Wort davor: Kanzelzehnt

Kanzlei
sprachliche Erläuterung: dem Grundwort nach eine Entlehnung aus lateinisch cancelli = Gitter, Schranke, Einzäunung. Bereits im 8./9. Jh als kanzella im Reichenauer Glossar Rb. belegt, und zwar in der lateinischen Bedeutung, dann wieder im 12. Jh. im Sachglossar des Summarium Heinrici im Abschnitt De habitaculis et aliis aedificiis. Die Form kanzelîe kennt erst das Mittelhochdeutsche, das die Ableitungssilbe -îe aus dem Französischen übernahm, "ein Lehnsuffix, das in gewisser Hinsicht als im Deutschen heimisch zu betrachten ist, zumal es die neuhochdeutsche Diphtongierung mitgemacht hat" (Henzen,DtWortb. 185).

Kanzlei (A)
Erklärung: Der in Deutschland urkundlich nicht vor der 2. Hälfte des 12. Jhs. mit dem Begriff cancellaria und erst seit dem 14. Jh. als cantz(e)lige, cancellye, can(t)zli, can(e)zley o.ä., für die ältere Zeit von der Urkundenforschung mit dem Verabredungsbegriff "Kanzlei" bezeichnete Personenkreis, dem die Erledigung der bei Gerichtsbarkeit, Rechtsetzung und Verwaltung anfallenden Schreibarbeiten oblag, bildete urspr. eine kleine, locker gefügte Gruppe schreibkundiger, meist romanischer Notare (bei den Merowingern und Langobarden) oder besonders geschulter geistlicher Schreiber (im karolingischen Reich) und verfestigte sich während des hohen und späten MA.s im Zuge eines langen Entwicklungsprozesses mehr und mehr zu einer zentralen verfassungsrechtlichen Institution mit durchgebildeter Organisation und genau umrissenem, nun nicht mehr auf die bloße Schreibarbeit, Registrierung udgl. beschränkten Geschäftsbereich (s. unten unter B). Dabei diente der aus der Hofkapelle herauswachsenden, unter der Leitung eines (seit dem 9. Jh. cancellarius genannten) Kapellans stehenden Kanzlei des deutschen Königs (Reichskanzlei) die päpstliche Kanzlei als Vorbild, während die späteren Kanzleien der deutschen (weltlichen und geistlichen) Territorialherren und Städte im wesentlichen der Reichskanzlei nachgebildet waren.
vgl. Kanzellariat, Kanzellariatamt, Kanz(el)lerei, Kanzleiamt (I).

Kanzlei (A I)
Erklärung: Päpstliche Kanzlei.
Sachhinweis: Breßlau,Urk. I3 192-352; LThK.2 V (1960) 1313-1315 (Lit.); ClavisMed. (1962) 125-127; Feine,KirchlRG.4 321-325 (Lit.); P. Herde, Beitr. zur päpstl. Kanzlei- und Urkundenwesen im 13. Jh. (1961).

