Aus dem Protokoll 1999
1. Die Line of Control zu Indien verläuft etwa 100 km südlich von Skardu, nahe dem Nanga Parbat im Westen, rund um das Deosai-Plateau, kreuzt den Indus-Fluss und erstreckt sich bis zum Siachen-Gletscher im Nord-Osten an der Grenze zu China. Unsere Feldarbeit reicht nicht bis zu den Dörfern an der Line of Control, aber sowohl unsere Klinik in Skardu als auch die in Khaplu, im Osten von Skardu in der Nähe des Siachen-Gletschers, werden von Flüchtlingen aus diesen Dörfern aufgesucht. Sie bezahlen nur die Hälfte der schon sehr niedrigen Gebühren, die von unseren Gebern wie Brot für die Welt und Deutschen Baltistan-Förderkreis stark subventioniert werden.
2. Die Rahman Clinic in Skardu arbeitet verstärkt zusammen mit dem Holy Family Hospital in Rawalpindi, einem renommierten Lehrkrankenhaus. Ziel ist eine verbesserte Fortbildung unserer Ärzte und des medizinischen Hilfspersonals, ferner eine verbesserte Zuweisung von Patienten. Die Krankenstationen sind gut besucht, d.h. 30 bis 40 Patienten pro Tag.
Um das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen, haben wir
mehr Gewicht auf Qualität als auf Quantität bei der
Familienplanung gelegt. Wir haben bisher etwa tausend Spiralen
gelegt, und wir betreuen tausende von Patienten, die orale Kontrazeptiva,
Dreimonatsspritzen oder Kondome benutzen. Ferner haben wir bei
24 Frauen und 125 Männern eine gewünschte Sterilisation
durchgeführt.
Nach wie vor sind unsere Stellen für Gynäkologinnen
schwer zu besetzen. Wir könnten jederzeit eine freiwillige
Ärztin aus Deutschland einsetzen. Infrage käme eine
erfahrene Gynäkologin oder Anästhesistin, die bereit
wäre für eine begrenzte Zeit hier zu arbeiten. Für
die Aufenthaltskosten kommen wir auf (einfache, d.h. für
Skardu gute Unterkunft/Mahlzeiten etc.).
3. Im Juli und im August besuchten der australische Botschafter Geoffrey Allen und der deutsche Botschafter Hans-Joachim Därr die Klinik und das Ausbildungszentrum für Frauen der Baltistan Health & Education Foundation in Skardu. Australien finanziert seit vier Jahren einen Teil unseres Ausbildungsprogramms für medizinische Hilfskräfte. Die Deutsche Botschaft finanzierte dieses Jahr die Anschaffung eines tragbaren Ultraschallgeräts.
4. Wie schon früher berichtet, ist unser grösstes
Vorhaben zur Zeit die Einrichtung eines Krankenhauses für
Frauen zusammen mit einem Mütterheim (Maternity Home). Schwangere,
bei denen Komplikationen bei der Geburt zu erwarten sind und
die weit entfernt vom Krankenhaus in den Tälern und Bergdörfern
der Region leben, sollen Tage oder Wochen vor der Geburt im Mütterheim
aufgenommen werden und eine professionell begleitete Schwangerschaft
durchführen können. Vorbeugende Gesundheitspflege,
Familienplanung und Babypflege sollen in dieser Zeit vermittelt
werden. Das Netz der von uns ausgebildeten Gemeindeschwestern
(Community Health-workers) in den Dörfern ist für die
primäre Versorgung und Auffindung der Risikofälle verantwortlich.
Es sind dies bislang 50 Gemeindeschwestern, von denen weitere
ständig durch Ausbildung hinzukommen.
5. Wir haben das Gebäude für das Mütterheim noch
nicht, stehen aber derzeit in Verhandlung mit der Regierung (Kauf
zu reduziertem Preis!). Es ist zur Zeit von der Armee besetzt.
Das heisst der Grenzkonflikt hat natürlich auch Auswirkungen
auf unsere Arbeit. Im September 1999 traf Nasima den Minister
für die Nordgebiete, um seine Unterstützung für
den Erwerb dieses Gebäudes zu erhalten. Die Kosten für
den Erwerb schätzen wir auf 70 bis 100.000 DM und für
den Ausbau auf weitere 50.000 DM. Von einem Geschäftsmann
in London sind uns 20.000 Dollar versprochen worden. Das vor
dem Grenzkonflikt leerstehende Gebäude befindet sich im
Besitz der öffentlichen Verwaltung der Nordgebiete.
6. Das Programm für die Förderung der Schulen in Baltistan macht leider keine Fortschritte, da die lokale Schulverwaltung sich nicht ausreichend engagiert. Falls wir gezwungen sein sollten, das Programm fallen zu lassen, bitten wir die Summe, die auf dem Spendenkonto aufgelaufen ist, für den Erwerb und Ausbau des obengenannten Gebäudes für das Krankenhaus verwenden zu dürfen.
7. Der geplante Bau einer solarbetriebenen Aprikosentrocknungsanlage
ist auch indirekt vom Konflikt betroffen. Der für August
geplante Workshop mußte abgesagt werden, da einige Experten
nicht teilnehmen konnten. Voraussichtlich wird er im Oktober
stattfinden, wenn auch Dr. Blumenberg von der TU-München
daran teilnehmen kann. Eine gleiche Anlage wurde unter seiner
Anleitung 1995 in Nepal errichtet. Chinesische Experten sind
auch angesagt, abgesehen von den hiesigen.
8. Im September 1999 konnten wir mit Dr. Lenotti von der
Lorenzo Mazzoleni Foundation und mit Gemeindevertretern
den Grundstein für die Lorenzo Mazzoleni Memorial Dispensary
im Angedenken an einen Bergkameraden in Askoli legen. Der Bergkamerad
war im Jahre 1995 bei einer Bergbesteigung verunglückt.
Von Askoli aus ist es noch eine Woche Fußmarsch bis zum
Basislager am K-2.
9. Unser Arzt, der einmal im Monat unsere vom Italienischen Alpenortsverein
Lecce finanzierte Krankenstation in Askoli versorgt, hatte
Schwierigkeiten, einen Jeep zu bekommen, weil alle Transportmöglichkeiten
von der Armee angeheuert wurden. Ascoli ist das letzte Dorf vor
dem Baltoro-Gletscher auf dem Weg zum K-2. So musste auch eine
LKW-Ladung von Nahrungsmittelhilfe der EU (1,5 t) eine Woche
in Islamabad warten.
10. Die Strasse von Skardu nach Askoli ist etwa 100 km lang und
nur auf 10 km asphaltiert. Nach deutschem Standard gleicht sie
einem Feldweg. Etwa 30 km ist er mehrere Meter über dem
Braldo-Fluss in den Fels gehauen und nur von einem Jeep befahrbar.
Wir sind dabei herauszufinden, ob die Bauteile, die für
die Errichtung einer Krankenstation in Askoli angeliefert werden
sollen, von Jeeps transportiert werden können, oder ob wir
die Armee um einen Transporthubschrauber bitten müssen.
Der Weg ist wegen Schneeverwehungen die letzten 30 bis 40 km
meist nur von Mai bis Oktober befahrbar und auch in der anderen
Zeit oft von Erdrutschen unterbrochen.