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Das Mahl zu Heidelberg

von Gustav Schwab (1823)
Quelle: Gustav Schwab: Gedichte. Gesamt-Auswahl, Leipzig [1882], S. 198-202.
 

Von Wirtemberg und Baden
Die Herren zogen aus,
Von Metz des Bischofs Gnaden
Vergaß das Gotteshaus;
Sie zogen aus zu kriegen
Wohl in die Pfalz am Rhein,
Sie sahen da sie liegen
Im Sommersonnenschein.

Umsonst die Rebenblüte
Sie tränkt mit mildem Duft,
Umsonst des Himmels Güte
Aus Aehrenfeldern ruft:
Sie brannten Hof und Scheuer,
Daß heulte groß und klein;
Da leuchtete vom Feuer
Der Neckar und der Rhein.

Mit Gram von seinem Schlosse
Sieht es der Pfälzer Fritz;
Heißt springen auf die Rosse
Zwei Mann auf einen Sitz.
Mit enggedrängtem Volke
Sprengt er durch Feld und Wald,
Doch ward die kleine Wolke
Zum Wetterhimmel bald.

Sie wollen seiner spotten,
Da sind Sie schon umringt,
Und über ihren Rotten
Sein Schwert der Sieger schwingt.
Vom Hügel sieht man prangen
Das Heidelberger Schloß,
Dorthin führt er gefangen
Die Fürsten samt dem Troß.

Zu hinterst an der Mauer,
Da ragt ein Thurm so fest,
Das ist ein Sitz der Trauer,
Der Schlang' und Eule Nest:
Dort sollen sie ihm büßen
Im Kerker trüb und kalt,
Es gähnt zu ihren Füßen
Ein Schlund und finstrer Wald.
Hier lernt vom Grimme rasten
Der Wirtemberger Utz,
Der Bischof hält ein Fasten,
Der Markgraf läßt vom Trutz.
Sie mochten schon in Sorgen
Um Leib und Leben sein,
Da trat am andern Morgen
Der stolze Pfälzer ein.
"Herauf, ihr Herrn, gestiegen
In meinen hellen Saal!
Ihr sollt nicht fürder liegen
In Finsterniß und Qual.
Ein Mahl ist euch gerüstet,
Die Tafel ist gedeckt,
Drum, wenn es euch gelüstet,
Versucht ob es euch schmeckt!"

Sie lauschen mit Gefallen,
Wie er so lächelnd spricht,
Sie wandeln durch die Hallen
An's goldne Tageslicht.
Und in dem Saale winket
Ein herrliches Gelag,
Es dampfet und es blinket,
Was nur das Land vermag.

Es satzten sich die Fürsten;
Da mocht' es seltsam sein!
Sie hungern und sie dürsten
Beim Braten und beim Wein;
"Nun, will's euch nicht behagen?
Es fehlt doch, deucht mir, nichts?
Worüber ist zu klagen?
An was, ihr Herrn, gebricht's?

Es schickt zu meinem Tische
Der Odenwald das Schwein,
Der Neckar seine Fische,
Den frommen Trank der Rhein!
Ihr habt ja sonst erfahren,
Was meine Pfalz bescheert!
Was wollt ihr heute sparen,
Wo Keiner es euch wehrt?"

Die Fürsten sahn verlegen
Den Andern jeder an,
Am Ende doch verwegen
Der Ulrich da begann:
"Herr, fürstlich ist dein Bissen,
Doch Eines thut ihm Not,
Das mag kein Knecht vermissen:
Wo ließest du da Brod?"

"Wo ich das Brod gelassen?"
Sprach da der Pfälzer Fritz,
Er traf, die bei ihm saßen,
Mit seiner Augen Blitz;
Er that die Fensterpforten
Weit auf im hohen Saal,
Da sah man aller Orten
In's offne Neckarthal.
Sie sprangen von den Stühlen
Und blickten in das Land,
Da rauchten alle Mühlen
Rings von des Krieges Brand;
Kein Hof ist da zu schauen,
Wo nicht die Scheune dampft,
Von Rosses Huf und Klauen
Ist alles Feld zerstampft.
"Nun sprecht, von wessen Schulden
Ist so mein Mahl bestellt?
Ihr müßt euch wohl gedulden,
Bis ihr besät mein Feld,
Bis in des Sommers Schwüle
Mir reifet eure Saat,
Und bis mir in der Mühle
Sich wieder dreht ein Rad.
Ihr seht, der Westwind fächelt
In Stoppeln und Gesträuch;
Ihr seht, die Sonne lächelt,
Sie wartet nur auf euch!
Drum sendet flugs die Schlüssel
Und öffnet euren Schatz,
So findet bei der Schüssel
Das Brod den rechten Platz!"
 