Kanzlei (A II)
Erklärung: Reichs(hof)kanzlei; Reichstagskanzlei, Reichskammergerichtskanzlei.
Sachhinweis: (insbesondere Geschichte, Organisation und Geschäftsgang der Kanzleien des Reichs): Bansa,Kanzlei; A. v. Brandt, Werkzeug des Historikers (61971), 112 - 117 (Lit.); Breßlau,Urk. I3 352 - 583 (Lit.); ClavisMed. 127 - 128; Conrad,RG. (Lit.); Fellner-Kretschmayr 258 - 301; Fellner-Kretschmayr II; Fleckenstein,Hofkapelle; Gross,Reichshofkanzlei; F. Hausmann, Reichskanzlei und Hofkapelle unter Heinrich V. und Konrad III. / Schriften d. MGH. 14 (1956) (Lit.); J. Hlavác«ek, Das Urkunden- und Kanzleiwesen des böhmischen und römischen Königs Wenzel (IV.) 1376-1419/Schriften d. MGH. 23 (1970); K. U. Jäschke, Königskanzlei und imperiales Königtum im 10. Jhdt. / HistJb. 84 (1964) 288 - 333; H.-W. Klewitz, Cancellaria. Ein Beitrag zur Geschichte des geistlichen Hofdienstes / DArchMA. 1 (1937) 44-79; Schröder-Künßberg7; Seeliger,Erzkanzler; Wohlgemuth,UrkReichshofger. (Lit.); K. Zeillinger, Die Notare der Reichskanzlei in den ersten Jahren Friedrich Barbarossas / DArchMA. 22 (1966) 472 - 555 - siehe auch Literaturangaben bei Dahlmann-Waitz, Quellenkunde der deutschen Geschichte (91931/32 und 101969ff.).
Kanzlei (A III)
Erklärung: Kanzlei der Reichsfürsten und anderer (weltlicher und geistlicher) Territorialherren und Grundherrschaften, meist durch Weiterentwicklung der älteren einfachen Schreibstube zur obersten Landesbehörde ausgebildet im Zusammenhang mit der Entstehung der Landeshoheit und dem Ausbau der Landesherrschaft während des späten MA.s und im Zuge der Neuorganisation der territorialstaatlichen Verwaltung zu Beginn der Neuzeit.
Sachhinweis: (Literatur in Auswahl außer den bei Breßlau,Urk. I2/3 615 Anm. 1 und 600 Anm. 5 genannten Werken). Weltliche Territorien: L. Andresen/W. Stephan, Beiträge zur Geschichte der Gottorfer Hof- und Staatsverwaltung von 1544 - 1659/QFSchleswHG. XIV/XV; Arendt,BrandenbKanzlei; G. v. Below, Quellen zur Geschichte der Behördenorganisation in Jülich-Berg im 16. Jh./ZBergGesch. 30 (1894) 8 - 168; Bernhardt,ZentralbehWürtt. I; H. Bier, Das Urkundenwesen und die Kanzlei des Markgrafen a. d. Hause Wittelsbach 1323 - 73 (Diss. phil. Berlin 1907); Brauch,CalenbGöttingVerw.; Breßlau,Urk. I3 583-618; Busch,BrschwKanzleiwesen; Carlebach,BadRG. I/II; K. Dülfer, Fürst und Verwaltung. Grundzüge der hessischen Verwaltungsgeschichte im 16.-19. Jh./HessJb. 3 (1953) 150-223; C.A. Endler, Hofgericht, Zentralverwaltung und Rechtssprechung der Räte in Mecklenburg im 16. Jh./MecklStrelGBl. 1 (1925) 118-156; Engel,LippeArchive; Goldfriedrich,KursächsKanzlei; W. Grohmann, Das Kanzleiwesen der Grafen von Schwerin und der Herzöge von Mecklenburg-Schwerin im MA./JbMeckl. 92 (1928); Gundlach,HessZBeh. I / II; H. Herz, Die Kanzlei d. Grafen von Käfernburg-Schwarzburg von ihren Anfängen bis zur Mitte des 14. Jh. (Diss. phil. Halle 1963); O. Hintze, Hof- und Landesverwaltung in der Mark Brandenburg unter Joachim II. / Hintze,Regierung 204- 254; H. Hofmann, Hofrat und landesherrliche Kanzlei im meißnisch-albertinischen Sachsen vom 13. Jh. bis 1547/48 (Diss. phil. Leipzig 1928); Hofmann,BayrRegSyst.; W. Lippert, Studien über die wettinische Kanzlei und ihre ältesten Register im 14. Jh. / NArch. 24 (1899) 1ff.; QBehGBayr.; G. Mehring, Beiträge zur Geschichte d. Grafen von Wirtemberg / WürtVjh.2 25 (1916) 325-364; E. Mertens, Das Urkunden- und Kanzleiwesen der Herzöge von Braunschweig und Lüneburg. Die Regierungszeit der Herzöge Albrecht und Johann 1252-1279 (Diss. phil. Göttingen 1961); P. Moraw, Kanzlei und Kanzleipersonal König Ruprechts / ArchDiplomatik 15 (1969) 428-531; Oestreich,Regiment; v.d.Ohe,LünebVerw.; W. Ohnsorge, Zur Geschichte der Kanzlei und des Hofgerichts zu Wolfenbüttel im 16. und 17. Jh. / QFBrschw. XIV; Opitz,UrkMeißen; Pischel,VerwWeimar; I. Rahn (jetzt Turtur), Regierungsform und Kanzlei Herzog Stephans III. von Bayern 1375-1413 (Diss. phil. München 1952); Sallmann,VerwJülich; Th. Schieffer, Die lothringische Kanzlei um 900/DArchMA. 