Wort davor: ädern
adfatimire
sprachliche Erläuterung:
adfathamire, adfatinnire, affatimire, affatumire, affactumire, acfatmire, hac famirem, afatumiri. Auf Verwechslung beruhen Var. adhramire, adramire, achramire, adframire.
vgl.
aufnehmen,
Busen,
2Faden,
Gairethinx,
Klafter,
Mantelkind.
Sachhinweis:
v.Amira,Grundr.2 106. 109. 114f.; Erbenfolge 58ff.; v.Amira,Zweck 52f.; Beseler,Erbverträge
I 96ff.; Brunner,RG.2 I 101. 103; Brunner,RG.2 II 25; Brunner,Grdz.6
228; Caillemer, Exécut. testamentaire 29ff. 258; Gaudenzi,Salica Legge, Digesto Italiano 1888 S. 242; Glasson, Hist. du droit de la France 1889 III 36ff.; GrRA.4
I 220. 627f., 638f., 662; bei Merkel, Lex Salica p. 7.; vanHelten,Gl. 453ff.; Heusler,Inst.
I 215f.; Heusler,Inst. II 621-29; Hübner,PrivR.5 780ff.; Kern, Glossen d. L. Sal. 133; bei Hessels, L. Salica Noten § 224; Müllenhoff, bei Waitz,
Das alte R. d. sal. Franken 276f.; Scherrer/ZRG. 13 (1878) 274ff., R. Schmidt, Affatomie d. Lex Salica 1891; Schröder-Künßberg,RG. 1035; Schupfer, Thinx e
affatomia/Reale Accad. dei Lincei, Mem. d. Classe di scienze mor. stor. e filol. IX 1 (1891); Sohm/MG. II 1, 5 S. 237 n. 95; Stobbe,PrivR.
V 171ff.; Wilbrandt, ZDR. 5, 182ff.; Zeumer, Formulae 250 n. 2; Zöpfl,RG.4 III 52ff. 234; Weitere Literatur
bei Behrend,Lex Salica2 95n. und Geffcken,Lex Salica 178.
adfatimire (Spiegelstrich 1)
sprachliche Erläuterung:
Von afrk. v. *fathumjan (ags. fäðmian, an. faðma), umarmen, an die Brust schließen, wie adfatimus von afrk. subst. *fathum (as. faðm, ags. fæðm, an. faðmr), Busen, Schoß, Umarmung. affatimire: zigifadimanne ahd. Gl. zu LRib. 49 (11. Jh.) / MG. II 1, 5 S. 277. Das ad ist entweder aus dem Lateinischen übernommen oder aus afrk. at entstanden.
adfatimire (Spiegelstrich 2)
Erklärung:
Älteste Wortbedeutung: Annahme an Kindes Statt.
adfatimire (Spiegelstrich 3)
Erklärung:
Zumal zur Verschaffung eines Kindeserbrechts gegenüber dem Adoptierenden:
- Belegtext:
si quis procreatione filiorum vel filiarum non habuerit, omnem facultatem suam in praesentia regis sive vir muliere vel mulier viro seu cuicumque libet de proximis vel straneis adoptare in hereditate
vel adfatimi ... secundum legem Ribuariam licentiam habeat.
Region/Autor/Textsorte:
LRib. 48 (A.)
Fundstelle: MG. II 1, 5 S. 237
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adfatimire (Spiegelstrich 4)
- Belegtext:
quod si adfatimus fuerit inter virum et mulierem, post discessum amborum ad legitimus heredes revertatur
Datierung: Mitte 8. Jh.
Fundstelle: LRib. Tit. 49 (A)
- Belegtext:
propterea has duas epistolas adfadimas uno tenore conscriptas inter se fieri vel firmare rogaverunt
Datierung: Ende 8. Jh.
Region/Autor/Textsorte:
Form. Lindenbr. nr. 13
Fundstelle: Form. 276
[weitere Angaben: gegenseitige Vermögensübertragung von Todes wegen unter kinderlosen Ehegatten.]
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- digitalisiert im Rahmen des Projekts dMGH
- Belegtext:
de affatomie dixerunt, quod traditio fuisset. de hoc capitulo iudicatum est, ut, sicut per longam consuetudinem antecessores eorum facientes habuerunt, ita et omnes, qui lege Salica vivunt, inantea habeant et faciant
Datierung: um 819
Region/Autor/Textsorte:
Ludwigs d. Fr. salisches Kapitular c. 10
Fundstelle: Cap. I 2 S. 293
[weitere Angaben: letztes Zeugnis aus fränkischer Zeit]
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- Belegtext:
[Überschrift:] affitimum
Fundstelle: Form. 251 nr. 25
[weitere Angaben: Schenkung einer einzelnen Hufe an einen Enkel]
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- Belegtext:
dum ... genitor vester filius meus ... de hac luce discessit, et vos in alode minime accedere poteratis, ... dabo vobis per hanc affatimum omni pro portione ..., quicquid in iam
dicto loco genitor vester ... dividere et exsequare deberet, vos quoque, nepotes mei, per hanc affatimum post obitus mei dividere [et] exequare faciatis. illud etiam in hanc affatimum conscribere rogavimus
Region/Autor/Textsorte:
Form. Merkel. 24
Fundstelle: Form. 250
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- digitalisiert im Rahmen des Projekts dMGH
- Belegtext:
[Übschr.:] de adfathamire oc conuenit obseruare
Fundstelle: Hessels-Kern 290 (nr. 43/42 Cod. 2)
- Belegtext:
si per adfatimus [Cod. 11 adfacimus] antea non cromaverint
Region/Autor/Textsorte:
zweites merowingisches Kapitular (vor 584)
Fundstelle: LSal. 73 § 2 (1)
- Belegtext:
de affatomiae. hoc conuenit obseruare
Fundstelle: PLSal.(MGH.) 177 (nr. 46/48, Fassung K)
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- digitalisiert vom Münchener Digitalisierungszentrum (MDZ)
- Fundstelle: Hessels-Kern 289ff. (Übschr. zu Tit. 46 bzw. 42/48/49/80)
[weitere Angaben: Der Vorgang des heredes deputare oder heredes appellare wird als adfatimire bezeichnet]
- Fundstelle: LRib. Tit. 48
[weitere Angaben: s. oben]
adfatimire (Spiegelstrich 5)
Erklärung:
Das schon damals vielfach nicht mehr verstandene Wort hat sich in der Gelehrtensprache als Bezeichnung für Vergabungen von Todes wegen noch bis tief ins Mittelalter erhalten.
