Wahrheitsanspruch kirchlicher Lehre und der ökumenische Dialog

"Dominus Iesus" als Herausforderung für das Gespräch zwischen den Konfessionen

von Prof. Dr. Christoph Schwöbel

1. Eine ökumenische Enttäuschung?
Als die Erklärung der Glaubenskongregation „Dominus Iesus“ am 5. September in Deutschland veröffentlicht wurde, löst sie auf Seiten der evangelischen Kirche erheb-liche Irritation aus. Präses Manfred Kock, der Vorsitzende des Rates der EKD, veröf-fentlichte eine Stellungnahme, die mit den Worten begann: „Die Zeichen aus Rom stehen auf Stillstand. Mehr noch: Sie bedeuten die Verfestigung des traditionellen Selbstverständnisses der römisch-katholischen Kirche und einen Rückschlag für das ökumenische Miteinander in versöhnter Verschiedenheit.“ Allerdings betonte Kock, dass die Erklärung „zahlreiche Aussagen“ enthalte, „denen auch die Kirchen der Reformation gern und mit Nachdruck zustimmen können“. Kock hob hier vor allem die Aussagen „über die Einzigkeit und Heilsuniversalität Jesu Christi“ hervor, die er als Parallele zur Aussage der Barmer Theologischen Erklärung interpretierte: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“ Die Aussagen, die über das Verhältnis der römisch-katholischen Kirche zu den evangelischen Kirchen, die als „kirchliche Gemeinschaften“ nach „Dominus Iesus“ nicht „Kirchen im eigentlichen Sinne“ sind, wurden jedoch von Kock als Abschied von einen Umgang von gleich zu gleich in der Ökumene interpretiert. „Mit einer Deutlichkeit, die für Zweifel keinen Raum lässt, wird hier dem Prinzip eines Umgang par cum pari, also von gleich zu gleich, eine Absage erteilt.“ Der Intention, den evangelischen Kirchen abzusprechen, „Kirchen im eigentlichen Sinne“ zu sein, die auch in der am 30. Juni den Bischofskonferenzen von der Glaubenskongregation zugeleiteten „Note zum Begriff ‚Schwesterkirchen‘“ festgehalten wird, stellte Kock entgegen, dass „das gelebte partnerschaftliche Miteinander der beiden Kirchen ein Wahrheit anzeigt, die der einengenden Sicht der gegenwärtigen römisch-katholischen Lehre voraus ist.“ Kock schloss seine Stellungnahme mit den Worten: „Die Zukunft der Kirche wird eine ökumenische sein. Das entspricht der Verheißung Jesu Christi, und es entspricht – in Deutschland ebenso wie an anderen Orten – den praktischen Notwendigkeiten von Zeugnis und Dienst der Kirche. Darin kann uns auch die Kongregation für die Glaubenslehre nicht irremachen.“
 Ähnlich äußerte sich auch die Kirchenleitung der Vereinigten Evangelisch-lutherischen Kirche Deutschlands. Auch hier wird festgehalten, dass „Dominus Ie-sus“ in den Aussagen zur „Einzigkeit und Universalität des Heils in Jesus Christus Glaubensüberzeugungen formuliert ..., die dem entsprechen, was im ökumenischen Dialog zwischen Lutheranern und Rom als gemeinsames Glaubengut festgehalten ist.“ Zu der Aussage jedoch, dass die eine, heilige, katholische und apostolische Kir-che voll nur in der katholischen Kirche weiterbesteht, wird festgehalten: „Dieser Anspruch ist biblisch nicht zu begründen, ihn in dieser Weise zum gegenwärtigen Zeitpunkt geltend zu machen, lässt ökumenische Sensibilität vermissen. Die ökumeni-sche Entwicklung sollte auch in Rom zur Einsicht geführt haben, dass die eine Kirche Jesu Christi in der geschichtlichen Gestalt von Kirchen existiert.“ Weiter heißt es: „...es ist nicht im Geist Christi, wenn einer dem anderen das Sein in der einen Kirche Jesu Christi auf Grund durchaus noch zu klärender Kriterien bestreiten will.“  Der Catholica-Beauftragte der VELKD, der bayrische Landesbischof Dr. Johannes Friedrich, stellte präzise fest: „Christus bleibt für uns immer noch kritische Instanz auch gegenüber der Kirche.“
 In allen Stellungnahmen der evangelischen Kirchen zu „Dominus Iesus“ bemerkt man ein Dreifaches: Zustimmung zur Hervorhebung der Einzigkeit und Universalität Jesu Christi gegenüber relativistischen Auffassungen der Heilswahrheit, Enttäuschung über die Aussage, dass evangelische Kirchen nicht als „Kirchen im eigentlichen Sinn“ betrachtet werden und die Entschlossenheit, die gewachsene öku-menische Gemeinschaft in Deutschland in der Verschiedenheit der Konfessionen nicht zu desavouieren, sondern Bestrebungen ökumenischer Verständigung ent-schlossen weiterzuverfolgen. Auffällig ist, dass die Erklärung der Glaubenskongre-gation nicht mit der trotzigen Haltung beantwortet wird: Was geht es uns an, wenn uns die Glaubenskongregation abspricht, „Kirche im vollen Sinn“ zu sein? Kirchesein entscheidet sich nicht an der Auffassung der Glaubenskongregation, sondern an der in der Schrift zugesagten Gegenwart des dreieinigen Gottes bei seiner Kirche. Der Verzicht auf diese, protestantisch durchaus vertretbare Haltung spricht dafür, dass die evangelischen Kirchen ihr Kirchesein nicht so vertreten wollen, dass sie es anderen Kirchen absprechen. Besonders deutlich wird das an einer Pressemitteilung der EKD über die Sitzung der Kirchenkonferenz der EKD am 7. September in Halle (Saale). Dort heißt es schon in der Überschrift: „Die evangelische Kirche will die ö-kumenische Gemeinschaft mit der katholischen Schwesterkirche weiter voranbringen.“