Handelnde Personen:

- Kurfürst Friedrich I., der Siegreiche

- Graf Ulrich V. (der Vielgeliebte) von Württemberg (reg. 1433-1480), verheiratet mit Margarethe (von Savoyen), Witwe Kurfürst Ludwigs IV. und Schwägerin Kurfürst Friedrichs

- Markgraf Karl I. von Baden (reg. 1453-1475)

- dessen Bruder, Bischof Georg von Metz (Bischof 1461-1484)

Daten aus: Detlev Schwennicke (Hg.): Europäische Stammtafeln. Stammtafeln zur Geschichte der europäischen Staaten, NF I,2: Przemysliden, Askanier, Herzoge von Lothringen, die Häuser Hessen, Württemberg und Zähringen, Marburg 1999, T. 256 (Württemberg) und T. 267 (Baden, Haus Zähringen).

Literaturempfehlungen:

1. Zu dem oben wiedergegebenen Gedicht von Gustav Schwab:

- Carlebach, Albert: Die Sage vom Mahl zu Heidelberg. In: Mannheimer Geschichtsblätter 5 (1904), Sp. 195-199. - Behandelt die Geschichte der Sage vom "brotlosen Mahl" im kurfürstlichen Schloß und ihre Darstellung in Literatur und Kunst; Abb. "Das Mahl zu Heidelberg", nach einem Holzschnitt von C. S. (evtl. Christoph Stimmer) aus der Mitte des 16. Jahrhunderts.

- Carlebach, Albert: Neues zur Sage vom Mahl zu Heidelberg. In: Mannheimer Geschichtsblätter 13 (1912), Sp. 148 ff.

2. Zur Schlacht bei Seckenheim am 30. Juni 1462 und ihrer Rezeption:
(Die genannten Titel bieten im Anmerkungsapparat zahlreiche, einander ergänzende Literaturangaben)

- Backes, Martina: Das literarische Leben am kurpfälzischen Hof zu Heidelberg im 15. Jahrhundert. Ein Beitrag zur Gönnerforschung des Spätmittelalters (Hermaea NF 68), Tübingen 1992. - Literarische Rezeption im 15. Jahrhundert: S. 128 ff.

- Bloh, Ute von; Berg, Theresia: Vom Gebetbuch zum alltagspraktischen Wissenskompendium für den fürstlichen Laien. Die Expansion einer spätmittelalterlichen
Handschrift am Beispiel eines Manuskripts in Wien, ÖNB, Cod. Vat. Pal. 13428. In: Wissen für den Hof. Der spätmittelalterliche Verschriftlichungsprozeß am
Beispiel Heidelberg im 15. Jahrhundert (Münstersche Mittelalter-Schriften 67), hg. von Jan-Dirk Müller, München 1994, S. 233-287. - Die einschlägigen Verse aus der Chronik Friedrichs I. von Matthias von Kemnat: S. 269.

- Fritz, Thomas: Ulrich der Vielgeliebte (1441-1480). Ein Württemberger im Herbst des Mittelalters. Zur Geschichte der württembergischen Politik im Spannungsfeld zwischen Hausmacht, Region und Reich, Leinfelden-Echterdingen 1999. - Die Schlacht: S. 263 ff.; Verhandlungen über Ulrichs Freilassung: S. 267-281; weitere Erwähnungen s. Register des Werks.

- Mone, Franz Joseph: Quellensammlung der badischen Landesgeschichte, 3 Bde, Karlsruhe 1848-1863. Hier: Bd. III (1863), S. 140-150. - Enthält zwei zeitgenössische Gedichte sowie einen Abschnitt "Folgen der Schlacht für den Markgrafen Karl I. von Baden und sein Haus" mit Auswertung weiterer Quellen.

- Probst, Hansjörg: Seckenheim. Geschichte eines Kurpfälzer Dorfes, Mannheim 1981. - Die Schlacht: S. 382-403.

- Roder, Christian: Die Schlacht von Seckenheim in der Pfälzer Fehde von 1462-1463, Villingen 1877. (Kommentar von Thomas Fritz, Ulrich der Vielgeliebte, S. 263, Anm 483: "... die erschöpfende, kritische Darstellung bei Roder...")

- Studt, Birgit: Fürstenhof und Geschichte. Legitimation durch Überlieferung (Norm und Struktur. Studien zum sozialen Wandel in Mittelalter und früher Neuzeit 2), Köln u.a. 1992. Zugl. Münster (Westfalen), Univ., Diss, 1990. - Zur Überlieferung der Schlacht in der Chronik Friedrichs I. von Matthias von Kemnat: S. 238; weitere Erwähnungen s. Register des Werks.

(Vgl. zu den Literaturempfehlungen: Klaus Graf: Nachruhm. Überlegungen zur fürstlichen Erinnerungskultur im deutschen Spätmittelalter Preprint des Beitrags zum Tagungsband der Tagung Principes, Greifswald 2000.)

Heidelberg, den 3.2.2003

Pw (im Namen der VLGK-Redaktion)