- Belegtext:
Albertus frater noster ... animæ suæ symbolum luminis perpetuum S. Vito adfatomavit
Datierung: 1196
Region/Autor/Textsorte:
Epist. Witechindi abb. Corb. novae ad Gerardum abb. Corb. vet. ann.
Fundstelle: DuCange I 75 (s.v. adfatomare)
adfatimire (Spiegelstrich 6)
Erklärung:
Das Geltungsgebiet der Wörter adfatimus und adfatimire beschränkte sich auf das Salfränkische und Ribuarische, aber der Rechtsgebrauch, den
sie ursprünglich bezeichneten, war gemeingermanisch. Die Anerkennung der Vaterschaft gegenüber dem Neugeborenen erfolgte dadurch, daß der Vater das Kind auf den Arm nahm und an die Brust schloß. Darum
standen die Kinder und die nach dem Tode eines Kindes vom Großvater aufgenommenen Enkel im "Busen" des Aufnehmenden (Ed. Grimov. c. 5: nepotum, qui post mortem patris in sinu avi remanserit
..., pater eorum in sinu avi mortuus) und wurden selber als der "Busen" bezeichnet; auch afrk. *fathum mag diese Nebenbedeutung gehabt haben. Aufnahme der Enkel an die
Stelle eines vorverstorbenen Kindes zeigt:
- Belegtext:
dum ... genitor vester filius meus ... de hac luce discessit, et vos in alode minime accedere poteratis, ... dabo vobis per hanc affatimum omni pro portione ..., quicquid in iam
dicto loco genitor vester ... dividere et exsequare deberet, vos quoque, nepotes mei, per hanc affatimum post obitus mei dividere [et] exequare faciatis. illud etiam in hanc affatimum conscribere rogavimus
Region/Autor/Textsorte:
Form. Merkel. 24
Fundstelle: Form. 250
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- digitalisiert im Rahmen des Projekts dMGH
adfatimire (Spiegelstrich 7)
Erklärung:
Diese Form der Vorberufung der Enkel hat sich in den verschiedensten Rechtsgebieten bis zur Einführung des gesetzlichen Eintrittsrechts erhalten:
- Belegtext:
ob ainer zwey kindt ... hat, gath der eines ab von todes wegen, und lath dasselbig khindt liberben, das soll erben mit den andern khinden und an glichen theil stehn, ob es uf dem grab oder vor dem richter uf genohmen ist zu einem khind
Datierung: 1382
Hofbrief d. Grafen Werdenberg (Montafon)
- Belegtext:
Noch nach den Satzungen von 1601 hatten die Enkel hier kein Eintrittsrecht, sie seyen dann von ene und ana im siechtag oder auf dem grab zu erben aufgenommen worden
Fundstelle: Ficker,Erbf. II 116
adfatimire (Spiegelstrich 8)
Erklärung:
Eine wirkliche Adoption durch Kindesaufnahme, nicht bloß zu erbrechtlichen Zwecken, vollzog sich, wenn der Vater die von ihm mit seiner Braut erzeugten Kinder bei der Trauung unter seinen
Mantel nahm, also in den "Busen" aufnahm ("Mantelkinder"). In der fränkischen Rechtssprache muß auch dieser Vorgang unter den Begriff adfatimire gefallen sein.
adfatimire (Spiegelstrich 9)
Erklärung:
Die Adoption durch Umarmen, durch Knie- oder Schoßsetzung war gemeingermanisch. Bei den Langobarden adoptio in hereditatem durch thinx oder gairethinx.
Bei dem fränkischen adfatimire aber liegt schon nach den ältesten Zeugnissen der Schwerpunkt nicht mehr in der Adoption, die nur noch durch das Wort selbst angedeutet wird, sondern
in den sachenrechtlichen Formen der Vermögensübertragung. Jüngere Zeugnisse verlangen selbst eine solche nicht mehr, sondern verwenden das Wort adfatimire auch für einfache, nur
einen einzelnen Vermögensgegenstand umfassende Vergabungen von Todes wegen. Die ursprüngliche Bedeutung des Vorganges und des diesen bezeichnenden Wortes waren verlorengegangen.
Wort danach: 1adfatimus
Dieser Wortartikel stammt aus dem Deutschen Rechtswörterbuch
- online verfügbar mit vielfältigen Recherchemöglichkeiten