Eine ähnlich differenzierte Haltung spricht auch aus den Stellungnahmen der römisch-katholischen Kirche in Deutschland. In einer Erklärung zu „Dominus Iesus“ vom 5. September 2000 ging der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bi-schof Karl Lehmann, mit großer Bedachtsamkeit auf die ökumenische Frage ein. Al-lerdings zitiert er nicht die Aussage von „Dominus Iesus“, dass die eine heilige, katholische und apostolische Kirche nur in der römisch-katholischen Kirche verwirk-licht sei. Vielmehr geht er zurück auf die Texte des 2. Vatikanischen Konzils, die die-se Exklusivitätsbehauptung nicht enthalten. So wird Lumen Gentium 8 zitiert, dass die Kirche, die wir im Credo bekennen, in der katholischen Kirche verwirklicht ist („subsistit in“); es wird aber nicht wie in „Dominus Iesus“ gesagt, dass nur „eine ein-zige ‚Subsistenz‘ der wahren Kirche besteht“ . Anstelle der Negativaussage, dass die „kirchlichen Gemeinschaften ..., die den gültigen Episkopat und die ursprüngliche und vollständige Wirklichkeit des eucharistischen Mysteriums nicht bewahrt haben ... nicht Kirchen im eigentlichen Sinn sind“  wird nahezu der volle Text von Unitatis Redintegratio 4 zitiert, in dem es z.B. auch heißt: „Auf der anderen Seite ist es not-wendig, dass die Katholiken die wahrhaft christlichen Güter aus dem gemeinsamen Erbe mit Freude anerkennen und hochschätzen, die sich bei den von uns getrennten Brüdern (und Schwestern) finden.“  Bischof Lehmann fügte hinzu: „Man sieht an dieser vielschichtigen Aussage des Konzils, wie man über diese schwierige Frage zu sprechen bemüht bleiben muss. Daher muss sich die theologische Forschung noch in-tensiver der weiteren Klärung dieser zentralen Frage zuwenden, die eng mit dem Problem der Kriterien der Einheit der Kirche verbunden ist.“
Man kann an dieser abwägenden und ausgewogenen Stellungnahme erkennen, dass der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz bemüht ist, die Aussagen von „Dominus Iesus“ nicht zu wiederholen, die als Geringschätzung der ökumenischen Partner auch in Deutschland erscheinen müssen. Zugleich aber weist er durch den Rückgriff auf die Konzilstexte selbst daraufhin, worin für die katholische Theo-logie das zentrale Problem besteht: in der Rezeption und Deutung der Texte des II. Vatikanums durch die Erklärung der Glaubenskongregation. Sind die großen Texte des Konzils zur Kirchenfrage und zur Ökumene so zu interpretieren, dass die wahre Kirche nur und ausschließlich in der katholischen Kirche verwirklicht ist, wie es die Exklusivitätsdeutung von „Dominus Iesus“ nahe legt? Oder gibt es auf der Basis der Texte des II. Vatikanums die Möglichkeit, nichtkatholischen Kirchen ihr Kirchesein nicht abzuerkennen, sondern es anzuerkennen – ohne die Unterschiede im Kirchen-verständnis dabei zu verschleiern?
 Schaut man auf diese Reaktionen zu „Dominus Iesus“ auf evangelischer und katholischer Seite in Deutschland, erkennt man, dass der evangelischen „Enttäuschung“ über diesen „Rückschlag für die Ökumene“ auf katholischer Seite ein Be-mühen um „Schadensbegrenzung“ entspricht, das die erreichte Verständigung nicht durch neue Ausgrenzungen aufs Spiel setzen will.
 Ist damit aber die Herausforderung von „Dominus Iesus“ schon hinreichend gewürdigt? Kann man der Klarheit und Entschiedenheit, mit der die Glaubenskongregation die römische Position formuliert, nicht auch einen positiven Sinn abgewinnen – als Herausforderung an den Gesprächpartner, die eigene Position mit eben solcher Klarheit und Entschiedenheit zu formulieren? In den vergangenen Jah-ren hatte man gelegentlich – und nicht zuletzt in den Debatten um die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ und die „Gemeinsame Offizielle Feststellung“ – den Eindruck, als führten die Bemühungen um einen Lehrkonsens zwischen der ka-tholischen und den lutherischen Kirchen zu einer Art „Nivellierungsökumene“, in der die Unterschiede der Lehre nur noch als Unterschiede der Formulierung und der Sprache, nicht aber als Sachunterschiede erschienen. Eberhard Jüngel hat in seinem Aufsatz „Quo vadis ecclesia?“ den Abgesang auf diese Art von Konsensökumene angestimmt. Er fragt: „Was wird nun aus der Ökumene?“ Und antwortet: „Die Lehr-konsensökumene dürfte wohl endgültig an ihre Grenzen gestoßen sein. Eine unfehlbare Lehren proklamierende Kirche ist eben auch mit unwiderruflichen Irrtümern belastet. Es hat wenig Sinn, mit diplomatischen Kunststücken ‚differenzierte Konsense‘ zu konstruieren, die dann rein nominalistisch eine Übereinstimmung in der Lehre simulieren, der jeder Sachgehalt fehlt. Soll es weitergehen mit der ökumenischen Verständigung, dann wird man wohl ‚in Erwartung besserer Zeiten‘ zunächst noch einmal die wirklichen Differenzen in aller Ruhe und ‚Brüderlichkeit‘ herausarbeiten und auch akzeptieren müssen, um sich daraufhin von der jeweils anderen Herkunft her auf einem Weg zu treffen, auf den alle Kirchen eben nur hinweisen können.“  Markiert „Dominus Iesus“ also das Ende einer „Nivellierungsökumene“ und den Beginn einer „Profilierungsökumene“, in der ernste Differenzen in der Sache nicht sprachlich verwischt, sondern herausgearbeitet werden – eben um des Dialogs, um der Wahrheit willen?

