einer Organmanifestation. Im späten Stadium der Borrelieninfektion
(Lyme-Arthritis oder Acrodermatitis chronica atrophicans) besteht meist eine
ausgeprägte Immunantwort, welche die serologische Diagnose erleichtert.
In frühen Stadien jedoch werden nicht regelmäßig erhöhte
Antikörpertiter gefunden, so daß hier die Serologie bisweilen
kein verläßliches Kriterium darstellt (Wilske, 1990).
Eine epidemiologische Studie in Nordbaden ergab,
daß in einem umschriebenen Hochendemiegebiet etwa 20% der Bevölkerung
Antikörper gegen B. burgdorferi aufweist und eine nicht zu
vernachlässigende Anzahl der seropositiven Patienten auch an
Krankheitserscheinungen leidet, die durch eine Borrelieninfektion zu
erklären sind (Hassler et al., 1992). Ebenfalls stellte sich heraus,
daß 0,6% der Bevölkerung in diesem Endemiegebiet jedes Jahr neu
durch Borrelien infiziert werden. Daher besitzt die Erkrankung neben der
medizinischen auch eine volkswirtschaftliche Bedeutung. Die Borrelieninfektion
ist in jedem Stadium kausal behandelbar, therapeutische Probleme bieten jedoch
die Spätstadien. Bei einer Senkung der Zahl der Neuerkrankungen oder
bei einer frühzeitigen Diagnose können erhebliche Kosten vermieden
werden.
Über das Transmissionsrisiko nach Zeckenstich
liegen nur wenige Untersuchungen vor. Eine statistische Analyse aus den USA
(Magid et al., 1992) kommt zu dem Schluß, daß es in
Hochendemiegebieten kostengünstig ist, nach jedem Zeckenstich prophylaktisch
zu therapieren. In Gebieten mit niedriger Durchseuchungsrate wird eine Prophylaxe
abgelehnt. Aufgrund unterschiedlicher ökologischer Voraussetzungen sind
diese Daten jedoch nicht auf Mitteleuropa übertragbar. Hier fehlen Daten
zur Vektorepidemiologie, zur Transmissionswahrscheinlichkeit und zu
Ansätzen einer epidemiologischen Kontrolle.
Bisher besteht für Mitteleuropa
übereinstimmend die Auffassung, daß das alleinige Vorliegen eines
Zeckenstiches noch keine Antibiotikaprophylaxe rechtfertigt. Die betreffende
Hautstelle soll beobachtet und nur dann therapiert werden, wenn sich ein
Erythema migrans entwickelt oder Symptome der Erregergeneralisation beobachtet
werden. Diese Regel berücksichtigt nicht, daß der Anteil der mit
Borrelien befallenen Zecken von Gegend zu Gegend schwankt. Unklar ist, wie
hoch das Transmissionsrisiko bei borrelienpositiver Zecke ist und ob es in
diesem Fall angezeigt ist, eine prophylaktische Antibiotikatherapie zu
verabreichen. Amerikanische Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, daß
in Endemiegebieten nur etwa jeder dreihundertste Zeckenstich zur Transmission
des Erregers führt. Im Tierversuch konnte ein klarer Zusammenhang zwischen
der Länge des Saugvorgangs und dem Risiko der Erregerübertragung
gezeigt werden. Es ist bisher nicht überprüft, ob diese an Labortieren
gewonnenen Erkenntnisse auf den Menschen übertragbar sind.
Ziel der
Untersuchung ist, das Risiko zu bestimmen,
nach einem Zeckenstich an einer Borreliose zu erkranken. Mit Hilfe der PCR
als molekularbiologischem Nachweisverfahren für Borrelien und mit Hilfe
klinischer und serologischer Parameter sollen prospektive Daten gewonnen
werden.
