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Friedrich V. von der Pfalz, der "Winterkönig" von Böhmen

Es gibt wohl nur wenige historische Persönlichkeiten, deren Leben so von Glücksfällen und Schicksalsschlägen begleitet war, wie das des pfälzischen Kurfürsten Friedrich V. (1596-1632).

Geboren am 26. August 1596 im oberpfälzischen Deinschwang als Sohn Friedrichs IV. von der Pfalz und der Louise Juliane von Oranien, berechtigte seine Ausbildung an der calvinistischen Ritterakademie in Sedan zu den größten Hoffnungen. Neben einer gründlichen theologischen Unterweisung führten seine Lehrer ihn nachhaltig in die französische Sprache und Hofkultur ein, um ihren Zögling auf eine Heirat mit einer Königstochter aus dem europäischen Hochadel vorzubereiten.

Die Gelegenheit dazu ergab sich im Zuge der Bündnisverhandlungen der Kurpfalz mit England um 1610. Trotz einiger Widerstände in der Union und in London gelang es der kurpfälzischen Diplomatie eine eheliche Verbindung Friedrichs mit der Tochter König Jakobs von England, Elizabeth Stuart, zustande zu bringen. Letzte Skeptiker brachte Friedrich im Herbst 1612 durch sein geschicktes Auftreten an der Themse zum Verstummen. Die Hochzeit am Valentinstag des Jahres 1613 geriet zu einem internationalen Ereignis, der Bräutigam sonnte sich in der Rolle als Schwiegersohn des Königs von England und Hoffnungsträger des evangelischen Europas. Als Elizabeth Stuart im Januar 1614 den heißersehnten Thronfolger zur Welt brachte, schien das Glück vollkommen. In den nächsten Jahren erfuhr die kurpfälzische Residenz u.a. durch die Anlage des "Hortus Palatinus" eine grundlegende Umgestaltung, Heidelberg und die pfälzischen Lande erlebten ihre wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit.


Kurfürst am Vorabend des großen Krieges

Doch bald fielen erste Schatten auf das ungetrübte Dasein. Überstiegen schon die im Ehevertrag mit England gemachten Zugeständnisse an die Braut die Wirtschaftskraft der Kurpfalz, so drohten die Finanzen durch die aufwendige Hofhaltung vollends außer Kontrolle zu geraten. Hinzu kamen erbitterte Auseinandersetzungen zwischen der englischen Königstochter und ihrer Schwiegermutter Louise Juliane über die Rangfrage am Heidelberger Hof.

Kurz nach seinem Herrschaftsantritt im August 1614 erlitt Friedrich V. in Heilbronn zudem einen Fieberanfall, der ihn beinahe das Leben gekostet hätte. So übernahmen die Heidelberger Räte für die nächsten Monate die Regierungsgeschäfte. Da schon seine Vorgänger - auch aus gesundheitlichen Gründen - ihre Herrscherpflichten teils dem Heidelberger Oberrat überlassen hatten, stieg dessen Einfluß stetig. Nach dem frühen Tod von Friedrichs Vater 1610 verhinderten die Räte sogar eine Vormundschaft der lutherischen Pfalzgrafen von Neuburg und setzten statt dessen Johann II. von Pfalz-Zweibrücken als Kuradministrator ein.

Unter der Führung des Amberger Statthalters Christian von Anhalt, einem Onkel Friedrichs V., erledigte die Heidelberger Regierung nicht nur das politische Tagesgeschäft, sondern betrieb auch eine aggressive Außen- und Bündnispolitik, die zwangsläufig auf eine Konfrontation mit den katholischen Habsburgern hinauslaufen mußte.

Der festen Überzeugung, daß ein Krieg mit den katholischen Kräften in Mitteleuropa unausweichlich sei, verfolgte man den Prager Fenstersturz 1618 mit Genugtuung. In der Tradition der Hugenottenkriege und des Unabhängigkeitskampfes der Niederlande unterstützte Heidelberg diesmal die Stände Böhmens mit Geld und Waffen. Als sich die Böhmen im November 1618 entschlossen hatten, Ferdinand von Steiermark abzusetzen und einen neuen König zu wählen, gehörte auch der Pfälzer Kurfürst zum engeren Kandidatenkreis. In den nächsten Monaten war es vor allem Christian von Anhalt, der eine Königswahl Friedrichs V. betrieb. Die Situation eskalierte, als im Sommern 1619 die Böhmen Ferdinand von Steiermark kurz vor seiner Wahl zum neuen Kaiser als König von Böhmen absetzten und Friedrich von der Pfalz die Wenzelskrone anboten. In vollkommener Verkennung der Lage und ganz unter dem Einfluß Christians von Anhalt, entschied sich Friedrich im September 1619 zur Annahme der Wahl. Über die tatsächlichen Gründe, die den Pfälzer zu diesem folgenschweren Schritt bewogen haben, ist viel spekuliert worden. Friedrich selbst hat seine Entscheidung später immer wieder als Gewissenssache verteidigt und sah in seiner Wahl eine "Vocation Gottes".