2. Was sagt „Dominus Iesus“? – Was ist aus der Perspektive der evangelischen Theo-logie darauf zu antworten?
Es ist festzuhalten, dass das Thema der Kirche und des Verhältnisses der römisch-katholischen Kirche zu den anderen Kirchen nur ein Teilthema der Erklärung ist. Ihr Schwerpunkt liegt in der Zurückweisung der theologischen Theorien innerhalb der katholischen Theologie, „die den religiösen Pluralismus nicht nur de facto, sondern auch de iure (oder prinzipiell) rechtfertigen wollen“ (4). Religiöser Pluralismus wird hier nicht als eine deskriptive Theorie zur Beschreibung der religiösen Situation der Zeit verstanden, sondern als eine normative Theorie, die religiöse Wahrheitsansprü-che als prinzipiell gleichwertig betrachtet und deswegen der Endgültigkeit und Voll-ständigkeit der Offenbarung Gottes in Jesus Christus und die universale Heilsmittlerschaft Christi bestreitet. „Dominus Iesus“ ist zunächst eine Zurückweisung aller Formen des religiösen Relativismus in der theologischen Lehre und in der kirchlichen Praxis. Es ist darum vermutet worden, dass der eigentliche Kontext von „Dominus Iesus“ im Widerspruch gegenüber den pluralistischen Religionstheorien vor allem in Asien und Amerika zu sehen ist, wie er schon in der Exkommunikation des aus Sri Lanka stammenden Theologen Tissa Balasuriya und im Entzug der Lehrer-laubnis für den Jesuiten Jacques Dupuis, der lange in Indien lehrte, zum Ausdruck kam. Demgegenüber wird die im Auftrag Christi begründete universale missionari-sche Sendung der Kirche betont, die den Dialog einschließt, aber unverbrüchlich der Wahrheit der Offenbarung verpflichtet ist. Dieser Dialog wird durchaus sehr positiv beschrieben: „Dieser Dialog, der zum Evangelisierungsauftrag der Kirche gehört, führt zu einer Haltung des Verständnisses und zu einer Beziehung der gegenseitigen Kenntnis und der wechselseitigen Bereicherung, und zwar im Gehorsam gegenüber der Wahrheit und mit Respekt vor der Freiheit.“ (2) Gegenüber der Infragestellung der Universalität und Exklusivität der Offenbarung Gottes in Jesus Christus entfaltet die Erklärung die credenda („es ist fest zu glauben,...“) und die niedriger eingestuften tenenda („deshalb muss mit Festigkeit .... festgehalten werden.“).
 Der erste Abschnitt der Erklärung betont die „Fülle und Endgültigkeit der Offenbarung Jesu Christi“ (I). Gegenüber der Auffassung, dass die Offenbarung Got-tes in Jesus Christus „begrenzt, unvollständig, unvollkommen und komplementär zu jener in anderen Religionen“ (5) sei, weil die Universalität der „Wahrheit über Gott“ von keiner geschichtlichen Religion ganz erfasst und in einer geschichtlichen Person nicht zum Ausdruck kommen könne, wird die Offenbarung Gottes in Jesus Christus als vollständige und endgültige Offenbarung entfaltet. Auf diese Offenbarung ant-wortet der Gehorsam des Glaubens als „ein Geschenk der Gnade“ (7): „Der Gehorsam des Glaubens führt zur Annahme der Wahrheit des Glaubens“. Deshalb ist der „theologale Glaube, die Annahme der durch den einen und dreifaltigen Gott geoffenbarten Wahrheit“ von der „inneren Überzeugung in den anderen Religionen“ zu unterscheiden, ebenso wie die „inspirierten Schriften“ der „kanonischen Bücher des Alten und Neuen Testaments“ von den heiligen Schriften anderer Religionen zu un-terscheiden sind, von denen – in einer analytischen Aussage – gesagt wird „vom Mysterium Christi jene Elemente des Guten und der Gnade [erhalten], die in ihnen vor-handen sind“ (8).