14 (1958) 16-148; L. Schnurrer, Kanzlei und Urkundenwesen der niederbayerischen Herzöge aus dem Hause Wittelsbach 1255-1340 (Diss. phil. München 1953); Vogelsang,PfälzKanzlei; W. Volkert, Kanzlei und Rat untr Herzog Stefan II. (Diss. phil. München 1951); K. Wagner, Das brandenburgische Kanzlei- und Urkundenwesen zur Zeit des Kurfürsten Albrecht Achilles 1470-86 (Diss. phil. Berlin 1911). -- Geistliche Territorien: H. Aubin, Die Verwaltungsorganisation des Fürstbistums Paderborn im MA./Abhandlungen zur mittleren und neueren Geschichte 26 (1911); A. Barth, Das bischöfliche Beamtentum im MA., vornehmlich in den Diözesen Halberstadt, Hildesheim, Magdeburg und Merseburg/ZHarz 32 (1900) 322-428; J. Böhmer, Das geheime Ratskollegium, die oberste Landesbehörde des Hochstifts Paderborn 1723-1802/BeitrNSachs. 4, H.21 (1910); Goldschmidt,Mainz; F. Heinrich, Das fürstlich würzburgische Gebrechenamt. Ein Beitrag zur Organisation der Zentralbehörden im Hochstift Würzburg vom Beginn des 16. Jhs. bis zur Säkularisation/ArchUFrk. 66 (1927) 1-142; Kirn,MainzKanzlei; P. Kliemann, Studien zur deutschen Urkunde in Bayern und Österreich im 13. Jahrhundert mit besonderer Berücksichtigung der Salzburger Kanzlei, Diss. phil. Berlin 1956; K. Krägeloh, Die Lehnkammer des Frauenstifts Essen. Ein Beitrag zur Erforschung des Essener Kanzleiwesens / BeitrEssen 48 (1930) 99-278; G. Liebe, Die Kanzleiordnung Kurfürst Albrechts von Magdeburg, des Hohenzollern 1538/ForschBrandenbPr. 10 (1898) 31-54; R. Lüdicke, Die landesherrlichen Zentralbehörden im Bistum Münster. Ihre Entstehung und Entwicklung bis 1650/ZWestf. 59 (1901) 1-169; P. Rassow, Die Kanzlei St. Bernhards von Clairvaux/Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktiner-Ordens NF. 3 (1913); P. Richter, Über die Kanzlei des Trierer Erzbistums in der ersten Hälfte des 13. Jhs./WestdZ. 34 (1913); B. Turón, Z dziejów kancelariss biskupów wroctawskich w Nysie v latach 1601-1700 (Aus der Kanzlei der Breslauer Bischöfe in Neiße in den Jahren 1601-1700), Sobótka 19 (1964) 88-96; A. Wendehorst, Tabula Formarum curie episcopi. Das Formularbuch der Würzburger Bischofskanzlei von ca. 1324/QFBistWürzb. 13 (1957); E. Wisplinghoff, Die Kanzlei der Erzbischöfe von Köln im 10. Jh., mit einem Exkurs über die erzbischöfliche Kanzlei in Trier/JbKöln 28 (1953). -- Österreich: Th. Fellner, Zur Geschichte der österreichischen Centralverwaltung 1493-1484, I. Bis zur Errichtung der österreichischen Hofkanzlei/MIÖG. 8 (1887); Fellner-Kretschmayr I; H. v. Fichtenau, Die Kanzlei der letzten Babenberger/MIÖG. 56 (1948) 239ff.; L. Gross, Der Kampf zwischen Reichskanzlei und österreichischer Hofkanzlei um die Führung der auswärtigen Geschäfte/HistVjschr. 22 (1924/25) 279-312; R. Heuberger, Das Urkunden- und Kanzleiwesen der Grafen von Tirol, Herzöge in Kärnten a. d. Hause Görz/MIÖG. Erg.-Bd. 9 (1913) 50ff., 265ff.; F. Huter, Die Anfänge einer landesfürstlichen Kanzlei in Tirol/Festgabe H. Steinacker (1956) 66-84; I. Luntz, Urkunden und Kanzlei der Grafen von Habsburg und Herzöge von Österreich 1273-98/MIÖG. 37 (1917) 411-478; F. Reinöhl, Geschichte der k. u. k. Kabinettskanzlei/Mitt. d. österr. Staatsarchivs Erg.-Bd. VII (1963); Stolz,ÖstVG. 154-158; F. Stundner, Die Kanzlei des Regiments der nö. Lande zur Zeit Ferdinands I. 1521-64/JbLkNÖ.2 31 (1953/54) 95-112; V. Thiel, Die innerösterreichische Zentralverwaltung 1594-1749/ArchÖG. 105 (1917) 1-210 (1929) und 497-670.
Kanzlei (A IV)
Erklärung: städtische Kanzlei.
Sachhinweis: Breßlau,Urk. I3 617/18; Burger,Stadtschreiber; Eheberg,StraßbVG.; F. Elsener, Notare und Stadtschreiber (1962);Jahn,KanzleiZerbst; E. Kleeberg, Stadtschreiber und Stadtbücher in Mühlhausen i. Th. vom 14.-16. Jh./ArchUFrk. 51 (1909) 407-490; F. Merkel, Das Aufkommen der deutcshen Sprache in den städtischen Kanzleien des ausgehenden Mittelalters/Beiträge zur Kullturgeschichte des Mittelalters und der Renaissance 45 (1930); Pitz,Schriftwesen; K.H. Rexroth, Die Entstehung der städtischen Kanzlei in Konstanz/KonstanzGRQ. XII; A. Schmidt, Die Kanzlei der Stadt Erfurt bis zum Jahre 1500/MittErfurt 40/41 (1921) 1-88; W. Spiess. die Zentralverwaltung der Stadt Braunschweig in hansicher Zeit bis 1671/QFBrschw. XV 105-114.
Kanzlei (B)
Erklärung: rechtliche Funktion der Kanzlei (unter Ausschluß der päpstlichen Kanzlei).
vgl. Kanzleiarchiv, Kanzleiballei, Kanzleiexpedition (II), Kanzleifiskalat, Kanzleigebührenkasse, Kanzleikasse, Kanzleikollektur, Kanzleiregistratur (I), Kanzleitaxamt, Kanzleitax(e) (II).