Die Pfalz geht nach Böhmen

Am 4. November 1619 in Prag zum neuen König gekrönt, verlief Friedrichs Königsherrschaft auf dem Hradschin alles andere als glücklich. Die Begeisterung über den neuen Herrscher wich bald der Enttäuschung über ausbleibende Hilfe. Fast ganz Europa verurteilte die Vorgänge in Prag, Jakob von England verweigerte seinem Schwiegersohn den Königstitel und die Evangelische Union entschied, sich aus dem Konflikt in Böhmen herauszuhalten. Hinzu kam ein latenter Kompetenzkonflikt zwischen den einheimischen Ständen und den aus Heidelberg an die Moldau gekommenen Räten.

Als im Herbst 1620 der entscheidende Feldzug des bayerisch-kaiserlichen Heeres gegen Oberösterreich und Böhmen begann, waren die Kassen Friedrichs erschöpft. Mit der Niederlage in der Schlacht am Weißen Berg am 8. November 1620 endete das "böhmische Abenteuer" in einem völligen Fiasko. Von seinen Verwandten gemieden und seinem Ratgeber Christian von Anhalt im Stich gelassen, floh der nun als "Winterkönig" verspottete Friedrich über Schlesien und Brandenburg nach Den Haag, wo ihm die Generalstaaten Exil gewährten.

Der Verhängung der Reichsacht im Januar 1621 durch Kaiser Ferdinand II. folgte die Auflösung der Union und die Eroberung der Oberpfalz. Um wenigstens seine Erblande am Rhein zu retten, begab sich Friedrich V. im April 1622 heimlich in die untere Pfalz. Nach anfänglichen Erfolgen scheiterte der Feldzug mit den Niederlagen bei Wimpfen und Höchst. Wiederum war der Pfälzer zur Flucht über Sedan nach Den Haag genötigt. Mit der Übergabe der Festung Frankenthal im März 1623 war der Winterkönig aller seiner Besitzungen verlustig.

Da an eine Rückkehr in absehbarer Zeit nicht zu denken war, richtete sich die vertriebene Herrscherfamilie im "Wassenaer Hof" in Den Haag ein, wo auch die pfälzische Exilregierung ihre Tätigkeit aufnahm. Später errichtete Friedrich sogar eine prachtvolle Sommerresidenz im 300 Häuser zählenden Städtchen Rhenen, während ein Teil seiner Kinder eine ausgezeichnete Erziehung in Leiden genoß.

Die Lage im Exil war für Friedrich aber alles andere als angenehm. Während seine niederländischen Gastgeber die unbedingte Fortsetzung des Krieges gegen die Habsburger forderten, ermahnte König Jakob von England seinen Schwiegersohn, sich mit seinen Gegnern friedlich zu vergleichen und auf die Wenzelskrone zu verzichten. Da der pfälzische Exilhof auf die Gelder seiner Gastgeber und Englands angewiesen war, mußten Friedrich und seine Räte mehrfach den fast unmöglichen Spagat zwischen der Haltung der Generalstaaten und den Forderungen Londons meistern. Doch weder eine Fortsetzung des Krieges noch mehrere diplomatische Initiativen ermöglichten eine Rückkehr nach Heidelberg. Die von der pfälzischen Exilpolitik und den Niederlanden betriebene "Haager Allianz" scheiterte unter der Führung des Dänenkönigs Christian IV. ebenso wie die zahlreichen Friedens- und Ausgleichsvorschläge. Kaiser Ferdinand II. hatte mit der Übertragung der pfälzischen Kur und der Oberpfalz auf Bayern Fakten geschaffen, die für Friedrich V. aus "Ehre und Gewissen" unannehmbar waren.

Angesichts dieser aussichtslosen Lage zog sich Friedrich immer mehr in sein Privatleben zurück. Fast täglich ging er auf die Jagd - das zähe politische Tagesgeschäfte überließ er zumeist seinen Räten. Doch gerade in seinem familiären Glück traf ihn der härteste Schicksalsschlag, als im Januar 1629 sein ältester Sohn und designierter Thronfolger Friedrich Heinrich bei einem Schiffsunglück ums Leben kam.