 In Bezug auf die Betonung der „Fülle und Endgültigkeit der Offenbarung Jesu Christi“ gibt es nichts, was nicht auch von der evangelischen Theologie gesagt werden könnte und was nicht auch von der evangelischen Kirche vertreten würde. Man könnte vielmehr sagen, dass der in der reformatorischen Theologie mit so gro-ßer Entschiedenheit vertretene Zusammenhang zwischen den particulae exclusivae solus Christus, sola fide und sola scriptura in diesem Abschnitt von „Dominus Iesus“ so klar herausgearbeitet wird wie in wenigen Dokumenten der Glaubenskongregati-on. Würde man fragen, welcher Theologe im vergangenen Jahrhundert die „Fülle und Endgültigkeit der Offenbarung Jesu Christi“ in herausragender Weise betont hat, würden wohl katholische wie evangelische Theologen auf Karl Barth verweisen. Auch der Charakterisierung des Glaubens als „Geschenk der Gnade“ würde von e-vangelischer Seite zugestimmt, obwohl sich an dieser Stelle auch Differenzen andeu-ten, die in den folgenden Abschnitten immer deutlicher hervortreten.
 Aus evangelischer Sicht kann dieser Zusammenhang folgendermaßen for-muliert werden: Offenbarung ist die freie Selbsterschließung Gottes in Jesus Christus durch den Heiligen Geist. Das geschieht, indem Menschen durch das Hören der Christusbotschaft in der auf der Schrift gegründeten Verkündigung durch Gottes Geist von der Wahrheit des Evangeliums überführt werden, indem sie ihnen im Her-zen gewiß wird. Diese von Gott geschenkte Gewissheit schafft Glauben als unbe-dingtes Vertrauen auf Gott, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Der Gehor-sam des Glaubens erwächst aus der Gewissheit der Wahrheit der Christusbotschaft. Nach evangelischem Verständnis kann darum Glaube nicht gefordert werden. „Es ist nämlich fest zu glauben ...“, ist nach reformatorischem Verständnis keine men-schenmögliche Forderung. Aus der Perspektive der reformatorischen Theologie könnte darum auch nicht formuliert werden: „Der Gehorsam des Glaubens führt zur Annahme der Wahrheit der Offenbarung Christi.“ (7) Es müsste umgekehrt lauten: Die durch den Hl. Geist geschenkte Gewissheit der Wahrheit der Christusbotschaft im Herzen der Glaubenden führt zum Gehorsam des Glaubens. Der Glaube ist Werk Gottes im Menschen und so bekräftigt Gott für die Glaubenden die Fülle und End-gültigkeit der Offenbarung Christi.
Der zweite Abschnitt von „Dominus Iesus“ richtet sich gegen die Trennung der Heilsordnung des ewigen Logos vom geschichtlichen Jesus von Nazareth und gegen die Loslösung des Geistes in der Heilsordnung vom Wort. „Es ist nämlich fest zu glauben, dass Jesus von Nazaret, der Sohn Marias, und nur er, der Sohn und das Wort des Vaters ist“ (10). „In ähnlicher Weise ist auch fest zu glauben, dass es nur ei-ne einzige vom einen und dreifaltigen Gott gewollte Heilsordnung gibt“ (11). Auch dieses kann die evangelische Theologie ohne Einschränkung mitsprechen. Es handelt sich eigentlich um Spezifika der lutherischen Theologie, die es immer als höchst schwierig empfunden hat, vom Logos vor der Fleischwerdung, vom Logos asarkos, zu sprechen und alle Aussagen über den Logos immer zurückgebunden hat an Aussa-gen über den Logos ensarkos, den fleischgewordenen Logos, Jesus von Nazareth. Die Loslösung der Heilsordnung des Geistes von der Heilsordnung des fleischgeworde-nen Logos, wie sie durch die Christusbotschaft bezeugt und vollzogen wird, war die Auffassung, die der Reformation in den spiritualistischen Richtungen der radikalen Reformation begegnete (z.B. bei Caspar Schwenckfeld) und die sie mit Entschieden-heit zurückgewiesen hat.
 Ebenso kann die evangelische Theologie mit aller Entschiedenheit den Aus-sagen über die „Einzigkeit und Universalität des Heilsmysteriums Jesu Christi“ zu-stimmen. Christus ist die notwendige und hinreichende Quelle des Heils. Deshalb betont die reformatorische Theologie die Einheit des „solus Christus“ und des „sola gratia“: Christus ist die Gnade Gottes in Person. Dem Satz des Augustinus, der in „Dominus Iesus“ zitiert wird: „Außerhalb von Christus, ‚dem universalen Heilsweg ..., der dem menschlichen Geschlecht niemals fehlte ..., hat niemand das Heil erlangt, erlangt es niemand und wird es niemand je erlangen‘ (De civitate Dei 10, 32,2 CCL 47, 312)“ (Anm. 42) hätte der Augustiner Luther emphatisch zugestimmt. Allerdings fasst die reformatorische Theologie die Einzigkeit und Universalität Jesu Christi als des Heilswegs Gottes für die Menschheit noch radikaler, indem sie die „teilhabende Mittlerschaft“ (14), die in der Erklärung erwähnt wird, ausschließt. Es gibt – nach dem biblischen Zeugnis – nur einen „Mittler zwischen Gott und den Menschen: Der Mensch Christus Jesus, der sich als Lösegeld hingegeben hat für alle“ (1Tim 2, 4-6; zit. in 13). Die Einzigkeit der Mittlerschaft Christi wird insofern exklusiv gefasst. Das hat weitreichende Konsequenzen für die Einschätzung der folgenden Abschnitte von „Dominus Iesus“.