Kanzlei (B I)
Erklärung: Regierungs- und Verwaltungsbehörde.
vgl. Kanzleibehörde, Kanzleidienststelle, Kanzleikammer (II), Kanzleistaat.

Kanzlei (B I 1)
Erklärung: Leitung der Staatsgeschäfte allgemein.
Kanzlei (B I 2)
Erklärung: Finanz- und Vermögensverwaltung einschließlich der Lehen.
Kanzlei (B I 3)
Erklärung: Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung.
Kanzlei (B I 4)
Erklärung: Aufsicht über Erziehungswesen und Religion.
Kanzlei (B I 5)
Erklärung: Aufsicht über bestimmte Organe der Rechtspflege und Verwaltung.
Kanzlei (B II)
Erklärung: Gericht.
vgl. Kanzleigericht, Kanzleihof, Kanzleikammer (II).

Kanzlei (B II 1)
Erklärung: sachliche Zuständigkeit.

Kanzlei (B II 1 a)
Erklärung: Schlichtung von Streitfällen im Güteverfahren.
Kanzlei (B II 1 b)
Erklärung: Zivil- und Strafsachen in erster Instanz und Vollstreckungsmaßnahmen.
Kanzlei (B II 1 c)
Erklärung: Ehesachen (in protestantischen Ländern).
Kanzlei (B II 1 d)
Erklärung: Appellations-, Berufungsinstanz.
Kanzlei (B II 2)
Erklärung: bes. Zuständigkeit für Prozesse best. Personengruppen.

Kanzlei (B II 2 a)
Erklärung: für Klagen gegen Kanzleiangehörige und sonstige (Landes-)Beamte.
Kanzlei (B II 2 b)
Erklärung: für die Rechtsstreitigkeiten der Standespersonen.
Kanzlei (B II 2 c)
Erklärung: für Strafverfahren gegen Juden.
Kanzlei (B III)
Erklärung: Notariat und Führung der öffentlichen Bücher.
Kanzlei (B IV)
Erklärung: Geschäftsstelle, Sekretariat.

Kanzlei (B IV 1)
Erklärung: beim Reichstag.
Kanzlei (B IV 2)
Erklärung: bei Regierung und Verwaltung in Reich und Territorien.
Kanzlei (B IV 3)
Erklärung: bei einer Stadt.
Kanzlei (B IV 4)
Erklärung: bei Gericht.
Kanzlei (B V)
Erklärung: Registratur, Archiv.
vgl. Kanzleiarchiv, Kanzleiballei, Kanzleiexpedition (II), Kanzleifiskalat, Kanzleigebührenkasse, Kanzleikasse, Kanzleikollektur, Kanzleiregistratur (I), Kanzleitaxamt, Kanzleitax(e) (II).

Kanzlei (B V 1)
Erklärung: Registrierung sämtl. in der Kanzlei bearbeiteter Angelegenheiten (in Kopien oder Regesten.
Kanzlei (B V 2)
Erklärung: Aufbewahrung von Originalurkunden (bes. eigener Freiheitsbriefe udgl.
Kanzlei (B V 3)
Erklärung: Ablage von Rechnungsunterlagen.
Kanzlei (C)
Erklärung: Kanzlei als Gebäude und Tagungsort für.
vgl. Kanzleibau, Kanzleigebäude, Kanzleigewölbe, Kanzleigewölblein, Kanzleihaus, Kanzleistube, Kanzlerhaus.

Kanzlei (C I)
Erklärung: Regierung und Verwaltung.
Kanzlei (C II)
Erklärung: Gericht.
Kanzlei (C III)
Erklärung: Konsistorium.

Wort danach: Kanzleiabbreviator

Dieser Wortartikel stammt aus dem Deutschen Rechtswörterbuch
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