Das bittere Ende

Das Eingreifen Gustav Adolfs in den Dreißigjährigen Krieg ermöglichte Friedrich V. 1632 die Rückkehr ins Reich. Die Verhandlungen mit den Schweden über eine Rückgabe der pfälzischen Erblande und der Kurwürde verliefen freilich enttäuschend. Ohne seine Heidelberger Residenz noch einmal gesehen zu haben, verstarb der Winterkönig im Alter von nur 36 Jahren völlig unerwartet am 29. November 1632 in Mainz an einem pestilenten Fieber. Während das Herz des Verstorbenen in der Oppenheimer Katharinenkirche beigesetzt wurde, gelangte der Leichnam in einem Zinnsarg verschlossen in die Festung Frankenthal. Von hier aus versuchte Friedrichs Bruder Ludwig Philipp für die von Schweden zurückgegebenen Gebiete eine kurpfälzische Administration aufzubauen. Als ihn das wankende Kriegsglück 1635 zur Flucht zwang, evakuierte man den Sarg Friedrichs nach Metz. Im Herbst 1637 gelangte der Leichnam in aller Stille nach Sedan. Wo die Gebeine des unglücklichen Winterkönigs dort ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, ist allerdings bis heute unbekannt. Erst 1649 konnte sein Sohn Karl Ludwig als Kurfürst wieder auf dem Heidelberger Schloß einziehen.

Friedrichs Ehe mit der Elizabeth Stuart verlief nicht nur für damalige Verhältnisse ungewöhnlich glücklich, sondern war auch außerordentlich fruchtbar. Von den 13 Kindern erreichten neun das Erwachsenenalter. Friedrichs Streben, königlichen Würden für seine Dynastie zu erlangen, erfüllte sich 1714, als sein Enkel Georg von Hannover dank seiner pfälzischen Mutter Sophie den englischen Thron besteigen konnte.


Der Winterkönig - ein (fast) vergessenes Kapitel der europäischen Geschichte

Die Geschichtsschreibung hat den Winterkönig für seinen Griff nach der Wenzelskrone hart abgestraft. Doch die Gründe für dieses in der kurpfälzischen Geschichte so beispiellose Desaster lagen freilich weniger in der Person des Kurfürsten als vielmehr in einer völligen Überschätzung der eigenen finanziellen und militärischen Kräfte durch die verantwortlichen Ratgeber und Diplomaten. Ungeachtet dessen hielt sich das Negativbild Friedrichs V. in der Historiographie hartnäckig. Dies mußte auch der Eberbacher Winterkönigbiograph John Gustav Weiß erfahren, der ab 1930 durch seine Publikationen gegen das vorherrschende Geschichtsbild des Winterkönigs zu Felde zog. Seine 1938 abgeschlossene Biographie "Friedrich der Fünfte, Kurfürst von der Pfalz und König von Böhmen" fiel der vorherrschenden Lehrmeinung zum Opfer, daß Friedrich V. "im Grunde gänzlich unbedeutend" sei und ging daher nie in Druck.

So liegt bisher keine brauchbare Biographie vor. Von den zwischen 1693 und 1885 erschienenen sieben Darstellungen zu Friedrich V. zeichnen sich gerade die Publikationen des 19. Jahrhunderts entweder durch eine unsaubere Recherche oder durch unsachliche Polemiken aus, die zu zahlreichen Fehlinterpretationen, Mythen und Legenden führten.

Die 1999/2000 an der Universität Mannheim eingereichte Dissertation "Nicht gegen Ehre und Gewissen. Friedrich V., Kurfürst von der Pfalz - der ‚Winterkönig’ von Böhmen (1596-1632)" versteht sich als eine Vollbiographie, bei der - trotz des kurpfälzischen Schwerpunktes - auf eine allzu starke Eingrenzung des Themas oder einseitige Gewichtung verzichtet wurde. Statt dessen war es das Bemühen, einzelne Lebensabschnitte der Hauptperson möglichst ausgeglichen darzustellen. Eine Publikation steht noch aus.

Peter Bilhöfer


Literatur: Peter Bilhöfer: Studien zur Biographik Friedrichs V., Kurfürst von der Pfalz. Magisterarbeit Uni Mannheim 1994; ders.: Nicht gegen Ehre und Gewissen. Friedrich V., Kurfürst von der Pfalz - der "Winterkönig" von Böhmen (1596-1632). Diss. Uni Mannheim 1999/2000; Der Winterkönig - Friedrich V., der letzte Kurfürst aus der Oberen Pfalz, hrsg. von Peter Wolf u.a. (=Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 46/03. Katalog zur Bayerischen Landesausstellung 2003). Stuttgart 2003.