 Der Abschnitt 4 steht unter der Überschrift: „Einzigkeit und Einheit der Kir-che“. Hier wird gleich im ersten Satz festgestellt: „Der Herr Jesus, der einzige Erlöser hat nicht eine bloße Gemeinschaft von Gläubigen gestiftet. Er hat die Kirche als Heilsmysterium gegründet“ (16). Das liest sich schon als eine Zurückweisung der Aussage der Confessio Augustana, die Kirche sei eine „Versammlung aller Gläubi-gen und Heiligen“ (CA VIII). Die Rede vom Heilsmysterium der Kirche wird dann so expliziert: „Deshalb muß in Verbindung mit der Einzigkeit und Universalität der Heilsmittlerschaft Jesu Christi die Einzigkeit der von ihm gestifteten Kirche als Wahrheit des katholischen Glaubens fest geglaubt werden.“ (16) Schon unter Nr. 4 in der Einleitung war von der „universalen Heilsmittlerschaft der Kirche“ die Rede. Das heißt, die Heilsmittlerschaft Jesu Christi wird auf die „Heilsmittlerschaft der Kir-che“ übertragen. Zwar wird auch in „Dominus Iesus“ darauf hingewiesen, dass Christus als Haupt des Leibes mit dessen Gliedern „nicht identisch“ ist, dass sie aber auch „nicht getrennt“ werden dürfen: „Sie bilden zusammen den einzigen ‚ganzen Christus‘.“ (16) Die These, die hinter diesen Sätzen steht, scheint sich folgenderma-ßen formulieren zu lassen: Die „universale Heilsmittlerschaft Christi“ (16) verwirk-licht sich durch „die universale Heilsmittlerschaft der Kirche“ (4). Aus der Einzigkeit Christi wird dann – folgerichtig – auf die Einzigkeit des Leibes Christi geschlossen. Sodann wird die „geschichtliche, in der apostolischen Sukzession verwurzelte Konti-nuität zwischen der von Christus gestifteten und der katholischen Kirche“ hervorge-hoben. Und schließlich wird die Konzilsformulierung aufgenommen: „Diese Kirche, in der Welt als Gesellschaft verfasst und geordnet, ist verwirklicht [subsistit in] in der katholischen Kirche, die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemein-schaft mit ihm geleitet wird.“ (16) In der Anmerkung 56 wird dann festgestellt: „Der authentischen Bedeutung des Konzilstextes widerspricht deshalb die Interpretation jener, die von der Formel ‚subsistit in‘ die Meinung ableiten, dass die einzige Kirche auch in anderen christlichen Kirchen verwirklicht sein könnte.“ Die Glaubenskon-gregation zitiert sich dann selbst aus der Notifikation zum Buch Kirche: Charisma und Macht von Leonardo Boff: „Das Konzil hingegen hatte das Wort ‚subsistit‘ gera-de deshalb gewählt, um klarzustellen, dass nur eine einzige ‚Subsistenz‘ der wahren Kirche besteht, während es außerhalb ihres sichtbaren Gefüges lediglich ‚Elemente des Kircheseins‘ gibt, die – da sie Elemente derselben Kirche sind – zur katholischen Kirche tendieren und hinführen.“ (Anm. 56) Diese Exklusivitätsbehauptung der katholischen Kirche, die einzige Subsistenz der wahren Kirche zu sein, geht – obwohl sie als Auslegung des Konzils vorgestellt wird – über das Konzil hinaus. Dort steht nichts von der exklusiven Subsistenz der wahren Kirche in der römisch-katholischen Kirche. In „Dominus Iesus“ folgt daraus die Zuordnung der Kirchen außerhalb der katholischen Kirche zur katholischen Kirche: „Die Kirchen, die zwar nicht in voll-kommener Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen, aber durch engste Ban-de, wie die apostolische Sukzession und die gültige Eucharistie mit ihr verbunden bleiben, sind echte Teilkirchen ... obwohl sie die katholische Lehre vom Primat nicht annehmen, den der Bischof von Rom nach Gottes Willen objektiv innehat und über die ganze Kirche ausübt“ (17) – so es heißt mit explizitem Verweis auf das I. Vatika-nische Konzil. Mit diesen Teilkirchen, so belehrt uns die „Note über den Begriff ‚Schwesterkirchen‘“ sind die orthodoxen Kirchen gemeint. Dann folgt die Abgren-zung gegenüber den kirchlichen Gemeinschaften und ihre Ausgrenzung als „nicht Kirchen im eigentlichen Sinn“: „Die kirchlichen Gemeinschaften hingegen, die den gültigen Episkopat und die ursprüngliche und vollständige Wirklichkeit des eucha-ristischen Mysteriums nicht bewahrt haben, sind nicht Kirchen im eigentlichen Sin-ne; die in diesen Kirche Getauften sind aber durch die Kirche Christus eingegliedert und stehen deshalb in einer gewissen, wenn auch nicht vollkommenen Gemeinschaft mit der Kirche.“ Das sind also wir – alle evangelischen Kirchen und die anglikani-sche Kirche.