Im Einzelnen soll geklärt werden:
1. Wie häufig sind Zecken mit B. burgdorferi infiziert?
2. Wie häufig kommt es zur Transmission des Erregers beim Saugakt?
2.1. Wie häufig kommt es zu einer Serokonversion beim Patienten?
2.2. Wie viele Patienten entwickeln klinische Symptome im Zusammenhang mit der Erregertransmission?
3. Besteht eine Indikation zur Antibiotikaprophylaxe, wenn die betreffende Zecke Borrelien enthält?
4. Kann mit einer gezielten Prophylaxe oder
Vektorkontrolle in Gebieten mit hoher Durchseuchung der Zecken die Inzidenz
der Erkrankung gesenkt werden?
Durchführung
Ärzte, die bereit sind, an der Studie
teilzunehmen, bekommen Fragebögen und Einsendematerial zugeschickt.
In die Studie aufgenommen werden Patienten, bei denen der Arzt eine Zecke
entfernt hat oder die eine Zecke mitbringen, von der sichergestellt ist,
daß sie den betreffenden Patienten gestochen hat (Stichstelle). Als
Untersuchungstermine sind vorgesehen (s.a. Checkliste):
Zeitpunkt 1
(Befundbogen 1): Entfernung
der Zecke, Asservierung in Alkohol (entsprechendes Probenahmegefäß),
Inspektion und Dokumentation der Stichstelle, Befragung über Ort und
Zeitpunkt des Stiches (wann bemerkt?), über frühere Zeckenstiche
und Zeckenexposition, ggf. frühere Serologie. Blutentnahme für
die Serologie.. Beratung des Patienten und Wiedereinbestellung in 2-3 Wochen
nach Zeckenstich. Einsendung (Zecke, Blut, Befundbogen 1) an das Hygiene-Institut
Heidelberg.
Zeitpunkt 2
(Befundbogen 2):Befundkontrolle 2-3
Wochen nach Zeckenstich. Befragung und Untersuchung des Patienten insbesondere
im Hinblick auf ein mögliches Erythema migrans oder weitere Symptome
einer Borreliose im Frühstadium. Beratung des Patienten und
Wiedereinbestellung in 6-8 Wochen nach Zeckenstich. Einsendung (Befundbogen
2 zusammen mit Befundbogen 3 zum Zeitpunkt 3) an das Hygiene - Institut
Heidelberg.
Zeitpunkt 3
(Befundbogen 3):Befundkontrolle des
Patienten 6-8 Wochen nach Zeckenstich. Dabei wird der Patient noch einmal
nach Symptomen befragt, die Stichstelle inspiziert und insbesondere auf
neurologische oder kardiale Symptome geachtet. Blutentnahme für die
Serologie . Beratung des Patienten, bei unauffälligen Befunden Entlassung
aus der Beobachtung. Wiedereinbestellung 4-6 Monate nach Zeckenstich nur
bei ärztlicher Indikation (Beschwerden, die möglicherweise auf
einen Zeckenstich zurückzuführen sind, oder als Kontrolle bei
vorausgegangener Therapie). Einsendung (Blut, Befundbogen 2 und 3) an das
Hygiene-Institut Heidelberg.
Zeitpunkt
4 fakultativ! (Befundbogen 4):
4-6 Monate nach Zeckenstich, kann auf Wunsch oder beim Vorliegen von
Beschwerden, die auf eine Borrelieninfektion zurückgeführt werden
können, in Anspruch genommen werden. Falls zu einem früheren Termin
eine antibiotische Therapie durchgeführt wurde, sollte Zeitpunkt 4 in
jedem Fall in Anspruch genommen werden. Einsendung (Blut, Befundbogen 4)
an das Hygiene-Institut Heidelberg.
Eine Therapie kann bei ärztlicher Indikation
zu jeder Zeit durchgeführt werden, muß aber mit Zeitpunkt, Dauer,
Art des Medikaments und Dosierung in den Befundbögen festgehalten werden.
Die Positivität oder Negativität der Zecke sollte dabei nicht als
alleiniges Kriterium dienen.
Die Übermittlung der Befunde der PCR und
der Serologie erfolgt schriftlich. Die in dieser Studie erhobenen
personenbezogenen Daten werden aus Gründen des Datenschutzes nicht an
Dritte weitergegeben.