BALTISTAN
Helmut Zappe und Hans Frey, zuletzt durchgesehen August 2000

Südlich des Karakorum am Oberlauf des Indus ( Karakorum: 400x200 km, größtes Hindernis für menschl. Wanderbewegungen, beherbergt zweithöchsten Berg "Chogo-Ri" = großer Berg = K2, 8611m)
östlich von Hunza und Gilgit (Seidenstraße nach China)
westlich von Ladakh (indisch)
nördlich des West-Himalaya

26.000 qkm (= 3% Pakistans), Höhe 1.800-4.000 m in den Tälern

1961: 132.000 Einwohner
1981: 223.000 Einwohner
1992: 300.000 Einwohner (= 0,3% Pakistans)
2000: 400.000 Einwohner (davon 50.000 in Migration in die Tiefebene oder Ausland)

2 Distriktstädte (Skardu und Khaplu), ca. 265 Siedlungen in 3 Tälern:
Skardu am Indus
Shigar am Shigar-Fluß
Khaplu am Shyok-Fluß
(Karmong- u. Rondu-Tal)

abseits der Handelswege, daher vergessen bis Grenzstreitigkeiten mit Indien auftraten:
1982 Straße am Indus entlang nach Skardu (mit holländischer Entwicklungshilfe)
1985 2 Busse pro Tag (nach Gilgit und Islamabad)
1987 Flughafen: Anflug nur bei guter Sicht 5x/Woche, 1990 täglich

Religion bis vor 500 Jahren Buddhisten (Buddha-Fels in Skardu), davor Bon-Religion
jetzt 70% Schiiten, von Kaschmir aus missioniert, 25% Nurbakshis, 4% Sunnis
jetzt missionieren Wahhabiten von Saudi-Arabien (Mosche in Skardu)

Sprache mehrheitlich Balti (Alttibetisch), keine Schrift, jetzt Ladenschilder auch in tibetischer Schrift
1965 sind 4% der Baltis (= 5700) alphabetisiert, darunter 217 Frauen
1985: 18.000 Schüler, davon 15.000 Jungen, 3.000 Mädchen. 260 Jungen und 7 Mädchen erreichen das "Abitur"
2000: 30.000 Schüler, davon 25.000 Jungen, 5.000 Mädchen

Begründer Skardus ist der letzte buddhistische Herrscher (Bokha = der Stumme)
Islamisierung im 15. Jahrhundert. Unabhängige absolute Herrscher in den verschiedenen Tälern, die sich mit wechselndem Glück bekämpfen oder verbünden. Ab 1842 unter der Herrschaft Kaschmirs (hinduistische Dogras), deren Fremdherrschaft als bedrückend empfunden wird, daher 1947 Anschluß an Pakistan

Karges Land: minimaler Niederschlag; Siedlungen nur, wo bewässert werden kann; kalte Nächte, eiskalte Winter; Schnee- und Gletscherschmelze liefern 20% der Wasserversorgung Pakistans.

Traditioneller Ackerbau: Gerste, Hirse, Buchweizen; Aprikosen, Maulbeeren (wichtigste Vitamin-Träger). Zur Viehhaltung wenig Möglichkeiten, wegen steil aufragender Berge: einige Ziegen, Schafe, Hühner, Yaks (tibetische Rinder), Dzos (Kreuzung aus Yak und Tieflandrind. Butter ist größte Köstlichkeit (weil kaum Milch), die jahrelang wie in Tibet für Festlichkeiten in der Erde aufbewahrt wird

Erkrankungen: akute Infektionen (Durchfall, Atemwegsinfekte), Tuberkulose, rheumatische Erkrankungen, Asthma bronchiale, Blutarmut, Parasiten, Hauterkrankungen. Eisen-, Jod-, Vitamin-A-, Vitamin-B2-Mangel


Land zwischen Gletschern und Aprikosenbäumen
Helmut Zappe, 1995

Baltistan liegt am Oberlauf des Indus in der nördlichen Bergwelt Pakistans - im Süden begrenzt durch die westlichen Ausläufer des Himalaja, im Norden durch die fast unüberwindbaren Bergketten des Karakorum. Es erstreckt sich über 26.000 qkm - das entspricht in etwa der Fläche von Hessen (21.000 qkm) - und beherbergt ca. 300.000 Einwohner in 2 kleinen Städten und etwa 450 Bergsiedlungen in 2.000 bis 4.000 m Höhe. Da das Gebiet unwegsam ist und abseits des Handelswegs nach China, der legendären Seidenstraße, liegt, öffnet sich Baltistan erst allmählich der übrigen Welt. Die erste Straßenverbindung wurde 1982 entlang des Indus fertiggestellt. Auf ihr verkehren LKWs und Busse mittlerweile regelmäßig. Ein kleiner Flughafen in der Nähe der Distrikthauptstadt Skardu wird seit 1987 täglich bei gutem Wetter angeflogen.

Gletscher und urzeitlich anmutende Flußläufe prägen die Landschaft. Die Winter sind lang und hart, die Nächte kalt. Es regnet kaum, und so drängen sich die wenigen Äcker auf dem fruchtbaren Schwemmland der Seitenarme des Indus und auf künstlich ausgebauten und bewässerten Bergterrassen. Es wird hauptsächlich Gerste, Hirse und Buchweizen, daneben etwas Gemüse angebaut. Zur Viehhaltung bieten die steil aufragenden Berghänge und die geringe Vegetation wenig Möglichkeiten. Ziegen, Schafe, Hühner und einige Dzos sind die einzige spärliche Milch- und tierische Eiweißquelle. Butter ist für die Baltis eine geschätzte Köstlichkeit, die oft jahrelang für Festtage in der Erde aufbewahrt wird. Vitaminreiche Früchte sind Maulbeeren, Aprikosen, Äpfel, Pflaumen und zahlreiche andere Früchte, die in dieser Höhe gut gedeihen. Die Aprikosenblüte, eine Attraktion für die wenigen Touristen und Bergsteiger, läßt im Frühling das sonst steinfarbene, graue Land wie verzaubert erscheinen.

Die Baltis sind kleinwüchsig und zäh. Ihre Mentalität ist durch den harten Existenzkampf in der übermächtigen Bergwelt geprägt. Sie sind sanftmütig und strahlen eine geradezu fatalistische Ruhe aus. Die Religion der Baltis war bis vor 500 Jahren buddhistisch und ist heute islamisch. Sie sprechen Balti, einen alttibetischen Dialekt; eine eigene Schrift gibt es nicht. Die Erzählkunst hat daher eine wichtige Tradition. Die Amtssprache ist Urdu, die Sprache der Gebildeten Englisch. Die Abschaffung der lokalen Fürstentümer im Jahre 1972 und die geringen natürlichen Ressourcen des Landes haben verhindert, daß die sozialen Unterschiede in der Bevölkerung allzu krass werden konnten.