 Aus evangelischer Sicht in der Bestreitung des Kirche-Seins „im eigentlichen Sinn“ der eigentliche Anstoß von „Dominus Iesus“. Von der universalen Heilsmitt-lerschaft Jesu Christi kann nach evangelischem Verständnis nicht auf die universale Heilsmittlerschaft der Kirche, exklusiv verstanden als in der katholischen Kirche verwirklicht, geschlossen werden. „Wenn man so redet“, bemerkt Eberhard Jüngel kritisch, „läuft man Gefahr, die ‚Braut Christ‘ (vgl. Eph. 5,23-25) mit dem Bräutigam zu verwechseln.“  Hier ist die von „Dominus Iesus“ ja selbst stark betonte Einzigkeit und Universalität Jesus Christi als Heilsmittler gegenüber der Erklärung einzukla-gen. Die Exklusivität der Heilsmittlerschaft Jesu Christi gilt auch gegenüber der Kirche. Die Exklusivität der Heilsmittlerschaft ist unübertragbar, weil sie ein Werk des dreieinigen Gottes in Christus ist. Hier gilt das „solus Christus“ im strengen Sinn. „Universale Heilsmittlerschaft“ kann sich keine menschliche, geschichtliche Instituti-on anmaßen. Unser Heil zu schaffen, ist allein das Werk Gottes in Jesus Christus durch den Heiligen Geist. Als menschliche Institution kann die Kirche dieses Heil Gottes nur in der Verkündigung des Evangeliums und in der Feier der Sakramente bezeugen. Aber dieses Zeugnis – als menschliches Handeln des Glaubens, das auf Gottes heilsschaffendes Handeln hinweist – kann von Gott gebraucht werden, um Heil zu schaffen, indem er Glauben schenkt: Das ist die Verheißung, die der Kirche gilt.
 Wir stoßen hier auf die tiefste Differenz zwischen dem römisch-katholischen und dem evangelischen Verständnis von Kirche. Nach evangelischem Verständnis vergegenwärtigt sich Gott in Christus selbst in der Verkündigung des Evangeliums in Wort und Sakrament und bedient sich dabei der menschlichen Zeugnispraxis der Kirche, indem er durch den Hl. Geist Gewissheit in Bezug auf die Wahrheit der Chri-stusbotschaft  schenkt. Das Zeugnis von der Offenbarung Gottes in Christus durch den Geist kann von Gott zum Mittel der Offenbarung benutzt werden: das ist die Hoffnung des Glaubens. Aber es kann nicht beansprucht werden, die Heilsmittler-schaft Christi durch eine „Heilsmittlerschaft der Kirche“ fortzusetzen. Aus evan-gelischer Perspektive liegt hier eine Vermischung zwischen dem Handeln Gottes und dem menschlichen Handeln vor, die für die Kirche beansprucht, was nur von Christus gesagt werden kann: Heilsmittlerschaft auszuüben. Demgegenüber gilt es aus evangelischer Perspektive, das Werk Gottes und das Werk der Menschen richtig zu unterscheiden, um sie dann in rechter, nämlich unterschiedener Weise, in Beziehung zu setzen.
 Dieselbe Schwierigkeit taucht bei den sogenannten „Kennzeichen der Kirche“ auf, der Frage, was für die Kirche konstitutiv ist und woran sie deswegen er-kannt werden kann. In „Dominus Iesus“ werden de facto die apostolische Sukzessi-on, definiert als der gültige Episkopat, und die gültige Eucharistie zu Kennzeichen der Kirche gemacht. Sie entscheiden darüber, welche Kirchen als „echte Teilkirchen“ und welche Kirchen nur als „kirchliche Gemeinschaften“ betrachtet werden. Nach evangelischem Verständnis sind allein die reine Predigt des Evangeliums und die evangeliumsgemäße Darreichung der Sakramente Kennzeichen der Kirche. Kirche ist dort, wo erstens die Gnade Gottes in Christus rein, d.h. ohne Zusätze menschlicher Lehre, bezeugt wird, und zweitens die Sakramente dem Evangelium gemäß gereicht werden. Das ist nach evangelischem Verständnis auch genug (satis est) zur wahren Einheit der christlichen Kirche. Art. VII der Augsburgischen Konfession hebt aus-drücklich hervor, es sei nicht nötig, dass menschliche Traditionen, Riten oder Zere-monien, die von Menschen eingesetzt sind, überall gleichförmig sind.
 Hier zeigt sich die Differenz zwischen dem evangelischen Verständnis der Einheit der Kirche und dem römischen Verständnis. Nach evangelischem Verständnis ist uns die Einheit der Kirche in Christus geschenkt. Die Einheit der Kirche ist in der Einheit des trinitarischen Gottes begründet, der durch sein Wort Kirche schafft. „Eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“ bezieht sich nicht auf eine empi-rische, geschichtliche Gemeinschaft, sondern auf die durch das Handeln Gottes in und durch die empirischen, geschichtlichen Kirchen geschaffene Kirche, die durch ihre einheitliche Begründung im Handeln Gottes eine ist. Diese Einheit verwirklicht sich dort, wo die Kirchen als Gemeinschaften von Glaubenden Jesus Christus als den Grund ihres Lebens und ihrer Einheit bezeugen: durch die Predigt des Evangeliums und die Feier der Sakramente, die Gott der Heilige Geist benutzt, um Kirche als Ge-meinschaft des Glaubens zu schaffen. Gott in Christus, der durch den Geist hier und heute wirkt, ist der Grund der Einheit und nicht die institutionelle Ordnung der Kir-che mit ihren Ämter und Rechtsvorschriften. Darum kann sich nach evangelischem Verständnis die in Christus gegebene Einheit der Kirche durch die Vielfalt der Kirchen verwirklichen, solange deutlich ist, dass Gott in Christus durch den Heiligen Geist die Kirche und ihre Einheit schafft.
 Nun sind dies nicht Definitionen eines evangelischen Lehramtes. Die Beto-nung der reinen Lehre des Evangeliums und der evangeliumsgemäßen Darreichung der Sakramente haben ihre Bedeutung darin, dass sie auf das Evangelium zurück-verweisen, das seinen Inhalt in der Bezeugung Jesu Christi als des Heils der Welt hat. Darum muss die Lehre der Kirche immer wieder am Evangelium, so wie es in der Schrift bezeugt ist, gemessen werden. Evangelische Kirche ist Kirche, solange sie Kir-che des Evangeliums ist und sich durch ihr Zeugnis des Evangeliums in Wort und Sakrament Gott als Werkzeug seines heilsschaffenden Wirkens zur Verfügung stellt. Dieser Rückverweis auf das Evangelium ist wichtig, denn es stellt klar: Im Zeugnis des Evangeliums will Gott in Christus selbst zur Sprache kommen, in dem er die Wahrheit der menschlichen Verkündigung gewiss macht. Im Abendmahl ist es Chri-stus selbst, der uns in die Gemeinschaft seiner Gegenwart einlädt. Der sich selbst gebende Christus ist „die ursprüngliche und vollständige Wirklichkeit des eucharis-tischen Mysteriums“ . In der Taufe ist es Gott der Vater, der Sohn und der Geist, der uns durch die Befreiung von der Macht der Sünde in die Gemeinschaft der Heiligen und somit in die Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott selbst aufnimmt. Wo sich Christus selbst durch sein Wort und Sakrament vergegenwärtigt, da kann man nicht von einer einzigen empirischen Kirche als der einen, heiligen, katholischen und apos-tolischen Kirche und ihren Teilkirchen sprechen und dann die kirchlichen Gemein-schaften von dieser Kirche „im eigentlichen Sinn“ scharf unterscheiden. Die Selbst-vergegenwärtigung Christi konstituiert die una, sancta, catholica, apostolica ecclesia, die sich in ihrer irdisch-geschichtlichen Existenz durch die Vielfalt der empirischen Kirchen entfaltet, die sich dadurch als wahre Kirche erweisen, dass sie von sich weg auf Christus als ihren Grund verweisen.
 Aus evangelischer Sicht können wir es nur mit tiefer Sorge betrachten, wenn in „Dominus Iesus“ nicht die reine Verkündigung des Evangeliums und die evangeliumsgemäße Darreichung der Sakramente zum Kennzeichen der Kirche gemacht werden, sondern das gültige Amt in apostolischer Sukzession und die nach dem Lehramt der römisch.katholischen Kirche „gültige Eucharistie“. Hier werden nach evangelischem Verständnis, das sich immer am Zeugnis des Evangeliums messen lassen muss, menschliche Traditionen, Riten und Zeremonien, die nicht notwendig sind zur wahren Einheit der Kirche (nec necesse est, CA VII), zur Bedingung des Kircheseins und damit zu Bedingungen der Einheit der Kirche gemacht. Die wahren Bedingungen von Kirchesein, die wahren Bedingung der Verwirklichung der in Christus geschenkten Einheit in der Gemeinschaft der Kirchen durch das Handeln des dreieinigen Gottes werden dadurch verdunkelt. Trotzdem haben die evangeli-schen Kirchen keinen Grund, das Kirchesein der römischen Kirche in Frage zu stel-len, denn sie vertrauen darauf, dass auch in der römisch-katholischen Kirche das Evangelium rein verkündigt wird – wenn auch nicht unbedingt in allen Erklärungen der Glaubenskongregation – und die Sakramente evangeliumsgemäß dargereicht werden. Deswegen besteht weiterhin kein Grund, die Einladung an römisch-katholische Christen und Christinnen zur gemeinsamen Feier des Abendmahls zu-rückzunehmen, denn nicht wir sind die Einladenden, sondern Christus selber. Seine Einladung können wir nicht zurücknehmen, denn Christus und nicht die Kirche ist der einzige Heilsmittler.

3. Quo vadis Ökumene?
Man könnte angesichts der Aussagen von „Dominus Iesus“ in eine tiefe Depression verfallen. Was mag der in der „Gemeinsamen Erklärung“ beschworene „Konsens in Grundwahrheiten“ bedeuten, wenn er unsere gegenseitige Anerkennung als Kirchen offensichtlich nicht berührt? Ist das wirklich Anlass zu einem „mehrjährigen ökumenischen Bußschweigen“, wie es in einer großen Tageszeitung gefordert wurde? Also ein Moratorium in Sachen Ökumene?
Ich bin nicht dieser Auffassung. „Dominus Iesus“ kann ein Anlass zu ökumenischer Klarheit sein. Richtig ist: Der Versuch auf dem Weg über Lehrkonsense zur Gemein-schaft der Kirchen zu kommen, scheint von Rom zunächst einmal ad acta gelegt zu sein. Die erreichten Konsensformulierungen haben für die Glaubenskongregation offensichtlich keine Relevanz für die Anerkennung der anglikanischen und der evangelischen Kirchen als Kirche, sonst hätte „Dominus Iesus“ zumindest eine salvatorische Klausel für die lutherischen Kirchen enthalten. Das ist nicht der Fall. „Dominus Iesus“ geht den Weg von der Nivellierungsökumene zur Profilierungsökumene. Mangelnde Profilierung der Unterschiede zwischen der Lehre des Lehramts und der Lehre der evangelischen Kirchen kann man der Erklärung wahrhaftig nicht vorwerfen. Vielleicht aber wird dadurch ein neuer Weg zum Dialog in versöhnter Verschiedenheit eröffnet. Mit der Profilierung der Verschiedenheit hat die Glaubenskongregation dazu einen Anfang gemacht. Bisher suchte der ökumenische Dialog die Gemeinsamkeiten in der Lehre herauszuarbeiten. Auf dem Weg zur gegenseitigen Anerkennung hat uns das, wie ,,Dominus Iesus“ lehrt, keinen Schritt weitergeführt. Nun käme es darauf an, der Verschiedenheit klar ins Auge zu sehen und sie mutig im Gespräch darzulegen.
Wo liegt die Differenz zwischen den evangelischen Kirchen und der römischen Kirche? Bisher schien es oft so, als sei in Lehrfragen durchaus Übereinstimmung zu er-reichen, als scheitere aber die Verständigung an Fragen der Kirche und des Amtes. Lehrfragen sind zu klären, Verständigung scheitert an Machtfragen: Das ist der ungute Eindruck, der dadurch außerhalb der Kirchen in der weiteren Öffentlichkeit entstehen konnte. ,,Dominus Iesus“ macht deutlich: Die Differenz liegt viel tiefer. Sie liegt in der Verhältnisbestimmung des Handelns des trinitarischen Gottes und des Handelns der Kirche. Können wir von der exklusiven Heilsmittlerschaft Jesu Christi auf die universale Heilsmittlerschaft der Kirche schließen - mit „Dominus Iesus“ präzisiert: der römisch-katholischen Kirche? Hier liegt der Unterschied im Verständ-nis der Art und Weise, wie sich Jesus Christus durch die Zeugnispraxis der Kirche selbst vergegenwärtigt: indem er der Kirche seine Heilsmittlerschaft überträgt – wie mache Formulierung in ,,Dominus Iesus" nahelegen könnte – oder indem das von der Offenbarung immer streng zu unterscheidende Offenbarungszeugnis durch Gott selbst im Heiligen Geist als Wahrheit gewiss wird? Hier, bei der zunächst erscheinenden Verschiedenheit müsste das ökumenische Gespräch beginnen, wenn wir wirklich weiterkommen wollen. ,,Das Heil liegt in der Wahrheit."  Das ist der verheißungsvollste Satz in ,,Dominus Iesus“, der aus dem Katechismus der Katholischen Kirche zitiert wird.
Wenn wir im ökumenischen Gespräch so bei der Verschiedenheit ansetzen, worin liegt die Hoffnung auf Versöhnung? Wie kommen wir von der Verschiedenheit zur ,,versöhnten Verschiedenheit“? Es wäre in der Tat Anlass zur Mutlosigkeit, wenn die Aussicht auf Versöhnung allein in menschlicher Hand liegen würde. Auf der Grundlage des Evangeliums können wir das nicht sagen. Auf dieser Basis gilt: Ökumene ist ein Werk Gottes. Wenn es der dreieinige Gott ist, der durch sein Wort Kirche schafft, dann ist es auch der dreieinige Gott, der die in Christus geschenkte Einheit in der Gemeinschaft der Kirchen verwirklicht. Versöhnte Verschiedenheit kann nur die von Gott versöhnte Verschiedenheit meinen, die wir in unseren ökumenischen Gesprä-chen in Glaube, Liebe und Hoffnung bezeugen. Ist Ökumene ein Werk Gottes, dann ist Ökumene eine Sache des Glaubens. Läge die Ökumene allein in menschlicher Hand, dann hätten wir allen Grund zu verzweifeln. Liegt sie in Gottes Hand, dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott seine Wahrheit durchsetzt – zu unserem Heil. Dieser Glaube ist oft angesichts der Wirklichkeit ökumenischer Trennungen ein tief ange-fochtener Glaube. Wenn aber Gott, der Sünder rechtfertigt, auch der Gott ist, der seine Ökumene schafft, dürfen wir darauf vertrauen, dass das Scheitern unseres Han-delns nicht auch das Scheitern des Handelns Gottes ist. Allerdings: Setzen wir unsere Hoffnung auf das Werk des dreieinigen Gottes, kann es sein, dass auch unsere Vorstellungen von Einheit radikal relativiert werden. Bei Gott gibt es keine uniforme Einheit, die Vielheit, Verschiedenheit und Besonderheit aufhebt. Richtet sich unsere Hoffnung auf Gott, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, in der Einheit, in der der eine Gott in der Dreiheit der Personen ist, müssen wir auch erwarten, dass die Einheit, die er wirkt, eine Einheit ist, die die Vielheit nicht aufhebt, sondern als Einheit-in-Beziehung verwirklicht. In der ökumenischen Bewegung des vergangenen Jahrhunderts haben wir nicht nur vielfaches Scheitern erlebt, sondern auch bereichernde und beglückende ökumenische Gemeinschaft im Zeugnis und Dienst für die Wahrheit des Evangeliums. Überall, wo uns in diesen Erfahrungen die Wahrheit des Evangeliums aufgeleuchtet ist, haben wir die Gemeinschaft, die Gott uns schenkt, schon geschmeckt.
,,Dominus Iesus“ ist wohl in der Tat eine ,,Ent-Täuschung“ allzu leichtfertiger ökumenischer Hoffnungen. Aber die Erklärung kann auch eine heilsame Enttäuschung sein, wenn sie uns lehrt, unserer Verschiedenheit ins Auge zu sehen, unsere Differenzen mutig zum Gegenstand des Dialogs zu machen und Versöhnung unserer Verschiedenheit nicht allein als Werk unserer diplomatischen Konsensbemühungen zu erwarten, sondern als Werk Gottes, der Ökumene in der Gemeinschaft der Wahrheit schafft.
 

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